Sonntag, 27. Februar 2011

Husbands, beware of Sunday mornings!

Gefunden bei / found at The Sacred Sandwich.

The Sacred Sandwich

Freitag, 25. Februar 2011

Jessika – ein Verhängnis /// Teil 12

Das, liebe Stammleserschaft, können wir schon im Chor aufsagen: Der obligatorische Hinweis auf die vorangegangenen Teile: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5] /// [Teil 6] /// [Teil 7] /// [Teil 8] /// [Teil 9] /// [Teil 10] /// [Teil 11]

Und nun? Geht es los mit der Fortsetzung.

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»Soll ich deine Sachen aus dem Auto holen?«, fragte Johannes freundlich. »Oder ziehst du lieber dieses rote Kleid von Alesia an? Es steht dir bestimmt besser als so ein Overall wie vorhin auf dem Trecker.«

Jessika starrte ihn finster an. Für den Moment war sie sprachlos.

Alesia wollte wissen: »Wer … woher … ist das der Kerl, der dich ausgesetzt hat?«

Ungerührt schmunzelnd betrachtete Johannes die beiden unbekleideten Frauen und antwortete statt Jessika: »Ausgesetzt kann man das vielleicht nicht nennen. Ich habe es vorgezogen, aus der Taverna dell'Etrusco in Orvieto Terni zu verschwinden, bevor in der Herrentoilette zwei junge Männer beim Pinkeln von einer Dame erschossen wurden. Angesichts der Tatsache, dass ich nur über einen einzigen, noch dazu echten Reisepass verfüge und dass ich keine Lust hatte, hier in Italien unnötig festgehalten zu werden, war das doch sicher eine verständliche Entscheidung.«

»Du hättest mich am Bahnhof oder auf dem Weg dorthin aufsammeln können«, fauchte Jessika.

»Dann hättest du aber Luca nicht kennen gelernt. Und Alesia.«

»Was hast du damit schon wieder zu tun? Woher … Wer bist du wirklich, Johannes?«

»Das möchte ich aber auch gerne wissen«, meinte Alesia und griff nach ihrer Wäsche. »Wenn ich mich angezogen habe«, fügte sie hinzu.

Jessika überlegte kurz, ob es wohl möglich wäre, diesen unheimlichen Mann mit zwei nackten Frauenkörpern so weit abzulenken, dass sie ihn überwältigen konnten. Sie hatte genug davon, dass er ständig die Nase vorn hatte, sie ihm bei jeder Begegnung ausgeliefert war. Doch dann beschloss sie, auf eine andere Gelegenheit zu warten. Ich kriege dich noch, du Schlaumeier, irgendwann habe ich dich in meiner Gewalt. Und dann …

Während sie sich ebenfalls anzog sagte sie zu Alesia: »Du kennst ihn also nicht? Ich dachte schon, dass er dich auch schon heimgesucht hat, was auch immer er wirklich wollen mag. Ich habe keine Ahnung.«

Johannes erklärte: »Ich habe dir doch schon gesagt, was ich will. Ich will dich besser kennen lernen, Jessika.«

Ihre Stimme klang immer noch giftig: »Das beruht inzwischen auf Gegenseitigkeit.«

»Na prima. Wir haben ja eine längere Fahrt vor uns. Wir sollten bald aufbrechen.«

»Wer sagt denn, dass ich mit dir mitfahre? Ich komme sehr gut alleine zurecht.«

Johannes stand auf und trat ans Fenster. Die Zufahrt lag leer in der hellen Mittagssonne, eine Katze räkelte sich im Schatten der Apfelbäume. Weit und breit war niemand zu sehen, aber Giacomo konnte jeden Augenblick zurück kommen, und auch die Kinder mussten bald eintreffen. Giacomo würde seine Frau niemals an die Behörden verraten, aber wenn er seine Familie durch eine Fremde gefährdet sah …

»Wir müssen uns beeilen, Jessika«, sagte er. »Das Phantombild ist in der Morgenzeitung. Die Familie, deren Kind du im Zug gerettet hast, wird dich erkannt haben. Der Mann, der deinen Reisepass so lange studiert hat, wird sich an den Namen und den Wohnort erinnern, die da zu lesen waren. Ich weiß, dass der Pass nicht echt ist, aber die italienische Polizei ist nicht dumm. Man wird ziemlich schnell herausfinden, dass es keine Ulrike Peschel in Hamburg gibt, und wenn doch, dass sie keinesfalls in Italien unterwegs ist um Männer umzubringen und kleine Mädchen zu retten. Du hast deine Fingerabdrücke auf der Beretta hinterlassen. Und wer weiß, ob man bei dem Toten in Parma nicht Verdacht geschöpft hat, ob es wirklich ein natürlicher Tod beim Liebesspiel war – vor allem weil die fragliche Dame, mit der sich Signore Di Stefano vergnügt hat, spurlos verschwunden ist. Du verfügst zwar über gewisse Fähigkeiten, die normale Menschen nicht haben, aber du bist auch kein Gespenst, das sich einfach auflösen kann.«

Er drehte sich wieder um und betrachtete Jessika mit Wohlwollen. Das Kleid stand ihr ausgezeichnet, ihre Haut wirkte – vielleicht weil sie den Ernst ihrer Lage spürte – noch etwas blasser. Alesia trug Jeans und ein weißes T-Shirt, die schwarzen Haare ringelten sich locker auf ihre Schultern. Zwei bildschöne Frauen, die ein finsteres Geheimnis gemeinsam hatten. Eine unerbittliche Mission. Im Dienst von Nitzrek gab es kein Erbarmen und kein Mitleid, wenn ein neuer Auftrag zu erfüllen war.

»Ich kenne ihn nicht«, sagte schließlich Alesia, »aber ich glaube, er hat recht. Wenn er dir schaden wollte, hätte er die Polizei mitgebracht. Vielleicht kann er dir wirklich helfen.«

Jessika starrte Johannes ein paar Sekunden prüfend an, er wich ihrem Blick nicht aus. Deine Augen, dachte sie, deine Augen … du erinnerst mich an Bernd. Wer bist du bloß? Wie hast du mich gefunden, warum hast du mich gefunden? Schließlich atmete sie tief durch und sagte: »Gut. Wir brechen auf. Wohin?«

»Vor allem musst du aus dem Land verschwinden. Wir werden sehen, wohin uns der Weg führt. Wir fahren Richtung Innsbruck, mal sehen, wie weit wir heute noch kommen, es sind ungefähr sechs oder sieben Stunden bis zur Grenze. Vielleicht übernachten wir in Österreich, vielleicht noch mal in Italien.«

 

Zwanzig Minuten später waren sie unterwegs. Jessika war auf der Hut, wartete auf eine Gelegenheit, Johannes in ihre Gewalt zu bringen, aber sie hatte keine Eile und würde nicht unüberlegt handeln, hatte sie sich vorgenommen. Einstweilen war sie sogar dankbar, dass er ihr aus einer, wie sie ehrlich zugeben musste, prekären Lage helfen wollte. Dass Ihresgleichen nicht unsterblich waren, wusste sie, seit sie ihren ersten Auftrag ausgeführt und Evi Müller, die mordende Hausmeisterin aus dem Weg geräumt hatte.

Warum Nitzrek die Artgenossin Jessikas damals eliminierte, hatte sie recht bald verstanden: Evi Müller tötete Menschen nicht nur im Auftrag von Nitzrek, sondern aus ganz persönlichen Motiven, und das war nun einmal nicht zulässig. Es ging nicht um das Töten an sich, sondern darum, dass die Zeit eines Menschen abgelaufen und diesem Menschen kein natürlicher Tot beschieden war. Dann musste jemand dafür sorgen, dass das ewige Gleichgewicht des Lebens und Sterbens erhalten blieb. Jemand wie sie selbst, Alesia, und zukünftig womöglich Luca – Jessika war recht sicher, dass der Junge das Erbe in sich trug.

Der Weg führte sie wieder nach Orvieto Terni, was in Jessika ein mulmiges Gefühl auslöste. Es war nicht einmal 24 Stunden her, dass sie hier zwei Männer erschossen hatte. Konnte sie sicher sein, dass nicht zufällig jemand ihr Gesicht erkannte und der Polizei Meldung machte, dass die Gesuchte in einem schwarzen Dodge Nitro saß? Sie stellte die Lehne ihres Sitzes zurück und hoffte, dass sie nun von außen kaum zu sehen war.

»Woher wusstest du eigentlich«, fragte sie, »dass ich in das Männerklo gehen und einen Doppelauftrag erfüllen würde? Das wusste ich ja selbst nicht, bevor ich vor der Türe stand.«

»So kurzfristig hast du das entschieden?«, fragte Johannes zurück.

»Woher du das wusstest, wollte ich wissen.«

»Ich wusste es eben.«

»Woher?«

»Woher wusste ich, dass du im Overall Traktor fährst? Dass du dir vor dem Frühstück in der Albergo Century in Parma noch einen Orgasmus gegönnt hast? Aus welcher Tür du den Zug verlassen wolltest? Dass du Bernd geliebt hast … woher wusste ich das alles?«

»Genau. Woher?«

»Das wirst du, hoffe ich, selbst nach und nach herausfinden. Ich weiß manches über dich, aber vieles ist mir rätselhaft. Daher sind wir hier, darum fahren wir jetzt Richtung Österreich. Du kannst dich übrigens wieder aufrecht hinsetzen, wir haben Orvieto Terni hinter uns.«

Jessika richtete die Lehne wieder auf und schaute sich um. Sie waren bereits fast an der E 35, die von den Italienern liebevoll Autostrada del Sole getauft worden war. Johannes lächelte sie freundlich an und meinte: »Du solltest vielleicht dein Aussehen etwas verändern, ein paar Jahre altern zum Beispiel, deine Bandbreite reicht ja bis etwa 40, nicht wahr?«

»Was weißt du eigentlich nicht? Du bist doch keiner von uns, oder?«

»Nein, ich bin ein normaler Mensch, soweit Menschen normal sind. Das, was ich über dich weiß, über deine Art, habe ich mir zusammengesucht, hauptsächlich aus Büchern und zum Teil im Internet recherchiert, wobei man diesbezüglich ja sehr genau die Quellen prüfen muss, im Internet findet man jeden Blödsinn als angebliche Tatsachen und Fakten.«

Jessika nickte, auch sie hatte schon den größten Unfug über Ihresgleichen gefunden, allerlei Spinner, Sektierer und Fanatiker gaben in Foren und auf anderen Plattformen ihre Phantasien zum besten. Mancher Roman kam näher an die Wahrheit als das, was als Forschung präsentiert wurde.

Johannes fuhr fort: »Gesicherte Erkenntnisse im wissenschaftlichen Sinne sind natürlich nicht vorhanden, aber ich gehe davon aus, dass in vielen Legenden und Überlieferungen einiges an Wahrheit steckt.«

»Zum Beispiel?«

»Es ging damit los, dass die Menschheit sich mit einer anderen Art vermischte. In der Bibel kann man lesen: Und es geschah, als die Menschen begannen, sich zu vermehren auf der Fläche des Erdbodens, und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Söhne Gottes die Töchter der Menschen, dass sie gut waren, und sie nahmen sich von ihnen allen zu Frauen, welche sie wollten. In jenen Tagen waren die Riesen auf der Erde, und auch danach, als die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren.«

»Ja ja«, widersprach Jessika, »aber anschließend kam die Sintflut und diese Rasse wurde ausgelöscht. Ich habe mir das auch durchgelesen.«

»Ich sagte ja, dass in solchen Legenden einiges an Wahrheit steckt, aber natürlich sind sie keine wissenschaftliche Dokumentation. Immerhin ist auch später in der Bibel noch von den Riesen, wie sie dort genannt werden, die Rede.«

Jessika lächelte zum ersten Mal seit sie Johannes an diesem Tag begegnet war, als sie erklärte: »Ich finde das recht putzig, dass da von Riesen die Rede ist. So kommt uns niemand auf die Spur, denn wir sind ja nicht größer als die Menschen. Nicht körperlich größer, meine ich.«

»Ich finde Nephilim auch passender als Begriff für eure Art.«

»Meinetwegen. Alle Kulturen und Völker haben ihre Legenden über uns, mal sind wir die Guten, mal die Bösen. Aber niemand von euch Menschen kommt uns jemals auf die Spur. Wenn doch, dann endet das mit dem Tod. Ich hoffe, das ist dir klar, Johannes.«

Er antwortete nicht darauf sondern fragte: »Hältst du dich denn für gut oder für böse?«

Inzwischen waren sie längst auf der Autobahn unterwegs. Jessika versuchte, zu erspüren, ob Nitzrek bezüglich des Mannes neben ihr am Steuer einen Auftrag für sie hatte. Die Antwort war nein, wenngleich ihr das unerhört vorkam. Kein Mensch konnte und durfte das Geheimnis eines Wesens ihrer Art kennenlernen und dann weiterleben. Vielleicht brauchte sie keinen speziellen Auftrag, vielleicht genügte das Wissen um dieses eherne Gesetz? Man brauchte ja auch keinen gesonderten Auftrag, nicht schneller als 120 zu fahren, wenn das auf den Schildern am Straßenrand klar ersichtlich war.

»Gut oder böse?«, wiederholte Johannes.

»Ist ein zwölfjähriger Junge, der beim Masturbieren den ersten Samen ausstößt, gut oder böse, wenn Nitzrek daraufhin oder dabei in seinem Zimmer erscheint? Ist ein zwölfjähriges Mädchen, das endlich herausgefunden hat, wie das mit dem Orgasmus funktioniert und dabei von Nitzrek besucht wird, gut oder böse? Bist du selbst, der eine polizeilich gesuchte Mörderin in seinem Auto spazieren fährt, gut oder böse?«

»Wollen wir philosophieren?«

»Nein. Ich hätte Lust, schwimmen zu gehen. Es gibt doch hier irgendwo in der Nähe der Autobahn bestimmt einen netten See?«

Johannes nickte, als habe er die Frage erwartet. »Der Lago di Montepulciano ist nicht mehr weit.« Er blickte auf die Uhr und sagte: »Gegen 16 Uhr könnten wir dort sein. Dann wird das aber nichts mehr mit der Ausreise noch heute. Es sei denn …«

Jessika nahm den Gedanken auf: »Es sei denn, wir ruhen uns am See aus und fahren dann die Nacht durch.«

»Einverstanden.«

 

Kurz vor 16:00 Uhr hielt der schwarze Geländewagen an der kleinen Busstation in Mugnanesi. Johannes hatte sein Navigationssystem nach dem nächsten Geldautomaten gefragt und war hierhin geleitet worden. Jessika stieg aus und ging zu der Maschine, an der in Großbuchstaben BANKOMAT stand. Mit einer der Kreditkarten hob sie 2000 Euro ab, etwa 1500 davon würde sie brauchen, um sich eine Waffe zu besorgen. Unterwegs hatte sie mit ihrem Mobiltelefon per E-Mail an geeigneter Stelle nachgefragt, wo sie auf dem Weg nach Österreich Ersatz für die zurückgelassene Beretta bekommen konnte. Im Text der E-Mail stand zwar »brauche eine Batterie für iPhone 4«, aber die Empfänger wussten das richtig zu deuten. Die Antwort war ein paar Minuten später gekommen: »Ab 20 Uhr Ristorante Mengrello in Valdichiana, in Fiona della Chiana. Frag nach Pedro.«

Jessika stieg wieder ein und sie fuhren noch ein paar Hundert Meter am See entlang, bis sie eine kleine Bucht fanden, die von der Straße aus nicht einzusehen war, da sie von Bäumen umstanden und ein gutes Stück entfernt war.

»Jetzt siehst du, wozu ein Dodge Nitro gut ist«, schmunzelte Johannes, nachdem er das Fahrzeug durch das Gelände gesteuert hatte. Er parkte am Rand der Lichtung und holte zwei große Wolldecken aus dem Kofferraum.

Er wählte einen Platz im Halbschatten und breitete die Decken aus, dann ging er zurück zum Auto. Jessika hatte sich bereits ihrer Kleidung entledigt und war auf dem Weg ins Wasser, als er mit einer Kühltasche zurück kam. Er zog sich aus und folgte ihr. Der See war ziemlich kühl, aber wenn man kräftig schwamm, wurde es bald erträglich.

Jessika geht baden. Jessika war um einiges schneller im Wasser als Johannes. Sie hatte bald einen gehörigen Vorsprung vor ihm und verschwand um eine Biegung aus seinem Gesichtsfeld. Johannes hatte keine Ambitionen, sie einzuholen, er war sicher, dass sie nicht verloren gehen würde.

Er lag schon ein paar Minuten wieder auf der Decke, als er Schritte hinter sich vom Waldrand her hörte. Johannes schaute sich um. Zwei kräftig gebaute Männer standen vor ihm, mit langen Messern in der Hand. Der eine war ein Hüne, er mochte fast zwei Meter groß sein.

»Chiave!« befahl er und deutete auf das Auto.

»Portadocumenti!« forderte der andere, der zwar nicht so riesig wie sein Kumpan war, aber deutlich mehr Muskeln hatte als Johannes und hob die Faust mit dem Dolch.

Johannes griff nach der Jeans, die neben der Decke lag und murmelte: »Momento …«

Er fischte den Autoschlüssel aus der Hosentasche und hielt ihn hoch.

»Portadocumenti! Moneta!«

Aus der Gesäßtasche holte Johannes sein Portemonnaie und reichte es weiter. Die beiden drehten sich um und gingen zum Auto. Der nackte Mann auf der Decke schien ihnen nicht weiter gefährlich zu sein.

Als der größere der beiden Männer die Fahrertür öffnete, ging alles so schnell, dass Johannes später nicht genau sortieren konnte, was in welcher Reihenfolge geschehen war.

Jessika sprang aus dem Gebüsch den kleineren der Männer an, entriss ihm, das Messer und schnitt ihm die Kehle durch, bevor er auch nur eine Spur von Abwehrbewegung sehen ließ. Gleichzeitig musste Jessika irgendwie ihren linken Arm um den Hals des anderen Mannes geschlungen haben, denn während der eine zu Boden sank, versuchte der andere schon, dem Würgegriff zu entkommen. Johannes sprang auf, um Jessika zu Hilfe zu eilen, aber sie rief: »Bleib weg!«

Sie hing auf dem Rücken des Riesen, der versuchte, sie mit seinem Messer zu treffen, während sie ihm unerbittlich die Luft abschnürte. Warum sie den Dolch hatte fallen lassen, verstand Johannes nicht. Sie griff nun mit der rechten Hand in die Haare des Mannes und zog seinen Kopf nach hinten. Er röchelte, schlug nun wahllos um sich, gab aber nicht auf. Es wirkte wie ein grotesker Tanz; eine zierliche nackte Frau auf dem Rücken eines Mannes in Lederkleidung wird in archaischen Tanzschritten über die Lichtung getragen. Modernen Regisseuren mochte so etwas für ihre Theaterbühne einfallen.

Johannes ging nun zu der Leiche hinüber, um sich das Messer zu holen, das in der Blutlache lag. Falls Jessika nicht mit ihrem Gegner fertig wurde, wollte er bereit sein, sie und sich selbst zu verteidigen. Es war undenkbar, dass Jessikas Geschichte hier an diesem See auf eine solch profane Weise enden sollte. Manchmal, das wusste er, geschah jedoch im Leben das Undenkbare. Er hob die Waffe auf, der Griff war warm und glitschig vom Blut des Toten.

Als er sich umdrehte, war der Riese mit Jessika auf seinem Rücken schon über die halbe Lichtung zum Wasser hin getorkelt. Sie hatte ihre Beine um seinen Leib geschlungen, die rechte Hand zog noch immer in seinem Haar, der linke Arm um seinen Hals war blutverschmiert.

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Nun, geschätzte Leserschaft, folgt das Unvermeidliche. Die Abstimmung. Die Entscheidung über den Fortgang. Der Mausklick auf eine der Optionen.

Wie geht der Kampf aus?
Jessika gewinnt ohne Hilfe von Johannes.
Jessika gewinnt mit Hilfe von Johannes.
Jessika verliert. Aus die Maus.
Ach du liebe Güte! Was für eine Frage!
Auswertung

Und ich mache mich aus dem Staub, bis hier ein hoffentlich eindeutiger Leserwille erkennbar wird. Ach ja: Wer nicht abstimmt, soll sich hinterher nicht über das Ergebnis mokieren …

P.S.: Die Dame auf dem Foto habe ich bei WikiCommons gefunden und ein wenig verfremdet.

Donnerstag, 24. Februar 2011

Gastbeitrag GfB: COEO ist Store of the Year 2011


Über diesen Preis freuen wir von Gemeinsam für Berlin uns besonders mit, weil wir bei COEO Mit-Gesellschafter sein dürfen:

COEO – »Haus der guten Taten« wurde als »Store of the Year 2011« ausgezeichnet.

Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) zeichnet das im November 2010 gestartete Ladenkonzept als »Store of the Year 2011« aus. Die gemeinnützige GmbH mit ihrer Ladenpräsenz im Berliner Forum Steglitz erhebt das Thema Corporate Social Responsibility zum Geschäftsprinzip und geht neue Wege im täglichen Miteinander.

Den ersten Preis in der Kategorie »Out of Line« erhielt COEO mit dem »Haus der guten Taten« im Berliner Forum Steglitz. Die Jury überzeugte vor allem die Begeisterung, Glaubwürdigkeit und Sinnhaftigkeit des Shops der guten Taten, der in dieser Form Alleinstellung aufweist: Bei COEO geht es weit über den Konsum hinaus um die Freude an einem sinnvollen Tun. Als gemeinnützige Gesellschaft wirtschaftet COEO nicht für den eigenen Nutzen, sondern verwendet seine Erlöse für ausgewählte soziale Projekte weltweit sowie die Weiterentwicklung der Geschäftsidee. Unter einem Dach kommen Produkte aus vier unterschiedlichen Branchen in zentraler Lage zusammen: Produkte aus fairem Handel und Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, ein Café sowie ein großzügiges Buchsortiment.

Der Gründer von »Spiele Max«, Wilfried Franz, auch Mitglied des Geistlichen Beirats von Gemeinsam für Berlin, und der COEO Geschäftsführer Wolfgang Derday haben gemeinsam mit der Berliner Agentur dan pearlman die Marke und das Konzept für COEO (lateinisch für sich finden, zusammenkommen) entwickelt.
»Bei COEO ist nicht der günstigste Einkaufspreis entscheidend, sondern die Frage, wer oder was gefördert wird. Als „Haus der guten Taten“ verbindet COEO Menschen mit einem Bewusstsein für Werte, Beständigkeit und Nachhaltigkeit und möchte für diese gesellschaftliche Bewegung Freunde und Wegbegleiter gewinnen«, sagte Wilfried Franz. »Wir freuen uns sehr, diesen hochkarätigen Preis erhalten zu haben. Darin sehen wir eine Bestätigung für unseren Ansatz«, so Franz.

Alle Preisträger und Nominierten des »Store of the Year« – zu denen in diesem Jahr auch der Jette Concept Store, Wormland und der neue Werder Bremen Fan Shop gehörten – seien, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth »für ihre Branche richtungsweisend«. (Aus der Pressemitteilung von COEO vom 23.02.2011)

Spam der Woche: 30% Sparzinsen

Man empfiehlt mir, »bis zu 30% auf italienische Weine« zu sparen. Schöner wäre es, wenn ich beim Kauf dieser Weine 30% sparen könnte, oder wenn es einen Abschlag von 30% auf den Preis gäbe. Aber so, wie es da steht, heißt es, dass ich auf die Weine sparen soll. Wie lange eigentlich? 30% meiner Lebenszeit? Oder 30% meines Einkommens als Spareinlage?
Falls gemeint sein sollte, dass es bis zu 30% Ermäßigung gibt, wenn jemand diese Weine kauft, warum sollte ich mir dann diese Ermäßigung sparen?


Na denn. Die Spam-Klospülung sorgt wieder für Leere im Spamordner. Weder das Geheimnis jugendlicher Haut werde ich entdecken (denn dann wäre es ja kein Geheimnis mehr!) noch mein wartendes iPhone endlich vom Warten erlösen. Und Liso Goldmines kann ruhig die 50 Freirunden vergolden und 32 Batterien als Geschenk in die Textlinks kleistern. Oder so ...

Mittwoch, 23. Februar 2011

Jessika denkt nach

Voraussichtlich am Freitag kann man hier die Fortsetzung in Augenschein nehmen. Da stehen dann solche Sätze drin:

Jessika starrte Johannes ein paar Sekunden prüfend an, er wich ihrem Blick nicht aus. Deine Augen, dachte sie, deine Augen … du erinnerst mich an Bernd. Wer bist du bloß? Wie hast du mich gefunden, warum hast du mich gefunden? Schließlich atmete sie tief durch und sagte: »Gut. Wir brechen auf. Wohin?«

Das nur so nebenbei, damit die Welt weiß, dass ich Jessika nicht vergessen habe.

Dienstag, 22. Februar 2011

Vom abgehackten Fauxpas

Google-News hilft beim schnellen Überblick über die Nachrichten und amüsiert dabei immer wieder mit Stilblüten.
Es sei ein absolutes Wunschkind, sagte ihr Manager und Lebensgefährte Florian Fischer der «Bild»-Zeitung. (Süddeutsche Zeitung)
Gibt es beim Wunschkind Abstufungen? Ich dachte immer, entweder wünscht sich ein Paar ein Kind oder eben nicht. Frau Connor reicht offenbar der in Erfüllung gehende Wunsch nicht - es muss ein »absolutes« Wunschkind sein. Na denn: Absolut herzlichen Glückwunsch.
Die Grünen haben die Einigung der Koalition mit der SPD auf eine Hartz-IV-Reform als völlig unzureichend kritisiert. (WELT Online)
Ich der Schule gab es Noten. Am unteren Ende der Skala »4 - ausreichend«, »5 - mangelhaft« und »6 - ungenügend«. Nun gibt es also auch die »7 - völlig unzureichend«. Es reicht nicht, dass etwas nicht reicht, es muss schon völlig nicht reichen.
Die Berliner hacken den Fauxpas schnell ab – um sich auf höhere Aufgaben zu konzentrieren. (Berliner Morgenpost)
Hackt man einen Fauxpas mit dem Beil ab, oder bedient man sich eines Hackmessers? Und kann man den Fauxpas vielleicht auch mittels eines weniger rohen chirurgischen Eingriffes entfernen?
Die Folgen der Wahl: Berlin ist nicht Hamburg. (Berliner Morgenpost)
Da müssen wir Berliner den Hamburgern ja dankbar sein. Nicht auszudenken, wenn sie anders abgestimmt hätten! Was wäre das für ein Aufwand geworden, Berlin an die Alster zu verlegen.

Montag, 21. Februar 2011

Auf dem Sofa…

14 zu 1 zu 5 …sitzt also Johannes. Das Leservotum ist ja recht eindeutig.

Nun gut, dann schreibe ich entsprechend weiter, bald sogar, damit die Geduld der geneigten Leserschaft nicht über Gebühr beansprucht wird. Es wurde mehrfach aus Leserinnenmund (Frauen sind wohl ziemlich blutrünstig?) geäußert, dass ruhig mal endlich wieder was Schreckliches passieren könnte oder sollte.

Na denn … schaun  mer mol …

Samstag, 19. Februar 2011

Von der Quibunation und der Kropalakostung

Nehmen wir an, Herr A. möchte seinen Kollegen Herrn B. davon überzeugen, dass es gut, dass es sogar lebenswichtig wäre, eine Quibunation durchführen zu lassen, weil andernfalls Herrn B. unausweichlich das Schicksal der Kropalakostung droht.

Herr B. weiß weder, was eine Quibunation sein soll, noch kann er mit Kropalakostung etwas anfangen. Er versichert Herrn A., dass es ihm gut geht und dass er keine Angst verspürt vor der Kropalakostung.

Herr A. erwidert etwas, was die Verwirrung nur noch steigert. »Es steht geschrieben«, sagt er, »dass es ohne Quibunation keinen Ausweg gibt, die Kropalakostung kommt dann wie der sprichwörtliche Blitz aus heiterem Himmel – wenn man am wenigsten damit rechnet. Und dann ist es zu spät für die Quibunation.«

Herr B. muss beim Zuhören an Professor Pirkheimer denken, dessen Aussagen in einer Loriot-Sendung mit einem ähnlich gearteten Zitat dem Absatz von Badesalz und Wurzelbürsten zu neuen Höhenflügen verhelfen sollte. Er verabschiedet sich nun höflich bei Herrn A. und geht – innerlich kopfschüttelnd – seines Weges.

 

QuestionsWenn der geneigte Leser mit den Begriffen Quibunation und Kropalakostung nichts anzufangen weiß, dann kann ich ihm versichern, dass es mir genauso geht. Ich fand beim Schreiben, dass die Silben hübsch klingen, aber eine Bedeutung haben sie nicht.

Genau so wie dem Leser dieses Aufsatzes geht es unseren Mitmenschen (Herr B. sei ihr Vertreter), wenn sie von wohlmeinenden Christen (Herr A. sei ein solcher) mit Sätzen und Worten konfrontiert werden, denen sie keine Bedeutung zuzuordnen in der Lage sind.

»Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn.«

Schon die Tatsache, dass der Satz mit einem »Denn« beginnt, irritiert. Das Wort ohne einen vorausgegangenen Zusammenhang macht stutzig. »Denn« leitet eine Begründung ein, aber was hier begründet werden soll, hat Herr B. nicht erfahren. Und überhaupt: »Sünde« - was soll das denn sein, denkt er und ist leicht indigniert. Er führt ein ordentliches, ein anständiges Leben. Und, so überlegt er, wenn der Tod »Lohn der Sünde« sein soll, warum sterben dann auch gute Menschen manchmal allzu früh?

Herr A. bekräftigt inzwischen: »Es steht geschrieben: Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.«

Herr B. ist ein höflicher Mensch, er will sich nicht streiten, aber er fragt in dem Bemühen, seinen Gesprächspartner zu verstehen, nach: »Es steht geschrieben, sagen Sie, was meinen Sie damit?«

Herr B. antwortet triumphierend: »Das steht in der Bibel!«

Gegen dieses Argument, da ist er sicher, kann niemand auf der Welt einen Einwand erheben, denn wer würde dem Wort Gottes widersprechen?

Jedoch: Herr B. verabschiedet sich nun höflich von Herrn A. und geht – innerlich kopfschüttelnd – seines Weges.

Herr A. hat kein Verständnis für die Welt des Herrn B. und deshalb versteht Herr B. nicht, was Herr A. zu sagen versucht. Was hat Herr A. alles nicht verstanden? Sicher einiges, hier nur drei Punkte von vielen:

  • Ein normaler Mensch in unserer Gesellschaft kann mit Begriffen wie »Sünde«, »Verdammnis«, »Errettung«, »Heil« »Gnadengabe« so viel anfangen wie der Leser dieses Artikels mit »Quibunation« und »Kropalakostung«.
  • Er lebt meist ein anständiges und nach den gesellschaftlichen Konventionen moralisch unanstößiges Leben, ist fleißig, nimmt Rücksicht auf seine Mitmenschen und verspürt keinerlei Bedürfnis, auf mystische Weise »errettet« zu werden.
  • Er liest womöglich gerne Bücher, vielleicht auch einmal die Bibel, aber deren Autoren sind für ihn keineswegs mit Autorität über sein persönliches Leben ausgestattet. Er gesteht dem Buch zu, dass es gewisse Lebensweisheiten und poetische Verse für Hochzeit oder Beerdigung enthält, durchaus auch von historischer Bedeutung ist und einige spannende Geschichten erzählt, aber das trifft auch auf andere religiöse oder philosophische Werke zu. Die Begründung, dass etwas in der Bibel stünde, ist so aussagekräftig wie der Hinweis, dass Stephen King es geschrieben hätte.

Wenn Herr A. das nicht versteht, wird Herr B. ihn niemals verstehen. Was sich ein langjährig gläubiger Christ an Überzeugungen und Glaubensinhalten angeeignet hat, wird von seinen Mitmenschen vielleicht akzeptiert und toleriert, aber das macht es nicht verbindlich für die eigene Lebensgestaltung. Man gesteht den Christen zu, dass sie ihre Religion ausüben dürfen und sollen, aber gleiches gilt für andere Religionen und Lebensentwürfe.

Herr A. wird die Welt, das Denken und das Empfinden des Herrn B. womöglich niemals verstehen, weil er bereits dermaßen in seine fromme Parallelgesellschaft zurückgezogen lebt, dass ihm alles »weltliche« völlig fremd geworden und eine wirkliche Kommunikation nicht mehr möglich ist. Und je mehr er mit frommen Sprüchen und unverständlichen Forderungen seine Mitmenschen nervt, desto mehr Grund finden diese, alle Christen für wunderlich, weltfremd, nicht ganz normal und aufdringlich zu halten.

 

Viele gut gemeinte evangelistische Anstrengungen, auch und vielleicht vor allem im Internet, laufen ins Leere, weil sie für den Zuhörer weltfremd und unverständlich sind.

Es mag unterhaltsam sein, Zitate aus der Bibel auf Facebook zum besten zu geben. Unterhaltsam für denjenigen, der es tut und für diejenigen, die sowieso schon fromm sind. Ich kann daran nichts Verwerfliches erkennen, aber evangelistisch oder missionarisch ist so etwas sicher nicht. »Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. 2.Kor.3,3-18« - das versteht keiner, der nicht eingeweiht ist, und das Zahlen-Buchstaben-Kürzel hinter dem Satz hilft auch nicht weiter.

Internetseiten von Gemeinden und Kirchen sind ebenfalls überwiegend gut gemeint und genauso wirkungslos. Wenn auf der Startseite ein Bibelspruch prangt und ansonsten dem Besucher vorgeschlagen wird, die Gottesdienste am Sonntag und weitere Veranstaltungen zu besuchen, dann kann er nicht erkennen, was er denn davon haben soll, der Einladung zu folgen. Auch solche Internetseiten sind nicht per se falsch, denn sie können ja für Gemeindemitglieder durchaus informativ oder unterhaltsam sein. »Mittwochs ist Hauskreis« - ein Kreis von Häusern? Häuser umkreisen?

Sollte sich ausnahmsweise mal ein fremder Besucher in einen Gottesdienst verirren, dann werden ihm so manche unverständlichen Dinge widerfahren. »Würdig das Lamm, das geopfert ward …« wird da gesungen, und »He is exalted, the king is exalted on high …«. Welches Lamm, denkt der Besucher, und welcher König? Sind das zwei verschiedene Wesen? Wiederum: Auch daran gibt es nichts auszusetzen, dass Gläubige gemeinsam Gott anbeten. Dass in der Predigt ein Bibeltext behandelt wird, ist auch völlig in Ordnung, aber fragen wir uns dabei, ob jemand, der keine Ahnung vom Christentum hat, begreifen kann, wovon die Rede ist? Sind unsere Zusammenkünfte überhaupt geeignet, jemanden einzuladen, der von Jesus nichts weiß außer vielleicht noch, dass Weihnachten etwas mit ihm zu tun hat?

 

Vielleicht hätte Herr A. seinem Kollegen Herrn B. beim Umzug helfen sollen, oder ihn bei der Arbeit unterstützen können? Weiß Herr A., was Herrn B. beschäftigt, worüber er nachdenkt, welche Sorgen er hat, welche Hobbys er pflegt?

Freitag, 18. Februar 2011

Jessika – ein Verhängnis /// Teil 11

Wieder keine lange Vorrede, denn die Ungeduld der geschätzten Leserschaft verhindert sowieso die Lektüre einer solchen. Lediglich der obligatorische Hinweis auf die vorangegangenen Teile sei noch hier eingefügt: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5] /// [Teil 6] /// [Teil 7] /// [Teil 8] /// [Teil 9] /// [Teil 10]

 

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Luca stand unschlüssig in der Tür, er traute sich nicht herein. »Schläfst du?«, flüsterte er schließlich.

»Komm rein, Luca, ich schlafe nicht.«

Der Junge machte leise die Tür hinter sich zu und trat unschlüssig näher an Jessikas Sofabett. Es war fast dunkel im Zimmer, durch die Vorhänge drang kaum ein Schimmer von der Beleuchtung draußen vor dem Haus, die wohl die ganze Nacht anblieb. Jessika rückte etwas beiseite und sagte: »Setz dich zu mir. Erzähl mir von Nitzrek, falls du deshalb nicht schlafen konntest.«

Luca setzte sich zögernd auf die Sofakante. »Mein Papa sagt, ich hätte Alpträume. Er glaubt mir nicht. Und Mama ist ganz weiß geworden, hat mich entsetzt angeschaut und dann wollte sie nichts mehr davon hören,« sagte er leise.

»Macht dir Nitzrek Angst?«

»Nein, eigentlich nicht, zuerst. Sie – er – ich weiß nicht, also Nitzrek war neulich nachts in meinem Zimmer. Ich habe nicht geschlafen, sondern – na ja. Egal. Also er oder sie stand da und hat mich angeschaut.«

»Woher kennst du den Namen? Hast du gefragt?«

»Ja.«

»Und er oder sie – ich weiß auch nicht, was für ein Geschlecht das Wesen hat – Nitzrek hat geantwortet. Und dann?«

»Nichts. Dann war es vorbei.«

Jessika wunderte sich. Sollte das alles gewesen sein, was der Junge erlebt hatte? Nur ein Besuch, kein Auftrag?

Luca fragte: »Woher kennst du Nitzrek?«

»Als ich so alt war wie du, hatte ich ein ähnliches Erlebnis. Aber ich bekam einen Auftrag, sollte etwas tun.«

»Du hast das auch nicht geträumt?«

»Nein, ich war hellwach. Ich hatte gerade …« Jessika unterbrach sich. Einem Zwölfjährigen konnte sie kaum erzählen, dass sie damals gerade ihren ersten Orgasmus erlebt hatte. Sie nahm an, dass Luca in der Nacht, als Nitzrek kam, das gleiche getan hatte wie sie damals, Jungen in seinem Alter masturbierten in der Regel mehrmals täglich, aber als Gesprächsthema waren solche Dinge für pubertierende Kinder tabu. Vor allem, wenn eine fremde Erwachsene mit ihnen sprach, unter Freunden mochte es da anders zugehen.

»… ich hatte noch etwas zu lernen gehabt, ich war noch wach«, setzte sie ihren Satz fort. »Und danach habe ich Nitzrek noch ab und zu getroffen, aber immer nachts. Gefürchtet habe ich mich nie.«

»Ich habe auch eher Angst, weil Mama so komisch reagiert hat. Also, das ist so, als wie – wie – na ja, sie hat Angst und das will ich nicht. Ich dachte, es liegt an diesem Haus, so eine Art Spuk wie in einem Geisterschloss. Weil ich glaube, dass Mama Nitzrek kennt, auch wenn sie das nicht zugibt. Papa glaubt nicht an solche Sachen, sagt er.«

Jessika spürte, dass der Junge zitterte. Er hatte nichts an außer Boxershorts, die Luft im Zimmer war kühl. »Komm unter die Decke, du frierst ja«, sagte sie.

»Nein, das geht nicht, nein nein. Ich gehe wieder in mein Bett.«

Jessika hatte nicht erwartet, dass der Junge ihr Angebot annehmen würde, Zwölfjährige krabbeln nicht mit fremden Frauen unter eine Decke. »Wie du meinst, Luca. Ich will dich nicht aufhalten.«

»Ich wollte eigentlich nur wissen, ob du das gleiche gesehen hast wie ich, weil dann kann es ja kein Hausgespenst hier sein. Dann ist Nitzrek was anderes.«

»Nein, kein Hausgespenst. Da kannst du sicher sein.«

Luca stand auf und sagte: »Dann weiß ich das. Danke. Schlaf gut, Frau Jessika.«

»Schlaf gut, Herr Luca«, erwiderte sie lächelnd.

 

Als Jessika am Morgen in die Küche kam, stand bereits eine Kaffeekanne auf dem großen Esstisch, Tassen, Teller und Besteck waren gedeckt. Alesia brutzelte am Herd Rührei mit Schinken und Zwiebeln. »Guten Morgen, gut geschlafen?« fragte sie fröhlich.

»Danke, ja. Sehr gut und sehr lange.«

»Schön, dass du ausschlafen konntest nach dem schwierigen Tag gestern. Wir haben alle versucht, leise zu sein heute früh.«

Jessika setzte sich an den Tisch, Alesia füllte ihr eine gewaltige Portion aus der Pfanne auf den Teller. »Du bist zu dünn«, sagte sie, »Männer wollen keine Bohnenstangen als Freundin oder Frau.«

»Ach, ich glaube das kommt auf den betreffenden Mann an. Ich fühle mich wohl so, wie ich jetzt bin. Aber das riecht so lecker, dass der Teller bestimmt leer wird. Alle außer dir sind schon aus dem Haus?«

»Na klar, um zehn Uhr. Giacomo muss arbeiten, er ist schon um fünf mit dem neuen Traktor losgefahren auf unsere Felder. Sofia und Luca sind in der Schule, obwohl sie lieber zu Hause geblieben wären.«

»Die Kinder mögen die Schule nicht?«

»Sie haben es schwer. Wir haben sehr selten Italienisch gesprochen, als wir in Deutschland lebten, alle Freunde der Kinder sprachen Deutsch, sie müssen sich jetzt nicht nur an ein neues Leben, ein anderes Land gewöhnen, sondern auch die Sprache lernen. Aber die Lehrer verstehen das, sie sind sehr geduldig und helfen Luca und Sofia, dass sie im Unterricht mitkommen. Es wird sicher leichter, aber wir sind ja erst sechs Monate hier.«

Jessika nickte. »Il tempo porta consiglio.«

»Woher kannst du eigentlich so gut Italienisch? Man hört keinen Akkzent.«

Jessika vermutete, dass Alesia einiges über Nitzrek und die Fähigkeiten von Wesen ihrer Art wusste, aber es war nun einmal ein eisernes Gesetz, mit normalen Menschen nicht darüber zu sprechen. Und ob Alesia ein normaler Mensch war oder das Erbe in sich trug, wusste sie nicht. Daher antwortete sie nur: »Ich bin recht begabt, was Sprachen betrifft.«

»Ammirabile«, sagte Alesia und goss Kaffe nach.

Jessika ließ es sich schmecken, der Teller war bald geleert. Sie plauderten eine Weile über Belangloses, planten dann den Tag, während sie gemeinsam das wenige Geschirr abspülten.

Jessika wollte einiges an Kleidung und eine Reisetasche kaufen, ein paar Toilettenartikel brauchte sie auch, und sich dann auf den Weg nach Deutschland machen. Alesia wollte gerne mitkommen, hatte aber noch einiges im Haus und im Gemüsegarten zu tun, Jessika bot an, ihr dabei zu helfen.

»Das wäre wunderbar«, freute sich Alesia, »komm mal mit, ich zeige dir, was du tun könntest.«

Sie umrundeten das Haus. Jessika schmunzelte bei dem Anblick, der sich ihr bot. Das sollte ein Gemüsegarten sein? Lange Reihen von Beeten ragten in die Landschaft hinein, sie mochten vier Meter breit und durchaus 500 Meter lang sein. Was da wuchs, erklärte Alesia, da Jessika die Pflanzen nicht erkannte. Es gab lattuga, pomodori, crescione, carota, cavolo verzotto, cavolo di Bruxelles und broccolo. Zwischen den Beeten lagen breite Wege, die von Traktorspuren zerfurcht waren.

»Wir müssen, wenn es nicht regnet, mit dem Tankwagen bewässern, Giacomo hat sich eine eigene Anlage an den Tank gebaut«, erklärte Alesia. »Man fährt nur langsam zwischen den Beeten durch und der Wagen beregnet links und rechts eine halbe Beetbreite. Am Ende ist Platz zum Wenden und man fährt zwischen den nächsten Beeten zurück. Kannst du einen Traktor fahren, Jessika? Dann könnte ich schon die Wäsche anfangen und wir können um so früher zusammen einkaufen gehen.«

Jessika hinterlässt SpurenJessika wusste nicht, ob sie einen Traktor beherrschen konnte, aber sie wollte es versuchen. »Das schaffe ich schon. Aber ich dachte, Giacomo ist auf den Feldern …«, sagte sie.

»Das hier ist der Garten, die Felder liegen hinter dem Ort, da wächst Getreide. Und dann haben wir noch den Weinberg, da drüben.« Sie zeigte in eine Richtung, in der Jessika zwar keinen Weinberg, aber eine hügelige Landschaft sehen konnte.

»Und das alles schafft ihr zu zweit?«

»Nein, natürlich nicht. Zur Erntezeit brauchen wir Hilfskräfte, und wenn es sehr trocken ist, auch. In unserem Lagerhaus arbeiten zwei Frauen aus dem Ort, wenn es viel zu verpacken gibt für die Kundenauslieferungen. Zur Zeit ist dort zusätzlich ein Mann beschäftigt, weil Giacomo wegen der Bandscheibe nichts heben darf.«

Eine viertel Stunde später steuerte Jessika den Traktor samt Wassertankanhänger zwischen den Gemüsebeeten hindurch. Sie trug einen Overall und Gummistiefel von Alesia, dazu einen Strohhut gegen die Sonnenbestrahlung, hatte sich zeigen lassen, wo und wie sie den Tank auffüllen konnte und mit welchen Tricks das archaische Schaltgetriebe zu bedienen war. Alesia hatte gemeint, dass sie nur ungefähr die Hälfte der Fläche mit einer Tankfüllung bewässern konnte. Die abenteuerlich aussehende Beregnungsanlage, deren Rohre links und rechts jeweils zwei Meter herausragten, wurde mit einem Hebel neben dem Fahrersitz ein- und ausgeschaltet. Es gab zwar einen Tacho, aber der zeigte beharrlich auf 60 km/h, ob das Fahrzeug nun stand oder fuhr. Alesia hatte gesagt, im zweiten Gang mit Standgas wäre genau die richtige Geschwindigkeit für das Bewässern der Beete.

Das Wenden am Ende der ersten Wegstrecke verlangte einiges an Muskelkraft, Jessika musste zwei Mal zurücksetzen, weil sie sonst auf dem Feld statt auf der nächsten Fahrspur gelandet wäre. Als sie dann wieder auf das Gehöft zu tuckerte, sah sie auf der Zufahrtsstraße ein Fahrzeug langsam näher kommen. Zuerst war sie nicht sicher, aber als sie näher kam, erkannte sie die Aufschrift Polizia auf der Seite und das Blaulicht auf dem Dach. Es konnte ein Zufall sein, aber die Wahrscheinlichkeit war nicht besonders groß.

Was nun? Sie war der Situation recht hilflos ausgeliefert. Die Handtasche mit allen Papieren und Kreditkarten war im Haus. Sie saß auf einem Traktor, dessen Höchstgeschwindigkeit so gewaltig war, dass er vermutlich von einem einigermaßen sportlichen Polizisten zu Fuß eingeholt werden konnte. Eine Waffe hatte sie nicht. Da Jessika sich auf der Rückseite des Gehöftes befand, konnte sie nur beobachten, wie das Polizeifahrzeug aus ihrem Blickfeld verschwand. Ob die Polizisten ausstiegen, ins Haus gingen, oder ob Alesia zu ihnen hinaus ging … sie wusste es nicht.

Ihre einzige kleine Chance, falls es denn eine geben mochte, bestand darin, nichts zu tun, was auffallen konnte. Also wendete sie den Traktor auf dem Hof und fuhr in unvermindert gemächlichem Tempo den nächsten Weg entlang, während hinter ihr das Wasser auf die Beete rieselte. Sie hätte sich gerne umgedreht, nachgeschaut, ob die Polizisten schon auf dem Weg zu ihr waren, aber sie bezwang sich. Am Ende des Weges wendete sie erneut, dieses Mal schon ohne ausbessern zu müssen, und tuckerte dann wieder auf das Gebäude zu. Es war kein Mensch zu sehen.

Auf halbem Weg zurück hörte das Rauschen auf. Der Tank war leer. Sie musste zur Pumpe fahren. Die war neben dem Gebäude installiert, von den Küchen- und Wohnzimmerfenstern aus gut zu sehen. Es blieb ihr kaum eine Wahl, sie musste darauf hoffen, dass entweder die Polizei nicht wegen ihr gekommen war oder ihr augenblickliches Aussehen sie ausreichend verfremdete. Immer vorausgesetzt, dass Alesia nicht plauderte, falls die Polizisten hinter Jessika her sein sollten.

Neben dem Sitz lagen ein paar grobe Arbeitshandschuhe, sie sie anzog, während sie den Traktor neben die Pumpe steuerte. Das ölverschmierte Räderwerk, mit dem man den Wasserauslauf schwenken und absenken konnte, legte es nahe, nicht mit bloßen Händen, schon gar nicht mit Frauenhänden, daran zu arbeiten.

Jessika schaltete den Motor aus und stieg vom Traktor, um sich an das Auffüllen zu machen. Sie schaute nicht zum Haus hinüber, so schwer es auch fiel. Als sie den Pumpenarm über den Tankwagen schwenkte, entstand ein grässlich lautes Quietschen und Knarzen. Das solltest du mal besser ölen, Giacomo, dachte sie, als sie hörte, wie ein Fenster im Haus geöffnet wurde. Nicht hinüber schauen, bloß nicht hinüber schauen …

»Angela«, hörte sie Alesia rufen, »Angela! Piano! Posso farti una domanda?«

Es blieb ihr nun nichts übrig, sie musste hinschauen. Alesia stand am Fenster, hinter ihr sah Jessika zwei Gestalten im Halbdunkel des Zimmers. Die Uniformen waren erkennbar.

»Ma si!«, rief Jessika mit möglichst kratziger Stimme.

Sie staunte über die offensichtliche Raffinesse Alesias, die nun fragte, ob Angela – kein schlechter Name fand Jessika – eine fremde Frau gesehen hätte, eine Deutsche, die Giacomo am vorigen Abend mit in die Stadt gebracht hätte.

»Non ... un cazzo«, rief Jessika zurück, zuckte deutlich mit den Schultern und drehte sich wieder um. Sie brachte den Ausleger der Pumpe in Position und ließ das Wasser in den Tank strömen. Als er voll war, schwenkte sie die Pumpe zurück und kletterte wieder auf den Traktor. Dabei schaute sie zum Haus hinüber. Das Fenster war wieder zu.

 

»Die Polizisten dachten, du wärest eine Angestellte. Sie hatten eine recht gute Zeichnung von dir dabei, der Gastwirt hat dich wohl sehr genau beschrieben. Irgend jemand hat dich in Giacomos Wagen steigen sehen – na ja. Und nun suchen sie eine Deutsche im Zusammenhang mit einem Doppelmord. Die Toten sind zwar inzwischen beide als Kinderschänder entlarvt, aber trotzdem sucht man nach ihrem Mörder. Oder ihrer Mörderin. Wir verraten einander nicht an die normalen Menschen«, lächelte Alesia. »Eher gehen wir selbst zugrunde.«

Jessika stand unter der Dusche, während Alesia, die zuerst geduscht hatte, am Waschbecken lehnte und ihre feuchten Haare bürstete. »Und was wird dein Mann sagen?«

»Ich habe mit ihm telefoniert, er ist zwar keiner von uns, aber er hält zu mir. Er wird erzählen, dass er dich am Hotel abgesetzt und dann nicht mehr gesehen hat.«

»Ich wusste nicht, ob du eine Artgenossin bist«, antwortete Jessika. »Ich wusste nur, dass Luca Nitzrek gesehen hat.«

»Der Junge war letzte Nacht noch bei dir?«

»Ja.«

Alesia sah etwas bekümmert aus. »Ich möchte nicht … er ist doch erst zwölf. Ein Kind. Nitzrek soll ihn in Ruhe lassen.«

»Wie alt warst du denn?«

»Vierzehn.«

Jessika erklärte: »Ich war auch erst zwölf.«

»Ich war etwas spät dran mit der Entwicklung. Meine Freundinnen waren schon weiter, hatten schon ihre Regel bekommen. Ich hatte mit vierzehn noch kaum einen Busen. Aber dann, nach der ersten Begegnung mit Nitzrek, habe ich ziemlich schnell aufgeholt.«

Jessika hatte noch nie eine Artgenossin kennen gelernt, vieles, was sie über Ihresgleichen vermutete, hatte sie sich nur zusammengereimt. Dass Nitzrek erschien, wenn man körperlich reif genug war, um Kinder zu bekommen. Dass es auch männliche Wesen ihrer Art gab, hatte sie nie vermutet. Der Zeitpunkt mochte bei Jungen dementsprechend die Zeugungsfähigkeit sein.

»Spricht Luca mit dir über seine Entwicklung? Ob er schon Samen ausstößt?«

Alesia schüttelte den Kopf. »Nein, das nicht, aber ich habe kürzlich die ersten Flecken auf dem Laken gesehen.«

Jessika drehte das Wasser zu und griff nach dem Handtuch, das Alesia bereithielt. Sie trocknete sich ab und folgte dann Alesia ins Wohnzimmer, wo die Kleider der beiden Frauen lagen. Die Sonne blendete durch das Fenster, daher sah sie ihn erst auf dem Sofa sitzen, als sie schon fast vor ihm stand.

 

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Die Stammleser ahnen ja schon, welche Frage nun zu stellen ist:

Auf dem Sofa sitzt ...
... Johannes.
... Giacomo.
... Luca.
Auswertung

Fortsetzung? Aber ja. Demnächst, je nach Leservotum.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Die Jessika...

...lässt grüßen: Sie ist mit dem Traktor unterwegs. Am Freitag wird an dieser Stelle zu lesen sein, warum. Alle, die schon ungeduldig auf die Fortsetzung warten, können den Wecker auf 2:34 Uhr in der Nacht stellen.

Dienstag, 15. Februar 2011

Vom unbiblischen Christentum

Was nennt sich nicht alles biblisch oder bibeltreu. Gemeinden, Verbände, Organisationen und so mancher Christ schmücken sich mit diesen Adjektiven. Das soll meist dazu dienen, sich von denen abzugrenzen, die sich zwar auch als Christen empfinden, aber eben nicht ganz so gut und richtig denken und lehren und glauben wie man selbst.
Was aber bibeltreu oder biblisch sein soll, ist in der Regel nicht so ohne weiteres zu erkennen.

Die ersten Christen waren jedenfalls nicht bibeltreu. Das sieht jeder ein, denn es gab gar keine Bibel. Es gab die Schriften, die wir heute als Altes Testament kennen, aber die hatte man nicht zu Hause, sondern die wurden in der Synagoge verwahrt und dort vorgelesen. Die Schriftgelehrten und Pharisäer, die in den Evangelien meist nicht allzu gut wegkommen, waren noch am ehesten bibeltreu, denn sie hielten sich so streng wie möglich an die vielen Hundert Vorschriften und Gesetze, die in den Schriftrollen zu finden waren. Dazu gehörte die Tora (die fünf Bücher Mose), die Propheten (Josua, Richter, Samuel, Jesaja, Jeremia und Hesekiel sowie das Zwölfprophetenbuch) und die Schriften (Psalmen, Hiob, Sprüche…). Diese Bücher wurden über einen Zeitraum von mehr als 1000 Jahren gesammelt, schriftlich fixiert, mehrfach überarbeitet und schließlich im Jahr 135 nach Christus als Tanach abgeschlossen. Zur Zeit Jesu wurde noch an den Texten gearbeitet, eine „endgültige“ Fassung lag noch nicht vor.
Das, was wir heute als Neues Testament kennen, entstand von etwa 50 bis 100 nach Christus, wurde über einen langen Zeitraum überliefert und in verschiedenen Sammlungen zusammengetragen. Aus dem Jahr 367 stammt ein Osterfestbrief des damaligen Bischofs von Alexandria, in dem erstmals die noch heute als verbindlich angesehenen 27 griechischen Einzelschriften aufgezählt werden, die wir als Neues Testament kennen.
Die Briefe das Clemens an die Korinther, der Brief des Barnabas und etliche andere Texte, die in den Gottesdiensten der christlichen Gemeinden neben den 27 Schriften gelesen wurden, fielen damit aus dem Buch heraus, das für die Kirche verbindlich wurde.
Erst mit der Übersetzung in viele Sprachen und der Erfindung des Buchdrucks, also um das Jahr 1530 herum, wurde die Bibel für breite Bevölkerungsschichten zugänglich, soweit sie lesen konnten.
Wer sich also heute als biblisch bezeichnet, oder als bibeltreu, weil er die regelmäßige Lektüre der Bibel pflegt und sich an das dort Gelesene zu halten versucht, muss staunend zur Kenntnis nehmen, dass es erst seit rund 480 Jahren bibeltreue und biblische Christen geben kann – eine recht junge Spezies angesichts der 2000jährigen Geschichte des Christentums.

Die ersten Christen waren jedenfalls nicht bibeltreu. Das ging schon los mit Jesus: „Ihr habt gehört … ich aber sage euch.“ Was den gottesfürchtigen Menschen als ehernes Gesetz galt, missachtete Jesus, wenn es darum ging, Leidenden zu helfen. Jesus hatte keine Ambitionen, das religiöse Gesetz abzuschaffen, sondern er stellte die Perspektive wieder richtig. Zweifellos hatte Gott angeordnet, dass der Sabbat zu heiligen sei, aber wenn ein Mensch in Not geriet, dann war für Jesus die Nächstenliebe vorrangig. Selbstverständlich brauchte man Geldwechsler und Tierhändler, um im Tempel die vorgeschriebenen Opfer bringen zu können, aber wenn aus dem Tempel eine Räuberhöhle gemacht wurde, dann griff Jesus zur Peitsche. Unmissverständlich sagte das von Gott gegebene Gesetz, dass eine Frau, die beim Ehebruch ertappt wird, umgehend gesteinigt werden muss, aber Jesus schrieb lieber stumm mit dem Finger auf die Erde, als den Anklägern zuzustimmen.
Auch die erste Gemeinde nach Jesu Auferstehung und Himmelfahrt war natürlich nicht bibeltreu, da die Bestandteile der Bibel erst später geschrieben wurden. Für Verwirrung sorgte offenbar vielerorts die Frage, wie weit oder ob überhaupt das immerhin unstrittig von Gott gegebene Gesetz für die Christen gelten sollte. Mit solchen Fragen der Interpretation befassen sich viele Briefe des Paulus an seine Gemeinden. Gilt das Gesetz Gottes nur für Judenchristen oder auch für Nichtjuden? Dürfen wir Fleisch kaufen und essen, das aus dem Götzenopfer stammt? Muss eine Frau ihr Haupt verhüllen, wenn sie betet oder nicht? Dürfen homosexuelle Christen am Gemeindeleben teilnehmen?
Paulus, der die Schriften des Alten Testamentes sehr gut kannte, sah manches anders als seine Zeitgenossen wie zum Beispiel Petrus, der ein schlichter Fischer war und überwiegend das wusste, was er in der Synagoge oder bei Gesprächen mit Jesus gehört hatte. Paulus stellte meist wie Jesus die Liebe über den Buchstaben des Gesetzes, manchmal blieb er aber auch bei dem, was in den Schriften stand, vor allem in moralischen Fragen, aber auch bei der Kleiderordnung und bezüglich der Rolle der Frauen. Bei anderen Themen lehrte er die Freiheit vom Gesetz und betonte, wie wichtig beim Umgang miteinander die Liebe sei.

Nun behaupten heute viele, dass sie bibeltreu seien, weil sie wissen und anwenden, was sie in dem Buch finden, das es damals noch nicht gab. So mancher nennt sich biblisch, obwohl er einen Großteil dessen ignoriert, was in den Schriften des Alten Testamentes eindeutig als Wort Gottes definiert ist. Übrigens – wenn in der Bibel vom Wort Gottes die Rede ist, dann ist an keiner Stelle die Bibel damit gemeint, und schon gar nicht das Neue Testament. Doch das nur am Rande, weil die Begriffsverwirrung Bibel=Wort Gottes trotz ihrer offensichtlichen Unlogik doch recht häufig anzutreffen ist.
Das Fatale ist, dass so manche haarsträubende und abstruse Lehre mit der Begründung „es steht geschrieben …“ oder „die Bibel sagt …“ unter das Volk gebracht wird. Man pickt sich einen Vers aus dem Zusammenhang und zementiert mit diesem „biblischen Beweis“ den Anspruch, dass dieser Lehre keineswegs widersprochen werden darf, weil sie ja schließlich auf einem biblischen Fundament stünde. Selbst Meinungen zu Themen, die in der Bibel überhaupt nicht angesprochen werden, kann man mit dem geschickten Zusammenstellen von mehreren aus ihrem Zusammenhang gerissenen Versen noch bibeltreu begründen. Meist geht es dabei um „als Christ darf man nicht …“ oder „als Christ muss man …“. Man muss zum Beispiel täglich Bibel lesen, als Christ. Ein Privileg, das in den ersten 1500 Jahren des Christentums den Menschen verwehrt war. Die logische Schlussfolgerung wäre, dass sie keine „richtigen“ Christen waren.

Ich zähle mich dann doch lieber zu den unbiblischen Christen, die gerne in der Bibel lesen, die Lektüre auch für wertvoll und fruchtbringend halten, die ihre Bibel, Altes und Neues Testament, ernst nehmen. Ernst, nicht wörtlich. Denn, so steht es geschrieben, der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig.

Montag, 14. Februar 2011

Sonntag, 13. Februar 2011

Na ja.

Ich habe am Wochenende lieber gefaulenzt, anstatt die Jessika-Erzählung weiter zu schreiben. Nur so zur Information für gegebenenfalls hereinschauende ungeduldige Leser.

Samstag, 12. Februar 2011

Der Barack und der Günter.

image

Sieht doch nett aus, die beiden Namen so nebeneinander stehen zu sehen.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Jessika – ein Verhängnis /// Teil 10

Ungewöhnlich schnell folgt die Fortsetzung, was sicher die ungeduldigen Leser nicht übel nehmen werden. Bevor jemand meckert, hier die Verknüpfungen zu den bisherigen Teilen: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5] /// [Teil 6] /// [Teil 7] /// [Teil 8] /// [Teil 9]

So. Das wäre erledigt. Nun keine weitere Vorrede, sondern ab nach Italien.

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Zwei Stunden später lag Jessika im Wohnzimmer auf dem zum Bett umgebauten Sofa und starrte in die Dunkelheit. Es war ihr gelungen, den Schwächeanfall auf Entkräftung und Übermüdung zu schieben, von Nitzrek war nicht mehr die Rede gewesen, die Familie mied das Thema und sie selbst hatte keine Veranlassung gehabt, darauf zurück zu kommen.

Luca war auffallend still geblieben, sprach nur, wenn er dazu aufgefordert wurde, wirkte abwesend, wenn nicht gar verängstigt.

Alesia hatte Jessika ein Nachthemd gebracht und auch daran gedacht, ihr für den nächsten Tag frische Unterwäsche bereit zu legen. Sie war von ähnlicher Statur, tatsächlich ein kleines bisschen rundlicher als Jessika, aber sie trug die gleiche Konfektionsgröße. Im Badezimmer lag ein flauschiges Badetuch bereit, eine noch originalverpackte Zahnbürste stand in einem Glas auf der Ablage unter dem Spiegel. Während Jessika duschte und anschließend ihre Zähne putzte, war im Wohnzimmer ihr Nachtlager hergerichtet worden.

Nun lag sie schon eine halbe Stunde unter der angenehm leichten Decke und grübelte über Nitzrek. Dass Luca rein zufällig den Namen erwähnt hatte war so unwahrscheinlich wie ein muslimisches Mädchen in der gemischten Sauna, und verhört hatte sie sich auch nicht.

Der Junge war zwölf Jahre alt, auch Jessika war zwölf gewesen, damals, vor so langer Zeit.

 

Der eigentümliche Geruch aus der Wohnung der Hausmeisterin war Jessika schon oft aufgefallen. Manche Beobachtung, die sie gemacht hatte, fand sie rätselhaft. Dass Männerbesuch kam, war an und für sich nicht verwunderlich, aber dass sie die Männer nie beim Verlassen der Wohnung gesehen hatte, bereitete ihr Kopfzerbrechen. Sie war neugierig und hatte eine blühende Phantasie, eine Kombination, die für Zwölfjährige nicht ungewöhnlich ist.

Eines Nachts lag sie in ihrem Bett und sann darüber nach, was wohl in der Hausmeisterwohnung vor sich gehen mochte. Es war wieder einmal männlicher Besuch gekommen, wie immer hatte Frau Evi Müller den Mann so leise und zu so später Stunde durch den Hausflur gelotst, dass vermutlich niemand von den Nachbarn etwas bemerkt hatte. Niemand außer Jessika.

Während sie sich ausmalte, dass der Besucher von der Hausmeisterin entkleidet wurde und welche Spiele die beiden dann miteinander ausprobierten, strichen ihre Finger sanft über den eigenen Körper. Eine klare Vorstellung von Sex hatte sie damals noch nicht, aber angeregt durch den Aufklärungsunterricht in der Schule hatte Jessika vor ein paar Wochen begonnen, sich selbst zu erkunden. Bei den Jungen in der Klasse hatte es reichlich rote Köpfe und so manches verlegene Kichern gegeben, als die Lehrerin das Thema Selbstbefriedigung angesprochen hatte, die meisten Mädchen schienen so ahnungslos wie Jessika selbst gewesen zu sein.

Zu Hause hatte sie noch einmal nachgelesen, was in der Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die die Lehrerin verteilt hatte, stand: »Selbstbefriedigung ist eine Möglichkeit, den eigenen Körper zu entdecken: den ganzen Körper zu streicheln, Brust, Schamlippen, den Kitzler oder den Penis und den Hodensack zu berühren. Du kannst dabei alleine für dich herausfinden, welche Berührungen Lust machen, erregend sind und vielleicht auch erleben, was ein Orgasmus ist.« Sie hatte sich gefragt, wovon das »vielleicht« abhängig sein mochte. Und woran sie eigentlich erkennen sollte, ob sie es herausgefunden hatte. Wen sie fragen konnte, wusste sie nicht.

Jessika hatte keine »beste Freundin«. Fast alle Schulkameradinnen hatten wenigstens eine intime Vertraute, aber Jessika hatte niemanden, mit dem sie hätte über solche Fragen reden können, wenn sie es gewollt hätte.

Aber Jessika ging Dingen sowieso lieber selbst auf den Grund, sammelte Erfahrungen, experimentierte und nahm es in Kauf, auch durch schlechte Erfahrungen klüger zu werden. Dass Alkohol ihr nicht gut tat, hatte sie herausgefunden, als sie im Keller eine herrenlose Kiste Bier entdeckt und drei Flaschen geleert hatte. Ihren verunreinigten Slip und die Jeans hatte sie selbst ausgewaschen, so widerlich es ihr auch gewesen war, den bräunlich-schmierigen Stoff zu berühren. Dass es für Zigaretten noch zu früh war, war ihr klar geworden, als sie ihr Erbrochenes aus dem Teppich ihres Zimmers zu entfernen versuchte. Es stank noch einige Tage weiter. Dass es in Kaufhäusern Kameras und Detektive gab, wurde ihr klar, als sie am Ausgang aufgehalten wurde, weil in ihrer Schultasche zwei Comic-Hefte steckten, die sie nicht bezahlt hatte.

Doch es gab natürlich nicht nur die unguten Erlebnisse und Erfahrungen. Dass es viel mehr Spaß machte, ein Buch zu lesen statt jämmerlich niveaulose Fernsehserien anzuschauen, und dass sich ihre Leistungen in der Schule verbesserten, je weniger sie sich berieseln ließ, zum Beispiel. Dass sie mit zwölf Jahren durchaus in der Lage war, Geld zu verdienen, gehörte auch in diese Kategorie. Nicht nur durch kleine Hilfsarbeiten für die Hausmeisterin, sondern auch durch Nachhilfe für Kinder in den untersten Klassen oder indem sie regelmäßig Hunde spazieren führte, deren Besitzer zu viel arbeiten mussten. Dass es ihr Spaß machte und gut tat, nach der Schule nach Hause zu joggen statt den Bus zu nehmen, hatte sie herausgefunden, als streikbedingt der bequeme Weg ausfiel. Zuerst trottete sie missmutig vor sich hin, dann überholten sie zwei erwachsene Jogger und Jessika lief kurzerhand mit. Trotz der Schultasche auf dem Rücken konnte sie mühelos mithalten und zu Hause stellte sie fest, dass sie sich durch und durch und rundum wohl fühlte.

Nun hatte sie in letzter Zeit ausprobiert, was eigentlich an der Sache dran war, die bei den Jungen in der Klasse für so viel Verlegenheit gesorgt hatte und war zu dem Schluss gekommen, dass sie eine ganz famose Entdeckung gemacht hatte, die ihr Spaß machte und noch dazu dafür sorgte, dass sie danach tief und fest schlafen konnte.

In jener Nacht war Nitzrek erschienen. Es kam ihr nie in den Sinn, dass sie die Begegnung geträumt haben könnte. Dann hätte sie auch das geträumt, was in der Hausmeisterwohnung folgte, und das war so wirklich wie die Narbe, die sie seither am rechten Unterarm hatte.

Womöglich hatte sie gerade herausgefunden, was ein Orgasmus war, als plötzlich eine Gestalt in ihrem Zimmer stand. Es fiel lediglich ein sehr schwacher Lichtschein von der Straßenlaterne durch die zugezogenen Vorhänge, so dass sie nur vage die Umrisse wahrnehmen konnte. Sie verspürte keine Angst, erschrak nicht, sondern nahm schlicht zur Kenntnis, dass sie nicht mehr allein in ihrem Zimmer war. Ihre Eltern waren auf einer Party, sie hätte sie zurückkommen hören, wenn sie schon da wären. Aber es war die ganze Zeit still gewesen in der Wohnung.

Jessika fragte: »Wer bist du?«

»Nitzrek.«

Die Stimme konnte männlich oder weiblich sein, womöglich hörte sie auch nicht mit ihren Ohren sondern irgendwie innerlich das merkwürdige Wort.

»Nitzrek?«

»Nitzrek.«

»Was willst du?«

»Es ist an der Zeit, dass du deine Aufgabe beginnst.«

»Aha.«

Jessika zweifelte in diesem Moment daran, dass sie noch wach war. Das Gespräch, wenn es denn eines war, wurde ziemlich unwirklich.

»Du bist nicht von dieser Welt. Du bist in diese Welt gesandt.«

»Aha.«

»Dein Auftrag ist es, Menschen vom Diesseits ins Jenseits zu führen.«

»Hmmm hmmm.«

»Du gehst jetzt in die Wohnung von Frau Müller, sie hatte diesen Auftrag vor dir. Sie hat sich nicht an die Regeln gehalten. Du wirst ihr Amt übernehmen.«

»Hmmm.«

»Ich werde bei dir sein, dich wissen lassen, was du tun und sagen sollst. Du wirst mich nicht sehen, aber verstehen. Zieh dir etwas an und geh. Jetzt.«

»Hat sie den Mann umgebracht?«

»Er liegt im Schlafzimmer, sie wird auch dich töten wollen, aber du wirst das Richtige sagen. Vertrau mir. Ich bin Nitzrek. Und jetzt geh.«

Jessika stand auf, nahm einen Schlafanzug aus dem Schrank, zog ihn an und verließ die Wohnung.

Gänsehaut oder Übelkeit?Zwei Stunden später hatte Jessika ihren ersten Auftrag erledigt. Die Hausmeisterin lag auf dem Küchenboden und war so tot wie ihr nächtlicher Besucher. Das Haus war voller Polizisten, ein Notarzt verband Jessikas Unterarm, die Blutung aus der tiefen Schnittwunde war mittlerweile gestillt. Kriminaltechniker untersuchten die Wohnung und besonders die Küche, auf dem Herd stand eine Mahlzeit, die den Boulevard-Zeitungen in den nächsten Tagen zu verkaufsfördernden Schlagzeilen verhalf: »Kannibalin verspeiste Männer!« »Wie vielen Opfern hat die Kannibalin den Penis abgeschnitten?« »Dieses Mädchen sollte Nachtisch der Kannibalin werden!« Daneben war auf der Titelseite Jessika zu sehen, ein herausvergrößertes Portrait vom letzten Klassenfoto.

Niemand hatte je an der Geschichte gezweifelt, die Jessika erzählt hatte. Durch fürchterliches Geschrei in der Hausmeisterwohung sei sie wach geworden, habe neugierig an der Tür gelauscht, dann habe Evi Müller die Tür aufgerissen und sie in die Wohnung gezerrt. In der Küche habe die Frau ein Messer ergriffen um Jessika zu erstechen, sie habe sich gewehrt, dabei den Stich in den Unterarm abbekommen, dann sei die Hausmeisterin in dem Blut ausgerutscht und mit dem Hinterkopf gegen die Kante des Küchentisches geprallt. Nein, erklärte Jessika, in das Schlafzimmer habe sie nicht geschaut, sie sei zurück ins Treppenhaus gerannt und habe um Hilfe geschrien.

 

Nitzrek war sie noch ein paar Mal begegnet, immer in der Dunkelheit, nie hatte sie ein Gesicht erkennen oder auch nur sagen können, ob es sich um ein männliches oder weibliches Wesen handelte. Inzwischen kannte sie Nitzrek nur noch als innere Stimme, in der Regel noch nicht einmal mit Worten sprechend, sondern mit Gewissheiten und Einsichten, die ihr plötzlich bewusst waren. Nur selten sprach Nitzrek Jessika noch mit Sätzen an, so wie am heutigen Tag im Zug. Das Kind ist in Gefahr. Du musst nachsehen. Du musst JETZT nachsehen.

Sie hatte ohne zu zögern nachgesehen. Wenn Nitzrek sprach, dann handelte sie, nun schon seit vielen Jahren. Sie genoss die Vorteile, die ihre Existenz mit sich brachte. Geld wann immer und wo immer sie es brauchte, Waffen, falls benötigt, ihr Aussehen, das sie nach Bedarf und Situation zwischen unter 20 und über 40 Jahren variieren konnte, Pässe und sonstige Papiere der jeweiligen Rolle gemäß, die sie dem aktuellen Auftrag zufolge gerade spielte … sie hatte immer die Zügel in der Hand, sie war diejenige, die entschied, was geschah und wann es geschah. Bisher. Bis zu ihrem Auftrag in Parma, den hatte sie noch ordnungsgemäß abgewickelt, aber dann war Johannes aufgetaucht.

Und nun lag sie auf dem fremden Sofa, ohne Gepäck in Italien gestrandet, war mehr oder weniger auf der Flucht vor einem undurchschaubaren Mann, der ihre Geheimnisse zu kennen schien, der Freundlichkeit von Fremden ausgeliefert, der Sohn der Familie befürchtete einen Besuch von Nitzrek. Eine völlig verrückte Situation.

Wenn sich das jemand ausdenken und als Erzählung aufschreiben würde, überlegte Jessika, dann würde man das ins Reich der Märchen verweisen. Aber hier liege ich und weiß nicht weiter. Soll ich den Jungen ansprechen? Spricht Nitzrek ihn an? Was will Nitzrek überhaupt von Luca? Ich dachte, es wären nur Frauen, die in diesem Dienst stehen…

Jessika horchte auf und war sofort hellwach.

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So. Da haben wir das Schlamassel: Die Leser dürfen entscheiden.

In dieser Nacht...
...spricht Jessika mit Luca.
...spricht Jessika mit Nitzrek.
...spricht Nitzrek mit Luca.
...passiert noch irgend etwas.
Auswertung

Falls übrigens jemand wissen will, was es mit Evi Müller und der Leiche im Schlafzimmer, den abgeschnittenen männlichen Organen der intimen Art und der zwölfjährigen Jessika auf sich hatte, damals, der ist genötigt, dieses Buch zu kaufen: [Gänsehaut und Übelkeit]

Fortsetzung? Folgt.

Mittwoch, 9. Februar 2011

Morgen ist Jessika-Tag


Das Ergebnis ist ja dieses Mal schön deutlich. Voraussichtlich wird morgen die Fortsetzung der Geschichte hier zu finden sein. Sie ist fast fertig geschrieben.

Dienstag, 8. Februar 2011

Warum auch nicht – mein persönlicher Amazon-Shop.

...der natürlich nach und nach noch verschönert und ergänzt wird.

KLICK

:-)

Montag, 7. Februar 2011

Jessika – ein Verhängnis /// Teil 9

Der eine oder die andere wünscht sich Verknüpfungen zu dem, was bisher geschah: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5] /// [Teil 6] /// [Teil 7] /// [Teil 8]

Jessika sollte sich, so der mehrheitliche Wille der geschätzten abstimmenden Leserschaft, auf den Weg zu Giacomos Familie machen, um daselbst die Nacht zu verbringen. Brav, wie ich nun einmal bin, folge ich in dieser Fortsetzung dem Leservotum. Bittesehr.

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Giacomo fragte: »War das Ihr … dieser teuflische Birbante? Der Kerl, der Sie ausgesetzt hat? Farabutto! Ich erwische dich!« Er gab Gas.

Jessika starrte geradeaus und stöhnte.

»Wir können ihn einholen. Ich fahre sonst nicht so schnell, aber wenn es darauf ankommt …«

»Nein, wir lassen ihn fahren. Ich will diesen Kerl vorerst nicht wiedersehen.«

Der Lieferwagen wurde wieder langsamer, die Rücklichter des schwarzen Geländewagens verschwanden in der zunehmenden Dunkelheit.

Jessika nahm zwei Zigaretten aus der Packung, zündete beide an und reichte eine ihrem Chauffeur hinüber. Sie rauchten schweigend.

 

Nach einer viertel Stunde wurde Giacomo unruhig, rutschte auf seinem Sitz hin und her. »Che palle«, schimpfte er, »mi scappa ...«

Jessika kicherte und meinte: »Dann halten Sie doch an, für Männer ist das ja kein großes Problem.«

»Ich dachte, ich halte durch bis zu Hause, aber der viele Kaffee vorhin, der ist Schuld.«

»Nein. Schuld ist derjenige, der ihn getrunken hat. Freiwillig.«

Giacomo grinste und gab zurück: »Bei jedem Kunden bekomme ich Kaffee. Gehört zum Geschäft. Wenn ich ablehne, ist das unhöflich. Also muss ich ihn trinken.«

»So so.«

Der Wagen hielt am Straßenrand. Giacomo hatte große Eile, er ging nur drei Schritte zum nächsten Baum und bewässerte ihn dann ausgiebig. Als er wieder einstieg, war er sichtlich entspannter.

»Warum pinkeln Männer eigentlich immer an Bäume, wenn welche in der Nähe sind?«, fragte Jessika.

»Noch lieber pinkeln Männer in einen Bach oder einen Fluß.«

»Das mag sein. Aber in Filmen ist es meistens ein Baum, wenn draußen gepinktel wird. Wenn der Regisseur überhaupt daran denkt, dass seine Figuren auch mal müssen müssen.«

Er stimmte zu: »Daran denken viele Filmemacher nicht. Auch Schriftsteller. Das hat mich schon als Kind manchmal aufgeregt.«

Jessika dachte an Bernd zurück, der in seinen Texten den Protagonisten immer zumindest Zeitspannen zugebilligt hatte, in denen sie ihr Geschäft erledigen konnten, auch wenn das in der Erzählung nicht erwähnt wurde. Sie hatten mehrere Staffeln der Serie 24 miteinander angeschaut und sich häufig darüber amüsiert, dass nicht nur Jack Bauer, sondern auch andere Figuren offenbar über 10 oder 20 oder gar 24 Stunden weder Darm noch Blase entleeren mussten. Ganz abgesehen davon, dass vor allem die Damen auch nach 20 Stunden Einsatz unter höchster Anspannung noch über wunderbar frisierte Haare und morgendlich frischen Teint verfügten.

»Ach Bernd …«, flüsterte sie.

Giacomo hatte offenbar gute Ohren. Er fragte: »Bernd heißt der Vigliacco, der Sie ausgesetzt hat?«

»Nein, Bernd war ein Freund, der beste, vielleicht der einzige Mann, den ich jemals geliebt habe. Er ist tot.«

Giacomo blickte zu ihr hinüber. »Sie sind doch noch so jung … Sie werden schon noch die Liebe finden. Oder die Liebe findet Sie. Sie sind doch höchstens – ich kann schwer schätzen, aber ich meine, na ja, Sie sind höchstens 25 Jahre alt?«

»Das Alter«, lächelte Jessika, »ist relativ. Ich bin 18. Ich bin 30. Ich bin 400. Ich bin 12.«

Er lachte. »Geheimnisvoll, sehr affascinante, liebe Signorina. Mein Sohn ist 12, meine Tochter 14. Und Sie sind nicht älter als 25, da möchte ich wetten.«

 

Giacomos GehöftSchließlich erreichten sie Bolsena, der Lieferwagen hielt vor einem etwas heruntergekommenen Gehöft. Giacomo hatte unterwegs erzählt, dass sein Vater schon seit Jahren kaum noch das Nötigste hatte tun können, er hatte seine schwindenden Kräfte auf die Landwirtschaft konzentriert und am Haus so gut wie gar nichts mehr instand gehalten oder repariert. Als es gar nicht mehr ging, war Giacomo schließlich mit seiner Familie zurück in die Heimat gezogen, nun mussten sie Schritt für Schritt aufholen, was über Jahre versäumt worden war. Der Obst- und Gemüsehandel lief recht gut, es gab einen festen Kundenstamm, der auf frische Ware aus eigenem Anbau wert legte, und in den letzten Wochen kamen neue Kunden hinzu, da Giacomo auf jegliche Chemie verzichtete und damit auch Werbung machte. Die Qualität seiner Ware sprach sich herum.

Sie gingen durch den Flur in die Wohnstube, die beiden Kinder sprangen auf, um ihren Papa zu begrüßen, Giacomos Frau kam aus der Küche und küsste ihn zärtlich.

Er stellte Jessika seiner Familie vor. »Diese junge Dame ist von ihrem Freund ausgesetzt worden, ohne Gepäck. Sie hat Gianna mit dem Ausladen geholfen, mich einen fancazzista geschimpft und zum Dank habe ich ihr angeboten, hier zu übernachten.«

Er lachte fröhlich, als Jessika beim Wort fancazzista leicht rot wurde und erklärte dann: »Das ist Alessia, meine wunderbare Frau, das mein prächtiger Sohn Luca und dieses bezaubernde Mädchen meine Tochter Sofia.«

Alessia nahm die etwas verdutzte Jessika sofort in die Arme, drückte sie und sagte: »Du armes Mädchen, solch einen Schuft hattest du als Freund? Natürlich bleibst du hier über Nacht, und bestimmt hast du jetzt Hunger?«

»Ich – danke schön, vielen Dank, ich müsste vor allem mal – wo ist denn das Bad?«

Sofia nahm Jessika bei der Hand und zog sie mit sich. »Hier im Flur die letzte Tür links, der Lichtschalter ist draußen. Wie heißt du eigentlich?«

»Jessika.«

»Das ist ein toller Name!«

»Danke. Sofia ist auch schön. Passt zu dir. Es bedeutet Weisheit.«

Die Kleine grinste und meinte: »Dann lass ich dich jetzt endlich pinkeln gehen, ist das nicht sehr weise von mir?«

Als Jessika wieder ins Wohnzimmer trat, hörte sie, wie Luca fragte: »Und was ist, wenn Nitzrek kommt?«

»Ach, hör auf!«, schimpfte Giacomo. »Nitzrek existiert nicht. Außer in deinem Kopf.«

Jessika blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen. Schweißperlen erschienen ihr auf der Stirn, sie spürte, dass ihre Knie weich wurden. Halt suchend griff sie nach der Türklinke und atmete tief durch, um den grauen Schleier vor ihren Augen zu vertreiben.

Sofias helle Stimme erklang: »Ist dir nicht gut, Jessika?«

Alesia sprang auf und eilte zu Jessika, nahm sie am Arm und führte sie zum Sofa. »Du bist bestimmt ganz entkräftet, und all die Aufregung, ohne Gepäck mitten in Italien ausgesetzt ... setz dich hin, ich hole dir einen Teller Suppe.«

Jessika sank in das Polster und wollte sich bedanken, wollte widersprechen, wollte begreiflich machen, dass es ihr gut ging. Aber als sie den Mund öffnete, stöhnte sie nur »Nitzrek«.

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Nun denn, geschätzte Blogbesucher, was denn nun?

 

Nitzrek ist...
...nicht von dieser Welt und böse.
...nicht von dieser Welt und gut.
...ein Mensch. Egal, ob gut oder böse.
Auswertung

Fortsetzung folgt.

Samstag, 5. Februar 2011

Nur ein Mausklick...

...und ich könnte einen Sony Reader für die beste aller Ehefrauen gewinnen. Also liebe Blogbesucher, los geht's: [Hier geht es lang]

Freitag, 4. Februar 2011

Kein Hotelzimmer für Jessika

Wir halten fest: Nur ein einziger Mensch wollte Jessika ein Hotelzimmer gönnen.


Also denn: Sie bleibt bei der Familie. Ob das gut geht, wird sich - voraussichtlich - spätestens am kommenden Montag an dieser Stelle lesen lassen.