Dienstag, 30. August 2011

»Nicht lesen!«, ruft Jessika, …

image… »es sei denn, du willst wirklich wissen, was Johannes geschrieben und verworfen hat. Ob dir die Lektüre bekömmlich ist«, fährt sie mit besorgtem Blick fort, »vermag ich nicht zu sagen.«

Na denn: Für die (bisher) 66,7 Prozent der geschätzten Blogbesucher, hier die alternative Version des letzten Kapitels. Ach so – noch ein Blick zurück zuvor? Bitteschön: [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3] [Teil 4] [Teil 5] [Teil 6] [Teil 7] [Teil 8] [Teil 9] [Teil 10] [Teil 11]

Und nun Teil 12 in der verworfenen Variante:

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Ich hatte keine Ahnung von Waffen. Im Fernsehkrimi jemanden anlegen und schießen sehen – das ist das eine, aber selbst dieses Metallgerät in der Hand zu halten, aus dem auf Wunsch tödliche Projektile in die angepeilte Richtung entwichen, war etwas ganz anderes.

»Ist das Ding entsichert oder so?«, fragte ich.

Jessika nickte. »Nur abdrücken.«

Die Gedanken, die mir durch den Kopf schossen, aufzuschreiben (und zu lesen, was die geschätzten Empfänger dieser Zeilen betrifft) dauert wesentlich länger als die Momente vor der Tür zur Toilette lang waren. Es war eine Art Wirbelwind in meinem Kopf, da waren Satzfetzen und einzelne Worte, die sich gegenseitig verfolgten, überlagerten eliminierten, verstärkten …

Jetzt bekomme ich die Kontrolle über mein Leben zurück – Illusionen bis zum Ende - wir sind nicht einschätzbar, nicht von euch Menschen und auch nicht von unseresgleichen- liebst du mich? – it ain’t why why why - du träumst also, dass du geträumt hast – ich bin nicht hier, es gibt keine Jessika - Ur Local is protected by all applicable Paradox Laws. Do you agree?- warum sitzt hier ein Mädchen im roten Kleid? Das habe ich nicht gewollt – nicht einschätzbar – how does it feel? – mein Leben zurück haben - Ich. Habe. Den. Verstand. Verloren. – nasse Badehose, dreizehn Jahre alt, heftige Erektion – das ist kein Buch hier, das ist dein leben - Jessifranziska, Fanjekakaka – jetzt drehst du wirklich durch – ich werde mein Leben wieder bekommen – viele Thriller gelesen, und nun? - nicht einschätzbar – wie viele Schüsse sind in dem Ding eigentlich drin? – in diesen Büchern sind auch Opfer, und vielleicht suche ich einen Weg, von ihnen zu lernen – wir sind nicht einschätzbar - das traust du dich nicht! – kann sie Gedanken lesen? - liebst du mich?

Die Tür ging auf, ein beleibter Herr in Jeans und T-Shirt kam auf uns zu. Auf mich zu. Jessika war hinter mich getreten. Der Mann sah die Waffe und zögerte.

»Ich kann nichts dafür«, sagte ich, »andere haben entschieden. Anonym abgestimmt. Es tut mir leid.«

Dann drückte ich ab. Der Fernfahrer – ich ging davon aus, dass es sich um diesen handelte – taumelte einen halben Schritt zurück und starrte mich überrascht an. Fühlt er Schmerz? Irgend etwas? Denkt er etwas? Auf dem T-Shirt, dort wo sich der Bauch wölbte, entstand rund um das nagelneue Loch, das es Sekunden zuvor noch nicht gegeben hatte, ein roter Fleck, der ungefähr die Form des Bodensees annahm.

Zu tief gezielt. Der Mann ist nicht tot. Du musst ihn erlösen, damit es schnell vorüber ist.

Ich wollte noch einmal schießen, aber keine Zeit, ich muss erst frei werden von diesem Albtraum. Ich fuhr herum und schoss Jessika drei Kugeln in den Kopf, bevor sie begreifen konnte, was ich vorhatte. Liebst du mich?

Während sie zu Boden sank, drehte ich mich wieder zu dem Mann am Boden und schoss ihn zwei mal in den Kopf. Dann klickte die Waffe nur noch, es waren also sechs Kugeln im Magazin gewesen.

Du hättest ihn auch noch retten können, oder? Zum Tunnel gefahren wäre er ja nun nicht mehr.

Ich hätte … ich hatte sogar gewollt … mein Plan hatte anders ausgesehen. Aber es war wiederum etwas mit mir geschehen, was ich nicht geplant und nicht gewollt hatte. In den Sekunden, bevor der Mann aus der Toilette gekommen war, war ich mir sicher, dass ich ihn nur verletzen wollte, ins Bein schießen meinetwegen, und dann Jessika töten und verschwinden.

Töten? Man kann doch niemanden töten, der gar nicht existiert.

Doch dann war alles so schnell passiert, dass ich keinen klaren Gedanken mehr hatte fassen können. Ich zweifelte, dass ich jemals wieder zu klaren Gedanken fähig sein würde. Ich, der Wehrdienstverweigerer, der Freund des Friedens, hatte zwei Menschen erschossen.

Einen. Einen Menschen und eine Nephilim.

Ich schloss die Augen, mir war übel und schwindelig. Ich wollte die Leichen nicht mehr betrachten, ich wollte nicht mehr hinter dieser Tankstelle stehen, ich wollte aufwachen in einer Welt, in der es keine Jessika gab, keine Jana Nováková, keine Alesia und keinen Luca. Von Nitzrek ganz zu schweigen.

Es wurde dunkler, noch dunkler, bemerkte ich durch die geschlossenen Augenlider, als sei die kleine Lampe über der Toilettentür erloschen. Ich riss die Augen auf und sah nichts. Völlige Finsternis hüllte mich ein. Ich fühlte etwas, was ich nicht benennen konnte. Eine Anwesenheit, von irgend etwas bösem. Etwas sehr bösem. So etwas wie ein Stromschlag traf mich, allerdings wie von innen heraus, ich starrte in die Finsternis und erkannte eine Gestalt, nein, ich erkannte die Ahnung einer Gestalt.

»No man sees my face and lives«, sagte Nitzrek.

»Ich liebe Jessika«, hörte ich mich sagen, »ohne sie will ich nicht leben.«

»Du törichter Mensch.«

Die Gestalt kam mir näher. Etwas berührte mein Bein, tastend.

Dann wurde ich meines Bewusstseins beraubt.

 

Der Rest meiner Geschichte ist schnell erzählt. Der Angestellte hatte im Verkaufsraum der Tankstelle die Schüsse gehört und die Polizei alarmiert, seine Tür verriegelt und hinter dem Tresen versteckt gewartet, auf Anraten des Beamten, mit dem er am Telefon sprach. Auch als die Streifenwagen eintrafen, blieb er noch in seinem Versteck, erst als zwei Polizisten an die Glastüren klopften, machte er auf.

Als Zeuge taugte er nicht, da er nichts gesehen hatte. Es gab zwar Videokameras, aber keine Aufzeichnungen, da die Anlage seit Wochen defekt und noch immer nicht repariert war. Weitere Kunden hatten im fraglichen Zeitraum nicht an der Tankstelle gehalten.

Die Beamten fanden die Leiche des Fernfahrers, mich und eine Menge Blutspuren, die nicht von dem Toten stammten. Ich war äußerlich unverletzt, im Krankenhaus wurde dann wenig später ein Herzinfarkt diagnostiziert. Eine Waffe wurde genauso wenig gefunden wie die Person – die Leiche! – deren Blut hier so reichlich geflossen war.

Die Ermittlungen blieben letztendlich ergebnislos. Als ich wieder vernehmungsfähig war, wurde ich als Zeuge befragt und erklärte, dass ich angehalten hatte, um die Toilette aufzusuchen, dort sah ich die Leiche und wurde ohnmächtig. Ich hatte keine weiteren Kunden gesehen, auch war mir weder ein wegfahrendes Auto noch ein verletzter, blutender Mensch aufgefallen.

Das Blut am Tatort, das nicht von dem toten Fahrer stammte, wurde vermutlich untersucht und analysiert, davon würde ich zumindest ausgehen. Falls dabei eine Abweichung von normalem menschlichen Blut aufgefallen war, wurde dies nicht öffentlich bekannt gegeben – was mich nicht sonderlich erstaunte. Ich wusste ja, falls alles wirklich so geschehen war, wie ich es hier aufgeschrieben habe, um das weitverzweigte Netz der Nephilim. Warum sollten sie nicht auch im kriminaltechnischen Labor in Prag ihre Leute haben. Andernfalls war es eben nur menschliches Blut von dem selbst verletzten Täter gewesen, der rechtzeitig mit seiner Waffe entkommen war, oder von einem weiteren Opfer, das der Täter mitgenommen hatte.

Niemand war auf die Idee gekommen, meine Haut auf Schmauchspuren zu untersuchen. Ich war nur ein – allerdings nicht sehr ergiebiger – Zeuge.

Als ich, nach für die Ärzte erstaunlich schneller Genesung, aus dem Krankenhaus entlassen wurde, brachte man mich zu meinem Auto, das von der Polizei in Verwahrung genommen worden war. Im Kofferraum lag mein Gepäck, keine Spur von Jessikas Reisetasche. Da war ich mir sicher, dass ich wieder bei Sinnen und im echten Leben angekommen war. Was mit mir passiert war, seit ich beim Spaziergang im Park von Budweis eine junge Frau gesehen hatte, bei der mir meine erdachte Jessika einfiel, konnte ich und wollte ich nicht analysieren. Jetzt jedenfalls war ich – um die Erfahrung eines Herzinfarktes reicher – wieder ich und Herr meines Lebens. Die nächtlichen Träume lassen wir mal beiseite, da bin ich ja nicht der einzige, der hin und wieder schweißgebadet aufwacht und ein paar Momente braucht, um sich wieder zurecht zu finden.

Nun bin ich seit etlichen Wochen wieder in Berlin und habe meine Geschichte aufgeschrieben. Als Versicherung. Nur für den Fall der Fälle. Falls mir etwas zustoßen sollte, wird die Welt erfahren, was wirklich geschehen ist vor dem Mord an der Tankstelle. No man sees my face and lives. Man weiß ja nicht, was solche Worte letztendlich bedeuten.

Allerdings rechne ich eher damit, dass ich noch sehr lange und sehr gesund leben werde. Schließlich sehe ich jeden Morgen nach dem Duschen im Badezimmerspiegel das sternförmige Muttermal direkt über meinem Penis. Ich habe überlegt, ob ich meine Haare da unten wieder wachsen lassen sollte, um den Leberfleck zu verbergen, aber mich dann doch für die gewohnte tägliche Rasur entschieden. Eine kleine Hautverfärbung ist ja nichts, wofür man sich schämen müsste.

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Da manche Menschen und viele Nephilim so gerne auf etwas klicken und sich die Frage ja förmlich aufdrängt, darf nun zum Schluss noch einmal abgestimmt werden.

Besser gefiel mir ...
... diese verworfene Version, die hier steht.
... jene gültige Version vom vergangenen Freitag.
... dieses und jenes.
Auswertung

Freitag, 26. August 2011

Jessika–die Konfrontation /// Teil 12

So. Also nun. Dies ist das zweite Ende der Geschichte, das ich geschrieben habe. Mit der ersten Version konnte ich mich nicht so recht anfreunden ... die beste aller Ehefrauen hatte ebenfalls Einwände.

Wer noch einmal nachsehen will, was bisher geschah: [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3] [Teil 4] [Teil 5] [Teil 6] [Teil 7] [Teil 8] [Teil 9] [Teil 10] [Teil 11]

Neugierig wie alles endet? Bitteschön:

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Ich hatte keine Ahnung von Waffen. Im Fernsehkrimi jemanden anlegen und schießen sehen – das ist das eine, aber selbst dieses Metallgerät in der Hand zu halten, aus dem auf Wunsch tödliche Projektile in die angepeilte Richtung entwichen, war etwas ganz anderes.

»Ist das Ding entsichert oder so?«, fragte ich.

Jessika nickte. »Nur abdrücken.«

Die Gedanken, die mir durch den Kopf schossen, aufzuschreiben (und zu lesen, was die geschätzten Empfänger dieser Zeilen betrifft) dauert wesentlich länger als die Momente vor der Tür zur Toilette lang waren. Es war eine Art Wirbelwind in meinem Kopf, da waren Satzfetzen und einzelne Worte, die sich gegenseitig verfolgten, überlagerten eliminierten, verstärkten …

Jetzt bekomme ich die Kontrolle über mein Leben zurück – Illusionen bis zum Ende - wir sind nicht einschätzbar, nicht von euch Menschen und auch nicht von unseresgleichen- liebst du mich? – it ain’t why why why - du träumst also, dass du geträumt hast – ich bin nicht hier, es gibt keine Jessika - Ur Local is protected by all applicable Paradox Laws. Do you agree?- warum sitzt hier ein Mädchen im roten Kleid? Das habe ich nicht gewollt – nicht einschätzbar – how does it feel? – mein Leben zurück haben - Ich. Habe. Den. Verstand. Verloren. – nasse Badehose, dreizehn Jahre alt, heftige Erektion – das ist kein Buch hier, das ist dein leben - Jessifranziska, Fanjekakaka – jetzt drehst du wirklich durch – ich werde mein Leben wieder bekommen – viele Thriller gelesen, und nun? - nicht einschätzbar – wie viele Schüsse sind in dem Ding eigentlich drin? – in diesen Büchern sind auch Opfer, und vielleicht suche ich einen Weg, von ihnen zu lernen – wir sind nicht einschätzbar - das traust du dich nicht! – kann sie Gedanken lesen? - liebst du mich?

Die Tür ging auf, ein beleibter Herr in Jeans und T-Shirt kam auf uns zu. Auf mich zu. Jessika, die eben noch neben mir gestanden hatte, war vermutlich hinter mich getreten. Der Mann sah die Waffe und zögerte.

»Ich kann nichts dafür«, sagte ich, »andere haben entschieden. Anonym abgestimmt. Es tut mir leid.«

Dann zielte ich auf seinen Unterarm und drückte ab. Der Fernfahrer – ich ging davon aus, dass es sich um diesen handelte – taumelte einen halben Schritt zurück und starrte mich überrascht an. Fühlt er Schmerz? Irgend etwas? Denkt er etwas? Auf dem T-Shirt, dort wo sich der Bauch wölbte, entstand rund um das nagelneue Loch, das es Sekunden zuvor noch nicht gegeben hatte, ein roter Fleck, der ungefähr die Form des Bodensees annahm.

Ich habe falsch gezielt. Scheiße! Ich wollte doch den Arm … ich muss ihm helfen, einen Arzt holen - keine Zeit, ich muss erst frei werden von diesem Albtraum.

Ich fuhr herum und schoss Jessika drei Kugeln in den Kopf, bevor sie begreifen konnte, was ich vorhatte.

Jessika? Die Frau sieht ganz anders aus …wieso ist sie auf einmal blond …

Während sie zu Boden sank, drehte ich mich wieder zu dem Mann am Boden. Er blutete und blutete, sein Gesicht sah im Schimmer der Laternen aus wie Wachs. Atmete er noch?

Wo ist mein Telefon? Ich muss Hilfe holen.

Mein Plan, in den Sekunden mit der Waffe in der Hand entstanden, war gescheitert. Es war wiederum etwas mit mir geschehen, was ich nicht geplant und nicht gewollt hatte. Ich hatte ihn nur verletzen wollen, leicht verletzen, und dann Jessika töten und verschwinden.

Töten? Man kann doch niemanden töten, der gar nicht existiert.

Ich schloss die Augen, mir war übel und schwindelig. Ich wollte die blonde Leiche nicht sehen, ich wollte die Kugel zurückholen, die im Bauch des Fernfahrers gelandet war, ich wollte aufwachen in einer Welt, in der es keine Jessika gab, keine Jana Nováková, keine Alesia und keinen Luca. Von Nitzrek ganz zu schweigen.

Ich hörte Schritte hinter mir, dann traf mich ein Schlag auf den Kopf und ich versank in gnädiger Bewusstlosigkeit.

 

Der Rest meiner Geschichte ist schnell erzählt, und mir bleibt auch nicht mehr viel Zeit, die letzten Absätze aufzuschreiben. Der Angestellte hatte im Verkaufsraum der Tankstelle die Schüsse gehört und die Polizei alarmiert. Dann nahm er einen stabilen Knüppel, den er unter der Theke aufbewahrte, und schlich um das Gebäude. Er sah mich mit einer Pistole in der Hand, zwei blutende Menschen am Boden und schlug mich von hinten nieder, ohne noch lange zu zögern.

Die Polizisten trafen kurz darauf ein, legten mir Handschellen an bevor ich zu mir kam und dann, nach oberflächlicher Untersuchung durch einen Arzt, brachte man mich ins Gefängnis. Mein Leben als freier Mensch war mit meinem Versuch, mich von den Nephilim zu befreien, vorbei.

Die Tatwaffe trug meine Fingerabdrücke. An meiner Hand wurden Schmauchspuren nachgewiesen. Es hätte zu nichts geführt, irgend etwas zu leugnen, das hatte ich auch gar nicht vorgehabt. Trotzdem bin ich überzeugt davon, zu Unrecht in dieser Anstalt hier zu sitzen.

Der Fernfahrer – nun ja, ich hatte ihn erschossen. Er war verblutet. Allerdings verstand und glaubte niemand die Zwangslage, in der ich das getan hatte, und niemand glaubte mir wohl, dass ich den Arm hatte treffen wollen. Die tote junge Frau wurde als 29jährige Tschechin identifiziert, eine gewisse Lída Borová, die Geliebte des Fernfahrers.

»Warum hätte ich einen mir völlig Fremden und seine Freundin, die ich genauso wenig kannte, erschießen sollen?«, hatte ich in den Verhören immer wieder gefragt. »Ich habe mich gegen eine Nephilim verteidigt, und dabei versehentlich den Mann getötet, den ich nur hatte verletzen wollen. Er hätte sonst ein Inferno im Tunnel an der Grenze ausgelöst.«

Man hatte Psychologen hinzugezogen, in endlosen Gesprächen immer wieder versucht, mir »die Wahrheit« zu entlocken – dabei sagte ich die ganze Zeit nichts anderes als die Wahrheit. Genau die Wahrheit, die ich hier aufgeschrieben habe.

Es ist, das erkenne ich inzwischen deutlich, eine Verschwörung. Die ermittelnden Beamten haben, so wurde mir berichtet, im Hotel Klika in Budweis vorgesprochen. Dort wurde ausgesagt, dass man mich als Gast geschätzt habe, aber es sei doch aufgefallen, dass ich gelegentlich Selbstgespräche geführt habe, als säße jemand an meinem Tisch. Eine junge Frau mit einem roten Mercedes Cabriolet habe man nicht gesehen, und schon gar nicht sei sie Gast im Hotel gewesen.

Die Polizei in Budweis wusste nichts von einem toten Kind auf dem schwarzen Turm, angeblich. Ich nehme an, dass die Nephilim die Akten oder die Leiche haben verschwinden lassen. So etwas ist ja für ihresgleichen eine der leichteren Übungen.

Und - das ist eigentlich der deutlichste Hinweis auf die Verschwörung - sie haben auch, auf eine mir unerklärliche Weise, den Kalender manipuliert. Irgendwie die lange Zeit, die ich nach dem Anschlag der alten Jana Nováková zur Genesung brauchte, eliminiert oder überbrückt. Angeblich war ich auf der ganz normal geplanten Rückreise von meinem Urlaub, als ich an der Tankstelle vor der Grenze zwei Menschen erschossen haben soll. Dass in dem von mir genau benannten und beschriebenen Haus in Budweis keine Jana Nováková gewohnt haben soll, passt ja letztendlich als letztes Mosaiksteinchen ins Bild.

Morgen früh soll ich in eine »geschlossene Anstalt« überführt werden, hat mir heimlich eine der netten Pflegerinnen hier verraten. Sie scheint die einzige hier zu sein, die mir glaubt. Wer weiß, vielleicht weiß sie mehr über die Nephilim, als sie zugibt?

Ich weiß nicht, welches Schicksal auf mich wartet, ob ich jemals rehabilitiert werde, ob ich die Gelegenheit bekomme, jemandem mitzuteilen, welche Wesen da unerkannt unter uns leben – daher habe ich diesen Bericht wahrheitsgemäß und nach bestem Wissen und Gewissen verfasst. Die nette Pflegerin hat versprochen, meine Zeilen einem Freund zukommen zu lassen, der sie veröffentlichen wird. Ich werde keine Gelegenheit haben, vermute ich, mich davon zu überzeugen. Diese geschlossene Anstalt soll wirklich sehr geschlossen sein.

Da Sie nun diese Zeilen – meinen Bericht – gelesen haben, will ich Sie abschließend warnen, um Vorsicht und Aufmerksamkeit bitten:

Sie sind mitten unter uns.

Sie sind überall.

Und sie kennen kein Erbarmen mit uns Menschen.

 

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Zu guter Letzt frage ich die geschätzten Leser, ob sie Interesse an dem verworfenen Ende der Geschichte, also der Version 1 dieses Kapitels haben. Bei CDs lieben manche ja auch diese Bootlegs mit den ausgemusterten Aufnahmen aus dem Studio … also warum auch nicht.

Den alternativen Schluss ...
... möchte ich lesen.
... will ich nicht kennen lernen.
Auswertung

Donnerstag, 25. August 2011

Jessika - fast fertig

imageSo viel ist klar, dass es in absehbarer Zeit eine Fortsetzung gemäß Leservotum und - was manchem treuen Lesern weniger gefallen könnte - gleichzeitig ein Ende (?) geben wird.

Im Urlaub, neulich in Schleswig Holstein, hatte ich der besten aller Ehefrauen erzählt, wie ich mir den Schluss vorstelle.

Nun habe ich ihn geschrieben, aber anders. Und bin nicht zufrieden. Wenn der Autor nicht zufrieden ist, muss er um Gedulden bitten, denn er will dem geschätzten Leserkreis nichts vorsetzen, was er selbst nicht so ganz mag.

Tja.

Mal sehen.

Dienstag, 23. August 2011

Danke, Loriot!

Foto: WikipediaSein Humor,zu dem ich in Deutschland nie Vergleichbares gefunden habe, hat mich begleitet, so lange ich zurückdenken kann. Meine Mutter besaß einige Bücher, die mich schon als Kind begeistern konnten, darunter »Auf den Hund gekommen« und »Wie gewinnt man eine Wahl?« - an diese beiden Titel kann ich mich erinnern. Es gab aber noch mehr Loriot in unserem Heim. Und natürlich seine Beiträge in den Fernsehshows »Drei mal Neun« und »Der große Preis«.

Als ich Anfang 20 war, gehörte der Termin »Loriot« im Fernsehen zum Pflichtprogramm, noch heute sind die Sendungen per DVD ein regelmäßiger Genuss für mich. Wie oft ich sie schon gesehen habe, weiß ich nicht zu sagen, aber langweilig sind sie nie geworden. Das gleiche gilt für die beiden Spielfilme »Pappa ante Portas« und »Ödipussi«.

Wie viele Sätze, Formulierungen und Anekdoten von Loriot haben doch ihren Weg in meinen Alltag gefunden, sind feste Bestandteile meines Wortschatzes geworden. »Berta, das Ei ist hart!« »Ein Geschenk, das Freude macht, für den Herrn, für die Dame, für das Kind, gell?« »Aber ich kann länger als Sie!« »Die Ente bleibt draußen!« »Dö dudl dö ist zweites Futur bei Sonnenaufgang.« »Ich will jetzt meine Platte Hören!« …

Seine letzten Lebensjahre verbrachte er zurückgezogen, was ich ihm bei allem Bedauern, dass es keine neuen Werke mehr geben würde, gegönnt habe. Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow, wie der Künstler mit vollem Namen hieß, hat mein Leben, hat mich bereichert, und das wird bleiben, auch wenn er jetzt seinen Erdenlauf vollendet hat. Als seine langjährige Filmpartnerin Evelyn Hamann 2007 starb, sagte er: »Liebe Evelyn! Dein Timing war immer perfekt - nur heute hast Du die Reihenfolge nicht eingehalten. Na warte!« Womöglich sieht er sie jetzt wieder.

Danke, Loriot!

Sonntag, 21. August 2011

So oder so betrachtet …

Was dem einen negativ aufstößt, mag beim anderen ein erleichtertes Aufatmen auslösen. Es kommt eben, wie so oft, darauf an ...

Die »Barna Research Group« erforscht seit über 20 Jahren (unter anderem), wie es um den Glauben der Amerikaner bestellt ist. Die aktuelle Studie beklagt nun ein »starkes Nachlassen des Engagements für den Glauben«. George Barna stellt zwar eine wachsende Zahl »wiedergeborener Christen« fest, aber er äußert sich besorgt, weil »gerade im Bereich des geistlichen Lebens, also beim Gottesdiensbesuch und der regelmäßigen Bibellektüre, eine kritische Entwicklung zu bemerken sei«.

Das kann man, falls die Zahlen stimmen, auch anders interpretieren: Eine zunehmende Zahl von Christen stellt fest, dass Jesus niemals und nirgends seine Nachfolger dazu aufgerufen hat, regelmäßige Veranstaltungen zu besuchen und täglich ein Buch zu lesen, das es noch gar nicht gab. Mehr Gläubige als früher lassen sich also nicht mehr weismachen, »geistliches Leben« bestehe in frommen Übungen und Traditionen. Und das wäre ja eine richtig gute Nachricht.

Zum zweiten beklagt sich George Barna darüber, dass »ehrenamtliches Arbeiten innerhalb zweier Jahrzehnte von 41 Prozent auf 29 Prozent geschrumpft« sei. Das allerdings wäre alarmierend, wenn unter dem Begriff »ehrenamtliches Arbeiten« der Dienst am Mitmenschen, am Nächsten, den Jesus seinen Nachfolgern so nachdrücklich ans Herz zu legen pflegte,  zu verstehen wäre.

Auch hier kann aufgeatmet werden. Barna meint mit »ehrenamtliches Arbeiten« die Mitarbeite in gemeinde- und kircheninternen Diensten und Gruppen, die in der Regel nichts oder kaum etwas damit zu tun haben, ob rings um die frommen Institutionen, also außerhalb der Kirchen und Gemeinden, Not gelindert und Reich Gottes sichtbar wird.

Wäre es denkbar, dass das schrumpfende Engagement innerhalb der frommen Parallelgesellschaft durch ein zunehmendes Engagement von Christen in der echten Welt verursacht wird? Auch das wäre ja dann eine wirklich gute Nachricht.

Mit Deutschland und Europa hat die amerikanische Gesellschaft beziehungsweise Frömmigkeit im übrigen so gut wie nichts zu tun. Auch Jürgen Werth, Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz, scheint das so zu sehen. Er schreibt: »Ich glaube, dass man auch in diesem Fall keine falschen Rückschlüsse ziehen darf. Die 'religiöse' Situation in den USA ist nicht mit der in Deutschland zu vergleichen. Der christliche Glaube gehört dort noch weitgehend zum 'guten Ton', ist Teil eines allgemeinen gesellschaftlichen Konsens'. Da jedoch bricht in den letzten Jahren manches weg. Diesen Prozess haben wir in Deutschland längst hinter uns. Mein Eindruck für Deutschland: Traditionen sterben, aber der Glaube an Jesus blüht.«

Links zum Thema:

Freitag, 19. August 2011

Jessika–die Konfrontation /// Teil 11

Nun gut, das Warten hat lange genug gedauert, zumindest für die ungeduldigen unter den geschätzten regelmäßigen Blogbesuchern. Hier ist sie nun, die Fortsetzung.

Allerdings nicht so, wie eigentlich geplant. Das liegt daran, dass diese Geschichte mitunter eigenwillig ist, sich meinen Plänen widersetzt und unvorhergesehene Wendungen nimmt.

Im Verlauf der Woche sah ich bei meinem mittäglichen Spaziergang, wie aus einem Tanklastzug mit Flüssiggas die außerhalb des Gebäudes der Hofpfisterei in Berlin Neukölln liegenden Tanks befüllt wurden. Wozu dieser Anblick geführt hat, ist hier zum Teil nachzulesen, zum Teil der Entscheidund der Leser überlassen – das wird sich anhand der Abstimmung entscheiden.

Zuvor für diejenigen, die ihre Erinnerung angesichts der langen Erzählpause auffrischen möchten, noch diese Hinweise: [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3] [Teil 4] [Teil 5] [Teil 6] [Teil 7] [Teil 8] [Teil 9] [Teil 10]

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Am Abend verließen wir Budweis und machten uns auf den Weg nach Berlin. Ich wollte nach Hause, mein Aufenthalt in Tschechien hatte unfreiwillig bereits vier Tage länger gedauert als ursprünglich geplant. Bei meinem Broterwerb spielte das keine Rolle, da ich Aufträge für Artikel in Zeitschriften je nach verfügbarer Zeit und oft genug nach Lust und Laune annahm, gab es keinen Arbeitsplatz, an dem ich hätte erscheinen müssen. Meinen E-Mail Posteingang hatte ich durchgesehen, es gab drei Anfragen, die nicht sonderlich eilig waren. Reizvoll schien mir nur eines der drei Projekte: ein deutsches Nachrichtenmagazin plante eine Serie über Religionsgemeinschaften in Deutschland und hatte mich gefragt, ob ich in Berlin in den nächsten drei Monaten ein paar ausgewählte Gruppen kennenlernen und dann darüber schreiben wollte. Ich hatte mein Interesse bekundet und sollte nun in den nächsten Tagen Details erfahren.

Jessika saß auf dem Beifahrersitz und blickte sich vergnügt um, als wir die Stadt verließen. »Irgendwie ist Budweis doch eine sehr liebenswerte kleine Stadt«, erklärte sie, »und es gibt kaum einen Ort, an den ich so gerne so oft zurückkehre.«

»Wo hast du denn noch überall Wohnungen?«

»In Berlin, das ist mein Hauptwohnsitz, in Amsterdam, und natürlich auch in der Heimat unserer Art, in einem kleinen Dorf dort besitze ich ein unscheinbares Haus, dem niemand ansieht, welche ausgedehnten unterirdischen Räume sich darunter erstrecken. Die gehören mehreren meiner Nachbarn und mir zusammen, wir sind da eine kleine Kolonie. Ach ja, und in Amerika habe ich auch noch eine Wohnung, die ist aber vermietet. Wenn ich in den USA bin, suche ich mir lieber schöne Hotels aus.«

»Und wie viele Reisepässe oder Ausweise besitzt du?«

»Zur Zeit …« - sie schaute in ihre Handtasche - »… vier Stück. Ich bin im Augenblick wahlweise Tschechin, Deutsche, Italienerin oder noch mal Deutsche. Ich heiße Bedja, Barbara, Angela oder Elke.«

»Alles, bloß nicht Jessika.«

Sie kicherte und fragte: »Wer würde denn unter seinem echten Namen reisen wollen, wenn es unendlich viele Alternativen gibt?«

»Ich zum Beispiel. Ich bin am liebsten ich selbst. Allerdings habe ich auch nur einen einzigen Ausweis beziehungsweise Pass.«

»Das kann man ja ändern.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich brauche keine falsche Identität.«

»Noch nicht«, gab sie zurück.

Worauf ich mich da eingelassen hatte, wusste ich selbst nicht genau. Es war klar, dass die Nephilim, Jessika eingeschlossen, mir weit überlegen waren. Sie lebten augenscheinlich als normale Menschen unter uns, verfügten neben ungeheuren Körperkräften über Geld ohne Ende, Zugang zu beliebigen Identitäten und, soweit ich das bisher abschätzen konnte, hatten sie Einfluss bis in höchste Regierungskreise. Befand ich mich in Gefahr? Konnte ich sicher sein, dass dieses mörderische Wesen in meinem Auto mir freundlich gesinnt war und blieb? Wir sind nicht einschätzbar, nicht von euch Menschen und auch nicht von unseresgleichen – das hatte Jessika kürzlich gesagt, als sie von dem Anschlag der Greisin auf mein Leben berichtete. Ich musste also mit allem rechnen.

Eigentlich hatte ich mich, wenn ich die Angelegenheit nüchtern betrachtete, bereits in Jessika verliebt, als sie noch mein virtuelles Geschöpf war, nur eine ersonnene Figur in meinen Erzählungen. Da man sich als Autor mit einigermaßen klarem Kopf aber nicht in eine Protagonistin verliebte, hatte ich sie am Ende der Italien-Erzählung beseitigen wollen, aus der literarischen Welt schaffen, eliminieren. Und dann war sie mir im Verlauf der letzten Absätze entwischt, um unvermittelt in meinem Urlaub als leibhaftiges Wesen aus Fleisch und Blut wieder aufzutauchen. Ich hatte die Kontrolle verloren, jetzt war ich derjenige, mit dem etwas geschah, anstatt selbst die Handlung zu bestimmen.

Der Duschkabine hatte ich am Morgen bereits mitgeteilt, wie sich das anfühlte, jetzt formulierte ich es etwas weniger drastisch: »Es gefällt mir nicht, wenn ich Ereignissen hilflos ausgeliefert bin. Das gefällt vermutlich keinem Menschen, zugegeben, aber seit du in meinem Leben aufgetaucht bist, als – wie soll ich sagen – als echtes Wesen, seitdem habe ich den Eindruck, dass ich nur noch eine Marionette bin.«

»Nein nein«, widersprach Jessika leise, »das stimmt nicht. Du kannst mich jederzeit wegschicken, loswerden, wenn du das willst.«

»Das will ich nicht.«

»Dann bin ich froh. Aber wo liegt dann das Problem?«

Ich überlegte, wie ich mich verständlich ausdrücken konnte. Ein Empfinden in Worte zu fassen ist ja nicht immer die leichteste aller Übungen.

Schließlich fragte ich: »Wenn ich dich behalten will, dann kommt unweigerlich irgend ein Ritual oder so etwas auf mich zu, was mich mit dir, oder mit den Nephilim an und für sich, verbinden soll. Ich soll oder muss, so hast du gesagt, den Bund annehmen. Ist das richtig?«

»Es bedarf einer Willenserklärung, ja. So ähnlich wie eine Eheschließung bei euch Menschen, mit Zeugen und so weiter. Aber es passiert dabei nichts, was dir schaden könnte.«

»Und einfach so mit dir leben, ohne diesen Akt, das geht nicht?«

»Das würde ich nicht überleben dürfen.«

»Warum nicht?«

Jessika zündete uns zwei Zigaretten an und blieb ein paar Minuten stumm. Dann holte sie tief Luft, als müsse sie Mut schöpfen.

»Van Morrison hat in seinem Song Summertime in England, den kennst du sicher, sehr eindrücklich und ausdauernd erklärt: It ain’t why why why why why … it just is. In dem Lied geht es um etwas ähnliches.«

Ich kannte den Song, auswendig sogar. Am besten gefiel mir nach all den Jahren immer noch eine Version, die Van Morrison seinerzeit live in der Grugahalle in Essen vorgetragen hatte.

Jessikas Stimme klang bedrückt, als sie sagte: »Es gibt Gesetze, denen alle Geschöpfe unterworfen sind. Wir müssen zum Beispiel genauso sterben wie ihr Menschen, obwohl unsere Lebensspanne erheblich länger ist. In jenen Tagen waren die Riesen auf der Erde, und auch danach, als die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren – so drückt es die Bibel aus, wir sind Nachkommen jener Verbindungen, haben es in Jahrtausenden nach unserer beinahe vollständigen Vernichtung gelernt, unauffällig unter euch Menschen zu leben, wobei uns die Tatsache hilft, dass unsere Körpergröße längst der menschlichen entspricht, aber wir sind bedroht, ständig bedroht. Die Gesetze, von denen ich spreche, schützen uns. Was meinst du, was mit uns geschehen würde, wenn die Wissenschaftler irgendwann herausfänden, wer wir wirklich sind? Wir sind mächtig, wir haben Geld und andere Ressourcen, aber bei einer Treibjagd auf die Nephilim würden wir unterliegen.«

»Aber«, warf ich ein, »es dürfte doch klar sein, dass ich nun wirklich keine Gefahr darstelle, auch wenn ich diesen Bund mit dir oder euch nicht eingehe.«

»Gesetze. Ewige und unverbrüchliche Gesetze.«

»Und ich würde mich den Gesetzen der Nephilim, die ich noch nicht einmal kenne, mit diesem Bund unterwerfen. Gibt es eigentlich ein Buch oder so etwas, in dem die Regeln stehen?«

»Ja. Nein.«

Ich entsorgte die Kippe aus dem Seitenfenster und brummte: »So.«

Jessika legte ihre Hand auf meinen Arm und streichelte liebevoll meine Haut. »Es gibt viele Bücher, in denen Teile der Wahrheit stehen, gut vermischt mit jeder Menge Blödsinn.«

»So.«

»Und wenn du rechts die nächste Tankstelle siehst, könntest du mal anhalten. Es gibt dort etwas zu erledigen. Außerdem ist es die letzte vor der Grenze, falls du noch preiswerte Zigaretten kaufen möchtest.«

»So.«

»Wenn du jetzt noch einmal so sagst, dann … äh … dann …«

»Siehst du«, erklärte ich, »vor ein paar Tagen warst du es, die dauernd so gesagt hat. Was du darfst, darf ich schon lange.«

Jessika grinste. »Warum?«

»Weil … weil das eben so ist.«

»Das werden wir an der Tankstelle gleich sehen.«

Ein paar Kilometer weiter sah ich rechts die Leuchtreklame und bog in die Zufahrt ein. Der Tank war noch so gut wie voll, daher hielt ich neben dem Gebäude beim Zugang zum WC. Ich ging davon aus, dass Jessikas Erledigung dort stattfinden sollte. Wir stiegen aus, aber sie ging zum Kofferraum statt zur Toilette. Aus ihrer Reisetasche holte sie eine Pistole und reichte sie mir. Ich griff nicht zu.

»Nun nimm sie schon«, drängelte sie, »wenn du schon lange darfst, was ich darf.«

»Was soll ich mit der Waffe?«

»Ich habe hier einen Auftrag zu erledigen. Den übertrage ich jetzt eben dir.«

»Wieso … was für ein Auftrag? Nein, das geht nicht.«

Jessika sah sich um, aber es war nach wie vor kein Mensch in Sicht. Ob hier irgendwo im Dunkeln Kameras montiert waren, wusste ich nicht, aber ich ging davon aus, dass zumindest die Zapfsäulen überwacht wurden. Wir standen rund 10 Meter von ihnen entfernt.

»Also bleibt es beim Nein?«

Ich fragte: »Worum geht es denn überhaupt? Warum – wer – was soll das?«

»Das muss man nicht wissen, wenn es um die Erledigung dessen geht, was laut Nitzrek zu tun ist.«

»Ich will es aber wissen. Oder weißt du es auch nicht?«

Jessika schaute sich wieder um und erklärte dann: »Hinter diesem Gebäude parkt ein Tanklastzug, gefüllt mit Flüssiggas. Der Fahrer wird im Tunnel an der Grenze einen Unfall verursachen, der Tank wird aufplatzen und es werden zahlreiche Menschen in dem Flammeninferno ums Leben kommen, deren Zeit noch nicht gekommen ist. Daher endet das Leben des Chauffeurs der tödlichen Ladung hier und jetzt.«

»Nein«, widersprach ich, »wenn dieser Blick in die Zukunft stimmen sollte, dann genügt es, das Fahrzeug an der Weiterfahrt zu hindern. Die Reifen zerschießen von mir aus, aber nicht den Fahrer.«

Jessika schüttelte den Kopf. »Nein. Seine Zeit ist gekommen. Er würde« - sie blickte auf die Uhr - »in zwanzig Minuten am Steuer einen Herzinfarkt erleiden, aber noch miterleben, welches Grauen sein Tanklastzug anrichtet. Und dann eingeklemmt verbrennen, bei noch lebendigem Leib. Das ersparen wir ihm.«

Mir fielen allerlei Gegenargumente ein, man konnte den Mann schließlich ansprechen und von der Weiterfahrt abbringen, sein Fahrzeug lahmlegen, notfalls vor der Tunneleinfahrt mit dem quergestellten Auto die Straße blockieren … doch Jessika ließ mir keine Zeit mehr. Sie hielt mir noch einmal die Waffe hin und sagte: »Jetzt. Du oder ich?«

In diesem Moment glaubte ich, die beste Idee der letzten Tage zu haben. Ich nahm die Pistole entgegen. Es blieb ja mir überlassen, ob und wohin ich damit schießen würde, wenn ich sie erst einmal in der Hand hatte.

»Okay«, sagte ich. »Wo ist der Mann?«

»Er kommt gleich durch diese Tür.«

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So, nun liegt es in der Hand der Blogbesucher, wie es weiter geht:

Es kommt zum ...
... flammenden Inferno im Tunnel.
... Tod des Fernfahrers.
... ach du liebe Güte! Noch viel schlimmeren Unglück!
Auswertung

 

Fortsetzung folgt, wie auch immer …

Dienstag, 16. August 2011

Von Männern, von Frauen und vom Glück

Es dauert noch mit der Fortsetzung der Jessika-Erzählung. Zur Überbrückung hier mal ein was etwas älteres, gleichwohl nicht veralteter Blogbeitrag vom November 2007.

 

Teil 1: Es ist nicht schwer, eine Frau glücklich zu machen.

Ein Mann muss lediglich...

1. ein Freund,

2. ein Kamerad,

3. ein Liebhaber,

4. ein Bruder,

5. ein Vater,

6. ein Könner,

7. ein Koch,

8. ein Elektriker,

9. ein Zimmermann,

10. ein Klempner,

11. ein Mechaniker,

12. ein Inneneinrichter,

13. ein Stilberater,

14. ein Sexologe,

15. ein Gynäkologe,

16. ein Psychiater,

17. ein Kammerjäger,

18. ein Arzt,

19. ein Heiler,

20. ein guter Zuhörer,

21. ein Organisator,

22. ein guter Vater,

23. sehr sauber,

24. mitfühlend,

25. athletisch,

26. warm,

27. aufmerksam,

28. galant,

29. intelligent,

30. witzig,

31. kreativ,

32. sanft,

33. stark,

34. verständnisvoll,

35. tolerant,

36. weise,

37. strebsam,

38. fähig,

39. mutig,

40. zielstrebig,

41. echt,

42. verlässlich,

43. leidenschaftlich,

44. und anteilnehmend

...sein, ohne jemals zu vergessen,

45. regelmäßig Komplimente zu machen,

46. Einkaufsbummel zu lieben,

47. aufrichtig zu sein,

48. sehr reich zu sein,

49. sie nicht unter Druck zu setzen,

50. keine anderen Frauen anzuschauen.

Gleichzeitig muss er noch:

51. ihr viel Aufmerksamkeit schenken, aber selbst wenig erwarten,

52. ihr viel Zeit schenken, besonders Zeit für sich selbst und

53. ihr viel Freiraum gewähren, ohne sich Gedanken zu machen, wo sie wohl sein mag.

Es ist sehr wichtig...

54. niemals Geburtstage, Jahrestage und Verabredungen zu vergessen.

 

Teil 2: Wie eine Frau einen Mann glücklich macht

1. Nackt ins Zimmer kommen und ein Bier mitbringen.

 

P.S.: Text in Englisch gefunden in der English Lounge auf Xing und selbst übersetzt. Foto gefunden irgendwo im weiten Internet, weißnichtmehrwo.
P.P.S.: Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder realen Zuständen wäre unbeabsichtigt und rein zufällig.
P.P.P.S.: Der Übersetzer übernimmt keine Haftung für die Wirksamkeit der aufgelisteten Maßnahmen.

Freitag, 12. August 2011

Montag, 8. August 2011

Ich schaue mir zur Zeit lieber ...

... solche Landschaften an, statt auf den Computerbildschirm zu blicken.

P8073455

Daher bleibt dieser Blog einstweilen urlaubsbedingt still und ruhig.

Dienstag, 2. August 2011

Urlaub ...

... ist was Schönes. Auch- oder gerade ohne ständig verfügbares Internet.


Montag, 1. August 2011

Jessika–die Konfrontation /// Teil 10

Wir erinnern uns noch, liebe Leser? Immerhin war die Pause zwischen der letzten Folge und dieser länger als sonst. Hier kann man noch mal nachschauen: [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3] [Teil 4] [Teil 5] [Teil 6] [Teil 7] [Teil 8] [Teil 9]

Und nun ohne weitere Vorrede gleich in medias res.

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»Was wird aus dir, wenn ich ablehne?«, fragte ich.

»Wenn du mich nicht lieben kannst oder willst, Johannes, dann kann es dir auch egal sein, was aus mir wird. Wenn du dir weiter einreden willst, ich sei nur ein Produkt deiner Fantasie, du hättest mich erdacht, erschaffen, dann spielt es doch für dich überhaupt keine Rolle, ob ich lebe oder sterbe, existiere oder ausgelöscht werde.«

Damit hatte sie so Unrecht nicht, aber mein Zwiespalt ließ sich natürlich nicht auf derart simple Art lösen. Ich brauchte Zeit, um irgendwie zu einem Schluss zu kommen, ob ich in dieser abstrusen Geschichte, die ich mir so noch nicht einmal hätte ausdenken, weiter mitspielen wollte.

Jessika schenkte mir noch einmal von dem Nektar ein, der mir auf so wundersame Weise zu neuen Kräften verhalf und wiederholte, was sie schon vorhin geflüstert hatte: »Wir haben Zeit, viel Zeit. Ich liebe dich, Johannes, aber ich will nichts erzwingen, was du nicht möchtest.«

 

Wäre dies eine erdachte Erzählung, dann würde ich als Autor an dieser Stelle einen Traum in der Nacht einfügen, der irgendwie dem Protagonisten den Weg weist oder – was angesichts des bereits angerichteten Tohuwabohu fast unmöglich wäre – alles auflöst. Oder ich würde mich, da dies ja eine Erzählung in der ersten Person wäre, am Morgen in der normalen Welt aufwachen lassen, um dann irgendwie den Lesern zu vermitteln, dass dies alles nur verwirrtes Träumen, meinetwegen unter Drogeneinfluss, oder eine kurzfristige mentale Störung gewesen sei.

Jedoch: Als ich am Morgen aufwachte, in Jessikas Schlafzimmer, lag sie neben mir und blickte mich liebevoll an. Sie, die es nicht geben konnte. Sie, in die ich inzwischen zutiefst verliebt war, ohne es zugeben zu wollen.

»Ausgeschlafen?«, fragte sie.

»Ich glaube schon. Und du?«

»Sowieso. Wir brauchen weniger Schlaf als ihr, auch so ein Vorteil unter vielen. Es sei denn, jemand ist eine passionierte Schlafmütze.«

Die Sonne schien durch die Ritzen der Jalousie, ich fühlte mich ausgeruht und wieder völlig hergestellt. Zu gerne hätte ich jetzt Jessika in die Arme genommen … aber ich wollte mir erst klar darüber werden, in welcher Situation ich eigentlich steckte, wo und wann ich den Verstand verloren hatte, bevor ich dem Drängen und Sehnen in mir nachgab.

Sie strich mir sanft über die Stirn und sagte: »Im Bad habe ich ein Duschgel und einen Rasierer für dich bereit gestellt, falls du die Stoppeln loswerden willst.«

»Danke.«

Ich wusste nicht, ob sie die Stoppeln im Gesicht meinte, oder die weiter unten am Körper. Da sie mich nur mit meinem regelmäßig auf 2 Millimeter gestutzten Bartwuchs kannte, vermutete ich letzteres.

»Und dein Elektrorasierer zum Drei-Tage-Bart-Wiederherstellen liegt unter dem Spiegel bereit«, ergänzte sie.

Nun wusste ich, welche Stoppeln sie gemeint hatte und stand auf, um ins Bad zu gehen. Ich wartete einen Augenblick, ob mir wieder schwindelig werden würde, aber das war nicht der Fall. Ich war wohl tatsächlich völlig wieder hergestellt. Der Bademantel war nirgends zu sehen, aber da Jessika mich zehn Tage lang gepflegt und gestern zum Klo getragen hatte, abgesehen von unserem nächtlichen Bad im See zuvor, gab es sowieso nichts an mir, was sie nicht schon gesehen hatte. Sie hatte mir am Vorabend auf meine Frage, wie sie mich denn so lange sauber gehalten hatte, unbekümmert erklärt, dass sie einen Katheder gelegt habe (»ich war auch mal ein paar Jahre, dreißig oder so, Krankenschwester«), ansonsten habe sie mich täglich gewaschen, abgetrocknet und die Haut eingekremt, außerdem regelmäßig umgelagert, um einem Dekubitus vorzubeugen, das sei ja wohl selbstverständlich.

Als ich unter der Dusche stand und das Prasseln des heißen Wassers auf der Haut genoss, kam mir plötzlich ein Gedanke, aus heiterem Himmel, ein Gedanke, der bereits ein kleines Stück Erkenntnis in sich barg: Jetzt bist du Jessika so hilflos ausgeliefert wie sie dir ausgeliefert war, als sie deine literarische Figur war. Und wie fühlt sich das an?

Es fühlte sich nicht gut an. Natürlich nicht. Den Personen in meinen Erzählungen konnte ich ihren Weg vorschreiben, selbst wenn sie mich manchmal überraschten – letztendlich war ich der Autor und hatte das letzte Wort. Und nun wurde auf einmal mit mir nach Gutdünken verfahren, seit sich Jessika vor dem Hotel Klika an meinen Tisch gesetzt hatte. Selbst mein Experiment mit dem Schwarzen Turm war nicht so ausgegangen, wie ich es mir vorgestellt hatte, sondern hatte zum Tod eines kleinen Mädchens geführt.

Mir fiel der Schluss der Erzählung über Jessika in Italien ein, während ich mit dem handlichen Rasierer die Stoppeln entfernte. Damals hatte ich geschrieben:

Jessika nahm ihre Zigaretten aus der Handtasche. Sie zündete sich eine Pall Mall an und spielte gedankenverloren mit dem Feuerzeug in der rechten Hand.

»Du sagst mir nicht, was ich zu tun und zu lassen habe«, sprach sie in die kühle Morgenluft. »Du nicht, Johannes – oder wie immer du auch heißen magst. Ich bin nicht dein Geschöpf, mit dem du nach Belieben umspringen kannst.«

Sie nahm einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette und schritt dann zielstrebig auf die Tankstelle zu.

»Aber das war eine Erzählung. Und jetzt stehe ich hier in ihrer Wohnung in der Dusche«, belehrte ich die Kachelwand vor meiner Nase.

Bob Dylan fiel mir ein. How does it feel? How does it feel? To be without a home, with no direction home, like a complete unknown?

»Das fühlt sich Scheiße an«, erklärte ich der Wand. »Entschuldige den vulgären Ausdruck, liebe Duschkabine, aber so ist es.«

Ich drehte das Wasser ab und schob die gläserne Trennwand auf. Neben dem Waschbecken stand eine kleine Kommode, auf der ein Stapel flauschiger Handtücher bereit lag. Ich trocknete mich ab und überlegte erst dann, wo eigentlich meine Kleidung sein mochte. Mir jetzt züchtig ein Handtuch um die Hüften zu schlingen wäre albern gewesen, also ging ich im Adamskostüm zurück ins Schlafzimmer. Das Bett war gemacht, auf der Tagesdecke lagen Jeans, T-Shirt und Unterwäsche bereit. Ich zog mich an und folgte dann dem Duft von frischem Kaffee in die Küche.

Auf dem Tisch standen eine Thermoskanne, eine Tasse, eine Karaffe mit Milch und es lag ein Zettel für mich bereit.

Solltest du wider Erwarten Hunger haben, bedien dich aus dem Kühlschrank. Normalerweise frühstückst du ja nicht, aber nach der langen unfreiwilligen Fastenzeit …
Ich bin gegen Mittag zurück.
Falls du nicht auf mich warten willst: Dein Gepäck steht im Wohnzimmer neben dem Kamin bereit, der Autoschlüssel ist im Reißverschlussfach. Dein possierliches Nitromonstrum steht in der Tiefgarage, das Tor öffnet sich beim Ausfahren automatisch.
Wenn du auf mich wartest: Danke!
Liebe Grüße, J.

Ich schenkte mir Kaffee ein und schaute aus dem Küchenfenster. Die Umgebung war mir fremd, aber ich kannte von Budweis ja auch nicht viel mehr als die Altstadt. Ich befand mich offenbar in einem ruhigen Neubaugebiet, auf der Straße unten war kaum Verkehr, die drei- bis vierstöckigen Häuser in meinem Blickfeld waren zum Teil noch nicht fertig.

Mit der Tasse in der Hand spazierte ich ins Wohnzimmer. Wie versprochen stand mein Koffer dort, mein Telefon lag darauf. Ich schaltete es ein, der Akku war frisch geladen. In der Außentasche des Koffers befanden sich meine Brieftasche und der Autoschlüssel. Ich öffnete das Gepäckstück, es schien alles drin zu sein, was mit gehörte. Allerdings waren die Kleidungsstücke ordentlicher zusammengelegt als ich es zu bewerkstelligen vermochte, und meine gebrauchte Wäsche war frisch gewaschen. Mein Notebook samt Ladegerät war ordentlich im Extrafach verstaut.

Sollte ich abreisen? Wollte ich abreisen? War dies der Weg zurück in ein normales Leben, in dem keine erdachten Figuren leibhaftig ihr Unwesen mit mir treiben konnten?

Vielleicht. Womöglich. Unter Umständen.

Ich ging zurück in die Küche und schenkte mir Kaffee nach. Dann las ich noch einmal Jessikas Zeilen und beschloss, auf sie zu warten. Sie hatte mir immerhin, wenn alles so geschehen war wie sie es mir erzählt hatte, das Leben gerettet. So ohne Abschied einfach verschwinden – nein, das wollte ich nicht.

Du willst gar nicht fort von ihr.

Stimmte dieser Gedanke? Ja. Wenn ich ehrlich zu mir selber war, dann wollte ich nichts weiter als das Leben künftig mit Jessika zu teilen. Doch gleichzeitig hatte ich Angst, eine unbestimmte Furcht nagte an mir, vor etwas Unbekanntem, Unbestimmbaren. Ich hatte mir das Überleben der Nephilim bis heute und ihre Fähigkeiten ausgedacht, Nitzrek war meine Erfindung, aber wenn meine ebenso erfundene Jessika auf einmal Realität war, wie konnte ich dann sicher sein, dass der Rest Fantasie bleiben würde? Zumal ich mit eigenen Augen gesehen hatte, wie Jessika ein kleines Mädchen tötete. Nicht in einer Erzählung, nicht in einem Traum, sondern ein paar Schritte von mir entfernt auf dem Turm über den Dächern von Budweis.

Trotzdem willst du nicht fort von ihr.

 

Als Jessika gegen 12:30 in ihre Wohnung zurückkehrte, saß ich auf dem Sofa und las in einem spannenden Buch. Die umfangreiche Bibliothek hatte ich entdeckt, als ich neugierig die Räume inspizierte, die ich noch nicht gesehen hatte. Neben der Eingangstür lag links ein Gäste-WC, daneben eine Art Büro oder Arbeitszimmer mit zwei Schreibtischen und einer ganzen Regalwand mit Aktenordnern. Die Beschriftungen verrieten mir nichts über den Inhalt, es waren nur Zahlen-Buchstabenkombinationen. So weit, einen Ordner zu öffnen, reichte meine Neugierde nicht. Auch den PC rührte ich nicht an. Die nächste Tür führte in die Küche, und geradeaus mündete der Flur ins Wohnzimmer. Rechts gab es das Schlafzimmer, das Badezimmer und einen Raum, dessen Wände mit Bücherregalen bis zur Decke ausgestatten waren, auch links und rechts des Fensters, das der Tür gegenüber lag. Über dem Fenster hing ein Gemälde, darunter stand ein Tisch, auf dem weitere Bücher lagen. Ich versuchte, zu schätzen, es mussten weit über 2000 Bücher in diesem Raum untergebracht sein. Tschechische, deutsche, englische, italienische Titel, eine ganze Menge ältere Lederausgaben in Latein und mehrere Regalmeter in einer Schrift, die hebräisch oder arabisch sein mochte. In einem Regal lagen Schriftrollen, die ich vorsichtshalber nicht anrührte, so zerbrechlich wirkte das Pergament. Manche Werke waren uralt, einiges auf dem Tisch hatte ich kürzlich bei den Neuerscheinungen auf Amazon gesehen.

Ich stand lange vor den Regalen, schmökerte in zahlreichen Büchern, schließlich nahm ich »Das Kind« von Sebastian Fitzek mit ins Wohnzimmer und machte es mir gemütlich. Als Jessika zurück kam, hatte ich das halbe Buch gelesen. So manche Formulierung, wie immer bei Fitzek, verursachte ein Stirnrunzeln, aber spannend erzählt war die Geschichte allemal. Die Idee, die der Handlung zu Grunde lag, war ähnlich der, die mein Freund Günter J. Matthia für seinen Roman »Sabrinas Geheimnis« verwendet hatte, aber die Geschichte war doch eine ganz andere.

Jessika warf einen Blick auf das Buch. »Spannend, nicht wahr?«

»Ja. Durchaus spannend.«

»Du bist also noch hier. Hast auf mich gewartet.«

»Offensichtlich.«

Ich legte das Buch weg, stand auf und nahm sie fest in die Arme. »Ich gebe es zu«, sagte ich. »Ich liebe dich.«

Sie drückte mich an sich. Die Welt ringsherum wurde unwichtig. Hätte einer der biblischen Autoren unsere Geschichte erzählt, wäre seine Wahl der Formulierung an dieser Stelle vermutlich auf »und er erkannte sie und sie wurden ein Fleisch« gefallen.

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Eine Frage an die geschätzten Leser gibt es ausnahmsweise nicht, denn es ist ja in der Fortsetzung noch die Entscheidung der Abstimmung aus Teil 9 umzusetzen, nachdem hier endlich das Abstimmungsergebnis von Teil 8 mit den letzten paar Worten verwirklicht wurde. Die Angelegenheit mit dem Bund soll dann in Teil 11 passieren – wie, weiß ich selbst noch nicht.

Fortsetzung folgt, irgendwann.