Montag, 4. Oktober 2010

Vom verschobenen Blogbeitrag

Eigentlich wollte ich heute einen Beitrag bringen, der sich mit Theorie und Praxis beschäftigt, aber als ich ihn noch einmal durchlas, schien er mir auf einmal aus einem bestimmten Blickwinkel noch nicht richtig durchdacht.

Also kommt er später. Sobald ich ihn noch einmal überarbeitet haben werde.

Also gibt es heute hier nichts.

Nanu? Da weint jemand?

Huch? Noch jemand weint?

Na gut. Dann gibt es wenigstens den Anfang des verschobenen Beitrages:

Wir wollen mal ein wenig schwarz-weiß-Malerei betreiben:

Der Theoretiker stellt Fragen. Warum ist das so, wie es ist? Muss das so bleiben, wie es ist? Ist das zwingend so, wie es ist? Was wäre, wenn das nicht mehr so wäre, wie es ist?

So. Aus. Mehr dann, wenn es so weit ist. Schluss jetzt.

Sonntag, 3. Oktober 2010

Von Rillen und Nadeln

Eine gewisse Zeit vor dem jährlichen Geburtstag wird man in der Regel von Freunden und Verwandten bezüglich eines Wunsches befragt, denn die schöne Sitte, zum Wiegenfeste etwas zu schenken, hat bis heute alle Wirren der Zeit überdauert. Ich wurde allerdings in diesem Jahr so gut wie gar nicht nach meinen Wünschen gefragt, denn ich hatte bei der Einladung zur 55er Feier den lieben Gästen gleich mit auf den Weg gegeben, dass ich mich über schnöden Mammon in eine Sammlung hineingelegt am meisten freuen würde, da ich mir einen größeren Wunsch erfüllen wollte: Zu meinen mehreren Hundert Schallplatten ein Gerät erwerben, mit Hilfe dessen dem überwiegend schwarzen Vinyl Musik zu entlocken ist.

Erstes Lied, Seite 1

Gestern war ich nun mit der besten aller Ehefrauen einkaufen und kann – nach viele Jahren Zwangspause mangels Plattenspieler -  seit dem späten Nachmittag nun wieder meine Schallplatten genießen. Vielen Dank, ihr lieben Geburtstagsgäste, für eure großzügigen Gaben, die nun langjährige Freude schenken werden. Bei aller Liebe zu Technik und Elektronik ist es doch etwas ganz besonderes und irgendwie unvergleichliches, wenn sich die Nadel senkt und der Genuss beginnt…

Ach ja, noch eine Frage an die ganz schlauen Blogbesucher: Wie viele Rillen muss die Nadel bei einer durchschnittlichen Langspielplatte (ca. 25 Minuten pro Seite) abtasten?

Samstag, 2. Oktober 2010

Verbalinkompetenz

Das verbale Ausdrucksvermögen bezüglich ihrer Emotionen ist bei manchen Zeitgenossen erschreckend eingeschränkt. Wenn die Reporter des Berliner Regionalfernsehens beispielsweise nach einem gelungenen Konzert oder einem Sieg des heimischen Fußballvereins den Besuchern das Mikrophon entgegenhalten, beschränken sich die Äußerungen auf einige wenige Variationen, die überwiegend aus »voll«, »Hammer« und »geil« zusammengesetzt werden, gelegentlich ergänzt mit lautmalenden Spracheskapaden, die niederzuschreiben schwer fällt. Wie buchstabiert man denn »boaaah« oder »wau/wow/woahu/ohwau« und ähnliche Stöhn- oder Heullaute?

Das war voll geil. Es war hammermäßig. Voll der Hammer. Hammergeil.

Der eine und die andere schafft es sogar, mit erweitertem Wortschatz zu glänzen, indem der Begriff »genial« hinzugefügt wird. Die größtmögliche Begeisterung hört sich dann so an:

Echt voll geil, genial der Hammer!

Ähnliche Einschränkungen scheinen beim Ausdruck von negativen Empfindungen zu herrschen.

Ey, voll krass. Hammerkrass. Ey boah ey. Ich bin total daun. Hammermäßig krass.

Manchmal frage ich mich, ob die Gefühle dieser Menschen genauso eingeschränkt sind wie ihre Fähigkeit, Empfingungen auszudrücken.
Dann wären sie ja doppelt zu bedauern, mit doppelter Behinderung. Oder: Das wäre voll der Hammer krass. Boah ey!

P.S.: Ich musste einfach mal wieder losmeckern über den Verfall der Sprache, obwohl ich weiß, dass es gar nichts nützt.
P.P.S.: Ohne die solchermaßen losgewordene Trübsal geht es mir nun besser. Noch nicht voll genial geil, aber auch nicht mehr so hammerkrass.

Donnerstag, 30. September 2010

Neuland – Das Ende

Bevor ich mich verbal und virtuell verprügeln lasse, gebe ich dem Drängeln nach und präsentiere das Ende der Geschichte. Nicht allen wird er schmecken, der letzte Gang. Neu hinzustoßenden Lesern würde ich allerdings empfehlen, zunächst – auch wenn es eine Weile dauert – die vorangegangenen Teile zu lesen. Sonst ist der Schluss gar kein Schluss.

Die Teile: [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3] [Teil 4] [Teil 5] [Teil 6] [Teil 7] [Teil 8] [Teil 9] [Teil 10] [Teil 11]

So. Und nun – auf eigene Gefahr der verehrten Leser – der Schluss.

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Bitteres Erwachen

»Herr Wegemann! Können Sie mich hören, Herr Wegmann?«

Er grub sich durch den Tunnel der lähmenden Finsternis und versuchte, zu begreifen, was vor sich ging.

»Herr Wegemann! Kommen Sie zu sich. Sind Sie da?«

Wer war dieser Herr Wegmann? Es war Asthanthes Stimme, die da rief. Er konnte nicht gemeint sein, aber irgendwie hatte es doch mit ihm zu tun.

»Hören Sie mich? Können Sie die Augen aufmachen?«

Er versuchte es, und tatsächlich hoben sich die Augenlider und gaben einen kleinen Spalt frei. Das Licht blendete ihn und er erkannte nichts. Er blinzelte, schaute, blinzelte.

»So ist es gut! Wachen Sie auf, Herr Wegemann!«

Er wollte Asthante mitteilen, dass es keinen Herrn Wegemann mehr gab, dass sein Name Anron sei, aber dazu war er noch nicht fähig. Er konnte nur verständnislos die merkwürdige Umgebung mustern, in der er die Augen geöffnet hatte.

»Er wacht tatsächlich auf«, sagte eine Männerstimme. War der Besuch gekommen, während er schlief? Warum hatte Astanthe, ihn nicht rechtzeitig geweckt? Nein. Er schlief und träumte. Doch was sollte das für ein merkwürdiger Traum sein, in dem er geweckt wurde und sofort wusste, dass er schlief? Er musste träumen, denn das was er sah, gab es schon seit Hunderten, nein, seit Tausenden von Jahren nicht mehr.

Eine Infusionsflasche, elektrisches Licht, Männer und Frauen in weißen Kitteln, Monitore. Er hörte, dass Lautsprecher vor sich hin summten und piepsten, aber das alles war doch längst Vergangenheit?

»Können Sie mich verstehen, Herr Wegemann?«

Seine Augen suchten nach der Quelle dieser freundlichen Stimme und fanden sie.

»Asthanthe, wo sind wir hier?«, flüsterte er so kraftlos und leise, dass er nicht sicher war, ob sie ihn verstanden hatte.

»Sie sind im Krankenhaus, Herr Wegemann. Es gab einen Unfall, aber jetzt sind Sie gut aufgehoben. Ich bin Dr. Neumeier.«

»Wo sind Bjora und Bersan?« brachte er mühsam hervor. »Wo ist unser Kind?«

Einer der Männer benetzte ihm die Lippen mit ein paar Tropfen Wasser und schaute fragend zu Asthanthe? Frau Dr. Neumeier? hinüber. »Bisoprolol?«, fragte der Mann.

Asthante? Dr. Neumeier? sagte »später« und sah ihm weiter in die Augen, der Blick auf vertraute Weise beruhigend. Sie erklärte: »Sie hatten einen Unfall, Herr Wegemann. Sie waren lange im Koma, aber jetzt sind Sie wieder bei uns und werden gesund. Versuchen Sie, wach zu bleiben, eine kleine Weile. Haben Sie Schmerzen?«

Ein Unfall? Koma? Er wollte sich dagegen wehren, die andere, neue Welt war so viel schöner gewesen. Mochte dies hier unter Umständen doch kein Traum sein? Halt, nein. Das konnte nicht stimmen, schließlich stand Asthanthe an seinem Bett. Zwar nicht nackt wie gewohnt, sondern in einem weißen Kittel, aber er erkannte sie ohne jeden Zweifel, schließlich hatte er fast ein Jahr mit ihr gelebt.

»Haben Sie Schmerzen, Herr Wegmann?«, wiederholte sie ihre Frage.

Es war seine Asthanthe, obwohl sie eine Brille trug. Sie nahm seine Hände – vorsichtig, damit die Nadel nicht verrutschte -  in ihre und hielt sie fest, eine vertraute und liebgewonnene Geste, sah ihm weiter in die Augen und fragte: »Können Sie mich verstehen?«

»Ja, ich verstehe dich«, flüsterte er, dann schlief er wieder ein.

 

Healthcare upcloseAls er Stunden später aufwachte, stand sie wieder an seinem Bett und nahm sofort seine Hände.

»Wie viel Zeit ist vergangen?«, fragte er.

»Sie waren drei Monate und vier Tage ohne Bewusstsein, Herr Wegemann.«

»Was ist geschehen?«

»Wie fühlen Sie sich? Haben Sie Schmerzen?«

Er prüfte seine Empfindungen. »Nein, ich habe keine Schmerzen, ich bin nur sehr müde. Was ist mit mir passiert?«

»Gleich, Herr Wegemann, ich erzähle es Ihnen. Versuchen Sie jetzt bitte, Ihre Arme und Beine zu bewegen, geht das?«

Er gab sich Mühe, konnte aber nicht feststellen, ob er Erfolg hatte. Die Ärztin nickte jedoch zufrieden und lächelte.

»Sie sind noch sehr geschwächt, aber das bringen wir schon in Ordnung. Sie müssen Geduld haben, dann wird es gehen.«

»Wo bin ich und warum?«

»Sie sind in München, man hat Sie eingeflogen, nachdem man Sie gefunden hatte. Woran können Sie sich als letztes erinnern?«

Er dachte angestrengt nach, aber er wusste nicht, welchen Zeitpunkt er suchte. Es konnte nicht das Tor in jener Nacht des Krieges gewesen sein, dann gäbe es dieses Krankenhaus nicht mehr. Vorher. Irgendwo vorher? Er war aufgewacht und hatte im Morgengrauen die Säulen? gesehen. Noch weiter zurück? Was war vorher gewesen? Geräusche in der Nacht. Krachen und Knarzen, vor dem Grauen des Morgens.

»Ich glaube, ich habe irgendwelche Geräusche gehört, und bin davon aufgewacht. Kann das sein?«

»Das ist möglich. Wissen Sie noch, wo Sie waren?«

»Ich lebe in einer kleinen Hütte im Wald, nahe der polnischen Grenze. Oder nicht?«

»Doch, das ist richtig. Man hat Sie dort aus den Trümmern ausgegraben. Ein Sportflugzeug ist abgestürzt, und hat ausgerechnet sie Lichtung erwischt, auf der die Hütte stand.«

»Mitten in der Nacht?«

»Es flog ohne Erlaubnis, vermutlich eine zwielichtige Geschichte. Zigarettenschmuggel in großem Stil haben die Zeitungen geschrieben. Sie haben heute Mittag, als Sie zum ersten Mal kurz aufwachten, etwas von einem Kind gesagt. Gab es ein Kind bei Ihnen? Andere Personen?«

»Nein, es gab wohl kein Kind. Noch nicht. Er ist ein wunderschöner Junge. Wollen Sie mich heiraten, Frau Dr. Neumeier? Dann wäre es möglich, dass wir einen ganz entzückenden Sohn haben.«

Sie lachte fröhlich. »Das ist der originellste Heiratsantrag, den ich jemals bekommen habe. Aber ich muss Sie leider enttäuschen, einstweilen sind Sie ans Bett gefesselt und können keinen Traualtar aufsuchen.«

»Schade. Verraten Sie mir trotzdem Ihren Vornamen? Ich heiße Fritz und vermute, dass Sie nicht Asthanthe heißen.«

»Ist das polnisch?«

»Nein, das ist ein Name aus einer anderen Welt.«

»Meiner ist sehr irdisch. Ich heiße Eva. Jetzt sollten Sie wieder schlafen, Fritz, damit Sie zu Kräften kommen. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, Eva. Vielleicht möchten Sie ja in ein paar Wochen einen alten Waldschrat heiraten?«

Sie ließ wieder ihr ansteckendes, fröhliches Lachen hören. »Ach Herr Wegemann, ich meine Fritz, schlafen Sie gut. Vielleicht träumen Sie ja von unserer Hochzeit und können mir dann morgen erzählen, wie mein Brautkleid aussieht.«

»Das werde ich. Oder ich träume von jener Welt, die Sie leider nicht kennen und in der Sie bereits meine Frau sind. Es ist übrigens schade, dass ich jetzt aufgewacht bin, denn eigentlich wollte Gott zu Besuch kommen.«

»Wenn es der Genesung dient, habe ich nichts dagegen, dass er Sie heute Nacht besucht«, versicherte sie. »Falls Sie noch nicht gleich einschlafen können, kann ich Ihnen den Fernseher anmachen. Das Programm ist normalerweise das beste Schlafmittel. Den Ton lasse ich ganz leise, damit er Sie nicht wachhält.«

Fritz nickte. Sie richtete die Fernbedienung, die auf seinem Nachttisch lag, auf einen flachen Bildschirm an der gegenüberliegenden Wand.

Fritz hatte seit mehr als sieben Jahren kein Fernsehgerät gesehen und das flache Ding nicht als solches identifiziert. Erstaunt beobachtete er die Uhr vor dem Beginn der Tagesschau. Das Piepsen war kaum zu hören, so leise hatte die Ärztin das Gerät eingestellt.

Er war sehr müde und schloss die Augen. Er hörte die Fanfare und dann die Stimme des Sprechers. Guten Abend, meine Damen und Herren. Bei den Wahlen in Russland bahnt sich eine Sensation an. Nach den ersten Hochrechnungen hat der ultrakonservative…

Fritz Wegemann schlief ein.

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Ende.

Dienstag, 28. September 2010

Neuland – Teil 11

Zunächst die Pflichtübung, der Verweis auf die vorangegangenen Teile: [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3] [Teil 4] [Teil 5] [Teil 6] [Teil 7] [Teil 8] [Teil 9] [Teil 10]

Nun die gute Nachricht für zappelige Leser: Gleicht geht es mit Teil 11 weiter.

Hier eine Nachricht zur Folge 10: Die Überschrift hätte da nicht hingehört. Sondern eher über das Kapitel 11.

Und nun die schlechte Nachricht für die Nimmersatten: Dies ist die vorletzte Folge. Teil 12 wird der Schluss der Geschichte sein. Tja.

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Kommt Besuch?

Sie hatten Angst gehabt, alle vier. Keiner von ihnen verfügte über eine medizinische Ausbildung, und es gab nichts, was früher, in jener vergangenen Welt, selbstverständlich gewesen war. Keine Hebamme, keinen Kreißsaal, keine ärztliche Begleitung. Aber die Angst war unbegründet, wie sich herausstellte. Die Geburt der beiden ersten Kinder im Neuland verlief ohne jegliche Komplikationen, fast beiläufig. Der Fluch des Kindergebärens unter Schmerzen schien seiner Wirksamkeit verlustig gegangen zu sein.

Ein kalter Winter lag hinter ihnen. Sie hatten ihn ohne Mangel überstanden, da sie rechtzeitig eine reiche Ernte eingebracht und genügend Vorräte eingelagert hatten. Während der Wochen, in denen der Schnee hoch lag, hatten sie einander nicht besuchen können, da sie es nicht riskieren wollten, dass jemand auf einem vereisten Hang stürzte, abgesehen davon, dass ein Durchkommen durch die Schneemassen ausgesprochen mühsam gewesen wäre. Ihre Wohnungen lagen einen halben Tagesmarsch auseinander, an den entgegengesetzten Enden eines Tales, das von Bergspitzen eingerahmt geradezu ideale Lebensbedingungen bot. Bersan und Bjora hatten eine Höhle mit zwei Räumen bezogen, während Asthante und Anron sich ein Blockhaus gebaut hatten, eine Unternehmung, die ihnen erst gelang, nachdem sie taugliche Werkzeuge aus Stein hergestellt hatten.

Ob das Tal von den Hütern und Hirten für sie vorbereitet worden war oder ob das Klima ganz natürlich für die vielfältigen Früchte, Korn, Kartoffeln und sogar Weinreben an einem Abhang gesorgt hatte, blieb ihnen verborgen. Sie ernährten sich überwiegend vegetarisch, aber gelegentlich gab es auch Hasen- oder Rehbraten. Nachdem sie in den ersten Wochen noch versucht hatten, mit Hütern oder Hirten Kontakt aufzunehmen, hatten sie irgendwann begriffen, dass sie selbst diese Funktionen bekommen hatten.

Sie hatten nie den Versuch unternommen, eine Zeitrechnung wieder einzuführen, es spielte keinerlei Rolle, ob nun Montag oder Mittwoch war. Es war ebenso unerheblich, ob es 10 Uhr oder 14 Uhr sein mochte.

Basthera Die beiden Kinder kamen im Abstand von zwei Tagen zur Welt, ein paar Wochen bevor der Frühling den Schnee aus dem Tal vertrieb. Asthante und Anron nannten ihren Sohn Airos. Der Klang des Namens gefiel ihnen, sie wussten nicht, ob er eine Bedeutung hatte, aber das spielte keine Rolle, fanden sie. Airos war kräftig und vollkommen gesund, soweit sie das beurteilen konnten.

Bjora und Bersan war das Geschrei ihrer kleinen Basthera eine Erlösung. Sie hatten befürchtet, das Kind könnte wie seine Mutter ohne Stimme geboren werden, aber auch diese Angst erwies sich als unbegründet.

Bjora hatte immer wieder versucht, einigermaßen verständliche Laute hervorzubringen, seit sie in der Höhle dem finsteren Zorgas begegnet waren und Bjora zum ersten Mal im Leben ihre eigene Stimme gehört hatte. Es waren verzweifelte Schreie gewesen, aber es war eine Stimme. Geduldig beobachtete sie, wie Bersan beim Sprechen die Lippen bewegte, legte ihre Hände auf seinen Hals und seine Brust, um die Vibrationen seiner Stimme zu spüren. Sie konnte stumme Worte mit den Lippen formen, die er ablas, aber die Stimmbänder gehorchten ihr nicht.

Basthera dagegen äußerte mit zufriedenem Glucksen, kräftigem Gebrüll oder fröhlichem Quietschen ihre jeweilige Stimmungslage.

 

»Wie gefällt euch euer Schwiegersohn?«, fragte der stolze Anron, als die beiden Familien sich sechs Wochen nach den Geburten, nachdem die Schneeschmelze vorüber war, in der Höhle der B-Familie trafen.

Bersan war nicht weniger stolz als Anron. Er hob seine Tochter in die Höhe und sagte: »Sehr gut, einen kräftigen Buschen habt ihr da. Ich hoffe, er wird mit seiner Frau zufrieden sein. Ich gebe mein Einverständnis zur Hochzeit!«

Asthante nahm die kleine Basthera in die Arme, Bjora kuschelte mit Airos.

Sie saßen in der wärmenden Sonne vor der Höhle, wo seit dem Herbst ein großer Tisch und zwei Bänke standen. Es hätten bequem acht Menschen Platz finden können. So weit war die Bevölkerung noch nicht gewachsen, aber Bersan hatte gemeint, wenn sie schon einen Essplatz im Freien schufen, dann gleich für die nächste Generation mit.

Beide Wohnungen waren mittlerweile ausgestattet mit Möbeln und allerlei Gefäßen, aus Ton geformt und gebrannt. Sogar das Teppichknüpfen hatten sie gelernt. Bjora hatte als kleines Kind gelegentlich einem Handwerker aus ihrem Dorf zuschauen dürfen, der Textilien herstellte, und sich verschiedene Techniken so gut gemerkt, dass sie ihre Gefährten unterrichten konnte.

Die Höhle und das Blockhaus waren leicht zu beheizen. Für den Winter hatten sich beide Paare Kleidung angefertigt, sogar einigermaßen bequeme Stiefel waren ihnen nach etlichen Fehlversuchen gelungen. Die Kleidung wurde jedoch nicht zur Gewohnheit, sondern nur dann angelegt, wenn es die Kälte draußen unbedingt verlangte. Es war allen vier Gefährten peinlich, sich angezogen zu begegnen, als seien die Hosen und Jacken etwas Unanständiges, Verwerfliches; Relikte aus einer anderen Welt, mit der sie nichts mehr zu tun haben wollten.

Zufrieden und gut gesättigt saßen sie nach dem Mahl auf den Bänken vor der Höhle, die Säuglinge schlummerten im Schatten auf einem weichen Fell. Asthante blickte hinüber zu dem munteren kleinen Bach und beobachtete zwei Vögel, die an einer flachen Stelle im Wasser badeten. Bald würde das Wasser der kleinen Seen im Tal wieder eine Temperatur haben, die zum Baden und Schwimmen einlud.

Bjora berührte sie am Arm, um ihren Blick auf sich zu lenken. Sie formte mit den Lippen langsam und deutlich die Worte: »Wir bekommen morgen Besuch.«

Die Gefährten hatten sich längst daran gewöhnt, dass Bjora – womöglich anstelle ihrer Stimme – eine besondere Gabe besaß, für die sie keinen rechten Namen fanden. Auch Anron hatte so manches empfunden, gespürt, ohne sagen zu können, warum oder woher, Asthante und Bersan hatten gelegentlich ähnliche Eindrücke der innerlichen Gewissheit, aber bei Bjora war die Fähigkeit viel ausgeprägter. Asthante hatte mit dem Begriff Prophetie versucht, der Gabe einen Namen zu geben, Anron war Hellsehen eingefallen, aber kein Wort beschrieb richtig das Phänomen. Bjora wusste nicht in erster Linie über Zukünftiges bescheid, obwohl das gelegentlich vorkam, wie damals, als sie auf dem Weg zur Begegnung mit Zorgas gewesen waren. Bjora wusste einfach manches, was sie nicht wissen konnte, wenn man ausschließen wollte, was in der früheren Welt nicht normal gewesen war. Sie wusste, welches Gestein zur Herstellung von Äxten und Messern taugte, führte die Gruppe zielstrebig zum ausgedehnten Kartoffelfeld, genauso zielstrebig, ohne zu suchen, zum Weinberg und zur einzigen Stelle im Tal, an der Feuerstein zu finden war. Als sie ihre Wohnungen einrichteten, war es immer Bjora, die eine Lösung für auftretende Schwierigkeiten wusste. Auch bei Problemen, die nicht – wie das Teppichknüpfen – mit ihrem vorherigen Leben in Zusammenhang gebracht werden konnten. Bjora wusste. Sie ahnte nicht, sie mutmaßte nicht, sie wusste. Woher, konnte sie allerdings selbst nicht erklären, sie versuchte es auch gar nicht.

Nun wusste sie offenbar, dass Besuch zu erwarten war.

Anron fragte: »Ein Wächter, ein Hüter?«

Bjora schüttelte den Kopf.

Bersan war besorgt: »Doch nicht etwa der widerliche Cowboy?«

Wieder ein Kopfschütteln.

»Menschen?«, versuchte es Asthante.

Bjora griff nach ihrer Schiefertafel und ihrer Kreide und schrieb: Gott.

Anron sagte sofort: »Ich glaube nicht an Gott. Wenn es einen Gott gegeben hätte, dann wäre so manches nicht passiert.«

Asthante meinte: »Ich bin nicht so sicher wie du. An den Gott, den man mir in jener anderen Welt gepredigt hat, glaube ich allerdings auch nicht. Aber vielleicht haben ja die Prediger Unfug geredet?«

»Eine Menge Unfug, so viel ist sicher«, antwortete Anron. »Der eine Gott hat seinen Leuten Sprengstoffgürtel umgebunden, damit sie möglichst viele Menschen umbringen oder sie gleich in Flugzeuge gesetzt, die man prima in Gebäude steuern kann. Der andere hat sich erst ein Lieblingsvolk ausgesucht, um dann dessen Nachbarn mit Mann und Maus bei Bedarf ausrotten zu können. Der nächste hat seinen Sohn sterben lassen bei dem vergeblichen Versuch, die Menschen zu retten. Soweit ich weiß, sind nur vier Exemplare übrig geblieben…«

Bjora lächelte und notierte auf ihrer Tafel: Er ist anders.

Bersan zuckte mit den Schultern. »Ich habe nie an Übernatürliches geglaubt, damals, aber seit ich hier angekommen bin, hat sich das geändert. Doch wohl bei uns allen, oder?«

»Ja, das stimmt schon«, gab Anron zu, »zumindest soweit es unsere Trennung von Natürlich und Übernatürlich aus der vergangenen Welt betrifft. Die Wächter, die Hirten, auch der beängstigende Zorgas, sie haben alle Fähigkeiten, die unsere übersteigen. Du übrigens auch, liebe Bjora. Aber das kann doch trotzdem natürlich sein, hier gelten eben erweiterte oder andere Naturgesetze, die ich nicht durchschaue. Die wir nicht durchschauen. Aber niemanden von diesen Wesen würde ich als Gott bezeichnen, es sei denn, wir kehren zu einem altertümlichen Götterbild zurück: Ein Gott für die Sonne, einen für das Gewitter, einen für die Tiere, einen für die Fruchtbarkeit …«

Beim Stichwort Fruchtbarkeit begannen Arios und Basthera gleichzeitig, sich zum Zwecke der Nahrungsaufnahme bemerkbar zu machen.

 

Als die Sonne hinter den Gipfeln verschwunden war, zogen sich die Familien in die Höhle zurück. In beiden Wohnungen gab es Platz genug für alle und genügend Lagerstätten, denn aufgrund des weiten Weges, der ihre Wohnorte trennte, war es üblich, dass sie stets über Nacht blieben, meist sogar mehrere Tage verweilten, wenn sie einander besuchten.

Anron schlief schon fast, als Asthante flüsterte: »Was würdest du Gott fragen wollen, wenn er tatsächlich zu Besuch käme?«

»Er kommt nicht«, brummte Anron. »Dieses Mal irrt sich Bjora.«

Asthante kuschelte sich an ihn und sagte: »Wir werden es ja sehen. Schlaf gut, ich liebe dich!«

»Vielleicht frage ich ihn, womit ich eine so wunderbare Frau verdient habe«, meinte Anron.

Bis sie dann wirklich einschliefen, verging noch eine ganze Weile.

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Fortsetzung, die letzte, folgt. Oder sollte ich schreiben: Ende folgt?

Montag, 27. September 2010

Neuland – Teil 10

[Teil 1] [Teil 2] [Teil 3] [Teil 4] [Teil 5] [Teil 6] [Teil 7] [Teil 8] [Teil 9]

In einem Kommentar zum vorigen Beitrag hatte ich ein längeres Kapitel angekündigt. Das war ein Irrtum. Diese Fortsetzung ist eine von den übersichtlicheren… Na so was.

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Eine Heimat

Sie stiegen weiter in die Berge empor.

Asthanthe und Anron hatten auf ihrer Wanderung viel geredet, konnten einander manche offene Frage beantworten und stießen dabei auf immer neue und größere Rätsel. Sie hatte ihm erzählt, durch welches Tor sie in diese neue Welt gekommen war. »Ich lebte in England, in der Nähe von Leeds. Mein Vater war ein arbeitsloser Trinker, meine Mutter eine verzweifelte Frau, die versuchte, ihre Tochter vor ihrem eigenen Ehemann zu schützen. Das klingt nicht sehr nett, und es war auch nicht nett zu Hause. Als ich zwölf war, fing er an, sich für mich zu interessieren auf eine Art und Weise, in der Väter sich niemals für ihre Töchter interessieren dürfen. Ich war ein ahnungsloses Kind, und nur den offenen Augen meiner Mutter habe ich es wohl zu verdanken, dass er mich nicht missbraucht hat, na ja, also zumindest hat er mich nicht vergewaltigt. Sie verließ ihn, als ich 14 war und zog mit mir nach Schottland. Wir lebten sehr einsam und in Armut, aber wir waren meinen Vater los, was uns beiden das Leben erträglicher machte.

Banff, ScotlandIch wuchs in einem kleinen Ort an der Küste auf, der Banff hieß. Nach der Schule fand ich keine Ausbildungsstelle, wir waren für die Schotten so etwas wie die Schwarzen in Amerika. Wir waren auf dem Papier gleichberechtigt, anerkannt, nicht diskriminiert, aber in der Praxis sah es oft anders aus.

Ich bekam Kontakt zu einer Gruppe von Jugendlichen, die einer ziemlich emotionalen wilden Freikirche angehörten, ich konnte mit dem ganzen Gejauchze und Gehüpfe nichts anfangen, aber sie waren die ersten in Schottland, bei denen ich mich angenommen fühlte. Auch meine Mutter fand Freunde zu der Gemeinde und wir fühlten uns zum ersten Mal wirklich wohl und zu Hause in Schottland. Es war eine schöne Zeit, trotz unserer Armut. Die Gläubigen halfen und unterstützten uns nach Kräften, wobei niemand dort wirklich reich war.

Kurz bevor unsere Welt in Schutt und Asche versank, hatte die Gemeinde einen Gastredner aus Argentinien, der eine Woche lang Abendversammlungen durchführte. Seine Predigten waren einfach und direkt. Er warnte vor einer nahen Katastrophe und forderte die Menschen auf, sich zu Gott zu bekehren.

Einige folgten den Aufrufen, die meisten aber nahmen seine schlichten, wenig intellektuellen Worte nicht sonderlich ernst. Immerhin hatten schon vor 2000 Jahren die Apostel das nahe Ende der Welt verkündet. Am letzten Abend der Woche gab es die Möglichkeit, sich von den Pastoren und dem Gastredner segnen zu lassen, und meine Mutter und ich gingen nach vorne zum Podium. Schaden konnte das ja nichts, dachte ich.

Der Argentinier sah mich an, schloss die Augen und flüsterte: »Nein, Herr, das kann nicht sein.«

Ich wartete einfach ab und verstand nichts. Mich konnte er ja mit Herr kaum gemeint haben. Vermutlich unterhielt er sich mit Gott. Schließlich machte er die Augen wieder auf und sagte: »Widersteht dem Bösen, so weicht er von euch. Sag ihnen, dass sie widerstehen müssen und hilf deinem Mann. Du wirst wissen, was zu tun ist.«

Du musst dir vorstellen, dass ich keinen Mann hatte, nicht einmal einen Freund, und nicht die geringste Ahnung, was kommen würde. Ich hielt den Prediger für etwas durchgeknallt, auf eine sympathische Art allerdings. Dann segnete er mich und meine Mutter und bat Gott um Kraft und Mut für unsere Zukunft.

Das geschah drei Tage, bevor ich das Tor fand. Wir wachten in jener Nacht auf, weil die Sirenen unaufhörlich heulten. Wir schalteten das Radio ein und erfuhren, dass die Welt in einen Krieg geraten war. Meine Mutter war sehr still, schließlich sagte sie: »Geh hinaus an das Meer, ich werde in Frieden zu meinem Erretter gehen.«

Ich wollte sie nicht verlassen, aber sie bestand darauf, dass dies Gottes Wille sei und so fügte ich mich, als sie schließlich fast handgreiflich wurde, damit ich endlich ging. Das sah ihr so gar nicht ähnlich. Ich kannte weder Gottes Willen noch Gott, hatte manches gehört in der kleinen Kirche, aber das war größtenteils so widersprüchlich und jenseits von jeglicher Vernunft, dass ich nichts damit anzufangen wusste. Meine Mutter bestand jedenfalls darauf, dass ich zum Strand hinunterging. Dort traf ich ein Wesen, das so unwirklich war, dass ich dachte, ich hätte alles nur geträumt, sei noch immer in einem Traum gefangen. Es wies mir den Weg zu einer abgelegenen Stelle, und als ich dort ankam, sah ich etwas, das wie ein Tor wirkte. Ich ging hindurch und landete in dieser Welt hier.«

Anron fragte: »Wie sah das Wesen am Strand aus?«

Sie beschrieb es als Zylinder, als silbrig schimmernde Säule.

»Und das Tor, waren da Bäume oder so etwas?«

»Nein, es war wie ein schimmernder Bogen in der Dunkelheit über dem Wasser. Ich habe ihn nicht berührt, ich weiß nicht, was es wirklich war. Ich kannte den Strand seit Jahren, auch bei Nacht, weil ich gerne dort schwimmen ging, wenn niemand sonst in der Nähe war. Eine solche Lichterscheinung hatte ich nie gesehen. Aber ich wusste irgendwie in jener Nacht, was zu tun war. Ich zog mich aus und watete in das Wasser. Dann fand ich mich in einem See wieder, der Tag brach an. Da bin ich nun.«

Sie erzählte weiter, wie sie zuerst von einem Begleiter geführt wurde, der ihr diese neue Welt ein wenig vertrauter machte und sie schließlich auf den Weg zu den Bergen schickte. Später, als sie alleine wanderte, traf sie immer wieder Wächter und Hüter, die ihr halfen.

Anron sagte: »Eins verstehe ich nicht. Du bist in England und Schottland aufgewachsen, warum sprichst du so perfekt Deutsch, als sei es deine Muttersprache?«

»Spreche ich Deutsch? Ich habe nie Deutsch gelernt. Ich glaube, wir reden in einer Sprache, die keinem Land gehört, ohne es zu merken. Bjora kam aus Spanien, hatte ihr Land nie verlassen, und doch versteht sie jedes Wort von dir oder mir, ganz zu schweigen von Bersan, den sie inzwischen auch ohne Worte gut versteht.«

»Du meinst, die babylonische Sprachverwirrung ist aufgehoben?«

»Ich kann es mir nicht anders erklären. Ich denke und rede wie früher, und doch verstehen wir uns. Du redest und denkst wie früher und merkst auch nicht, dass sich etwas geändert hat.«

Er nahm es hin, ohne es zu begreifen. Daran hatte er sich längst gewöhnt, dass manches nicht zu begreifen und dennoch eine Tatsache war. Sie erzählte weiter, wie sie zunächst Bjora und dann ihn und Bersan getroffen hatte.

»Bjora hat mir zu verstehen gegeben, woher sie kam, mit viel Raten und nach unendlichen Fehlversuchen bin ich endlich auf Spanien gekommen. Sie ist dort auf dem Land in einem kleinen Kaff aufgewachsen, ohne Schulbesuch, man hielt sie wohl für geistig zurückgeblieben, weil sie nicht sprechen konnte.«

Bjora und Bersan hatten ihre eigene Art entwickelt, sich auszutauschen. Oft, wenn es zur Verständigung ausreichte, begnügte sie sich nach wie vor mit Gesten und Zeichen, sie sprach mit ihrer Mimik und ihren Augen, aber sie lernte gleichzeitig das Alphabet, Worte aus Buchstaben zusammenzusetzen. Es gab immer wieder geeignetes Material wie eine helle Felswand und einen angekohlten Ast oder weiche weiße Steinsplitter, mit denen man auf dunkleres Gestein schreiben konnte.

Sie tauschten ihre Erlebnisse aus und ihre Gedanken und Hoffnungen für die Zukunft. Viele Fragen fanden keine Antworten, die Zeit würde offenbaren, was richtig war. Eine der Überlegungen, die kein Ergebnis fand, war die Gesundheit.

»Ich weiß nicht, ob wir vor Krankheiten sicher sind.« sagte Bersan. »Bjora kann nicht sprechen, aber das ist momentan das einzige, was an uns nicht vollkommen scheint. Keine Erkältungen, keine Magenprobleme, obwohl wir zum Teil Nahrung zu uns nehmen, die für unsere Körper ungewohnt ist. Viele Früchte habe ich hier zum ersten Mal gesehen.«

Anron dachte noch weiter. »Es ist sowieso unklar, ob wir älter werden oder nicht, wenn ja, wie schnell. Die Zeit läuft hier anders, oder wir sind anders in die Zeit eingebunden. Ich denke immer wieder darüber nach, ob dies tatsächlich ein neuer Anfang für die Menschheit sein soll, ob unsere Kinder und Enkel eine neue Bevölkerung darstellen werden. Und darüber, ob das genetisch gut gehen kann.«

»Wie meinst du das?« fragte Asthanthe.

»Wir sind zwei Paare, die voraussichtlich Kinder haben können. Angenommen wir haben jeweils einen Sohn und eine Tochter. Dann wird unser Sohn eure Tochter zur Frau nehmen und umgekehrt. Wenn sie dann wiederum Kinder haben werden, sind es doch immer noch nahe Verwandte, die dabei entstehen? Ich weiß nicht, ob das gut geht, ob es nicht genetische Schäden geben wird.«

Bjora schüttelte verneinend den Kopf und Bersan fragte: »Du meinst, sie werden gesund sein?«

Sie nickte.

»Ich habe mich manchmal gefragt, ob wir wirklich die einzigen Menschen sind und warum ausgerechnet wir«, meinte Asthanthe. »Wer hat uns ausgewählt, wer hat gesagt: Diese vier Menschen sollen es sein? Ein Soldat, ein Einsiedler aus dem Wald, eine arbeitslose junge Britin und eine Spanierin aus einem kleinen Dorf. Keine hochgestellten Leute, keine herausragenden Persönlichkeiten. Warum wir?«

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Fortsetzung folgt.

Sonntag, 26. September 2010

Danke! Thank you!

Allen Freunden, die meine Geburtstagsfeier zu einem wunderbaren Erlebnis gemacht haben ein herzliches Dankeschön, dass Ihr mit mir gefeiert und mich noch dazu so reichlich beschenkt habt.

To all my friends who made my birthday party such a wonderful event: Thank you for celebrating with me and all the generous gifts!

thankyou


Thank you all, including those who couldn’t come to the party.

Ich danke euch allen, auch denen, die nicht zur Feier kommen konnten.

I feel very honoured to know you as my friends!

Ich fühle mich sehr geehrt, Euch als Freunde zu haben!

 

(Klick on the picture if you wanna study any details)

Samstag, 25. September 2010

Von der Zeit, die man sich nehmen kann

Wir sind strebsame Menschen. Wir gehen einer Arbeit nach, wollen vorankommen, stehen im Wettbewerb, setzen uns Ziele und haben Ambitionen. Zum Teil ist das eine Notwendigkeit, gilt es doch, das Leben auf dieser Erde zu finanzieren, einschließlich der Annehmlichkeiten, die nicht notwendig zum Überleben sind, auf die wir aber nicht gerne verzichten. Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt: »Es stimmt schon, dass Geld nicht glücklich macht. Aber ich weine lieber im Auto als in der U-Bahn.«

Allzu leicht geraten wir bei unserem Streben in Zeitnot. So vieles muss noch erledigt werden, alles scheint gleichermaßen dringend. Zum Luftholen bleibt - das suggerieren uns die vielen Aufgaben - keine Zeit.
Entspannung statt StressSich dann zu entscheiden, das Fahrrad für eine ausgedehnte Tour aus dem Keller zu holen, einen langen Spaziergang zu machen, durch die Stadt zu bummeln, ohne etwas einkaufen zu müssen, einen Tag in einer Bade- und Saunalandschaft zu verbringen ... das erfordert Mut, Überwindung, ist eine bewusste Entscheidung: Ich schalte das Mobiltelefon aus. Ich werfe keinen Blick auf den Monitor meines Computers. Ich bin nicht erreichbar und muss niemanden erreichen.
Das schlechte Gewissen meldet sich umgehend: Du faulenzt, anstatt wichtige Dinge zu erledigen. Wenn dir jetzt eine E-Mail entgeht, was dann? Wie soll der Kunde dich erreichen, wenn das Telefon ausgeschaltet ist? Hättest du nicht zuerst noch dies und jene Arbeit erledigen sollen?
Dem solchermaßen geschwätzigen schlechten Gewissen darf man, sollte man ab und zu guten Gewissens den Mund verbieten. Sein Rat ist nämlich schlecht.

Uns entgeht so viel, wenn wir auf der Lebensautobahn nicht in der Lage sind, hin und wieder auf die Bremse zu treten und anzuhalten, um eine Rast einzulegen.
Rast? Pause? Wir sind viel zu beschäftigt. Falls wir, angenommen wir sind 16 Stunden täglich wach, alle fünf Minuten unseren E-Mail-Eingang überprüfen, schauen wir 192 mal täglich nach, was uns womöglich in den vergangenen vier Minuten entgangen sein könnte. Pro Jahr werfen wir über 70.000 mal einen Blick auf den Posteingang. Nehmen wir weiter an, jeder Blick dauert eine Minute, dann haben wir über 1.600 Stunden pro Jahr dem E-Mail-Postfach gewidmet. Dein Blick dauert nur 30 Sekunden? Dann sind es immer noch über 800 Stunden jährlich. 15 Sekunden reichen dir? Bravo! Nur 400 Stunden.
Vielleicht bist du ja kein E-Mail-Eingangsüberprüfungs-Süchtiger. Sondern mobiltelefonabhängig. Wie viele Menschen laufen unsere Straßen entlang, gehen im Park spazieren, den Blick auf den Bildschirm ihres Mobiltelefons gerichtet, wie viele Menschen sitzen im Café oder Restaurant, das Telefon am Ohr. Selbst im Supermarkt scheint es einigen Zeitgenossen nicht mehr möglich zu sein, den Einkauf zu erledigen, ohne gleichzeitig »wichtige« Gespräche zu führen.

Zugegeben: Bei der Auswahl eines Urlaubshotels ist es auch für mich ein wichtiges Kriterium, dass dort W-LAN vorhanden ist. Zugegeben: Das Notebook kommt immer mit in den Urlaubskoffer. Zugegeben: Es macht mir Spaß, mich via Blog und Facebook zu Wort zu melden, Antworten zu lesen, nachzuschauen, was andere auf ihrem Blog oder bei Facebook so von sich geben und meinerseits Kommentare zu hinterlassen. Zugegeben: Anfragen, Aufträge und viele andere für den Broterwerb wichtige Nachrichten kommen als E-Mail an und es ist keine schlechte Idee, regelmäßig nachzuschauen. Auch private Nachrichten sind ja ein wichtiger Bestandteil des Zusammenlebens.

Gelegentlich muss ich mich jedoch bewusst daran erinnern, dass die Welt größer ist als ein Bildschirm. Dass die Welt sich weiterdrehen wird, während ich »unplugged« bin. Dass die neue E-Mail auch in acht, sechzehn oder gar vierundzwanzig Stunden noch im Posteingang liegen wird. Dass ich viel mehr sehe, wenn ich den Blick von elektronischen Geräten ab- und lebendigen Dingen zuwende. Gelegentlich bremse ich und halte an. Die Lebensautobahn läuft mir nicht davon, während ich Pause mache. Ausgeruht, erfrischt, aufgetankt geht es dann auf der nächsten Strecke viel besser voran.

In diesem Sinne wünsche ich meinen Blogbesuchern und Facebook-Freunden ein schönes Wochenende!

Freitag, 24. September 2010

Neuland – Teil 9

Damit ich ihn nicht vergesse, kommt er gleich, der Hinweis: [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3] [Teil 4] [Teil 5] [Teil 6] [Teil 7] [Teil 8]

Damit ich sie nicht vergesse, kommt sie gleich, die Fortsetzung:

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Zorgas

Der Aufstieg war anstrengend. Es schien, als wollte die Bergwelt die vier Wanderer abweisen. War bisher ihr Leben geradezu paradiesisch gewesen in dieser neuen Welt, gut versorgt mit Nahrung, verwöhnt von angenehmen Temperaturen, von hilfreichen Wächtern und Hütern umgeben, die freundlich mit Rat und Tat weiterhalfen, so änderte sich jetzt vieles.

Die Sonne brannte unbarmherzig herab und in den Nächten froren sie unter den blinkenden Sternen. Wenn sie versuchten, Kontakt mit den Wächtern des Ortes aufzunehmen oder einen Hüter der Tierwelt zu finden, gelang dies nicht. Entweder es gab hier keine solchen Wesen, was sie sich allerdings kaum vorstellen konnten, oder etwas hinderte sie daran, sich zu erkennen zu geben. Anron dachte häufig an seinen Traum. Es war keine Wüste, durch die sie zogen, aber die Situation war vergleichbar. Sie waren auf dem Weg, wussten nicht wohin er sie führen würde, und sie schienen auf sich allein gestellt zu sein.

Das getrocknete Fleisch konnte noch für vier Tage reichen, gelegentlich fanden sie genießbare Früchte, Wasser gab es aus den zahlreich sprudelnden Quellen und Bächen, aber je höher sie kamen, desto unwirtlicher und karger wurde die Landschaft.

Am Abend des dritten Tages beim Aufstieg saßen sie um ein kleines Feuer und waren gedrückter Stimmung. Bjora berührte Bersan am Arm, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er sah sie an. Sie deutete in die Richtung, in die sie am nächsten Tag weitergehen wollten, nahm ein verkohltes Stück Holz aus dem Feuer und zeichnete eine Figur auf den hellen Fels neben sich. Es wurde kein Kunstwerk, aber die drei Reisenden begriffen sofort was sie meinte. Sie betrachteten die Kohlezeichnung und blickten dann Bjora an.

»Ein Feind lauert auf uns?«, fragte Bersan.

Sie nickte.

Asthanthe schlug vor: »Sollen wir einen anderen Weg wählen?«

Anron und Bjora schüttelten gleichzeitig den Kopf. »Nein, das wäre falsch.« erklärte Anron. »Dies ist unser Weg und ich glaube, wir müssen dem ins Auge sehen, was auf uns wartet. Ich wüsste nur zu gerne, was es ist.«

Bjora deutete auf die Hörner der gezeichneten Figur.

Bersan fragte: »Eine Art Teufel?«

Sie zuckte die Schultern, deutete aber mit einem Wiegen des Kopfes an, dass er fast richtig geraten hatte.

»Früher glaubte ich nicht an übernatürliche Wesen«, meinte Bersan, »aber seit wir durch das Tor gekommen sind, hat sich meine Meinung grundlegend geändert. Ich habe schon länger überlegt, ob es hier nur die Guten gibt oder auch die Bösen.«

Bjora zeigte wieder auf ihre Zeichnung und hob dann einen Finger.

»Nur ein böses Wesen?«

Sie nickte.

»Wird uns jemand von den guten Wesen zur Seite stehen?«

Lächelnd deutete sie auf die Runde um das Feuer.

Anron sagte: »Wir vier gegen einen. Das könnte durchaus gut gehen. Obwohl unsere Mittel ja vergleichsweise beschränkt sind.«

Er hatte ein paar Werkzeuge in seiner Tasche gesammelt, die zur Not auch als Waffen dienen konnten, allerdings taugten sie eher zum Kampf gegen Kaninchen oder Eidechsen. Falls sein Traum etwas mit den zukünftigen Erlebnissen zu tun hatte, wusste er momentan beim besten Willen nicht, was seine Aufgabe sein würde. Was hatte ein Cowboy mit der gezeichneten Figur zu tun, mit den Hörnern? Und was mochten primitive Waffen, eigentlich eher Werkzeuge, gegen eines der Wesen ausrichten, die in dieser Welt das Sagen hatten? Und warum war er aus dem Traum aufgewacht, bevor eine Lösung, ein Ausweg in Sicht gewesen wäre?

Sie schliefen unruhig und brachen beim ersten Tageslicht auf. Die Sonne hatte sich hinter einem grauen Wolkenschleier verborgen, der Wind blies ihnen unangenehm kühl in Böen entgegen.

Sie stiegen etwa eine Stunde weiter hinauf in das Gebirge. Ihre nackten Füße hatten sich inzwischen mit einer schützenden Hornhaut daran angepasst, dass es keine Schuhe mehr gab, aber auf den mitunter scharfkantigen Felsen und Geröllhalden mit spitzen Steinchen zuckten sie immer wieder schmerzhaft zusammen. Anron und Asthanthe gingen voraus, Bjora und Bersan folgten in etwa drei Metern Abstand. Beide Paare gingen Hand in Hand, um einander zu stützen und in der abweisenden Kälte die Nähe des inzwischen bereits ziemlich vertrauten Partners zu spüren.

»Wächter dieses Ortes, wo bist du?«, fragte Anron versuchsweise, als sie an einen kleinen Bach kamen, der von verkrüppeltem Buschwerk gesäumt wurde.

»Hier bin ich, Anron, Freund des Waldes. Herzlich willkommen, ihr Wanderer durch meine Berge.«

Die Stimme war freundlich, trotzdem fühlte Anron einen unangenehmen Schauer über seinen Rücken laufen und er spürte, dass Asthante an seiner Hand zitterte. Bjora und Bersan zuckten regelrecht zusammen.

Das Wesen, das ihnen gegenüberstand, sah aus wie ein Mensch. Vielleicht war das der Grund dafür, dass sie erschraken. Ein etwas 35 Jahre alter kräftiger Mann, in Cowboystiefeln, abgetragenen Jeans und einem Holzfällerhemd lächelte ihnen erwartungsvoll entgegen. Über dem Hemd trug er eine offene Jeansjacke, das Gesicht war glattrasiert, der Wind spielte mit seinen mittellangen Haaren.

»Wer bist Du?« fragte Bersan.

»Man nennt mich Zorgas. Ich bin der Gebieter über die Höhen. Ich habe euch erwartet.«

»Bist du ein Mensch?« fragte Asthanthe zögernd.

Sie erhielt keine Antwort, sondern ein Lächeln, das jedoch die hellblauen Augen des Mannes nicht erreichte. Die sahen seltsam kalt und feindselig aus.

»Ich bin, was ich bin. Möchtet ihr etwas essen?«

Anron sah, dass Bjora den Kopf schüttelte. Er hatte Hunger, die anderen vermutlich auch, aber niemand sagte etwas.

Zorgas lächelte unbeeindruckt vom Schweigen. Er lud sie ein: »Folgt mir erst mal, hier draußen ist es heute etwas ungemütlich, noch dazu für Leute, die gezwungen sind, nackt herumzuwandern.«

Der Eingang zur neuen Heimat?Er drehte sich um. Zögernd gingen sie hinter ihm am Bach entlang. Sie bogen um eine Felskante und erblickten den Eingang zu einer Höhle. Zorgas sah sich nicht um, ob sie ihm folgten, sondern ging hinein.

Sie traten in die Felsöffnung und verharrten einen Moment.

Die Höhle hatte die Größe eines kleinen Saales, ein Feuer brannte in der Mitte und erleuchtete die Einrichtung. Über dem Feuer war ein Rost angebracht, der Duft des darauf gegrillten Fleisches erfüllte den Raum. An der linken Wand standen zwei Betten, aus Holz gezimmert und mit Fellen bedeckt. Daneben lagen in einem ebenfalls hölzernen Regal Kleidungsstücke, die aus der früheren Welt stammen mussten. Sie erkannten vom Eingang aus Jeans, Pullover, Shirts und Unterwäsche, dazu vier Paar stabil wirkende neue Lederschuhe.

An der rechten Wand war ebenfalls ein Regal aufgestellt, in dem sie Hausrat und Waffen liegen sahen. Töpfe, Pfannen, Tassen und Teller, Messer und zwei lange Speere.

Die rückwärtige Wand der Höhle offenbarte einen Durchlas in weitere Räume.

»Kommt doch herein, nicht so schüchtern!«, rief Zorgas, der den Braten über dem Feuer umdrehte.

Sie folgten widerstrebend der Einladung, versuchten sich darüber klar zu werden, ob das der von Bjora angekündigte Feind war oder nicht.

Bersan flüsterte in das Ohr seiner Frau: »Ist er es?« Sie zuckte mit den Schultern.

Obwohl er mehrere Meter entfernt stand und das Feuer knackte und zischte, wenn Fett von dem Fleisch herabtropfte, schien Zorgas die Frage gehört zu haben.

»Ich bin, der ich bin«, wiederholte er, »setzt euch doch. Das Essen ist gleich fertig. Vielleicht etwas kräftig für ein Frühstück, aber ihr könnt es brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen.«

Sie ließen sich auf den Betten nieder und warteten ab.

»Wie gefällt es dir, Bjora?« fragte Zorgas, »Es ist eure Wohnung, die ich für euch vorbereitet habe.«

Sie blickte ihm forschend in die kalten Augen und hob die Brauen.

»Die Höhle gehört euch«, erklärte er vergnügt, »das Kinderzimmer ist nebenan, ihr werdet es bald brauchen. Warum sagst du nichts, Bjora?«

Sie zeigte auf ihren Mund und schüttelte den Kopf.

»Du kannst nicht sprechen? Diese Kleinigkeit kann ich in Ordnung bringen, wenn du möchtest. Du brauchst mich nur darum bitten.«

Bjora schien nicht daran zu zweifeln, dass er das tatsächlich konnte, aber sie sah ihn zornig an und schüttelte energisch den Kopf. Ihre Überzeugung, dass dieser Mann der Feind war, wuchs.

»Nun, vielleicht überlegst du es dir noch«, meinte Zorgas fröhlich. »Ach ja, die Kleidung, die ist in euren Größen. Oder wollt ihr lieber weiter wie die Wilden durch die Gegend laufen?«

Anron stand auf und untersuchte die Kleidung. Alles war neu und sauber. Asthante kam zu ihm hinüber.

»Woher kommen die Sachen?«, fragte er.

»Nun, ich wusste, dass ihr kommt und habe ein wenig Vorsorge betrieben. Natürlich könnt ihr von mir aus nackt herumlaufen, aber im Winter wird es hier oben ziemlich kalt. Und die Kleidung ist ein guter Schutz gegen die Launen der Natur auch zu anderen Jahreszeiten.«

Anron fragte: »Darf ich etwas anprobieren?«

»Wer bittet, dem wird gegeben«, antwortete Zorgas.

Asthanthe und Anron fanden schnell die für sie bestimmten Sachen und griffen zu. Bersan und Bjora dagegen blieben auf dem Lager sitzen und waren so unsicher wie nie zuvor. Bersan hielt Bjora schützend im Arm. Er fühlte ihr Zittern. Das kam nicht von der Kälte, sondern von tief innen.

»Steht euch hervorragend«, lobte Zorgas, als Anron und Asthante sich angezogen hatten. »Wenn euch gewisse Regungen überkommen, könnt ihr euch ja jederzeit wieder ausziehen, nicht wahr?«

»Warum glaubst du, dass wir diese Höhle beziehen werden?«, fragte Bersan.

Zorgas lachte. »Weil ich sie für euch eingerichtet habe, Bersan und Bjora.« Er sah Anron an und fuhr fort: »Euer Weg geht noch ein Stück weiter, ungefähr zwei Tagesreisen, aber auch ihr werdet einen gemütlichen Ort finden, an dem ihr Eure Kinder großziehen könnt. Ich kann euch gerne hinbegleiten, wenn ihr mich darum bittet.«

Bersan fragte mit fester Stimme: »Woher kommst du, Zorgas, und wer bist du?«

»So viele Fragen, mein nackter Freund? Deine Frau könnte es dir sagen, wenn sie wollte. Soll ich ihr eine Stimme schenken?«

Bersan sah Bjora fragend an, sie schüttelte energisch den Kopf.

Er flüsterte erneut: »Ist er es?« Sie nickte.

»Wir werden dich um gar nichts bitten, Zorgas, und wir werden jetzt weiterziehen«, sagte er zornig.

Anron sah seinen Gefährten erstaunt an. »Warum denn, ich bin sicher, dass dies euer Ziel ist. Es ist doch genau das Richtige, besser kann man es doch nicht haben.«

»Das kann sein, aber ich werde es nicht von ihm annehmen und ich werde ihn um nichts bitten«, erklärte Bersan entschlossen.

Zorgas richtete sich hoch auf und ließ die freundliche Maske fallen. »Oh doch, du wirst mich bitten! Ihr alle werdet mich um Gnade anwinseln«, fauchte er.

Er hob die Hand und augenblicklich durchzuckte ein grässlicher Schmerz Bersan. Er wollte aufspringen, aber er konnte sich nicht rühren, keinen Millimeter. Bjora, die nie einen Ton von sich gegeben hatte, stieß einen tiefen, schmerzvollen Schrei aus wie ein tödlich verletztes Tier. Asthanthe und Anron starrten verwirrt Zorgas an, der mit einem höhnischen Lächeln auf den Lippen auf das Lager zuging. Der Cowboy spottete: »Leider hat euch eine heimtückische Krankheit des Rückenmarks erfasst, ihr armen nackten Menschen. Ich dachte, sie sei mit der früheren Menschheit ausgestorben, aber wie es scheint, könnt ihr euch nicht mehr rühren?«

»Verschwinde!«, schrie Bersan.

»Aber aber, ich kann euch doch helfen! Ich konnte den Menschen immer helfen! Sie brauchten mich nur darum bitten, das ist alles.«

Er kniff Bjora in den Arm und beobachtete vergnügt, wie sie zusammenzuckte. Dann strich er mit sanften Händen über ihre Brüste, bevor er sie brutal zusammendrückte. Bjora schrie erneut und er lächelte beruhigend. »Soll ich dich heilen, Bjora? Du brauchst nur mit dem Kopf nicken, meine Schöne, das ist doch nicht zu viel verlangt?«

Sie sah voller Abscheu in sein hasserfülltes Gesicht und spuckte ihn an.

Anron schien endlich zu begreifen, was vor sich ging. Als erwache er aus einer Benommenheit, erkannte er erst jetzt, dass die Figur aus seinen Alpträumen vor ihm stand. Er sprang Zorgas an, um ihn wegzustoßen, aber es war, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. »Lass sie in Ruhe, du Teufel!«, rief Anron.

»Nicht so stürmisch, mein Freund! Bersan möchte doch so gerne, dass ich seiner Frau ein wenig helfe, nicht wahr? Und ihm selbst geht es ja auch nicht sonderlich gut.«

»Nein«, rief Bersan, »ich will nichts von dir! Wir wollen nichts mit dir zu tun haben!«

»Dann bleibt ihr hier liegen, bis ihr verfault«, zischte Zorgas böse und trat zwei Schritte zurück.

»Du wirst diese Krankheit sofort wieder von ihnen nehmen«, befahl Asthante mit fester Stimme.

Zorgas grinste. »Ist das etwa eine höfliche Bitte?«

»Das ist ein Befehl! Du hast kein Recht, uns etwas anzutun!«

»Ach, habe ich das nicht? Du dummer Mensch, was weißt du von meinen Rechten?«

Sie wusste nichts von den Rechten dieses Wesens, nichts von ihren eigenen Rechten. Aber sie wusste, dass sie mit ihrem Mann zusammen die Aufgabe hatte, diesen Feind zu besiegen. Es war ihr klar, dass Anron mit seinen lächerlichen Waffen nichts ausrichten würde. Hilflos starrte sie in das höhnisch grinsende Gesicht des Cowboys.

Zorgas zischte: »Ihr nehmt meine Geschenke an und wollt die Konsequenzen nicht anerkennen?«

Asthanthe sagte kein Wort mehr, aber sie zog die Kleidung wieder aus, die ihr so willkommen gewesen war. Anron zögerte, doch dann folgte er ihrem Beispiel. Er legte das Hemd, die Schuhe, die Jeans, die Shorts ab und empfand mit jedem Kleidungsstück, dass der Verlust ein Gewinn war.

Als Anron und Asthante wieder im Adams- und Evakostüm in der Höhle standen, war so etwas wie Verwirrung auf den Zügen des Gebieters der Höhen zu lesen. Die Dinge liefen nicht nach seinem Plan.

»Ich könnte euch alle vernichten«, drohte er.

Asthante antwortete mit ruhiger Stimme: »Du wirst zurückgeben, was du gestohlen hast.«

Sie stieß Anron mit dem Ellenbogen und sagte: »Widerstehe dem Bösen, dann flieht es von dir.«

Anron dachte nicht nach, er fuhr Zorgas an: »Gib zurück, was du gestohlen hast! Und verschwinde an den Ort deiner Bestimmung.«

Es gab weder Blitz noch Donner, kein Beben erschütterte die Höhle, kein Geschrei wurde laut. Zorgas war einfach verschwunden.

Das Feuer knisterte weiter, nichts änderte sich in der Höhle, abgesehen davon, dass Bersan und Bjora sich wieder bewegen konnten. Die vier sahen einander an und brauchten einen Moment, um den Schock zu überwinden.

»Ich glaube, ich habe Hunger«, sagte Bersan schließlich trocken.

»Dann sollten wir wohl etwas essen,« antwortete Anron und fing an zu lachen. Auch bei den anderen löste sich die Spannung und ihr Gelächter erfüllte die Höhle.

Bjora zeigte auf die Kleidungsstücke, die zu Füßen von Anron und Asthante lagen und dann auf das Regal.

Die beiden legten alles wieder zurück. Der Braten auf dem Grill roch auf einmal widerlich, überhaupt war die Höhle, die so wohnlich und anheimelnd gewirkt hatte, ein Ort, den alle vier schleunigst verlassen wollten. Sie gingen hinaus und atmeten wie befreit die frische Luft.

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Fortsetzung? Folgt.

Ach ja. Noch was. Im inzwischen gestrichenen Vorwort der ursprünglichen Fassung dieser Geschichte habe ich vor rund 20 Jahren geschrieben:

Ich gebe es unumwunden zu: Zorgas, der irgendwann im Verlauf dieser Story auftaucht, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Steven Kings Randall Flagg (The Stand). Ich habe bei meiner Figur nicht etwa Steven King kopieren wollen, sondern als die Geschichte geschrieben war, fiel mir die Ähnlichkeit auf. Es mag an der Thematik liegen. Das Ende der Welt ist da und ein paar Menschen überleben. Irgendwann treffen sie auf das Böse, sei es nun Randall Flagg oder Zorgas. Wenn man diese Ähnlichkeit der Figuren als Verbeugung vor dem großen Erzähler Steven King verstehen möchte, habe ich überhaupt nichts dagegen.

Ich habe auch heute nichts dagegen.