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Mehr über den und vom Autor: Peter Rollins Webpage
Eigentlich wollte ich die Szene, mit der diese Folge endet, noch weiter schreiben. Aber der Sonntag war denn doch mit anderen Aktivitäten gut gefüllt – daher bleiben wir am Schluss dort sitzen, wo wir eben sitzen.
Wie üblich hier die Verknüpfungsorgie vorab: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5] /// [Teil 6] /// [Teil 7] /// [Teil 8] /// [Teil 9] /// [Teil 10] /// [Teil 11] /// [Teil 12] /// [Teil 13]
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Die Stimme war so unirdisch wie die Finsternis, aus der sie kam. »Du musst ihr das Leben schenken.«
Johannes war nicht nach Scherzen zumute, zu beklemmend war die Atmosphäre, zu groß die Sorge um Jessika. Sonst hätte er so etwas wie »wenn ich muss, dann gehe ich aufs Klo« geantwortet. Aber solche Sprüche gehörten in eine andere Welt, in ein anderes Leben. In eine andere Zeit womöglich. Statt dessen fragte er: »Wer ist da?«
»Ich bin Nitzrek. Du musst sie retten.«
»Aber ich weiß nicht, wie.«
»Wie du sie in diese Lage bringen konntest, wusstest du. Und nun bist du am Ende deiner Fähigkeiten?«
Johannes versuchte, die Gestalt zu erkennen, die mit ihm sprach. Es war jedoch zu dunkel, um mehr zu sehen als ein Etwas, ein Wesen, einen großen, tiefschwarzen Schatten, noch schwärzer als die Finsternis. Kein Gesicht, keine Konturen.
»Ich bin Nitzrek.«
Er antwortete: »Ich weiß. Und du willst Jessika nicht verlieren. Du kannst ihr helfen, ich nicht.«
Johannes wollte diesem Wesen in die Augen sehen, ihm Jessika in die Arme – falls Nitzrek Arme hatte – legen. Er nahm Jessika auf seine Arme, trat einen Schritt auf die Schattengestalt zu. Womöglich wurde es noch finsterer, als ginge von der Gestalt ein negatives Leuchten aus. In Johannes normaler Welt vertrieb das Licht stets die Finsternis, hier löschte sie dagegen jeglichen Schimmer aus. Ein weiterer Schritt in die gleiche Richtung, Johannes sah nichts mehr, konnte keine Konturen mehr ausmachen, stand orientierungslos in einem schwarzen Nichts. Die Stimme, die er hörte, mochte in seinem Kopf entstehen oder an seine Ohren dringen, sie war unwirklich weit entfernt und doch so nah, als spräche das Etwas direkt in sein Ohr.
»No man sees my face and lives«, sagte Nitzrek.
Johannes spürte, wie Jessika in seinen Armen erbebte, als habe sie ein Stromschlag getroffen. Gleichzeitig berührte ihn etwas an der Stirn, kalt, eisig kalt und feucht fühlte es sich an. Alle Kraft wich aus seinen Muskeln, seine Knie knickten ein und er sank, Jessika in seinen Armen, auf das Gras. Bevor sich Stille über ihn legte, hörte er noch wie aus unglaublich weiter Ferne einen Ruf. »Ich muss zu ihr«, schien die Stimme zu schreien, »wo ist sie?« - aber seine Sinne verließen ihn bereits, bevor er wusste, ob er wirklich etwas gehört hatte.
Als Johannes zu sich kam, lag die Lichtung im Abendsonnenschein, im Geäst zwitscherten ein paar Vögel. Die Luft war noch angenehm warm. Jessika lag halb auf seinem Körper, ihr Kopf ruhte auf seiner Brust. Ihre Haut war kühl, zu kühl für die Umgebungstemperatur. Er nahm das Gesicht behutsam in beide Hände und sagte mit brüchiger Stimme: »Jessika. Wach auf. Es ist vorbei.«
Sie reagierte nicht.
Aus der Ferne meinte Johannes, einen Motor zu hören, ein Motorrad mochte es sein. Das Geräusch klang weit entfernt.
»Jessika, bitte wach auf.«
Johannes bettete Jessikas Kopf vorsichtig auf ihren gesunden Arm und stand auf. Ich muss Hilfe holen. Ich brauche jemanden, der ihr hilft. Mir hilft. Aber wer?
Neben seinem Auto lag die Leiche mit der klaffenden Wunde im Hals, der zweite Angreifer war nicht mehr zu sehen. Ob der Mann tot gewesen war, konnte Johannes nicht sagen, er hatte nur noch Augen für Jessika gehabt in den Momenten, bevor die Finsternis vom Himmel gefallen war. Wie lange war das her? Seine Armbanduhr hatte er abgelegt bevor er ins Wasser ging. Johannes ging zu den Wolldecken hinüber und schaute auf das Ziffernblatt. Drei Stunden war es her, dass sie hier angekommen waren. Er vergaß, dass er sein Telefon holen wollte, um den Notruf zu wählen, sein Denken war blockiert. Er starrte in die Ferne, dann nahm er eine der Decken, ging zurück zu Jessika und breitete den Stoff über ihren Körper. Er kniete neben ihr nieder und versuchte festzustellen, ob sie noch atmete. Die Lippen waren halb geöffnet, ob die Lungen stillstanden oder noch schwach funktionierten, konnte er nicht feststellen. Johannes presste seinen Mund auf ihren, hielt ihre Nase zu und blies seinen Atem in sie hinein. Seine Finger suchten nach dem Puls an ihrem Kinn. Schwach, ganz schwach meinte er, ihn zu spüren, flüchtig nur und sehr langsam. Wieder blies er Luft in ihre Lungen.
Das Motorengeräusch wurde zunehmend lauter. Johannes dachte an die Lederkleidung der beiden Angreifer und sah sich nach dem Messer um, das er hatte fallen lassen. Es lag drei Schritte entfernt im Gras.
Vielleicht kommt Hilfe? Woher denn! Ich habe ja niemanden verständigt. Der Hüne kommt mit Verstärkung zurück, um seinen toten Freund zu rächen. Ich brauche jemanden … ich … jemanden von ihrer Art. Ich brauche Alesia.
Johannes stand wieder auf und holte sich den Dolch. Das Motorrad kam näher. Er überlegte, ob er sich etwas anziehen sollte, doch dazu hätte er sich zu weit von Jessika entfernen müssen. Ich werde dich verteidigen, bis zum letzten Atemzug, selbst wenn du stirbst. Zumindest das bin ich dir schuldig. Johannes starrte auf den Waldrand.
Sekunden später brach eine schwere Maschine durch das Unterholz. Der Fahrer trug einen Helm mit dunklem Visier, hinter ihm saß eine schmächtigere Gestalt auf dem Sitz. Einen Augenblick glaubte Johannes, den riesigen Räuber vor sich zu haben, aber dann sah er, dass der Motorradfahrer nicht so gigantisch war. Er steuerte sein Fahrzeug über die Lichtung und kam neben Jessika und Johannes zum Stehen. Der Motor verstummte. Die kleinere Gestalt sprang vom Motorrad und nahm den Helm ab, bevor der Mann das Gefährt auf den Ständer wuchten konnte.
»Jessika! Ich bin da! Ich bin gekommen!«
Luca warf den Helm beiseite und beugte sich über den leblosen Körper. »O bitte, lass es nicht zu spät sein!« rief er, während er die Decke beiseite zog und hinter sich warf.
Johannes war sprachlos. Woher … wieso …
Als der Fahrer der Maschine den Helm abnahm, erkannte er Giacomo. Dieser nickte ihm kurz zu und fragte dann seinen Sohn: »Was brauchst du?«
Luca zog seine Lederjacke aus und warf sie zur Decke hinter sich. »Mein Blut. Schnell.«
Giacomo griff in seine Jackentasche und brachte ein Rasiermesser zum Vorschein. Er klappte es auf und zog die Klinge ohne zu zögern über den ausgestreckten rechten Unterarm seines Sohnes. Das helle Blut floss schnell und reichlich.
Luca presste die Wunde auf Jessikas Oberarm, direkt auf den klaffenden Schnitt in ihrer Haut. Giacomo sah Johannes an und befahl: »Verbandskasten. Aus dem Auto. Sofort.«
Aus Jessikas Mund kam ein Stöhnen, ihre Augenlider flatterten. Johannes beugte sich zu ihr hinab.
»Subito! Sofort!« schrie Giacomo ihn an.
Johannes erwachte aus seiner Erstarrung und rannte los. Der Verbandskasten lag unter dem Fahrersitz. Er zog ihn hervor und eilte zurück. Giacomo streckte die Hand aus und nahm den Kasten an sich.
Luca war bleich geworden, Jessika öffnete die Augen. »Es ist …«, flüsterte sie.
»Nicht reden«, sagte der Junge. Er hob seinen blutenden Arm, riß sich das T-Shirt vom Leib und legte sich auf Jessikas Körper, schlang den freien linken Arm um sie und presste wieder Wunde auf Wunde. Jessika zitterte kurz, dann legte sie ihren unverletzten Arm um Luca und drückte ihn an sich. Wenige Minuten später sagte sie: »Es ist genug. Danke, Luca.«
»Sicher? Ganz bestimmt?«
»Ja. Hör auf. Lass dich verbinden.«
Giacomo half seinem Sohn beim Aufstehen und presste sofort eine Kompresse auf den Schnitt. Johannes nahm eine Binde und wickelte sie fest um den Unterarm des Jungen. Dann hatte er wieder Augen für Jessika. Sie lächelte. Sie bekam wieder Farbe ins Gesicht. Sie hatte sich aufgesetzt und deutete auf den Verbandskasten, der im Gras lag. »Eine Kompresse, bitte. Nur für ein paar Minuten.«
»Luca war es, der deinen Schrei gehört hat«, erklärte Giacomo.
Zu viert saßen sie auf der Terrasse eines Restaurants beim Essen. Jessika trug wieder das rote Kleid von Alesia und Johannes starrte alle paar Minuten auf ihren Arm, der keine Spur der beinahe tödlichen Verletzung mehr zeigte. Nur wenn man wusste, wo die Stelle war, konnte man noch eine leichte Schwellung sehen – oder sich eine solche einbilden. Luca hatte ein schwarzes T-Shirt an, keine Spur von dem Schnitt mit der Rasierklinge war auf seinem Unterarm zu erkennen.
»Ich glaube, dass das alles Einbildung war. Wir sind nicht überfallen worden, Jessika wurde nicht verletzt. Wir haben uns zufällig hier in diesem Restaurant mit Giacomo und Luca getroffen«, murmelte Johannes.
Luca gab zurück: »Und der Mond ist eine Scheibe«
Giacomo ermahnte ihn: »Erst runterschlucken, was du im Mund hast, dann reden. Niemand will die halb zerkaute Pasta auf deiner Zunge bewundern, monello.«
Jessika legte ihren Arm um den Jungen, drückte ihn an sich und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. »Heute darfst du alles«, sagte sie. Luca wurde rot, ließ sich aber auch noch einen Kuss auf die Wange gefallen.
Giacomo schüttelte resignierend den Kopf. »Ah bella! Wie soll man seinen Kindern Anstand beibringen, wenn einem ständig widersprochen wird?«
Johannes griff nach seinem Bierglas und trank einen kräftigen Schluck. Der herbe Geschmack, das kühle Glas – wunderbar real und zweifellos echt, im Gegensatz zu den verworrenen Erinnerungen an den Nachmittag am Lago di Montepulciano. Tiefe Schnittwunden, die innerhalb von Minuten verschwinden – heilen – sich auflösen, was auch immer; und überhaupt: eine merkwürdige Lebensrettungsmethode, die blutende Verletzung des Retters auf die des Opfers zu drücken und sich dabei mit so viel Hautkontakt wie möglich auf den ausgestreckten Körper zu legen …
»Ich sagte dir doch«, unterbrach Jessika seine Grübeleien, »dass wir schnell heilen.«
Johannes runzelte die Stirn und sagte: »Das habe ich bei meinen Recherchen über eure Art auch gelesen, aber so schnell? Und außerdem wärest du beinahe gestorben, nicht wahr? Wo war denn die schnelle Heilung, als sie gebraucht wurde?«
Luca schob den letzten Löffel Pasta in seinen Mund und erklärte: »Schneller ging es nicht. Mama hat uns den Ort beschrieben, an dem wir euch finden, aber fliegen können wir nicht. Papa ist immerhin gefahren wie ein Rennfahrer.«
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Tja. Und nun?
Luca und Giacomo ... |
... brechen alleine auf, zurück nach Hause. |
... bleiben noch mit Johannes und Jessika zusammen. |
Auswertung |
…
…ein Stündchen Zeit zum Schreiben finde, geht es morgen weiter mit Jessika.
Die Fortsetzung ist größtenteils geschrieben, lediglich die letzte Szene muss noch in eine Frage an die Leser münden.
… übersetze ich auch Bücher.
Nur so nebenbei bemerkt, falls jemand einen Übersetzer suchen sollte.
:-)
Na na na – wenn da mal nicht ein Schüler oder eine Schülerin in Österreich für den Unterricht einen Aufsatz abzuliefern hat und nun via Google einen Guttenberg machen will …
Vorsicht, liebe Schülerin oder lieber Schüler. Vielleicht kennen sich auch die Lehrkräfte mit Suchmaschinen aus?
Beinahe hätte es die Auszahlung direkt auf mein Girokonto auf Platz 1 geschafft, aber dann hat doch noch die putzige Behauptung Führungskräfte brauchen mehr als einen Doktortitel meinen Privatwettbewerb um die Betreffzeile der Woche im elektronischen Mülleimer gewonnen. Auch nicht schlecht ist natürlich die Tatsache, dass The Spirit gelegentlich eine vorher angekündigte Schulung durchführt und dass man für 31 Euro den Frühling nach Europa holen kann. Wenn wir zusammenlegen – 30 Blogbesucher und ich – kostet uns das Ende des Winters nur je einen Euro. Wie wär’s damit?
Heute ist die Fortsetzung kürzer als gewohnt – dafür wird es mit der nächsten Folge nicht allzu lange dauern. Es wird auch keine Leserentscheidung über den Fortgang geben, denn den habe ich schon im Kopf und zum Teil niedergeschrieben. Ich hätte diesen Teil natürlich durch weiteren Text länger gestalten können, konnte es mir aber nicht verkneifen die geschätzte Leserschaft mal ein paar Tage einem sogenannten cliffhanger auszusetzen. Ein bisschen Qual muss ja ab und zu sein. Ätsch!
Das aber noch zuvor: Die vorangegangenen Teile: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5] /// [Teil 6] /// [Teil 7] /// [Teil 8] /// [Teil 9] /// [Teil 10] /// [Teil 11] /// [Teil 12]
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Schließlich, es schien eine Ewigkeit zu dauern, schwanden die Kräfte des Mannes. Er stolperte, sank auf die Knie, ließ das Messer fallen und griff mit beiden Händen nach Jessikas Arm, um den Würgegriff zu lösen. Seine Fingernägel gruben sich in ihr Fleisch. Sie ließ nicht locker, auch als er sich nicht mehr auf den Knien halten konnte und umfiel, hielt sie unerbittlich fest.
Johannes stand zwei Meter entfernt, den blutverschmierten Dolch in der rechten Hand, in der linken ein Handtuch. Er konnte nicht sagen, ob Jessikas Arm von ihrem eigenen Blut verschmiert war oder von dem des Räubers, aber notfalls wollte er die Wunde abbinden können.
»So. Das reicht dir wohl«, sagte Jessika endlich und ließ los. Sie stand, etwas schwankend, auf und schaute Johannes an. »Lass den Dolch fallen.«
Er tat es. Er brauchte keine Waffe mehr. Er wollte Jessika in die Arme nehmen, zum ersten Mal, sie trösten, falls sie Trost brauchte, sie beruhigen, falls sie aufgewühlt war. Wie ein Vater seine Tochter, die gerade Schlimmes durchgemacht hat. Er atmete tief durch und fragte: »Bist du verletzt?«
Jessika nickte. »Er hat mich mit der Klinge erwischt. Aber das macht nichts. Wir heilen schnell, anders als ihr normalen Menschen.«
Johannes ging die zwei Schritte zu ihr hin. Der Stich hatte sich tief in den Oberarm gebohrt, unaufhörlich quoll das Blut. Vorsichtig drückte Johannes das Handtuch auf die Wunde. Er versuchte, sich an den längst vergessenen Unterricht in Erster Hilfe zu erinnern, da war es auch um einen Druckverband gegangen. Einen Knoten musste man machen, und mit einem Stock dann irgendwie den Stoff spannen. Es fiel ihm nicht ein, wie das gehen sollte. Es fiel ihm auch nicht ein, dass er im Auto einen ordnungsgemäß ausgerüsteten Verbandskasten hatte. Das Handtuch färbte sich zügig rot, die Blutung hielt unvermindert an.
»Tut es sehr weh?«
»Ja.« Ihre Stimme war ungewohnt schwach.
»Du musst zu einem Arzt.«
»Nein.«
»Jessika, bitte. Sei nicht unvernünftig. Das ist ein tiefer Stich und du blutest unaufhörlich.«
Sie griff mit ihrer rechten Hand nach dem Handtuch, presste es auf die Verletzung, stöhnte, presste noch stärker, biss sich auf die Lippen und bat dann: »Nimm mich in die Arme.«
Hätte es Zuschauer gegeben, wäre der Begriff Liebespaar das erste gewesen, was ihnen beim Anblick der beiden in den Sinn gekommen wäre. Zwei nackte Menschen, eng umschlungen, die Frau geborgen in den Armen des Mannes. Lediglich das Blut, mit dem sie mittlerweile beide verschmiert waren, störte das romantische Bild.
Abgesehen von einem Händedruck in Parma war dies sie erste körperliche Berührung der beiden. Johannes fühlte ihr Zittern, hielt sie fest, strich ihr über den Rücken. Sie atmete tief, schien schwächer zu werden, wankte auf unsicheren Beinen. Das blutdurchtränkte Handtuch fiel zu Boden, ihre Arme hingen kraftlos herab. Er hielt sie fest, als sie ihm zu entgleiten drohte. Johannes überlegte, ob er sie zu den Decken hinübertragen, hinlegen und Hilfe holen sollte. Das Telefon lag im Handschuhfach. Als er zu dem Schluss gekommen war, dass ihm nichts anderes übrig blieb, kam ein Laut aus ihrer Kehle, der kaum menschlich klang, ein Klang wie aus der Verzweiflung einer geschundenen Kreatur geboren, die ihren Peinigern nicht entrinnen kann.
Unvermittelt wurde es, obwohl der Sonnenuntergang noch fern war, dunkel. Ein tiefer Schatten fiel auf die Lichtung, hüllte die beiden ein. Als sei das Feuer der Sonne plötzlich erloschen. Dunkelheit und Kälte, von einem Augenblick zum nächsten. Eine uralte Dunkelheit, die nicht hierher gehörte. Und in der Finsternis war jemand. Etwas.
Jessika hing wie tot in seinen Armen, Johannes hielt sie fest, sonst wäre sie auf der Erde gelandet. Atmete sie noch? Er drückte sie an sich, versuchte, sie vor der Dunkelheit zu schützen. Oder eher vor dem, was in der Dunkelheit verborgen war. Ihre Haut war warm, noch war sie warm. Es war sinnlos, um Hilfe zu rufen, es war sinnlos, weglaufen zu wollen. Diese Finsternis war nicht von dieser Welt, wohl auch nicht auf dieser Welt. Sie waren in der Finsternis gefangen.
Johannes starrte ins Leere. So etwas wie ein unwirklich graues Schimmern war verblieben, ohne Ursprung; nur vage Schemen der Bäume um die Lichtung waren auszumachen, obwohl die Augen sich schnell an die fehlende Sonne gewöhnten. Er sah nichts, aber er spürte, dass sich näherte, was in diesem Todesschatten wohnte.
Wie angekündigt geht es nun nicht um den Fortgang der Geschichte. Aber diese Frage ist nicht unwichtig, womöglich hängt von der Abstimmung das Ende der Erzählung ab.
Wie geht es den geschätzten Lesern mit Jessika? |
Inzwischen mag ich sie. |
Keine angenehme Zeitgenossin. |
Wer ist Jessika? |
Auswertung |
Fortsetzung sehr bald an dieser Stelle.
Die evangelische Kirche in Deutschland hat ihre traditionelle Fastenaktion »Sieben Wochen ohne« in diesem Jahr unter ein Motto gestellt, das für manche Menschen schwieriger zu bewältigen sein dürfte als der Verzicht auf Fleisch oder Alkohol oder sonst etwas Äußerliches: »Ich war’s! Sieben Wochen ohne Ausreden.«
Wie hilfreich im Miteinander sind doch Ausreden, meinen wir oft. »Ich habe verschlafen – daher bin ich zu spät im Büro.« Wer würde das gerne sagen, wenn sich doch auf der Autobahn so häufig ein Stau entwickelt? »Entschuldigung, ich habe vergessen Ihre Rechnung zu bezahlen.« Wie viel bequemer scheint es doch zu sein, zu behaupten, dass der Brief wohl auf dem Postweg verloren gegangen sein muss …
Aber ist das wirklich bequemer und angenehmer? Auf den ersten Blick vielleicht. Jedoch: Wer lügt (schummelt / verschweigt / umschreibt / schönredet …) braucht ein gutes Gedächtnis. Sonst verheddert er sich früher oder später in Widersprüche. Selbst bei gutem Erinnerungsvermögen kann eine längst vergangene Schummelei sogar einen Bundesminister irgendwann einholen.
»Ich war’s! Ich habe kopiert und eingefügt und das Ergebnis dann als meine Doktorarbeit abgegeben.« Ein solcher Satz hätte dem Ertappten wohl mehr Respekt eingebracht als wochenlange Ausreden und Ausflüchte und Versuche, vom Betrug abzulenken. Selbst dieses Eingeständnis hätte zumindest Achtung vor der Aufrichtigkeit zur Folge gehabt: »Ich war’s! Ich habe mir die Doktorarbeit schreiben lassen und sie dann nicht auf Plagiate überprüft, weil ich dem Ghostwriter vertraut habe.«
Nun ist es immer ein Leichtes, mit dem ausgestreckten Finger auf jemanden zu zeigen, der ertappt worden ist, sei es ein prominenter Minister, sei es Lieschen Müller von nebenan. Wie leicht erkennt man doch den Splitter im Auge eines anderen Menschen, und wie schwer fällt es, den Balken im eigenen Auge einzugestehen.
Es mag schwer fallen, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es der bessere Weg ist, ein Fehlverhalten einzugestehen, anstatt Ausflüchte zu suchen. Wer zugibt, dass er einen Fehler gemacht hat, kann eher damit rechnen, dass man ihm eine zweite Chance einräumt als jemand, dem man sein Fehlverhalten nachweisen muss, während er es noch leugnet und die Schuld von sich zu weisen versucht.
»Ich war’s! Sieben Wochen ohne Ausreden.« Vielleicht kommt der eine oder andere, der sich auf dieses Experiment der evangelischen Kirche einlässt auf den Geschmack und macht nach den sieben Wochen weiter? Dazu muss man weder evangelisch sein noch muss man bis zum offiziellen Beginn der Fastenaktion am 13. März warten. Damit kann man schon heute anfangen, als Moslem, als Christ, als Atheist …
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Das, liebe Stammleserschaft, können wir schon im Chor aufsagen: Der obligatorische Hinweis auf die vorangegangenen Teile: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5] /// [Teil 6] /// [Teil 7] /// [Teil 8] /// [Teil 9] /// [Teil 10] /// [Teil 11]
Und nun? Geht es los mit der Fortsetzung.
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»Soll ich deine Sachen aus dem Auto holen?«, fragte Johannes freundlich. »Oder ziehst du lieber dieses rote Kleid von Alesia an? Es steht dir bestimmt besser als so ein Overall wie vorhin auf dem Trecker.«
Jessika starrte ihn finster an. Für den Moment war sie sprachlos.
Alesia wollte wissen: »Wer … woher … ist das der Kerl, der dich ausgesetzt hat?«
Ungerührt schmunzelnd betrachtete Johannes die beiden unbekleideten Frauen und antwortete statt Jessika: »Ausgesetzt kann man das vielleicht nicht nennen. Ich habe es vorgezogen, aus der Taverna dell'Etrusco in Orvieto Terni zu verschwinden, bevor in der Herrentoilette zwei junge Männer beim Pinkeln von einer Dame erschossen wurden. Angesichts der Tatsache, dass ich nur über einen einzigen, noch dazu echten Reisepass verfüge und dass ich keine Lust hatte, hier in Italien unnötig festgehalten zu werden, war das doch sicher eine verständliche Entscheidung.«
»Du hättest mich am Bahnhof oder auf dem Weg dorthin aufsammeln können«, fauchte Jessika.
»Dann hättest du aber Luca nicht kennen gelernt. Und Alesia.«
»Was hast du damit schon wieder zu tun? Woher … Wer bist du wirklich, Johannes?«
»Das möchte ich aber auch gerne wissen«, meinte Alesia und griff nach ihrer Wäsche. »Wenn ich mich angezogen habe«, fügte sie hinzu.
Jessika überlegte kurz, ob es wohl möglich wäre, diesen unheimlichen Mann mit zwei nackten Frauenkörpern so weit abzulenken, dass sie ihn überwältigen konnten. Sie hatte genug davon, dass er ständig die Nase vorn hatte, sie ihm bei jeder Begegnung ausgeliefert war. Doch dann beschloss sie, auf eine andere Gelegenheit zu warten. Ich kriege dich noch, du Schlaumeier, irgendwann habe ich dich in meiner Gewalt. Und dann …
Während sie sich ebenfalls anzog sagte sie zu Alesia: »Du kennst ihn also nicht? Ich dachte schon, dass er dich auch schon heimgesucht hat, was auch immer er wirklich wollen mag. Ich habe keine Ahnung.«
Johannes erklärte: »Ich habe dir doch schon gesagt, was ich will. Ich will dich besser kennen lernen, Jessika.«
Ihre Stimme klang immer noch giftig: »Das beruht inzwischen auf Gegenseitigkeit.«
»Na prima. Wir haben ja eine längere Fahrt vor uns. Wir sollten bald aufbrechen.«
»Wer sagt denn, dass ich mit dir mitfahre? Ich komme sehr gut alleine zurecht.«
Johannes stand auf und trat ans Fenster. Die Zufahrt lag leer in der hellen Mittagssonne, eine Katze räkelte sich im Schatten der Apfelbäume. Weit und breit war niemand zu sehen, aber Giacomo konnte jeden Augenblick zurück kommen, und auch die Kinder mussten bald eintreffen. Giacomo würde seine Frau niemals an die Behörden verraten, aber wenn er seine Familie durch eine Fremde gefährdet sah …
»Wir müssen uns beeilen, Jessika«, sagte er. »Das Phantombild ist in der Morgenzeitung. Die Familie, deren Kind du im Zug gerettet hast, wird dich erkannt haben. Der Mann, der deinen Reisepass so lange studiert hat, wird sich an den Namen und den Wohnort erinnern, die da zu lesen waren. Ich weiß, dass der Pass nicht echt ist, aber die italienische Polizei ist nicht dumm. Man wird ziemlich schnell herausfinden, dass es keine Ulrike Peschel in Hamburg gibt, und wenn doch, dass sie keinesfalls in Italien unterwegs ist um Männer umzubringen und kleine Mädchen zu retten. Du hast deine Fingerabdrücke auf der Beretta hinterlassen. Und wer weiß, ob man bei dem Toten in Parma nicht Verdacht geschöpft hat, ob es wirklich ein natürlicher Tod beim Liebesspiel war – vor allem weil die fragliche Dame, mit der sich Signore Di Stefano vergnügt hat, spurlos verschwunden ist. Du verfügst zwar über gewisse Fähigkeiten, die normale Menschen nicht haben, aber du bist auch kein Gespenst, das sich einfach auflösen kann.«
Er drehte sich wieder um und betrachtete Jessika mit Wohlwollen. Das Kleid stand ihr ausgezeichnet, ihre Haut wirkte – vielleicht weil sie den Ernst ihrer Lage spürte – noch etwas blasser. Alesia trug Jeans und ein weißes T-Shirt, die schwarzen Haare ringelten sich locker auf ihre Schultern. Zwei bildschöne Frauen, die ein finsteres Geheimnis gemeinsam hatten. Eine unerbittliche Mission. Im Dienst von Nitzrek gab es kein Erbarmen und kein Mitleid, wenn ein neuer Auftrag zu erfüllen war.
»Ich kenne ihn nicht«, sagte schließlich Alesia, »aber ich glaube, er hat recht. Wenn er dir schaden wollte, hätte er die Polizei mitgebracht. Vielleicht kann er dir wirklich helfen.«
Jessika starrte Johannes ein paar Sekunden prüfend an, er wich ihrem Blick nicht aus. Deine Augen, dachte sie, deine Augen … du erinnerst mich an Bernd. Wer bist du bloß? Wie hast du mich gefunden, warum hast du mich gefunden? Schließlich atmete sie tief durch und sagte: »Gut. Wir brechen auf. Wohin?«
»Vor allem musst du aus dem Land verschwinden. Wir werden sehen, wohin uns der Weg führt. Wir fahren Richtung Innsbruck, mal sehen, wie weit wir heute noch kommen, es sind ungefähr sechs oder sieben Stunden bis zur Grenze. Vielleicht übernachten wir in Österreich, vielleicht noch mal in Italien.«
Zwanzig Minuten später waren sie unterwegs. Jessika war auf der Hut, wartete auf eine Gelegenheit, Johannes in ihre Gewalt zu bringen, aber sie hatte keine Eile und würde nicht unüberlegt handeln, hatte sie sich vorgenommen. Einstweilen war sie sogar dankbar, dass er ihr aus einer, wie sie ehrlich zugeben musste, prekären Lage helfen wollte. Dass Ihresgleichen nicht unsterblich waren, wusste sie, seit sie ihren ersten Auftrag ausgeführt und Evi Müller, die mordende Hausmeisterin aus dem Weg geräumt hatte.
Warum Nitzrek die Artgenossin Jessikas damals eliminierte, hatte sie recht bald verstanden: Evi Müller tötete Menschen nicht nur im Auftrag von Nitzrek, sondern aus ganz persönlichen Motiven, und das war nun einmal nicht zulässig. Es ging nicht um das Töten an sich, sondern darum, dass die Zeit eines Menschen abgelaufen und diesem Menschen kein natürlicher Tot beschieden war. Dann musste jemand dafür sorgen, dass das ewige Gleichgewicht des Lebens und Sterbens erhalten blieb. Jemand wie sie selbst, Alesia, und zukünftig womöglich Luca – Jessika war recht sicher, dass der Junge das Erbe in sich trug.
Der Weg führte sie wieder nach Orvieto Terni, was in Jessika ein mulmiges Gefühl auslöste. Es war nicht einmal 24 Stunden her, dass sie hier zwei Männer erschossen hatte. Konnte sie sicher sein, dass nicht zufällig jemand ihr Gesicht erkannte und der Polizei Meldung machte, dass die Gesuchte in einem schwarzen Dodge Nitro saß? Sie stellte die Lehne ihres Sitzes zurück und hoffte, dass sie nun von außen kaum zu sehen war.
»Woher wusstest du eigentlich«, fragte sie, »dass ich in das Männerklo gehen und einen Doppelauftrag erfüllen würde? Das wusste ich ja selbst nicht, bevor ich vor der Türe stand.«
»So kurzfristig hast du das entschieden?«, fragte Johannes zurück.
»Woher du das wusstest, wollte ich wissen.«
»Ich wusste es eben.«
»Woher?«
»Woher wusste ich, dass du im Overall Traktor fährst? Dass du dir vor dem Frühstück in der Albergo Century in Parma noch einen Orgasmus gegönnt hast? Aus welcher Tür du den Zug verlassen wolltest? Dass du Bernd geliebt hast … woher wusste ich das alles?«
»Genau. Woher?«
»Das wirst du, hoffe ich, selbst nach und nach herausfinden. Ich weiß manches über dich, aber vieles ist mir rätselhaft. Daher sind wir hier, darum fahren wir jetzt Richtung Österreich. Du kannst dich übrigens wieder aufrecht hinsetzen, wir haben Orvieto Terni hinter uns.«
Jessika richtete die Lehne wieder auf und schaute sich um. Sie waren bereits fast an der E 35, die von den Italienern liebevoll Autostrada del Sole getauft worden war. Johannes lächelte sie freundlich an und meinte: »Du solltest vielleicht dein Aussehen etwas verändern, ein paar Jahre altern zum Beispiel, deine Bandbreite reicht ja bis etwa 40, nicht wahr?«
»Was weißt du eigentlich nicht? Du bist doch keiner von uns, oder?«
»Nein, ich bin ein normaler Mensch, soweit Menschen normal sind. Das, was ich über dich weiß, über deine Art, habe ich mir zusammengesucht, hauptsächlich aus Büchern und zum Teil im Internet recherchiert, wobei man diesbezüglich ja sehr genau die Quellen prüfen muss, im Internet findet man jeden Blödsinn als angebliche Tatsachen und Fakten.«
Jessika nickte, auch sie hatte schon den größten Unfug über Ihresgleichen gefunden, allerlei Spinner, Sektierer und Fanatiker gaben in Foren und auf anderen Plattformen ihre Phantasien zum besten. Mancher Roman kam näher an die Wahrheit als das, was als Forschung präsentiert wurde.
Johannes fuhr fort: »Gesicherte Erkenntnisse im wissenschaftlichen Sinne sind natürlich nicht vorhanden, aber ich gehe davon aus, dass in vielen Legenden und Überlieferungen einiges an Wahrheit steckt.«
»Zum Beispiel?«
»Es ging damit los, dass die Menschheit sich mit einer anderen Art vermischte. In der Bibel kann man lesen: Und es geschah, als die Menschen begannen, sich zu vermehren auf der Fläche des Erdbodens, und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Söhne Gottes die Töchter der Menschen, dass sie gut waren, und sie nahmen sich von ihnen allen zu Frauen, welche sie wollten. In jenen Tagen waren die Riesen auf der Erde, und auch danach, als die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren.«
»Ja ja«, widersprach Jessika, »aber anschließend kam die Sintflut und diese Rasse wurde ausgelöscht. Ich habe mir das auch durchgelesen.«
»Ich sagte ja, dass in solchen Legenden einiges an Wahrheit steckt, aber natürlich sind sie keine wissenschaftliche Dokumentation. Immerhin ist auch später in der Bibel noch von den Riesen, wie sie dort genannt werden, die Rede.«
Jessika lächelte zum ersten Mal seit sie Johannes an diesem Tag begegnet war, als sie erklärte: »Ich finde das recht putzig, dass da von Riesen die Rede ist. So kommt uns niemand auf die Spur, denn wir sind ja nicht größer als die Menschen. Nicht körperlich größer, meine ich.«
»Ich finde Nephilim auch passender als Begriff für eure Art.«
»Meinetwegen. Alle Kulturen und Völker haben ihre Legenden über uns, mal sind wir die Guten, mal die Bösen. Aber niemand von euch Menschen kommt uns jemals auf die Spur. Wenn doch, dann endet das mit dem Tod. Ich hoffe, das ist dir klar, Johannes.«
Er antwortete nicht darauf sondern fragte: »Hältst du dich denn für gut oder für böse?«
Inzwischen waren sie längst auf der Autobahn unterwegs. Jessika versuchte, zu erspüren, ob Nitzrek bezüglich des Mannes neben ihr am Steuer einen Auftrag für sie hatte. Die Antwort war nein, wenngleich ihr das unerhört vorkam. Kein Mensch konnte und durfte das Geheimnis eines Wesens ihrer Art kennenlernen und dann weiterleben. Vielleicht brauchte sie keinen speziellen Auftrag, vielleicht genügte das Wissen um dieses eherne Gesetz? Man brauchte ja auch keinen gesonderten Auftrag, nicht schneller als 120 zu fahren, wenn das auf den Schildern am Straßenrand klar ersichtlich war.
»Gut oder böse?«, wiederholte Johannes.
»Ist ein zwölfjähriger Junge, der beim Masturbieren den ersten Samen ausstößt, gut oder böse, wenn Nitzrek daraufhin oder dabei in seinem Zimmer erscheint? Ist ein zwölfjähriges Mädchen, das endlich herausgefunden hat, wie das mit dem Orgasmus funktioniert und dabei von Nitzrek besucht wird, gut oder böse? Bist du selbst, der eine polizeilich gesuchte Mörderin in seinem Auto spazieren fährt, gut oder böse?«
»Wollen wir philosophieren?«
»Nein. Ich hätte Lust, schwimmen zu gehen. Es gibt doch hier irgendwo in der Nähe der Autobahn bestimmt einen netten See?«
Johannes nickte, als habe er die Frage erwartet. »Der Lago di Montepulciano ist nicht mehr weit.« Er blickte auf die Uhr und sagte: »Gegen 16 Uhr könnten wir dort sein. Dann wird das aber nichts mehr mit der Ausreise noch heute. Es sei denn …«
Jessika nahm den Gedanken auf: »Es sei denn, wir ruhen uns am See aus und fahren dann die Nacht durch.«
»Einverstanden.«
Kurz vor 16:00 Uhr hielt der schwarze Geländewagen an der kleinen Busstation in Mugnanesi. Johannes hatte sein Navigationssystem nach dem nächsten Geldautomaten gefragt und war hierhin geleitet worden. Jessika stieg aus und ging zu der Maschine, an der in Großbuchstaben BANKOMAT stand. Mit einer der Kreditkarten hob sie 2000 Euro ab, etwa 1500 davon würde sie brauchen, um sich eine Waffe zu besorgen. Unterwegs hatte sie mit ihrem Mobiltelefon per E-Mail an geeigneter Stelle nachgefragt, wo sie auf dem Weg nach Österreich Ersatz für die zurückgelassene Beretta bekommen konnte. Im Text der E-Mail stand zwar »brauche eine Batterie für iPhone 4«, aber die Empfänger wussten das richtig zu deuten. Die Antwort war ein paar Minuten später gekommen: »Ab 20 Uhr Ristorante Mengrello in Valdichiana, in Fiona della Chiana. Frag nach Pedro.«
Jessika stieg wieder ein und sie fuhren noch ein paar Hundert Meter am See entlang, bis sie eine kleine Bucht fanden, die von der Straße aus nicht einzusehen war, da sie von Bäumen umstanden und ein gutes Stück entfernt war.
»Jetzt siehst du, wozu ein Dodge Nitro gut ist«, schmunzelte Johannes, nachdem er das Fahrzeug durch das Gelände gesteuert hatte. Er parkte am Rand der Lichtung und holte zwei große Wolldecken aus dem Kofferraum.
Er wählte einen Platz im Halbschatten und breitete die Decken aus, dann ging er zurück zum Auto. Jessika hatte sich bereits ihrer Kleidung entledigt und war auf dem Weg ins Wasser, als er mit einer Kühltasche zurück kam. Er zog sich aus und folgte ihr. Der See war ziemlich kühl, aber wenn man kräftig schwamm, wurde es bald erträglich.
Jessika war um einiges schneller im Wasser als Johannes. Sie hatte bald einen gehörigen Vorsprung vor ihm und verschwand um eine Biegung aus seinem Gesichtsfeld. Johannes hatte keine Ambitionen, sie einzuholen, er war sicher, dass sie nicht verloren gehen würde.
Er lag schon ein paar Minuten wieder auf der Decke, als er Schritte hinter sich vom Waldrand her hörte. Johannes schaute sich um. Zwei kräftig gebaute Männer standen vor ihm, mit langen Messern in der Hand. Der eine war ein Hüne, er mochte fast zwei Meter groß sein.
»Chiave!« befahl er und deutete auf das Auto.
»Portadocumenti!« forderte der andere, der zwar nicht so riesig wie sein Kumpan war, aber deutlich mehr Muskeln hatte als Johannes und hob die Faust mit dem Dolch.
Johannes griff nach der Jeans, die neben der Decke lag und murmelte: »Momento …«
Er fischte den Autoschlüssel aus der Hosentasche und hielt ihn hoch.
»Portadocumenti! Moneta!«
Aus der Gesäßtasche holte Johannes sein Portemonnaie und reichte es weiter. Die beiden drehten sich um und gingen zum Auto. Der nackte Mann auf der Decke schien ihnen nicht weiter gefährlich zu sein.
Als der größere der beiden Männer die Fahrertür öffnete, ging alles so schnell, dass Johannes später nicht genau sortieren konnte, was in welcher Reihenfolge geschehen war.
Jessika sprang aus dem Gebüsch den kleineren der Männer an, entriss ihm, das Messer und schnitt ihm die Kehle durch, bevor er auch nur eine Spur von Abwehrbewegung sehen ließ. Gleichzeitig musste Jessika irgendwie ihren linken Arm um den Hals des anderen Mannes geschlungen haben, denn während der eine zu Boden sank, versuchte der andere schon, dem Würgegriff zu entkommen. Johannes sprang auf, um Jessika zu Hilfe zu eilen, aber sie rief: »Bleib weg!«
Sie hing auf dem Rücken des Riesen, der versuchte, sie mit seinem Messer zu treffen, während sie ihm unerbittlich die Luft abschnürte. Warum sie den Dolch hatte fallen lassen, verstand Johannes nicht. Sie griff nun mit der rechten Hand in die Haare des Mannes und zog seinen Kopf nach hinten. Er röchelte, schlug nun wahllos um sich, gab aber nicht auf. Es wirkte wie ein grotesker Tanz; eine zierliche nackte Frau auf dem Rücken eines Mannes in Lederkleidung wird in archaischen Tanzschritten über die Lichtung getragen. Modernen Regisseuren mochte so etwas für ihre Theaterbühne einfallen.
Johannes ging nun zu der Leiche hinüber, um sich das Messer zu holen, das in der Blutlache lag. Falls Jessika nicht mit ihrem Gegner fertig wurde, wollte er bereit sein, sie und sich selbst zu verteidigen. Es war undenkbar, dass Jessikas Geschichte hier an diesem See auf eine solch profane Weise enden sollte. Manchmal, das wusste er, geschah jedoch im Leben das Undenkbare. Er hob die Waffe auf, der Griff war warm und glitschig vom Blut des Toten.
Als er sich umdrehte, war der Riese mit Jessika auf seinem Rücken schon über die halbe Lichtung zum Wasser hin getorkelt. Sie hatte ihre Beine um seinen Leib geschlungen, die rechte Hand zog noch immer in seinem Haar, der linke Arm um seinen Hals war blutverschmiert.
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Nun, geschätzte Leserschaft, folgt das Unvermeidliche. Die Abstimmung. Die Entscheidung über den Fortgang. Der Mausklick auf eine der Optionen.
Wie geht der Kampf aus? |
Jessika gewinnt ohne Hilfe von Johannes. |
Jessika gewinnt mit Hilfe von Johannes. |
Jessika verliert. Aus die Maus. |
Ach du liebe Güte! Was für eine Frage! |
Auswertung |
Und ich mache mich aus dem Staub, bis hier ein hoffentlich eindeutiger Leserwille erkennbar wird. Ach ja: Wer nicht abstimmt, soll sich hinterher nicht über das Ergebnis mokieren …
P.S.: Die Dame auf dem Foto habe ich bei WikiCommons gefunden und ein wenig verfremdet.