Montag, 27. September 2010

Neuland – Teil 10

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In einem Kommentar zum vorigen Beitrag hatte ich ein längeres Kapitel angekündigt. Das war ein Irrtum. Diese Fortsetzung ist eine von den übersichtlicheren… Na so was.

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Eine Heimat

Sie stiegen weiter in die Berge empor.

Asthanthe und Anron hatten auf ihrer Wanderung viel geredet, konnten einander manche offene Frage beantworten und stießen dabei auf immer neue und größere Rätsel. Sie hatte ihm erzählt, durch welches Tor sie in diese neue Welt gekommen war. »Ich lebte in England, in der Nähe von Leeds. Mein Vater war ein arbeitsloser Trinker, meine Mutter eine verzweifelte Frau, die versuchte, ihre Tochter vor ihrem eigenen Ehemann zu schützen. Das klingt nicht sehr nett, und es war auch nicht nett zu Hause. Als ich zwölf war, fing er an, sich für mich zu interessieren auf eine Art und Weise, in der Väter sich niemals für ihre Töchter interessieren dürfen. Ich war ein ahnungsloses Kind, und nur den offenen Augen meiner Mutter habe ich es wohl zu verdanken, dass er mich nicht missbraucht hat, na ja, also zumindest hat er mich nicht vergewaltigt. Sie verließ ihn, als ich 14 war und zog mit mir nach Schottland. Wir lebten sehr einsam und in Armut, aber wir waren meinen Vater los, was uns beiden das Leben erträglicher machte.

Banff, ScotlandIch wuchs in einem kleinen Ort an der Küste auf, der Banff hieß. Nach der Schule fand ich keine Ausbildungsstelle, wir waren für die Schotten so etwas wie die Schwarzen in Amerika. Wir waren auf dem Papier gleichberechtigt, anerkannt, nicht diskriminiert, aber in der Praxis sah es oft anders aus.

Ich bekam Kontakt zu einer Gruppe von Jugendlichen, die einer ziemlich emotionalen wilden Freikirche angehörten, ich konnte mit dem ganzen Gejauchze und Gehüpfe nichts anfangen, aber sie waren die ersten in Schottland, bei denen ich mich angenommen fühlte. Auch meine Mutter fand Freunde zu der Gemeinde und wir fühlten uns zum ersten Mal wirklich wohl und zu Hause in Schottland. Es war eine schöne Zeit, trotz unserer Armut. Die Gläubigen halfen und unterstützten uns nach Kräften, wobei niemand dort wirklich reich war.

Kurz bevor unsere Welt in Schutt und Asche versank, hatte die Gemeinde einen Gastredner aus Argentinien, der eine Woche lang Abendversammlungen durchführte. Seine Predigten waren einfach und direkt. Er warnte vor einer nahen Katastrophe und forderte die Menschen auf, sich zu Gott zu bekehren.

Einige folgten den Aufrufen, die meisten aber nahmen seine schlichten, wenig intellektuellen Worte nicht sonderlich ernst. Immerhin hatten schon vor 2000 Jahren die Apostel das nahe Ende der Welt verkündet. Am letzten Abend der Woche gab es die Möglichkeit, sich von den Pastoren und dem Gastredner segnen zu lassen, und meine Mutter und ich gingen nach vorne zum Podium. Schaden konnte das ja nichts, dachte ich.

Der Argentinier sah mich an, schloss die Augen und flüsterte: »Nein, Herr, das kann nicht sein.«

Ich wartete einfach ab und verstand nichts. Mich konnte er ja mit Herr kaum gemeint haben. Vermutlich unterhielt er sich mit Gott. Schließlich machte er die Augen wieder auf und sagte: »Widersteht dem Bösen, so weicht er von euch. Sag ihnen, dass sie widerstehen müssen und hilf deinem Mann. Du wirst wissen, was zu tun ist.«

Du musst dir vorstellen, dass ich keinen Mann hatte, nicht einmal einen Freund, und nicht die geringste Ahnung, was kommen würde. Ich hielt den Prediger für etwas durchgeknallt, auf eine sympathische Art allerdings. Dann segnete er mich und meine Mutter und bat Gott um Kraft und Mut für unsere Zukunft.

Das geschah drei Tage, bevor ich das Tor fand. Wir wachten in jener Nacht auf, weil die Sirenen unaufhörlich heulten. Wir schalteten das Radio ein und erfuhren, dass die Welt in einen Krieg geraten war. Meine Mutter war sehr still, schließlich sagte sie: »Geh hinaus an das Meer, ich werde in Frieden zu meinem Erretter gehen.«

Ich wollte sie nicht verlassen, aber sie bestand darauf, dass dies Gottes Wille sei und so fügte ich mich, als sie schließlich fast handgreiflich wurde, damit ich endlich ging. Das sah ihr so gar nicht ähnlich. Ich kannte weder Gottes Willen noch Gott, hatte manches gehört in der kleinen Kirche, aber das war größtenteils so widersprüchlich und jenseits von jeglicher Vernunft, dass ich nichts damit anzufangen wusste. Meine Mutter bestand jedenfalls darauf, dass ich zum Strand hinunterging. Dort traf ich ein Wesen, das so unwirklich war, dass ich dachte, ich hätte alles nur geträumt, sei noch immer in einem Traum gefangen. Es wies mir den Weg zu einer abgelegenen Stelle, und als ich dort ankam, sah ich etwas, das wie ein Tor wirkte. Ich ging hindurch und landete in dieser Welt hier.«

Anron fragte: »Wie sah das Wesen am Strand aus?«

Sie beschrieb es als Zylinder, als silbrig schimmernde Säule.

»Und das Tor, waren da Bäume oder so etwas?«

»Nein, es war wie ein schimmernder Bogen in der Dunkelheit über dem Wasser. Ich habe ihn nicht berührt, ich weiß nicht, was es wirklich war. Ich kannte den Strand seit Jahren, auch bei Nacht, weil ich gerne dort schwimmen ging, wenn niemand sonst in der Nähe war. Eine solche Lichterscheinung hatte ich nie gesehen. Aber ich wusste irgendwie in jener Nacht, was zu tun war. Ich zog mich aus und watete in das Wasser. Dann fand ich mich in einem See wieder, der Tag brach an. Da bin ich nun.«

Sie erzählte weiter, wie sie zuerst von einem Begleiter geführt wurde, der ihr diese neue Welt ein wenig vertrauter machte und sie schließlich auf den Weg zu den Bergen schickte. Später, als sie alleine wanderte, traf sie immer wieder Wächter und Hüter, die ihr halfen.

Anron sagte: »Eins verstehe ich nicht. Du bist in England und Schottland aufgewachsen, warum sprichst du so perfekt Deutsch, als sei es deine Muttersprache?«

»Spreche ich Deutsch? Ich habe nie Deutsch gelernt. Ich glaube, wir reden in einer Sprache, die keinem Land gehört, ohne es zu merken. Bjora kam aus Spanien, hatte ihr Land nie verlassen, und doch versteht sie jedes Wort von dir oder mir, ganz zu schweigen von Bersan, den sie inzwischen auch ohne Worte gut versteht.«

»Du meinst, die babylonische Sprachverwirrung ist aufgehoben?«

»Ich kann es mir nicht anders erklären. Ich denke und rede wie früher, und doch verstehen wir uns. Du redest und denkst wie früher und merkst auch nicht, dass sich etwas geändert hat.«

Er nahm es hin, ohne es zu begreifen. Daran hatte er sich längst gewöhnt, dass manches nicht zu begreifen und dennoch eine Tatsache war. Sie erzählte weiter, wie sie zunächst Bjora und dann ihn und Bersan getroffen hatte.

»Bjora hat mir zu verstehen gegeben, woher sie kam, mit viel Raten und nach unendlichen Fehlversuchen bin ich endlich auf Spanien gekommen. Sie ist dort auf dem Land in einem kleinen Kaff aufgewachsen, ohne Schulbesuch, man hielt sie wohl für geistig zurückgeblieben, weil sie nicht sprechen konnte.«

Bjora und Bersan hatten ihre eigene Art entwickelt, sich auszutauschen. Oft, wenn es zur Verständigung ausreichte, begnügte sie sich nach wie vor mit Gesten und Zeichen, sie sprach mit ihrer Mimik und ihren Augen, aber sie lernte gleichzeitig das Alphabet, Worte aus Buchstaben zusammenzusetzen. Es gab immer wieder geeignetes Material wie eine helle Felswand und einen angekohlten Ast oder weiche weiße Steinsplitter, mit denen man auf dunkleres Gestein schreiben konnte.

Sie tauschten ihre Erlebnisse aus und ihre Gedanken und Hoffnungen für die Zukunft. Viele Fragen fanden keine Antworten, die Zeit würde offenbaren, was richtig war. Eine der Überlegungen, die kein Ergebnis fand, war die Gesundheit.

»Ich weiß nicht, ob wir vor Krankheiten sicher sind.« sagte Bersan. »Bjora kann nicht sprechen, aber das ist momentan das einzige, was an uns nicht vollkommen scheint. Keine Erkältungen, keine Magenprobleme, obwohl wir zum Teil Nahrung zu uns nehmen, die für unsere Körper ungewohnt ist. Viele Früchte habe ich hier zum ersten Mal gesehen.«

Anron dachte noch weiter. »Es ist sowieso unklar, ob wir älter werden oder nicht, wenn ja, wie schnell. Die Zeit läuft hier anders, oder wir sind anders in die Zeit eingebunden. Ich denke immer wieder darüber nach, ob dies tatsächlich ein neuer Anfang für die Menschheit sein soll, ob unsere Kinder und Enkel eine neue Bevölkerung darstellen werden. Und darüber, ob das genetisch gut gehen kann.«

»Wie meinst du das?« fragte Asthanthe.

»Wir sind zwei Paare, die voraussichtlich Kinder haben können. Angenommen wir haben jeweils einen Sohn und eine Tochter. Dann wird unser Sohn eure Tochter zur Frau nehmen und umgekehrt. Wenn sie dann wiederum Kinder haben werden, sind es doch immer noch nahe Verwandte, die dabei entstehen? Ich weiß nicht, ob das gut geht, ob es nicht genetische Schäden geben wird.«

Bjora schüttelte verneinend den Kopf und Bersan fragte: »Du meinst, sie werden gesund sein?«

Sie nickte.

»Ich habe mich manchmal gefragt, ob wir wirklich die einzigen Menschen sind und warum ausgerechnet wir«, meinte Asthanthe. »Wer hat uns ausgewählt, wer hat gesagt: Diese vier Menschen sollen es sein? Ein Soldat, ein Einsiedler aus dem Wald, eine arbeitslose junge Britin und eine Spanierin aus einem kleinen Dorf. Keine hochgestellten Leute, keine herausragenden Persönlichkeiten. Warum wir?«

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Fortsetzung folgt.

Sonntag, 26. September 2010

Danke! Thank you!

Allen Freunden, die meine Geburtstagsfeier zu einem wunderbaren Erlebnis gemacht haben ein herzliches Dankeschön, dass Ihr mit mir gefeiert und mich noch dazu so reichlich beschenkt habt.

To all my friends who made my birthday party such a wonderful event: Thank you for celebrating with me and all the generous gifts!

thankyou


Thank you all, including those who couldn’t come to the party.

Ich danke euch allen, auch denen, die nicht zur Feier kommen konnten.

I feel very honoured to know you as my friends!

Ich fühle mich sehr geehrt, Euch als Freunde zu haben!

 

(Klick on the picture if you wanna study any details)

Samstag, 25. September 2010

Von der Zeit, die man sich nehmen kann

Wir sind strebsame Menschen. Wir gehen einer Arbeit nach, wollen vorankommen, stehen im Wettbewerb, setzen uns Ziele und haben Ambitionen. Zum Teil ist das eine Notwendigkeit, gilt es doch, das Leben auf dieser Erde zu finanzieren, einschließlich der Annehmlichkeiten, die nicht notwendig zum Überleben sind, auf die wir aber nicht gerne verzichten. Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt: »Es stimmt schon, dass Geld nicht glücklich macht. Aber ich weine lieber im Auto als in der U-Bahn.«

Allzu leicht geraten wir bei unserem Streben in Zeitnot. So vieles muss noch erledigt werden, alles scheint gleichermaßen dringend. Zum Luftholen bleibt - das suggerieren uns die vielen Aufgaben - keine Zeit.
Entspannung statt StressSich dann zu entscheiden, das Fahrrad für eine ausgedehnte Tour aus dem Keller zu holen, einen langen Spaziergang zu machen, durch die Stadt zu bummeln, ohne etwas einkaufen zu müssen, einen Tag in einer Bade- und Saunalandschaft zu verbringen ... das erfordert Mut, Überwindung, ist eine bewusste Entscheidung: Ich schalte das Mobiltelefon aus. Ich werfe keinen Blick auf den Monitor meines Computers. Ich bin nicht erreichbar und muss niemanden erreichen.
Das schlechte Gewissen meldet sich umgehend: Du faulenzt, anstatt wichtige Dinge zu erledigen. Wenn dir jetzt eine E-Mail entgeht, was dann? Wie soll der Kunde dich erreichen, wenn das Telefon ausgeschaltet ist? Hättest du nicht zuerst noch dies und jene Arbeit erledigen sollen?
Dem solchermaßen geschwätzigen schlechten Gewissen darf man, sollte man ab und zu guten Gewissens den Mund verbieten. Sein Rat ist nämlich schlecht.

Uns entgeht so viel, wenn wir auf der Lebensautobahn nicht in der Lage sind, hin und wieder auf die Bremse zu treten und anzuhalten, um eine Rast einzulegen.
Rast? Pause? Wir sind viel zu beschäftigt. Falls wir, angenommen wir sind 16 Stunden täglich wach, alle fünf Minuten unseren E-Mail-Eingang überprüfen, schauen wir 192 mal täglich nach, was uns womöglich in den vergangenen vier Minuten entgangen sein könnte. Pro Jahr werfen wir über 70.000 mal einen Blick auf den Posteingang. Nehmen wir weiter an, jeder Blick dauert eine Minute, dann haben wir über 1.600 Stunden pro Jahr dem E-Mail-Postfach gewidmet. Dein Blick dauert nur 30 Sekunden? Dann sind es immer noch über 800 Stunden jährlich. 15 Sekunden reichen dir? Bravo! Nur 400 Stunden.
Vielleicht bist du ja kein E-Mail-Eingangsüberprüfungs-Süchtiger. Sondern mobiltelefonabhängig. Wie viele Menschen laufen unsere Straßen entlang, gehen im Park spazieren, den Blick auf den Bildschirm ihres Mobiltelefons gerichtet, wie viele Menschen sitzen im Café oder Restaurant, das Telefon am Ohr. Selbst im Supermarkt scheint es einigen Zeitgenossen nicht mehr möglich zu sein, den Einkauf zu erledigen, ohne gleichzeitig »wichtige« Gespräche zu führen.

Zugegeben: Bei der Auswahl eines Urlaubshotels ist es auch für mich ein wichtiges Kriterium, dass dort W-LAN vorhanden ist. Zugegeben: Das Notebook kommt immer mit in den Urlaubskoffer. Zugegeben: Es macht mir Spaß, mich via Blog und Facebook zu Wort zu melden, Antworten zu lesen, nachzuschauen, was andere auf ihrem Blog oder bei Facebook so von sich geben und meinerseits Kommentare zu hinterlassen. Zugegeben: Anfragen, Aufträge und viele andere für den Broterwerb wichtige Nachrichten kommen als E-Mail an und es ist keine schlechte Idee, regelmäßig nachzuschauen. Auch private Nachrichten sind ja ein wichtiger Bestandteil des Zusammenlebens.

Gelegentlich muss ich mich jedoch bewusst daran erinnern, dass die Welt größer ist als ein Bildschirm. Dass die Welt sich weiterdrehen wird, während ich »unplugged« bin. Dass die neue E-Mail auch in acht, sechzehn oder gar vierundzwanzig Stunden noch im Posteingang liegen wird. Dass ich viel mehr sehe, wenn ich den Blick von elektronischen Geräten ab- und lebendigen Dingen zuwende. Gelegentlich bremse ich und halte an. Die Lebensautobahn läuft mir nicht davon, während ich Pause mache. Ausgeruht, erfrischt, aufgetankt geht es dann auf der nächsten Strecke viel besser voran.

In diesem Sinne wünsche ich meinen Blogbesuchern und Facebook-Freunden ein schönes Wochenende!

Freitag, 24. September 2010

Neuland – Teil 9

Damit ich ihn nicht vergesse, kommt er gleich, der Hinweis: [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3] [Teil 4] [Teil 5] [Teil 6] [Teil 7] [Teil 8]

Damit ich sie nicht vergesse, kommt sie gleich, die Fortsetzung:

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Zorgas

Der Aufstieg war anstrengend. Es schien, als wollte die Bergwelt die vier Wanderer abweisen. War bisher ihr Leben geradezu paradiesisch gewesen in dieser neuen Welt, gut versorgt mit Nahrung, verwöhnt von angenehmen Temperaturen, von hilfreichen Wächtern und Hütern umgeben, die freundlich mit Rat und Tat weiterhalfen, so änderte sich jetzt vieles.

Die Sonne brannte unbarmherzig herab und in den Nächten froren sie unter den blinkenden Sternen. Wenn sie versuchten, Kontakt mit den Wächtern des Ortes aufzunehmen oder einen Hüter der Tierwelt zu finden, gelang dies nicht. Entweder es gab hier keine solchen Wesen, was sie sich allerdings kaum vorstellen konnten, oder etwas hinderte sie daran, sich zu erkennen zu geben. Anron dachte häufig an seinen Traum. Es war keine Wüste, durch die sie zogen, aber die Situation war vergleichbar. Sie waren auf dem Weg, wussten nicht wohin er sie führen würde, und sie schienen auf sich allein gestellt zu sein.

Das getrocknete Fleisch konnte noch für vier Tage reichen, gelegentlich fanden sie genießbare Früchte, Wasser gab es aus den zahlreich sprudelnden Quellen und Bächen, aber je höher sie kamen, desto unwirtlicher und karger wurde die Landschaft.

Am Abend des dritten Tages beim Aufstieg saßen sie um ein kleines Feuer und waren gedrückter Stimmung. Bjora berührte Bersan am Arm, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er sah sie an. Sie deutete in die Richtung, in die sie am nächsten Tag weitergehen wollten, nahm ein verkohltes Stück Holz aus dem Feuer und zeichnete eine Figur auf den hellen Fels neben sich. Es wurde kein Kunstwerk, aber die drei Reisenden begriffen sofort was sie meinte. Sie betrachteten die Kohlezeichnung und blickten dann Bjora an.

»Ein Feind lauert auf uns?«, fragte Bersan.

Sie nickte.

Asthanthe schlug vor: »Sollen wir einen anderen Weg wählen?«

Anron und Bjora schüttelten gleichzeitig den Kopf. »Nein, das wäre falsch.« erklärte Anron. »Dies ist unser Weg und ich glaube, wir müssen dem ins Auge sehen, was auf uns wartet. Ich wüsste nur zu gerne, was es ist.«

Bjora deutete auf die Hörner der gezeichneten Figur.

Bersan fragte: »Eine Art Teufel?«

Sie zuckte die Schultern, deutete aber mit einem Wiegen des Kopfes an, dass er fast richtig geraten hatte.

»Früher glaubte ich nicht an übernatürliche Wesen«, meinte Bersan, »aber seit wir durch das Tor gekommen sind, hat sich meine Meinung grundlegend geändert. Ich habe schon länger überlegt, ob es hier nur die Guten gibt oder auch die Bösen.«

Bjora zeigte wieder auf ihre Zeichnung und hob dann einen Finger.

»Nur ein böses Wesen?«

Sie nickte.

»Wird uns jemand von den guten Wesen zur Seite stehen?«

Lächelnd deutete sie auf die Runde um das Feuer.

Anron sagte: »Wir vier gegen einen. Das könnte durchaus gut gehen. Obwohl unsere Mittel ja vergleichsweise beschränkt sind.«

Er hatte ein paar Werkzeuge in seiner Tasche gesammelt, die zur Not auch als Waffen dienen konnten, allerdings taugten sie eher zum Kampf gegen Kaninchen oder Eidechsen. Falls sein Traum etwas mit den zukünftigen Erlebnissen zu tun hatte, wusste er momentan beim besten Willen nicht, was seine Aufgabe sein würde. Was hatte ein Cowboy mit der gezeichneten Figur zu tun, mit den Hörnern? Und was mochten primitive Waffen, eigentlich eher Werkzeuge, gegen eines der Wesen ausrichten, die in dieser Welt das Sagen hatten? Und warum war er aus dem Traum aufgewacht, bevor eine Lösung, ein Ausweg in Sicht gewesen wäre?

Sie schliefen unruhig und brachen beim ersten Tageslicht auf. Die Sonne hatte sich hinter einem grauen Wolkenschleier verborgen, der Wind blies ihnen unangenehm kühl in Böen entgegen.

Sie stiegen etwa eine Stunde weiter hinauf in das Gebirge. Ihre nackten Füße hatten sich inzwischen mit einer schützenden Hornhaut daran angepasst, dass es keine Schuhe mehr gab, aber auf den mitunter scharfkantigen Felsen und Geröllhalden mit spitzen Steinchen zuckten sie immer wieder schmerzhaft zusammen. Anron und Asthanthe gingen voraus, Bjora und Bersan folgten in etwa drei Metern Abstand. Beide Paare gingen Hand in Hand, um einander zu stützen und in der abweisenden Kälte die Nähe des inzwischen bereits ziemlich vertrauten Partners zu spüren.

»Wächter dieses Ortes, wo bist du?«, fragte Anron versuchsweise, als sie an einen kleinen Bach kamen, der von verkrüppeltem Buschwerk gesäumt wurde.

»Hier bin ich, Anron, Freund des Waldes. Herzlich willkommen, ihr Wanderer durch meine Berge.«

Die Stimme war freundlich, trotzdem fühlte Anron einen unangenehmen Schauer über seinen Rücken laufen und er spürte, dass Asthante an seiner Hand zitterte. Bjora und Bersan zuckten regelrecht zusammen.

Das Wesen, das ihnen gegenüberstand, sah aus wie ein Mensch. Vielleicht war das der Grund dafür, dass sie erschraken. Ein etwas 35 Jahre alter kräftiger Mann, in Cowboystiefeln, abgetragenen Jeans und einem Holzfällerhemd lächelte ihnen erwartungsvoll entgegen. Über dem Hemd trug er eine offene Jeansjacke, das Gesicht war glattrasiert, der Wind spielte mit seinen mittellangen Haaren.

»Wer bist Du?« fragte Bersan.

»Man nennt mich Zorgas. Ich bin der Gebieter über die Höhen. Ich habe euch erwartet.«

»Bist du ein Mensch?« fragte Asthanthe zögernd.

Sie erhielt keine Antwort, sondern ein Lächeln, das jedoch die hellblauen Augen des Mannes nicht erreichte. Die sahen seltsam kalt und feindselig aus.

»Ich bin, was ich bin. Möchtet ihr etwas essen?«

Anron sah, dass Bjora den Kopf schüttelte. Er hatte Hunger, die anderen vermutlich auch, aber niemand sagte etwas.

Zorgas lächelte unbeeindruckt vom Schweigen. Er lud sie ein: »Folgt mir erst mal, hier draußen ist es heute etwas ungemütlich, noch dazu für Leute, die gezwungen sind, nackt herumzuwandern.«

Der Eingang zur neuen Heimat?Er drehte sich um. Zögernd gingen sie hinter ihm am Bach entlang. Sie bogen um eine Felskante und erblickten den Eingang zu einer Höhle. Zorgas sah sich nicht um, ob sie ihm folgten, sondern ging hinein.

Sie traten in die Felsöffnung und verharrten einen Moment.

Die Höhle hatte die Größe eines kleinen Saales, ein Feuer brannte in der Mitte und erleuchtete die Einrichtung. Über dem Feuer war ein Rost angebracht, der Duft des darauf gegrillten Fleisches erfüllte den Raum. An der linken Wand standen zwei Betten, aus Holz gezimmert und mit Fellen bedeckt. Daneben lagen in einem ebenfalls hölzernen Regal Kleidungsstücke, die aus der früheren Welt stammen mussten. Sie erkannten vom Eingang aus Jeans, Pullover, Shirts und Unterwäsche, dazu vier Paar stabil wirkende neue Lederschuhe.

An der rechten Wand war ebenfalls ein Regal aufgestellt, in dem sie Hausrat und Waffen liegen sahen. Töpfe, Pfannen, Tassen und Teller, Messer und zwei lange Speere.

Die rückwärtige Wand der Höhle offenbarte einen Durchlas in weitere Räume.

»Kommt doch herein, nicht so schüchtern!«, rief Zorgas, der den Braten über dem Feuer umdrehte.

Sie folgten widerstrebend der Einladung, versuchten sich darüber klar zu werden, ob das der von Bjora angekündigte Feind war oder nicht.

Bersan flüsterte in das Ohr seiner Frau: »Ist er es?« Sie zuckte mit den Schultern.

Obwohl er mehrere Meter entfernt stand und das Feuer knackte und zischte, wenn Fett von dem Fleisch herabtropfte, schien Zorgas die Frage gehört zu haben.

»Ich bin, der ich bin«, wiederholte er, »setzt euch doch. Das Essen ist gleich fertig. Vielleicht etwas kräftig für ein Frühstück, aber ihr könnt es brauchen, um wieder zu Kräften zu kommen.«

Sie ließen sich auf den Betten nieder und warteten ab.

»Wie gefällt es dir, Bjora?« fragte Zorgas, »Es ist eure Wohnung, die ich für euch vorbereitet habe.«

Sie blickte ihm forschend in die kalten Augen und hob die Brauen.

»Die Höhle gehört euch«, erklärte er vergnügt, »das Kinderzimmer ist nebenan, ihr werdet es bald brauchen. Warum sagst du nichts, Bjora?«

Sie zeigte auf ihren Mund und schüttelte den Kopf.

»Du kannst nicht sprechen? Diese Kleinigkeit kann ich in Ordnung bringen, wenn du möchtest. Du brauchst mich nur darum bitten.«

Bjora schien nicht daran zu zweifeln, dass er das tatsächlich konnte, aber sie sah ihn zornig an und schüttelte energisch den Kopf. Ihre Überzeugung, dass dieser Mann der Feind war, wuchs.

»Nun, vielleicht überlegst du es dir noch«, meinte Zorgas fröhlich. »Ach ja, die Kleidung, die ist in euren Größen. Oder wollt ihr lieber weiter wie die Wilden durch die Gegend laufen?«

Anron stand auf und untersuchte die Kleidung. Alles war neu und sauber. Asthante kam zu ihm hinüber.

»Woher kommen die Sachen?«, fragte er.

»Nun, ich wusste, dass ihr kommt und habe ein wenig Vorsorge betrieben. Natürlich könnt ihr von mir aus nackt herumlaufen, aber im Winter wird es hier oben ziemlich kalt. Und die Kleidung ist ein guter Schutz gegen die Launen der Natur auch zu anderen Jahreszeiten.«

Anron fragte: »Darf ich etwas anprobieren?«

»Wer bittet, dem wird gegeben«, antwortete Zorgas.

Asthanthe und Anron fanden schnell die für sie bestimmten Sachen und griffen zu. Bersan und Bjora dagegen blieben auf dem Lager sitzen und waren so unsicher wie nie zuvor. Bersan hielt Bjora schützend im Arm. Er fühlte ihr Zittern. Das kam nicht von der Kälte, sondern von tief innen.

»Steht euch hervorragend«, lobte Zorgas, als Anron und Asthante sich angezogen hatten. »Wenn euch gewisse Regungen überkommen, könnt ihr euch ja jederzeit wieder ausziehen, nicht wahr?«

»Warum glaubst du, dass wir diese Höhle beziehen werden?«, fragte Bersan.

Zorgas lachte. »Weil ich sie für euch eingerichtet habe, Bersan und Bjora.« Er sah Anron an und fuhr fort: »Euer Weg geht noch ein Stück weiter, ungefähr zwei Tagesreisen, aber auch ihr werdet einen gemütlichen Ort finden, an dem ihr Eure Kinder großziehen könnt. Ich kann euch gerne hinbegleiten, wenn ihr mich darum bittet.«

Bersan fragte mit fester Stimme: »Woher kommst du, Zorgas, und wer bist du?«

»So viele Fragen, mein nackter Freund? Deine Frau könnte es dir sagen, wenn sie wollte. Soll ich ihr eine Stimme schenken?«

Bersan sah Bjora fragend an, sie schüttelte energisch den Kopf.

Er flüsterte erneut: »Ist er es?« Sie nickte.

»Wir werden dich um gar nichts bitten, Zorgas, und wir werden jetzt weiterziehen«, sagte er zornig.

Anron sah seinen Gefährten erstaunt an. »Warum denn, ich bin sicher, dass dies euer Ziel ist. Es ist doch genau das Richtige, besser kann man es doch nicht haben.«

»Das kann sein, aber ich werde es nicht von ihm annehmen und ich werde ihn um nichts bitten«, erklärte Bersan entschlossen.

Zorgas richtete sich hoch auf und ließ die freundliche Maske fallen. »Oh doch, du wirst mich bitten! Ihr alle werdet mich um Gnade anwinseln«, fauchte er.

Er hob die Hand und augenblicklich durchzuckte ein grässlicher Schmerz Bersan. Er wollte aufspringen, aber er konnte sich nicht rühren, keinen Millimeter. Bjora, die nie einen Ton von sich gegeben hatte, stieß einen tiefen, schmerzvollen Schrei aus wie ein tödlich verletztes Tier. Asthanthe und Anron starrten verwirrt Zorgas an, der mit einem höhnischen Lächeln auf den Lippen auf das Lager zuging. Der Cowboy spottete: »Leider hat euch eine heimtückische Krankheit des Rückenmarks erfasst, ihr armen nackten Menschen. Ich dachte, sie sei mit der früheren Menschheit ausgestorben, aber wie es scheint, könnt ihr euch nicht mehr rühren?«

»Verschwinde!«, schrie Bersan.

»Aber aber, ich kann euch doch helfen! Ich konnte den Menschen immer helfen! Sie brauchten mich nur darum bitten, das ist alles.«

Er kniff Bjora in den Arm und beobachtete vergnügt, wie sie zusammenzuckte. Dann strich er mit sanften Händen über ihre Brüste, bevor er sie brutal zusammendrückte. Bjora schrie erneut und er lächelte beruhigend. »Soll ich dich heilen, Bjora? Du brauchst nur mit dem Kopf nicken, meine Schöne, das ist doch nicht zu viel verlangt?«

Sie sah voller Abscheu in sein hasserfülltes Gesicht und spuckte ihn an.

Anron schien endlich zu begreifen, was vor sich ging. Als erwache er aus einer Benommenheit, erkannte er erst jetzt, dass die Figur aus seinen Alpträumen vor ihm stand. Er sprang Zorgas an, um ihn wegzustoßen, aber es war, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. »Lass sie in Ruhe, du Teufel!«, rief Anron.

»Nicht so stürmisch, mein Freund! Bersan möchte doch so gerne, dass ich seiner Frau ein wenig helfe, nicht wahr? Und ihm selbst geht es ja auch nicht sonderlich gut.«

»Nein«, rief Bersan, »ich will nichts von dir! Wir wollen nichts mit dir zu tun haben!«

»Dann bleibt ihr hier liegen, bis ihr verfault«, zischte Zorgas böse und trat zwei Schritte zurück.

»Du wirst diese Krankheit sofort wieder von ihnen nehmen«, befahl Asthante mit fester Stimme.

Zorgas grinste. »Ist das etwa eine höfliche Bitte?«

»Das ist ein Befehl! Du hast kein Recht, uns etwas anzutun!«

»Ach, habe ich das nicht? Du dummer Mensch, was weißt du von meinen Rechten?«

Sie wusste nichts von den Rechten dieses Wesens, nichts von ihren eigenen Rechten. Aber sie wusste, dass sie mit ihrem Mann zusammen die Aufgabe hatte, diesen Feind zu besiegen. Es war ihr klar, dass Anron mit seinen lächerlichen Waffen nichts ausrichten würde. Hilflos starrte sie in das höhnisch grinsende Gesicht des Cowboys.

Zorgas zischte: »Ihr nehmt meine Geschenke an und wollt die Konsequenzen nicht anerkennen?«

Asthanthe sagte kein Wort mehr, aber sie zog die Kleidung wieder aus, die ihr so willkommen gewesen war. Anron zögerte, doch dann folgte er ihrem Beispiel. Er legte das Hemd, die Schuhe, die Jeans, die Shorts ab und empfand mit jedem Kleidungsstück, dass der Verlust ein Gewinn war.

Als Anron und Asthante wieder im Adams- und Evakostüm in der Höhle standen, war so etwas wie Verwirrung auf den Zügen des Gebieters der Höhen zu lesen. Die Dinge liefen nicht nach seinem Plan.

»Ich könnte euch alle vernichten«, drohte er.

Asthante antwortete mit ruhiger Stimme: »Du wirst zurückgeben, was du gestohlen hast.«

Sie stieß Anron mit dem Ellenbogen und sagte: »Widerstehe dem Bösen, dann flieht es von dir.«

Anron dachte nicht nach, er fuhr Zorgas an: »Gib zurück, was du gestohlen hast! Und verschwinde an den Ort deiner Bestimmung.«

Es gab weder Blitz noch Donner, kein Beben erschütterte die Höhle, kein Geschrei wurde laut. Zorgas war einfach verschwunden.

Das Feuer knisterte weiter, nichts änderte sich in der Höhle, abgesehen davon, dass Bersan und Bjora sich wieder bewegen konnten. Die vier sahen einander an und brauchten einen Moment, um den Schock zu überwinden.

»Ich glaube, ich habe Hunger«, sagte Bersan schließlich trocken.

»Dann sollten wir wohl etwas essen,« antwortete Anron und fing an zu lachen. Auch bei den anderen löste sich die Spannung und ihr Gelächter erfüllte die Höhle.

Bjora zeigte auf die Kleidungsstücke, die zu Füßen von Anron und Asthante lagen und dann auf das Regal.

Die beiden legten alles wieder zurück. Der Braten auf dem Grill roch auf einmal widerlich, überhaupt war die Höhle, die so wohnlich und anheimelnd gewirkt hatte, ein Ort, den alle vier schleunigst verlassen wollten. Sie gingen hinaus und atmeten wie befreit die frische Luft.

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Fortsetzung? Folgt.

Ach ja. Noch was. Im inzwischen gestrichenen Vorwort der ursprünglichen Fassung dieser Geschichte habe ich vor rund 20 Jahren geschrieben:

Ich gebe es unumwunden zu: Zorgas, der irgendwann im Verlauf dieser Story auftaucht, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Steven Kings Randall Flagg (The Stand). Ich habe bei meiner Figur nicht etwa Steven King kopieren wollen, sondern als die Geschichte geschrieben war, fiel mir die Ähnlichkeit auf. Es mag an der Thematik liegen. Das Ende der Welt ist da und ein paar Menschen überleben. Irgendwann treffen sie auf das Böse, sei es nun Randall Flagg oder Zorgas. Wenn man diese Ähnlichkeit der Figuren als Verbeugung vor dem großen Erzähler Steven King verstehen möchte, habe ich überhaupt nichts dagegen.

Ich habe auch heute nichts dagegen.

Donnerstag, 23. September 2010

Weltuntergang!

Facebook ist kaputt. Offline. Nicht erreichbar.

Weltuntergang?

Für manche Zeitgenossen vielleicht schon...

Die Zahl des Tages…

…für den 23. September 2010:

55

Soviel für heute. Morgen an dieser Stelle besuchen wir wieder das Neuland.

Mittwoch, 22. September 2010

Dieser Blog gratuliert sich selbst…

…und klopft sich auf die Schulter. Bei manchen Suchbegriffen listet Google nämlich diesen Blog gleich als erste Fundstelle (gegebenenfalls hinter den bezahlten Anzeigen), häufig ist dieser Blog unter den ersten zehn Verweisen, vor allem bei »literarischen« Themen.

Platz 1 

Platz 2

Platz 4

Platz 6! 

Platz 1

Platz 6

…und so weiter. Da freut sich der Blogger.

Dienstag, 21. September 2010

Das Flyerphantom

Es ist ein Graus, ein ganz grausiger.

Auf einer Firmenwebseite lese ich in einem kleinen Absatz von 10 Zeilen vier Mal »Flyer«. Man kann selbigen herunterladen oder bei der Firma kartonweise anfordern.
Foto von scratchbook.chIch bin aus dem Alter heraus, in dem man sich mit zum Flieger gefalteten Papierbögen verlustiert und wüsste deshalb nicht, warum ich mir so etwas herunterladen sollte. Ein Prospekt könnte mich eventuell interessieren. Ein Faltblatt mit für mich interessanten Produktinformationen hätte ich gerne in Augenschein genommen. Aber das bietet die Firma ja leider nicht an.

Im sonntäglichen Gottesdienst wird zu einem Seminar eingeladen und der Gemeinde mitgeteilt, dass »Flyer« an geeigneter Stelle bereit lägen.
Der Zusammenhang von Papierflugobjekten mit dem Inhalt des Seminars erschließt sich mir nicht, aber neugierig schaue ich mich nach dem Schlusslied am Ausgang nach gefalteten Flugobjekten um - vergeblich. Dort liegen nur mehrere Handzettel, Einladungen und Broschüren. Vielleicht haben ja vor mir am Tisch vorbeigekommene Menschen schon alles abgeräumt?

In den Nachrichten lese ich: »Als der 47 Jahre alte Brite einen Flyer zerriss, wurde er angespuckt. Dann folgte die Prügelattacke.«
Was so schlimm daran sein soll, ein womöglich fluguntaugliches Flugobjekt zu zerreißen, erschließt sich mir nicht. Wenn es um ein politisches oder religiöses Flugblatt gegangen wäre, könnte ich den Grund verstehen - aber gegen Prügelattacken bin ich auf jeden Fall, auch das Anspucken ist kein Verhalten, dessen sich jemand befleißigen sollte.

Ich weiß nicht so recht... - an allen unmöglichen Ecken ist vom »Flyer« die Rede, aber zu sehen bekomme ich keinen. Vermutlich handelt es sich um ein Phantom?

Montag, 20. September 2010

Neuland – Teil 8

Also. Nun. Na ja, also…
Eigentlich hätte ich noch so manches veränder wollen, können und müssen. Aber andererseits habe ich zur Zeit wenig Muße dazu, und dies ist ja, wie schon geschrieben, sowieso eher Rohmaterial als eine fertige Geschichte. Daher folgt nun ohne weitere Vorreden nach dem Hinweis auf die bereits erschienenen Teile das nächste Kapitel. Der Hinweis: [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3] [Teil 4] [Teil 5] [Teil 6] [Teil 7]
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Vor den Bergen

Die Landschaft wurde hügeliger, gelegentlich gerieten die beiden Wanderer außer Atem, wenn sie eine Höhe erklommen.
»Warum beeilen wir uns eigentlich so«, keuchte Bersan, nachdem sie einen ziemlich steilen Abhang erklommen hatten. »Es hetzt uns ja niemand.«
Anron ließ sich ins Gras fallen. »Du hast vollkommen recht. Hier liege ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir.«
Bersan lachte. »Ich glaube, Herr Luther hat das etwas anders gesagt, und in einer nicht ganz vergleichbaren Situation.«
»Niemand war jemals in einer vergleichbaren Situation.«
»Das stimmt. Aber es kann ja alles nur ein Traum sein, ein sehr unterhaltsamer Traum allerdings. Der verrückteste Traum, den ich in meinen 24 Lebensjahren jemals hatte. Hoffentlich wache ich nicht allzu bald auf. Ich würde doch gerne noch meine Frau kennen lernen.«
»Ich fürchte«, meinte Anron, »das ist doch kein Traum. Oder kann man im Traum träumen, dass man träumt?«
»Keine Ahnung. Ich habe letzte Nacht jedenfalls von meiner Frau geträumt.«
»Ach. Und, gefiel sie dir?«
»Ja, durchaus. Zierlich, pechschwarze Haare, kaffeebraune Augen…«
»Kanntest du in jenem anderen Leben eine solche Frau?«
»Nein. Nicht, dass ich wüsste.«
Anron betrachtete die Schäfchenwolken am Himmel und überlegte, ob er von seinem Traum, von der Wüste, von dem Cowboy und der Eiseskälte erzählen sollte. Doch Bersan fuhr bereits fort: »Ich bin übrigens – wie sagt man das – äh, also ich bin Jungfrau.«
»Ich habe nie etwas von Sternzeichen und Horoskopen gehalten«, antwortete Anron.
»Nein, das meine ich nicht, solchen Quatsch habe ich nie mitgemacht, auch nicht zum Spaß. Jungfrau heißt: ich habe noch nie mit einer Frau geschlafen. Was übrigens ein blöder Ausdruck ist, denn um den Schlaf geht es dabei ja wohl eher nicht.«
»Ach. Ach so.« Anron war einen Moment sprachlos. Sie hatten sich über private Details jenes vergangenen Lebens unterhalten, über Frauen und Liebe und Sex allerdings überhaupt nicht gesprochen.
»Du glaubst mir vermutlich nicht«, meinte Bersan.
»Doch, durchaus. Aber du wirst mir kaum glauben, dass ich, obwohl ich 35 Jahre alt bin, auch noch nie mit einer Frau im Bett war. Und ich bin nicht schwul, falls du das jetzt vermutest.«
»Zwei männliche Jungfrauen in einer unberührten Welt auf dem Weg zu ihren Frauen«, lachte Bersan, »der Traum wird immer ulkiger.«
Anson grinste. Bersans Fröhlichkeit war ansteckend. »Adam und Eva im Doppelpack. Falls eine der Damen uns einen Apfel bringt, sollten wir vermutlich vorsichtig sein.«
»Vielleicht war es ja eine Birne oder Banane, oder eine schöne Kirsche. Der Apfel steht nicht in den Büchern Mose. Den haben die mittelalterlichen Künstler irgendwann gewählt, als sie den Sündenfall darstellen wollten.«
»Also essen wir einfach keinen Obstsalat, falls er uns von den Damen serviert wird.«
Anron und Bersan machten sich, nunmehr ausgeruht, wieder auf den Weg. Sie waren jetzt eine Woche gewandert, seit Yondil sie verlassen hatte. Anron ahnte inzwischen, wer der neue Führer sein sollte, sagte aber nichts. Unterwegs waren sie bei Bedarf von hilfsbereiten Wächtern mit Mahlzeiten versorgt worden; sie suchten aber immer häufiger selbst nach Nahrung. Inzwischen hatten sie eines der Prinzipien verstanden: Keine Vorräte sammeln, nur das nehmen, was gerade notwendig ist, ob nun Fisch, Obst, oder Gemüse. An manchen Orten fanden sie jedoch nichts Essbares, dann tauchte auf ihren Ruf eines der freundlichen Wesen, auf und half ihnen. Immer wieder hatten sie bei diesen Gelegenheiten nach ihrem nächsten Führer gefragt. Eine klare Antwort erhielten sie nicht.
Nun waren sie abends am Fuß der Berge angekommen und hatten sich einen kleinen Wald, durch den ein Bach floss, als Nachtquartier ausgesucht. Bersan sprach aus, was Anron innerlich schon zur Gewissheit geworden war, als sie nebeneinander auf dem weichen Moosteppich in der Abendsonne saßen: »Du bist der Führer, Anron.«
»Meinst du wirklich? Ich weiß doch gar nicht, wohin ich führen soll. Und wen soll ich führen, uns beide? Das ist Unfug. Wir wandern gemeinsam, wohin auch immer. Wir brauchen keinen Chef.«
»Keinen Chef, aber jemanden, der die Richtung erkennt, zwischen Alternativen die richtige Wahl trifft. Ein Führer muss ja kein Diktator sein, schließlich bist du nicht der Führer. Bald sind wir sowieso zu viert, wenn mich meine Ahnung nicht trügt.«
»Ja, ich vermute, dass du recht hast, die Frauen sind nicht weit. Aber wie soll ich jemanden führen, wenn ich so wenig Ahnung vom Ziel habe wie du? Keinen blassen Schimmer habe ich. Außerdem tauge ich eher zum Einsiedler als zum Gruppenleiter.«
»Die Gesellenprüfung hast du bestanden, indem du mich zum Tor gebracht hast.«
»Ich wusste doch nicht einmal, ob die zwei Bäume das gesuchte Tor waren. Vielleicht habe ich es geahnt … das scheint mir so lange her, ich kann mich immer weniger an die frühere Welt erinnern. Geht es dir auch so, dass alles verblasst, entschwindet?«
»Ja. Es ist so ungefähr drei Wochen her, dass wir durch das Tor gekommen sind, aber es fühlt sich an wie Jahrzehnte.«
»Eben. Und ich tauge nicht zum Führer. Ich weiß so wenig. Vielleicht spüre, fühle ich manches. Es kann natürlich sein, dass in dieser Welt Wissen nicht unbedingt zählt«, sagte Anron. Nach einer Pause fügte er hinzu: »Aber ich werde jedenfalls mein Bestes geben, falls deine und meine Ahnung stimmt. König Anron der Ahnungslose geht voran.«
Bersan schlug vor: »Dann fang gleich an, Majestät, und besorg uns ein Abendbrot.«
Polnische Berge?Ringsum war die Landschaft karg. Es wuchsen allerlei Büsche und Bäume, aber nichts schien für den Verzehr geeignet. Beide wollten nach und nach unabhängig von den Wächtern werden – das war auch so ein Empfinden, ein Gefühl, dass dies geboten sei – aber hier sahen sie keine Möglichkeit, selbst für eine Mahlzeit zu sorgen. Anron rief in gewohnter Weise den Wächter des Ortes und sie erschraken, als ein Riese von über vier Metern vor ihnen auftauchte. Yondil war schon groß gewesen, aber dieser Kerl war ungeheuerlich. Sein Gesicht jedoch strahlte so freundlich wie das aller anderen sonderbaren Wesen, die sie kennengelernt hatten.
Auch er hieß sie zunächst so umständlich herzlich willkommen, wie es die Höflichkeit in dieser Welt offenbar erforderte, sie erwiderten den Gruß. Dann baten sie um Nahrung und erhielten Früchte und Gebäck. Frisches, duftendes Gebäck. Anron fragte sich zum wiederholten Mal, wo wohl die Bäckereien versteckt lagen. Vermutlich wurden jedoch solche Leckereien genau wie das Feuer bei Bedarf mit einem kurzen Kopfnicken zum Vorschein gebracht.
»Wohin führt euer Weg?« fragte Yestro, der riesige Wächter der Berge.
Anron sah ihn ratlos an. »Ich weiß es nicht. Die Berge schienen das Ziel zu sein. Jetzt sind wir hier. Vermutlich fangen wir morgen an, hinaufzusteigen.«
Yestro nickte und sagte: »Asthanthe und Bjora werden das nächste Ziel benennen.«
»Wie bitte? Wer?«
Eine Antwort bekamen sie nicht, aber den guten Rat, dass sie für den weiteren Weg, der steil bergauf führen würde, Kraft sammeln sollten. Yestro empfahl ihnen Fleisch. Sie fragten, woher sie es nehmen durften.
»Die Hüter der Herden wissen solche Dinge.«
»Und wo finden wir Hüter der Herden?«
»Hier, Anron, Freund des Waldes und Bersan, Freund der Höhen. Herzlich willkommen«, sagte eine helle Stimme hinter ihnen.
Sahen die Wächter, die sie bisher getroffen hatten, eher männlich aus, so mochte dieses Wesen als weiblich durchgehen. In einen braunen Umhang gehüllt trat eine schmale Gestalt aus den Zweigen, ihr feingezeichnetes Gesicht und die hohe Stimmlage passten zu der grazilen Erscheinung.
»Wie dürfen wir dich nennen, Wächter der Herden?« fragte Bersan. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, die Namen der Wesen zu erfragen, damit sie sie einfacher anreden konnten.
»Nicht Wächter der Herden, Bersan, sondern Hüter. Mein Name ist Wernsah.«
»Also nicht Asthanthe oder Bjora, sondern Wernsah. Entschuldige meine Ungeschicklichkeit bei der Anrede.«
»Das macht nichts. Die Hüter wachen über die Tiere, die Wächter hüten die Pflanzen. Aber wir sind nicht beleidigt, wenn ihr uns anders ansprecht.«
Das war so schwer zu merken nicht, die Männer beschlossen, in Zukunft auf die richtigen Titel zu achten. Anron kam auf das Essen zurück: »Wir bitten dich um Fleisch, Wernsah.«
»Ihr müsst lernen, zu finden was ihr braucht. Nimm eine Waffe und töte ein Kaninchen.«
»Ich dachte, wir bekämen das Fleisch? So ähnlich wie das Gebäck hier.«
»Wenn du Fleisch willst, Anron, musst du töten. Wenn du nicht töten willst, wirst du kein Fleisch essen.«
Anron ließ den Braten in der Bank unerwähnt. Den hatten sie einfach so bekommen, vielleicht als Gewitterbonus. Er fragte: »Darf ich denn nach Belieben auf die Jagd gehen, wie damals, als ich in meiner Hütte lebte?«
»Wenn du einstweilen die Hüter um Rat bittest, ja. Ihr werdet euch einleben und bald selbst wissen, wie viel ihr nehmen dürft und wo ihr es findet. Bis dahin sind wir für euch da.«
Anron zögerte. Zwei Fische aus dem seichten Wasser zu greifen war vor ein paar Tagen etwas anderes gewesen als jetzt ein Kaninchen zu jagen. Irgendwie widerstrebte es ihm, das zu tun. Er hatte gejagt in den sieben Jahren in den Wäldern, meist jedoch war er mit Fischen und dem Ertrag des Bodens zufrieden gewesen. Irgendetwas in ihm sträubte sich jetzt gegen den Gedanken der Jagd. »Ich will kein Kaninchen töten, Wernsah, wir essen das, was Yestro uns gegeben hat«, antwortete er schließlich.
Bersan nickte zustimmend, auch er hatte keine Lust auf eine Jagd.
Falls es bei diesen Wesen so etwas wie ein Mienenspiel gab, dann ging ein Schimmer der Erleichterung über die Gesichter von Wernsah und Yestro. Die Hüterin der Herden verneigte sich und erklärte: »Morgen schicke ich euch ein Tier, Anron und Bersan. Ihr sollt das Fleisch zubereiten und als Vorrat mit euch nehmen, was ihr nicht esst. Euer Weg wird schwer sein, und die Herden spärlich. Für heute wünsche ich euch eine gute Nacht, Anron, Freund des Waldes und Bersan, Freund der Höhen.«
Wernsah verschwand. Yestro sagte. »Du hast weise entschieden, Führer Anron. Ihr werdet morgen auch Taschen herstellen.«
»Wenn ich das Material habe, gerne.« Das traute Anrion sich zu, immerhin hatte er sich in einem Leben, das lange vergangen schien, Kleidung und Vorratsbeutel aus Fellen genäht.
»Du wirst wissen, was du brauchst und wo du es findest«, erklärte Yestro und wünschte ihnen ebenfalls eine gute Nacht.
Sie aßen schweigsam und stillten ihren Durst aus dem Bach. Als es dunkel wurde, legten sie sich in das weiche Moos und schliefen bald ein.
Im Morgengrauen weckte sie ein dumpfer Aufprall in ihrer Nähe. Vorsichtig forschten sie nach der Ursache und fanden unter einem steilen Felsabhang ein Reh, dessen vordere Beine gebrochen waren. Es musste abgestürzt sein. Anron zögerte, doch dann sah er sich nach einer Waffe um. Das Tier litt offensichtlich Schmerzen, er musste es töten. Er fand einen geeigneten spitzen Ast und tat das Notwendige.
»Und nun?«, fragte Bersan.
»Ein scharfes Messer wäre vorteilhaft, aber das werden wir kaum finden.«
Anron ließ den Blick schweifen. Er erinnerte sich an die primitiven Steinwerkzeuge, die in den Museen der einstigen Welt ausgestellt worden waren und machte sich auf die Suche. Bald fand er einen handlichen Felssplitter, den er dann an anderen Steinen schärfte. Die Arbeit war mühsam, aber schließlich doch erfolgreich. Sein Steinmesser war primitiv und keine Schönheit, aber scharf genug.
Bersan half beim Zerlegen des Wildes, anders als Anron hatte er keine Ahnuhng davon, aber er stellte sich sehr geschickt an, während er den Weisungen des Freundes bei der Arbeit folgte. Als die Sonne hoch am Himmel stand, waren sie fertig.
»Ich wünschte, ich könnte uns ein Feuer machen«, murmelte Anron, »ohne wieder einen Wächter zu bemühen.«
»Das wollte der Affe im Dschungelbuch auch können«, grinste Bersan.
»Danke für das Kompliment. Kannst du es denn?«
»Ich kann es«, sagte eine leise Stimme.
Sie drehten sich um und starrten die beiden Frauen an, die am Rand der Lichtung unter den Bäumen standen. Sie waren beide so nackt wie Anron und Bersan, hatten nur je einen Beutel aus Fell bei sich, den sie an einem Riemen um die Schulter trugen.
Die Sprecherin lächelte schüchtern und stellte sich vor: »Ich bin Asthanthe, und das ist Bjora. Ihr seid Anron und Bersan?«
Anron nickte nervös. »Anron, ja, das bin ich. Das bedeutet Freund des Waldes, wie man mir gesagt hat.«
Asthanthe neigte offensichtlich nicht zu ausschweifenden Formulierungen und langen Vorreden. Sie sagte schlicht: »Ich bin deine Frau, Anron. Bjora ist Bersans Frau.«
Sie musterten sich immer noch aus sicherer Entfernung von etwa fünf Metern. Schließlich kamen die beiden Frauen mit zögernden Schritten näher.
Anron wollte Asthanthe nicht unhöflich anstarren, konnte aber den Blick nicht von ihr lösen. Sie hatte ungefähr sein Alter, dunkelblonde lange Haare und eine schlanke Figur. Ihr Blick war forschend, sie musterte ihn so interessiert und offen, wie er sie betrachtete. Fast hätte Anron losgeprustet, als er bemerkte, dass er unwillkürlich seinen nicht vorhandenen Bauch eingezogen hatte. Ein Grinsen konnte er sich nicht verkneifen. Asthante schien mit ihrem Mann zufrieden zu sein, kam die restlichen Schritte zu ihm und reichte ihm lächelnd die Hand. »Du wirst uns führen, Anron.«
Bersan bekam nichts davon mit. Er starrte Bjora überrascht an. Sie mochte etwa 19 Jahre alt sein, war zierlich gebaut und hatte ein wundervolle braunen Augen. Ihre fast schwarzen Haare zeigten ein rötliches Schimmern, wenn die Sonne darauf fiel. Er stand der Frau gegenüber, von der er geträumt hatte. Sie war nicht ähnlich, sondern die gleiche Person. Schweigend, wohl abwartend sah sie ihm in die Augen; er meinte, so etwas wie Furcht in ihrem Blick zu sehen. Das war ihm nun gar nicht recht. »Guten Tag Bjora«, sagte er mit leicht unsicherer Stimme, »ich freue mich, dich kennenzulernen.«
Sie kam nicht näher, sah ihm in die Augen und machte eine Geste, die Bersan nicht verstand.
»Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten«, sagte er.
Bjora wiederholte die Bewegungen.
»Sie kann nicht sprechen«, erklärte Asthanthe, die inzwischen Anrons Hände hielt und drückte, als wolle sie ihn nie wieder loslassen. »Aber sie hört besser als ich.«
Bjora wiederholte ihre Gesten. Sie nickte und deutete auf ihre Ohren. Dann schüttelte sie den Kopf und zeigte auf ihren Mund. Nun verstand Bersan. Er trat auf sie zu und streckte ihr beide Hände entgegen. Die Furcht wich aus ihren Augen und sie strahlte, während sie seine Hände fest in ihre nahm.
Die beiden Paare standen so einige Minuten auf der Lichtung, als läge ein Zauber in der Luft, den jede kleinste Bewegung, jedes Wort verscheuchen konnte. Dann, wie auf ein Zeichen, ließen sie einander los.
Asthanthe blickte sich um, betrachtete die bereitgelegten Fleischstücke, das zum Trocknen aufgehängte Fell und sagte: »Wenn du Feuer machen willst, lieber Mann, brauchst du erst einmal Holz.«
Sie sammelten zu viert passende Stücke und Anron war gespannt, ob seine Frau wirklich ein Feuer entzünden konnte.
Sie konnte. Allerdings nickte sie nicht wie die Wächter kurz mit dem Kopf, sondern nahm aus ihrem Beutel einen Feuerstein und zeigte, dass sie damit umgehen konnte. Kurz darauf brannte der Holzstoß.
Am Nachmittag hatten sie alles Fleisch zubereitet und zum Trocknen auf die Felsen gelegt. Aus ihrer Felltasche hatte Bjora einen kleinen Lederbeutel zum Vorschein gebracht, der Salz enthielt. Woher sie diesen Schatz hatte, blieb ihr Geheimnis. Auch Asthante wusste es nicht, als die Frauen sich getroffen hatten, besaß sie den kleinen Beutel mit dem kostbaren Gut bereits. Bjora versuchte, die Herkunft mit Gesten zu erklären, aber sie wurde nicht verstanden.
»Eigentlich spielt es auch keine Rolle, woher du es hast«, meinte Bersan schließlich, »und Frauen dürfen grundsätzlich immer ein kleines Geheimnis haben, hat man mir beigebracht. Jedenfalls wird das Fleisch so haltbarer. Wer weiß, wie lange wir uns davon ernähren müssen.«
Anron benutzte einen spitzen Knochen als Ahle und verdrillte Gräser als Faden, um zwei Umhängebeutel für Bersan und sich aus dem Fell herzustellen. Es schien die Zeit gekommen, in der Vorräte transportieren werden und womöglich Gegenstände gesammelt werden mussten.
Während er damit beschäftigt war, ging Bersan mit den beiden Frauen auf die Suche nach Beeren und Pilzen. Es konnte nichts schaden, neben den Fleischvorräten auch ein paar andere Nahrungsmittel mit auf die Berge zu nehmen, hatte Anron entschieden, nachdem sie eine Weile vergeblich versucht hatten, Yestro, Wernsah oder sonst eines der inzwischen schon vertrauten Wesen herbeizurufen. Offenbar waren sie – zumindest im Moment – auf sich gestellt. Es fiel Anron schwer, diese Entscheidung zu treffen, da sie nicht zu der bisherigen Regel passte, dass der morgige Tag für sich selber sorgen würde. Andererseits hatten sie den Fleischvorrat auf Anraten von Wernsah und Yestro angelegt. Anron hoffte sehr, dass sein Entschluss kein Fehler war.
Abends saßen sie um ihr kleines Lagerfeuer, sie hatten es seit dem Morgen nicht ausgehen lassen. Als Anron den Frauen erzählte, dass der Wächter dieses Ortes gesagt hatte, sie wüssten den weiteren Weg, nickte Bjora und deutete hinauf in die Berge.
»Sie weiß den Weg. Sie hat mich gefunden und hierher gebracht, sie scheint bereits mehr über unsere Zukunft – oder über diese Welt – zu wissen als ich«, erklärte Asthanthe.
Bersan sah seine Frau an und fragte: »Weißt du ein Ziel oder nur einen Weg?«
Sie zeichnete mit dem Finger einen gewundenen Weg in das weiche Moos, an dessen Ende sie einen Stein legte. Sie deutete auf Anron und Asthanthe. Dann legte sie einen weiteren Stein auf einen Punkt ein Stück entfernt vom Ende der Linie und zeigte auf Bersan und sich.
»Wir werden uns trennen?«
Sie nickte.
»Anron und Asthante erreichen ihr Ziel zuerst?«
Wieder nickte sie.
Bersan fragte: »Und woher weißt du das?«
Bjora lächelte und wies mit dem Finger nach oben in den Himmel.
Anron schaute hinauf zu den Wolken. Sie verrieten ihm nichts. Er zuckte mit den Schultern und meinte: »Morgen brechen wir auf.«
Bjora schüttelte den Kopf und hielt drei Finger in die Höhe.
»In drei Tagen?«
Sie nickte.
Anron widersprach nicht. Wenn sie noch blieben, konnten die Fleischvorräte in der Sonne richtig trocknen, und überhaupt war ihm war eine Pause vor dem voraussichtlich anstrengenden Aufstieg zu einem unbekannten Ziel willkommen. Er bemerkte, dass die drei Gefährten ihn aufmerksam ansahen, als warteten sie auf irgend etwas.
Dann begriff er und sagte: »König Anron der Unwissende verkündet: Wir bleiben drei Tage hier.«
Wenn es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick geben sollte, dann war sie hier am Fuß der Berge nicht zu finden. Die beiden von den Wesen dieser Welt einander zugeordneten Paare wurden nicht automatisch und auf Anhieb zu Liebenden. Kameradschaft, Freundschaft gar, empfanden sie gleich für einander. Doch war der sprichwörtliche Funke, der die Liebe entflammen lässt, nicht vom Himmel gefallen.
Anron und Asthante verbrachten genau wie Bersan und Bjora Zeit mit Spaziergängen, tauschten Gedanken und Empfindungen aus. Für Bersan war es naturgemäß nicht so leicht, etwas von Bjora zu erfahren, aber vielleicht war es gerade die schwierige Kommunikation, die schneller zu Vertrautheit und zärtlicher Zuneigung führte als beim anderen Paar. Bersan las in ihren Augen, was Bjora nicht zu sagen vermochte, konzentrierte sich auf ihr Mienenspiel, ihre Gesten. Vielleicht lag es aber auch am Charakter der beiden, sie suchten die Nähe, taten alles gemeinsam.
Anron war – da war seine Selbsteinschätzung kein Irrtum – ein Eigenbrötler, ein Einsiedler. Es hatte mehrere Gründe gegeben, dass er einst Zuflucht in der Hütte im Wald gesucht hatte; Zuflucht vor den Menschen. Sein Drang zur Einsamkeit war wohl das stärkste Motiv. Er liebte die Stille, die Ruhe. Nun hatte ihm das Schicksal oder eine unbekannte Macht eine Frau zur Seite gestellt. Nichts an ihr stieß ihn ab, im Gegenteil, aber er achtete darauf, dass eine gewisse Distanz zunächst gewahrt blieb. Asthante schien das zu respektieren oder gar gleichermaßen zu wollen.
So blieben sie drei Tage und Nächte am Fuß der Berge, lernten einander kennen, spekulierten über die Zukunft und teilten die Freude an dieser Welt, die nur für sie geschaffen schien und in der es keinen Mangel, keine Angst, keine Schmerzen und keine Feindschaft gab.
In der Nacht vor ihrem Aufbruch nahm Asthante Anron sanft in ihre Arme, um ihn zu wecken. Er wurde offenbar von einen Alptraum heimgesucht, stöhnte im Schlaf und war schweißgebadet. Sie hielt ihn fest umschlungen, bis er wach war.
»Der Cowboy…«, sagte er mit Entsetzen in der Stimme.
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Fortsetzung folgt.

Samstag, 18. September 2010

ONE – Der Baby-Protest

Lieber Blogbesucher,

Werde jetzt aktiv: Unterzeichne die Petitionich möchte dir gerne den ONE Baby-Protest vorstellen. Mit dieser lustigen Aktion wollen wir eine sehr ernste Botschaft verbreiten—und ich hoffe, du hilfst uns dabei.

Am heutigen Tag kommen über 1000 Kinder HIV-positiv zur Welt. Das ist eine erschütternde Zahl. Am schlimmsten daran ist aber, dass das völlig unnötig ist. Die HIV-Übertragung von der Mutter auf ihr ungeborenes Baby wäre nämlich mit einer einfachen Behandlung vermeidbar.

Wir können das ändern. Gemeinsam können wir sicherstellen, dass Dank wirksamer Behandlung bis 2015 kein Kind mehr mit HIV geboren wird. Babies mit HIV können nicht für sich selbst sprechen, also tue du es für sie—mach mit beim ONE Baby-Protest!

Klicke hier, um die Petition zu unterzeichnen

http://one.org/de/mitmachen/babyprotest/o.pl?id=1941-3579593-a0A0FSx&t=3

Die Petition im Wortlaut:

Sehr geehrte Staats- und Regierungschefs,

wir können bis 2015 sicherstellen, dass kein Kind mit HIV geboren wird. Der erste Schritt auf dem Weg dahin ist ein Abkommen zur Bekämpfung extremer Armut bei den Vereinten Nationen. Jede Nation muss ihren Teil beitragen. Bitte tragen auch Sie Ihren Teil bei. Vielen Dank!

Gemeinsam können wir bis 2015 eine Welt schaffen, in der kein Kind mit HIV geboren wird.

Vielen Dank!