Donnerstag, 10. März 2011

Josef Wilfling: Abgründe

Josef Wilfling ist kein erfahrener oder gar »gelernter« Autor, das hat er auch nirgends behauptet. Er ist auch kein Psychologe, kein Seelsorger, kein Jurist, sondern der pensionierte Leiter einer Mordkommission.

Daher täte man ihm Unrecht, wenn man von seinem Buch eine herausragende Sprache, psychologische Einsichten in die Seelen der Verbrecher oder juristisch-distanzierte Analysen erwarten würde.

Zweifellos sind seine Formulierungen oft unfreiwillig komisch, wenn beispielsweise die Stiche »absolut tödlich« sind; es gibt nun mal keinen nicht absoluten Tod. Auch manche Redewendungen (Zittern wie Espenlaub) sind arg abgedroschen, doch wie gesagt – Wilfling lässt keine Ambitionen erkennen, ein guter Schriftsteller zu sein. Man könnte höchstens dem Verlag ankreiden, dass er das Geld für ein Lektorat nicht ausgegeben hat; vermutlich war Heyne etwas klamm in der Kasse.

Das Buch erzählt Fälle, die dem Autor aus seiner Laufbahn besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben sind. Zwar mit geänderten Schauplätzen und Namen der Beteiligten, aber der Leser darf wohl davon ausgehehen, dass die geschilderten Ermittlungen tatsächlich so verlaufen sind. Bei der Lektüre tun sich Abgründe auf, insofern verspricht der Titel des Buches nicht zu viel. Dass Josef Wilfling seine Empfindungen nicht ausspart, dass er auch von eigenen Überreaktionen und Fehlern berichtet, dass er eine Meinung zur juristischen Praxis hat und ausdrückt, macht ihn sympathisch und glaubwürdig.

»Die Wirklichkeit ist packender als jeder Krimi«, wirbt der Verlag für das Buch – das sei dahingestellt, es gibt Krimis, die packender und spannender sind. Dass man einem Krimiautor so manches nicht abnehmen würde, was dieses Buch berichtet, ist allerdings anzunehmen. Ein Polizist klettert über die Trennwand einer Toilette und springt auf den Verdächtigen herab, woraufhin beide samt Kloschüssel durch den Boden brechen und in der Sickergrube landen – da würde man bei einem Krimi den Kopf schütteln und »völlig übertrieben« murmeln. Dass ein Mörder beim Vergraben von Leichenteilen den Plastiksack nicht mit verbuddelt, um die Umwelt zu schonen, würde bei der Lektüre eines Krimis zumindest Stirnrunzeln hervorrufen.

Das Leben ist zuweilen absonderlicher als die Fiktion, und dieses Buch schildert Episoden, in denen das sichtbar wird.

Ist »Abgründe« ein Sachbuch? Nein. Dann hätte es sachlicher ausfallen müssen. Ist es ein Roman? Nie und nimmer, ein Roman bemüht sich um Handlungsstruktur und Erzählstil. Ist es eine Autobiografie? Keineswegs, das Leben des Autors spielt keine Rolle. Haben wir es mit einer Erzählung oder einer Sammlung von Erzählungen zu tun? Schon eher, denn hier erzählt jemand seine Erlebnisse, wie er sie seinen Freunden beim Bier am Stammtisch erzählen würde. Nicht mehr und nicht weniger.

Mein Fazit: Lesenswert, denn die Lektüre ist an keiner Stelle langweilig.

Dienstag, 8. März 2011

Peter Rollins: Der rechtgläubige Ketzer

Peter Rollins
Es gab einmal eine kleine Stadt, deren Bewohner stets bestrebt waren, in ihrem Tun und Lassen den Lehren Gottes gehorsam zu sein. Man konnte die Verantwortlichen jener Gemeinschaft oft ins Gebet vertieft oder beim Bibelstudium, auf der Suche nach Wegweisung und Weisheit, antreffen, wenn sie vor schwierigen Entscheidungen standen.
Eines Abends, mitten im Winter, pochte ein junger Mann aus einer benachbarten Stadt an die Tür der Kirche und bat um Asyl. Der Hausmeister, ein Mann mit tiefem Glauben, ließ ihn sofort ein und sorgte für eine warme Mahlzeit und frische Kleidung, weil er bemerkte, dass der Flüchtling hungerte und fror.
Als er sich etwas erholt hatte, erklärte der junge Mann, dass er aus seiner Stadt geflohen war, weil die Regierung ihn als politischen Dissidenten bezeichnet hatte. Es stellte sich heraus, dass er bei seiner Arbeit als Journalist sowohl den Herrschenden als auch der Kirche gegenüber Kritik geäußert hatte. Der Hausmeister nahm den jungen Mann mit zu sich nach Hause und gestattete ihm, zu bleiben, bis ein Plan bezüglich der nächsten notwendigen Schritte gefasst war.
Der Priester wurde über das Geschehen informiert und er rief die Verantwortlichen der Stadt zusammen. Man musste beraten, was nun zu tun sei. Nach einer zweitägigen Diskussion beschloss die Ratsversammlung, dass der junge Mann der Obrigkeit seiner Heimatstadt übergeben werden sollte, um sich der Anklage wegen seiner Verbrechen zu stellen. Der Hausmeister jedoch protestierte: »Dieser Mann hat kein Verbrechen begangen, er hat lediglich kritisiert, was er als im Namen Gottes begangenes Unrecht seitens der Regierung empfunden hat.«
»Es mag ja stimmen, was du sagst«, erwiderte der Priester, »aber seine Anwesenheit hier bringt unsere ganze Stadt in Gefahr. Nicht auszudenken, wenn jene Obrigkeit erfährt, wo er ist und dass wir ihm Schutz gewähren!«
Aber der Hausmeister weigerte sich, den jungen Mann an den Priester und die Obrigkeiten auszuliefern. Er erklärte: »Er ist mein Gast, und solange er sich unter meinem Dach befindet, werde ich dafür sorgen, dass ihm kein Leid geschieht. Wenn er mit Gewalt aus meiner Obhut gerissen wird, dann werde ich mich öffentlich dazu bekennen, das ich ihm Asyl gegeben habe und die gleiche Ungerechtigkeit erleiden wie mein Gast.«
Der Hausmeister war sehr beliebt und der Priester hatte nicht die Absicht zuzulassen, dass ihm etwas zustieß. Also machte sich die Ratsversammlung daran, die Heilige Schrift nach einer Antwort zu durchforsten, denn sie wussten von dem tiefen Glauben des Hausmeisters. Nach einer ganzen Nacht des Bibelstudiums kamen sie wieder zum Hausmeister und sagten: »Wir haben vom Abend bis zum Morgen auf der Suche nach Wegweisung das heilige Buch durchforstet und sind zu dem Schluss gekommen, dass es uns anweist, die Obrigkeiten dieses Landes zu respektieren und Zeugen unseres Glaubens zu sein, indem wir uns ihnen unterordnen.«
Doch der Hausmeister kannte die Worte der Heiligen Schrift ebenfalls sehr gut und erklärte, dass die Bibel dazu auffordert, sich der Leidenden und Verfolgten anzunehmen.
Nun begannen die Verantwortlichen der kleinen Stadt, verzweifelt auf der Suche nach einer Lösung, auf der Stelle inbrünstig zu beten. Sie beschworen Gott, zu ihnen zu sprechen, und zwar nicht mit der leisen inneren Stimme des Gewissens, sondern eher so, wie er mit Mose und Abraham geredet hatte. Sie flehten Gott an, direkt mit ihnen zu kommunizieren, damit der Hausmeister seinen Irrtum zu erkennen vermochte. Tatsächlich verdunkelte sich der Himmel und Gott stieg herab. Er sprach den Hausmeister an: »Der Priester und die Vorsteher sagen die Wahrheit, mein Freund. Um die Stadt zu schützen muss dieser Mann der Obrigkeit übergeben werden.«
Aber der Hausmeister, ein Mann des tiefen Glaubens, schaute auf und erwiderte: »Wenn du, mein Gott, willst, dass ich dir treu bleibe, dann kann ich deine Anweisung nur ablehnen. Ich brauche weder die Schrift noch deine Ansprache um zu wissen, was ich tun soll. Du hast längst von mir verlangt, dass ich mich um diesen Mann kümmere. Du hast bereits geschrieben, dass ich ihn um jeden Preis beschützen muss. Deine Liebesworte reden durch die Gesichtszüge dieses Mannes, deine Wertschätzung ist in die Struktur seines Fleisches eingewoben. Daher, mein Gott, widersetze ich mich dir, um dir treu zu bleiben.«
Als Gott diese Worte gehört hatte, wandte er sich an die Ratsversammlung und sprach nun sie direkt an: »Wenn ich den Hausmeister nicht überzeugen kann, dann wird es euch erst recht nicht gelingen. Jetzt lasst ihn in Frieden.«
Dann lächelte Gott und zog sich leise zurück. Er wusste, dass die Angelegenheit endlich erledigt war.

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Quelle: The Orthodox Heretic von Peter Rollins, übersetzt von mir; mit freundlicher Genehmigung vom Autor. Danke, Peter!

Aus diesem Buch:



Mehr über den und vom Autor: Peter Rollins Webpage

Montag, 7. März 2011

Jessika – ein Verhängnis /// Teil 14

Eigentlich wollte ich die Szene, mit der diese Folge endet, noch weiter schreiben. Aber der Sonntag war denn doch mit anderen Aktivitäten gut gefüllt – daher bleiben wir am Schluss dort sitzen, wo wir eben sitzen.

Wie üblich hier die Verknüpfungsorgie vorab: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5] /// [Teil 6] /// [Teil 7] /// [Teil 8] /// [Teil 9] /// [Teil 10] /// [Teil 11] /// [Teil 12] /// [Teil 13]

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Die Stimme war so unirdisch wie die Finsternis, aus der sie kam. »Du musst ihr das Leben schenken.«

Johannes war nicht nach Scherzen zumute, zu beklemmend war die Atmosphäre, zu groß die Sorge um Jessika. Sonst hätte er so etwas wie »wenn ich muss, dann gehe ich aufs Klo« geantwortet. Aber solche Sprüche gehörten in eine andere Welt, in ein anderes Leben. In eine andere Zeit womöglich. Statt dessen fragte er: »Wer ist da?«

»Ich bin Nitzrek. Du musst sie retten.«

»Aber ich weiß nicht, wie.«

»Wie du sie in diese Lage bringen konntest, wusstest du. Und nun bist du am Ende deiner Fähigkeiten?«

Johannes versuchte, die Gestalt zu erkennen, die mit ihm sprach. Es war jedoch zu dunkel, um mehr zu sehen als ein Etwas, ein Wesen, einen großen, tiefschwarzen Schatten, noch schwärzer als die Finsternis. Kein Gesicht, keine Konturen.

»Ich bin Nitzrek.«

Er antwortete: »Ich weiß. Und du willst Jessika nicht verlieren. Du kannst ihr helfen, ich nicht.«

Johannes wollte diesem Wesen in die Augen sehen, ihm Jessika in die Arme – falls Nitzrek Arme hatte – legen. Er nahm Jessika auf seine Arme, trat einen Schritt auf die Schattengestalt zu. Womöglich wurde es noch finsterer, als ginge von der Gestalt ein negatives Leuchten aus. In Johannes normaler Welt vertrieb das Licht stets die Finsternis, hier löschte sie dagegen jeglichen Schimmer aus. Ein weiterer Schritt in die gleiche Richtung, Johannes sah nichts mehr, konnte keine Konturen mehr ausmachen, stand orientierungslos in einem schwarzen Nichts. Die Stimme, die er hörte, mochte in seinem Kopf entstehen oder an seine Ohren dringen, sie war unwirklich weit entfernt und doch so nah, als spräche das Etwas direkt in sein Ohr.

»No man sees my face and lives«, sagte Nitzrek.

Johannes spürte, wie Jessika in seinen Armen erbebte, als habe sie ein Stromschlag getroffen. Gleichzeitig berührte ihn etwas an der Stirn, kalt, eisig kalt und feucht fühlte es sich an. Alle Kraft wich aus seinen Muskeln, seine Knie knickten ein und er sank, Jessika in seinen Armen, auf das Gras. Bevor sich Stille über ihn legte, hörte er noch wie aus unglaublich weiter Ferne einen Ruf. »Ich muss zu ihr«, schien die Stimme zu schreien, »wo ist sie?« - aber seine Sinne verließen ihn bereits, bevor er wusste, ob er wirklich etwas gehört hatte.

Als Johannes zu sich kam, lag die Lichtung im Abendsonnenschein, im Geäst zwitscherten ein paar Vögel. Die Luft war noch angenehm warm. Jessika lag halb auf seinem Körper, ihr Kopf ruhte auf seiner Brust. Ihre Haut war kühl, zu kühl für die Umgebungstemperatur. Er nahm das Gesicht behutsam in beide Hände und sagte mit brüchiger Stimme: »Jessika. Wach auf. Es ist vorbei.«

Sie reagierte nicht.

Aus der Ferne meinte Johannes, einen Motor zu hören, ein Motorrad mochte es sein. Das Geräusch klang weit entfernt.

»Jessika, bitte wach auf.«

Johannes bettete Jessikas Kopf vorsichtig auf ihren gesunden Arm und stand auf. Ich muss Hilfe holen. Ich brauche jemanden, der ihr hilft. Mir hilft. Aber wer?

Neben seinem Auto lag die Leiche mit der klaffenden Wunde im Hals, der zweite Angreifer war nicht mehr zu sehen. Ob der Mann tot gewesen war, konnte Johannes nicht sagen, er hatte nur noch Augen für Jessika gehabt in den Momenten, bevor die Finsternis vom Himmel gefallen war. Wie lange war das her? Seine Armbanduhr hatte er abgelegt bevor er ins Wasser ging. Johannes ging zu den Wolldecken hinüber und schaute auf das Ziffernblatt. Drei Stunden war es her, dass sie hier angekommen waren. Er vergaß, dass er sein Telefon holen wollte, um den Notruf zu wählen, sein Denken war blockiert. Er starrte in die Ferne, dann nahm er eine der Decken, ging zurück zu Jessika und breitete den Stoff über ihren Körper. Er kniete neben ihr nieder und versuchte festzustellen, ob sie noch atmete. Die Lippen waren halb geöffnet, ob die Lungen stillstanden oder noch schwach funktionierten, konnte er nicht feststellen. Johannes presste seinen Mund auf ihren, hielt ihre Nase zu und blies seinen Atem in sie hinein. Seine Finger suchten nach dem Puls an ihrem Kinn. Schwach, ganz schwach meinte er, ihn zu spüren, flüchtig nur und sehr langsam. Wieder blies er Luft in ihre Lungen.

Das Motorengeräusch wurde zunehmend lauter. Johannes dachte an die Lederkleidung der beiden Angreifer und sah sich nach dem Messer um, das er hatte fallen lassen. Es lag drei Schritte entfernt im Gras.

Vielleicht kommt Hilfe? Woher denn! Ich habe ja niemanden verständigt. Der Hüne kommt mit Verstärkung zurück, um seinen toten Freund zu rächen. Ich brauche jemanden … ich … jemanden von ihrer Art. Ich brauche Alesia.

Johannes stand wieder auf und holte sich den Dolch. Das Motorrad kam näher. Er überlegte, ob er sich etwas anziehen sollte, doch dazu hätte er sich zu weit von Jessika entfernen müssen. Ich werde dich verteidigen, bis zum letzten Atemzug, selbst wenn du stirbst. Zumindest das bin ich dir schuldig. Johannes starrte auf den Waldrand.

Sekunden später brach eine schwere Maschine durch das Unterholz. Der Fahrer trug einen Helm mit dunklem Visier, hinter ihm saß eine schmächtigere Gestalt auf dem Sitz. Einen Augenblick glaubte Johannes, den riesigen Räuber vor sich zu haben, aber dann sah er, dass der Motorradfahrer nicht so gigantisch war. Er steuerte sein Fahrzeug über die Lichtung und kam neben Jessika und Johannes zum Stehen. Der Motor verstummte. Die kleinere Gestalt sprang vom Motorrad und nahm den Helm ab, bevor der Mann das Gefährt auf den Ständer wuchten konnte.

»Jessika! Ich bin da! Ich bin gekommen!«

Luca warf den Helm beiseite und beugte sich über den leblosen Körper. »O bitte, lass es nicht zu spät sein!« rief er, während er die Decke beiseite zog und hinter sich warf.

Johannes war sprachlos. Woher … wieso …

Als der Fahrer der Maschine den Helm abnahm, erkannte er Giacomo. Dieser nickte ihm kurz zu und fragte dann seinen Sohn: »Was brauchst du?«

Luca zog seine Lederjacke aus und warf sie zur Decke hinter sich. »Mein Blut. Schnell.«

Giacomo griff in seine Jackentasche und brachte ein Rasiermesser zum Vorschein. Er klappte es auf und zog die Klinge ohne zu zögern über den ausgestreckten rechten Unterarm seines Sohnes. Das helle Blut floss schnell und reichlich.

Luca presste die Wunde auf Jessikas Oberarm, direkt auf den klaffenden Schnitt in ihrer Haut. Giacomo sah Johannes an und befahl: »Verbandskasten. Aus dem Auto. Sofort.«

Aus Jessikas Mund kam ein Stöhnen, ihre Augenlider flatterten. Johannes beugte sich zu ihr hinab.

»Subito! Sofort!« schrie Giacomo ihn an.

Johannes erwachte aus seiner Erstarrung und rannte los. Der Verbandskasten lag unter dem Fahrersitz. Er zog ihn hervor und eilte zurück. Giacomo streckte die Hand aus und nahm den Kasten an sich.

Luca war bleich geworden, Jessika öffnete die Augen. »Es ist …«, flüsterte sie.

»Nicht reden«, sagte der Junge. Er hob seinen blutenden Arm, riß sich das T-Shirt vom Leib und legte sich auf Jessikas Körper, schlang den freien linken Arm um sie und presste wieder Wunde auf Wunde. Jessika zitterte kurz, dann legte sie ihren unverletzten Arm um Luca und drückte ihn an sich. Wenige Minuten später sagte sie: »Es ist genug. Danke, Luca.«

»Sicher? Ganz bestimmt?«

»Ja. Hör auf. Lass dich verbinden.«

Giacomo half seinem Sohn beim Aufstehen und presste sofort eine Kompresse auf den Schnitt. Johannes nahm eine Binde und wickelte sie fest um den Unterarm des Jungen. Dann hatte er wieder Augen für Jessika. Sie lächelte. Sie bekam wieder Farbe ins Gesicht. Sie hatte sich aufgesetzt und deutete auf den Verbandskasten, der im Gras lag. »Eine Kompresse, bitte. Nur für ein paar Minuten.«

 

»Luca war es, der deinen Schrei gehört hat«, erklärte Giacomo.

Zu viert saßen sie auf der Terrasse eines Restaurants beim Essen. Jessika trug wieder das rote Kleid von Alesia und Johannes starrte alle paar Minuten auf ihren Arm, der keine Spur der beinahe tödlichen Verletzung mehr zeigte. Nur wenn man wusste, wo die Stelle war, konnte man noch eine leichte Schwellung sehen – oder sich eine solche einbilden. Luca hatte ein schwarzes T-Shirt an, keine Spur von dem Schnitt mit der Rasierklinge war auf seinem Unterarm zu erkennen.

»Ich glaube, dass das alles Einbildung war. Wir sind nicht überfallen worden, Jessika wurde nicht verletzt. Wir haben uns zufällig hier in diesem Restaurant mit Giacomo und Luca getroffen«, murmelte Johannes.

Luca gab zurück: »Und der Mond ist eine Scheibe«

Giacomo ermahnte ihn: »Erst runterschlucken, was du im Mund hast, dann reden. Niemand will die halb zerkaute Pasta auf deiner Zunge bewundern, monello.«

Jessika legte ihren Arm um den Jungen, drückte ihn an sich und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. »Heute darfst du alles«, sagte sie. Luca wurde rot, ließ sich aber auch noch einen Kuss auf die Wange gefallen.

Giacomo schüttelte resignierend den Kopf. »Ah bella! Wie soll man seinen Kindern Anstand beibringen, wenn einem ständig widersprochen wird?«

Johannes griff nach seinem Bierglas und trank einen kräftigen Schluck. Der herbe Geschmack, das kühle Glas – wunderbar real und zweifellos echt, im Gegensatz zu den verworrenen Erinnerungen an den Nachmittag am Lago di Montepulciano. Tiefe Schnittwunden, die innerhalb von Minuten verschwinden – heilen – sich auflösen, was auch immer; und überhaupt: eine merkwürdige Lebensrettungsmethode, die blutende Verletzung des Retters auf die des Opfers zu drücken und sich dabei mit so viel Hautkontakt wie möglich auf den ausgestreckten Körper zu legen …

»Ich sagte dir doch«, unterbrach Jessika seine Grübeleien, »dass wir schnell heilen.«

Johannes runzelte die Stirn und sagte: »Das habe ich bei meinen Recherchen über eure Art auch gelesen, aber so schnell? Und außerdem wärest du beinahe gestorben, nicht wahr? Wo war denn die schnelle Heilung, als sie gebraucht wurde?«

Luca schob den letzten Löffel Pasta in seinen Mund und erklärte: »Schneller ging es nicht. Mama hat uns den Ort beschrieben, an dem wir euch finden, aber fliegen können wir nicht. Papa ist immerhin gefahren wie ein Rennfahrer.«

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Tja. Und nun?

Luca und Giacomo ...
... brechen alleine auf, zurück nach Hause.
... bleiben noch mit Johannes und Jessika zusammen.
Auswertung
Fortsetzung? Folgt. Wann? Demnächst.

Sonntag, 6. März 2011

Wenn ich heute …

…ein Stündchen Zeit zum Schreiben finde, geht es morgen weiter mit Jessika.

Elf zu sechs zu fünf.

Die Fortsetzung ist größtenteils geschrieben, lediglich die letzte Szene muss noch in eine Frage an die Leser münden.

Freitag, 4. März 2011

Zum Broterwerb …

… übersetze ich auch Bücher.

Nur so nebenbei bemerkt, falls jemand einen Übersetzer suchen sollte.

:-)

Guttenbergismus an Schule in Österreich?

Na na na – wenn da mal nicht ein Schüler oder eine Schülerin in Österreich für den Unterricht einen Aufsatz abzuliefern hat und nun via Google einen Guttenberg machen will …

Klingt sehr nach Aufsatzthema ...

Vorsicht, liebe Schülerin oder lieber Schüler. Vielleicht kennen sich auch die Lehrkräfte mit Suchmaschinen aus?

Spam der Woche mit Doktortitel

Ach so ist das.

Beinahe hätte es die Auszahlung direkt auf mein Girokonto auf Platz 1 geschafft, aber dann hat doch noch die putzige Behauptung Führungskräfte brauchen mehr als einen Doktortitel meinen Privatwettbewerb um die Betreffzeile der Woche im elektronischen Mülleimer gewonnen. Auch nicht schlecht ist natürlich die Tatsache, dass The Spirit gelegentlich eine vorher angekündigte Schulung durchführt und dass man für 31 Euro den Frühling nach Europa holen kann. Wenn wir zusammenlegen – 30 Blogbesucher und ich – kostet uns das Ende des Winters nur je einen Euro. Wie wär’s damit?

Donnerstag, 3. März 2011

Jessika – ein Verhängnis /// Teil 13

Heute ist die Fortsetzung kürzer als gewohnt – dafür wird es mit der nächsten Folge nicht allzu lange dauern. Es wird auch keine Leserentscheidung über den Fortgang geben, denn den habe ich schon im Kopf und zum Teil niedergeschrieben. Ich hätte diesen Teil natürlich durch weiteren Text länger gestalten können, konnte es mir aber nicht verkneifen die geschätzte Leserschaft mal ein paar Tage einem sogenannten cliffhanger auszusetzen. Ein bisschen Qual muss ja ab und zu sein. Ätsch!

Das aber noch zuvor: Die vorangegangenen Teile: [Teil 1] /// [Teil 2] /// [Teil 3] /// [Teil 4] /// [Teil 5] /// [Teil 6] /// [Teil 7] /// [Teil 8] /// [Teil 9] /// [Teil 10] /// [Teil 11] /// [Teil 12]

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Au weia.Schließlich, es schien eine Ewigkeit zu dauern, schwanden die Kräfte des Mannes. Er stolperte, sank auf die Knie, ließ das Messer fallen und griff mit beiden Händen nach Jessikas Arm, um den Würgegriff zu lösen. Seine Fingernägel gruben sich in ihr Fleisch. Sie ließ nicht locker, auch als er sich nicht mehr auf den Knien halten konnte und umfiel, hielt sie unerbittlich fest.

Johannes stand zwei Meter entfernt, den blutverschmierten Dolch in der rechten Hand, in der linken ein Handtuch. Er konnte nicht sagen, ob Jessikas Arm von ihrem eigenen Blut verschmiert war oder von dem des Räubers, aber notfalls wollte er die Wunde abbinden können.

»So. Das reicht dir wohl«, sagte Jessika endlich und ließ los. Sie stand, etwas schwankend, auf und schaute Johannes an. »Lass den Dolch fallen.«

Er tat es. Er brauchte keine Waffe mehr. Er wollte Jessika in die Arme nehmen, zum ersten Mal, sie trösten, falls sie Trost brauchte, sie beruhigen, falls sie aufgewühlt war. Wie ein Vater seine Tochter, die gerade Schlimmes durchgemacht hat. Er atmete tief durch und fragte: »Bist du verletzt?«

Jessika nickte. »Er hat mich mit der Klinge erwischt. Aber das macht nichts. Wir heilen schnell, anders als ihr normalen Menschen.«

Johannes ging die zwei Schritte zu ihr hin. Der Stich hatte sich tief in den Oberarm gebohrt, unaufhörlich quoll das Blut. Vorsichtig drückte Johannes das Handtuch auf die Wunde. Er versuchte, sich an den längst vergessenen Unterricht in Erster Hilfe zu erinnern, da war es auch um einen Druckverband gegangen. Einen Knoten musste man machen, und mit einem Stock dann irgendwie den Stoff spannen. Es fiel ihm nicht ein, wie das gehen sollte. Es fiel ihm auch nicht ein, dass er im Auto einen ordnungsgemäß ausgerüsteten Verbandskasten hatte. Das Handtuch färbte sich zügig rot, die Blutung hielt unvermindert an.

»Tut es sehr weh?«

»Ja.« Ihre Stimme war ungewohnt schwach.

»Du musst zu einem Arzt.«

»Nein.«

»Jessika, bitte. Sei nicht unvernünftig. Das ist ein tiefer Stich und du blutest unaufhörlich.«

Sie griff mit ihrer rechten Hand nach dem Handtuch, presste es auf die Verletzung, stöhnte, presste noch stärker, biss sich auf die Lippen und bat dann: »Nimm mich in die Arme.«

Hätte es Zuschauer gegeben, wäre der Begriff Liebespaar das erste gewesen, was ihnen beim Anblick der beiden in den Sinn gekommen wäre. Zwei nackte Menschen, eng umschlungen, die Frau geborgen in den Armen des Mannes. Lediglich das Blut, mit dem sie mittlerweile beide verschmiert waren, störte das romantische Bild.

Abgesehen von einem Händedruck in Parma war dies sie erste körperliche Berührung der beiden. Johannes fühlte ihr Zittern, hielt sie fest, strich ihr über den Rücken. Sie atmete tief, schien schwächer zu werden, wankte auf unsicheren Beinen. Das blutdurchtränkte Handtuch fiel zu Boden, ihre Arme hingen kraftlos herab. Er hielt sie fest, als sie ihm zu entgleiten drohte. Johannes überlegte, ob er sie zu den Decken hinübertragen, hinlegen und Hilfe holen sollte. Das Telefon lag im Handschuhfach. Als er zu dem Schluss gekommen war, dass ihm nichts anderes übrig blieb, kam ein Laut aus ihrer Kehle, der kaum menschlich klang, ein Klang wie aus der Verzweiflung einer geschundenen Kreatur geboren, die ihren Peinigern nicht entrinnen kann.

Unvermittelt wurde es, obwohl der Sonnenuntergang noch fern war, dunkel. Ein tiefer Schatten fiel auf die Lichtung, hüllte die beiden ein. Als sei das Feuer der Sonne plötzlich erloschen. Dunkelheit und Kälte, von einem Augenblick zum nächsten. Eine uralte Dunkelheit, die nicht hierher gehörte. Und in der Finsternis war jemand. Etwas.

Jessika hing wie tot in seinen Armen, Johannes hielt sie fest, sonst wäre sie auf der Erde gelandet. Atmete sie noch? Er drückte sie an sich, versuchte, sie vor der Dunkelheit zu schützen. Oder eher vor dem, was in der Dunkelheit verborgen war. Ihre Haut war warm, noch war sie warm. Es war sinnlos, um Hilfe zu rufen, es war sinnlos, weglaufen zu wollen. Diese Finsternis war nicht von dieser Welt, wohl auch nicht auf dieser Welt. Sie waren in der Finsternis gefangen.

Johannes starrte ins Leere. So etwas wie ein unwirklich graues Schimmern war verblieben, ohne Ursprung; nur vage Schemen der Bäume um die Lichtung waren auszumachen, obwohl die Augen sich schnell an die fehlende Sonne gewöhnten. Er sah nichts, aber er spürte, dass sich näherte, was in diesem Todesschatten wohnte.

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Wie angekündigt geht es nun nicht um den Fortgang der Geschichte. Aber diese Frage ist nicht unwichtig, womöglich hängt von der Abstimmung das Ende der Erzählung ab. 

Wie geht es den geschätzten Lesern mit Jessika?
Inzwischen mag ich sie.
Keine angenehme Zeitgenossin.
Wer ist Jessika?
Auswertung

Fortsetzung sehr bald an dieser Stelle.

Dienstag, 1. März 2011

Gute Idee: Zur Wahrheit stehen.

Die evangelische Kirche in Deutschland hat ihre traditionelle Fastenaktion »Sieben Wochen ohne« in diesem Jahr unter ein Motto gestellt, das für manche Menschen schwieriger zu bewältigen sein dürfte als der Verzicht auf Fleisch oder Alkohol oder sonst etwas Äußerliches: »Ich war’s! Sieben Wochen ohne Ausreden.«

Wie hilfreich im Miteinander sind doch Ausreden, meinen wir oft. »Ich habe verschlafen – daher bin ich zu spät im Büro.« Wer würde das gerne sagen, wenn sich doch auf der Autobahn so häufig ein Stau entwickelt? »Entschuldigung, ich habe vergessen Ihre Rechnung zu bezahlen.« Wie viel bequemer scheint es doch zu sein, zu behaupten, dass der Brief wohl auf dem Postweg verloren gegangen sein muss …

Aber ist das wirklich bequemer und angenehmer? Auf den ersten Blick vielleicht. Jedoch: Wer lügt (schummelt / verschweigt / umschreibt / schönredet …) braucht ein gutes Gedächtnis. Sonst verheddert er sich früher oder später in Widersprüche. Selbst bei gutem Erinnerungsvermögen kann eine längst vergangene Schummelei sogar einen Bundesminister irgendwann einholen.

»Ich war’s! Ich habe kopiert und eingefügt und das Ergebnis dann als meine Doktorarbeit abgegeben.« Ein solcher Satz hätte dem Ertappten wohl mehr Respekt eingebracht als wochenlange Ausreden und Ausflüchte und Versuche, vom Betrug abzulenken. Selbst dieses Eingeständnis hätte zumindest Achtung vor der Aufrichtigkeit zur Folge gehabt: »Ich war’s! Ich habe mir die Doktorarbeit schreiben lassen und sie dann nicht auf Plagiate überprüft, weil ich dem Ghostwriter vertraut habe.«

Nun ist es immer ein Leichtes, mit dem ausgestreckten Finger auf jemanden zu zeigen, der ertappt worden ist, sei es ein prominenter Minister, sei es Lieschen Müller von nebenan. Wie leicht erkennt man doch den Splitter im Auge eines anderen Menschen, und wie schwer fällt es, den Balken im eigenen Auge einzugestehen.

Es mag schwer fallen, aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es der bessere Weg ist, ein Fehlverhalten einzugestehen, anstatt Ausflüchte zu suchen. Wer zugibt, dass er einen Fehler gemacht hat, kann eher damit rechnen, dass man ihm eine zweite Chance einräumt als jemand, dem man sein Fehlverhalten nachweisen muss, während er es noch leugnet und die Schuld von sich zu weisen versucht.

»Ich war’s! Sieben Wochen ohne Ausreden.« Vielleicht kommt der eine oder andere, der sich auf dieses Experiment der evangelischen Kirche einlässt auf den Geschmack und macht nach den sieben Wochen weiter? Dazu muss man weder evangelisch sein noch muss man bis zum offiziellen Beginn der Fastenaktion am 13. März warten. Damit kann man schon heute anfangen, als Moslem, als Christ, als Atheist …

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Sonntag, 27. Februar 2011

Husbands, beware of Sunday mornings!

Gefunden bei / found at The Sacred Sandwich.

The Sacred Sandwich