Samstag, 30. Mai 2015
Gute-Laune-Jazz
Meinen geschätzten Blogbesuchern darf ich nun hier die neun Lieder des rund 45 Minuten langen Auftritts im MP3-Format anbieten. Viel Vergnügen!
1. When The Saints Go Marching In
2. Summertime
3. When Sunny Gets Blue
4. Watermelon Man
5. Moondance
6. Don't Get Around Much Anymore
7. Blue Bossa
8. Just A Closer Walk With Thee
9. Georgia On My Mind
P.S.: Es handelt sich um meine eigenen Aufnahmen aus der Johannesgemeinde Berlin am 17. Mai 2015. 128 kBit/s, Stereo. Public Domain - kein Verkauf, keine Vermietung. Unentgeltliche Nutzung und Weitergabe gestattet.
.
Mittwoch, 27. Mai 2015
Laufen–was hat man eigentlich davon?
Wenn Ihnen überhaupt nicht nach Fröhlichkeit zumute ist, sollten Sie laufen. Ihr Gehirn benötigt in diesem Moment dringend Katecholamine, die das Laufen freisetzt. Das sind Noradrenalin und Dopamin: zwei Hormone, die Glücksgefühle in Ihrem Körper auslösen. -gesundheitswissen.de
Kürzlich habe ich ein paar Zeilen darüber verfasst, wie man mit dem Laufen anfangen kann, wenn man noch gar keine Erfahrungen mit dem Ausdauersport auf zwei Beinen hat. Auf den Beitrag hin habe ich zahlreiche sehr positive Echos bekommen - das freut mich sehr. Dankeschön. Eine Kollegin aber meinte: »Das klingt alles sehr einladend und ich kann mir sogar vorstellen, das zu schaffen. Aber mir geht es, zumindest körperlich, gut - wofür das Laufen bei einem gesunden Menschen gut sein soll, das ist mir nicht so ganz klar.«
Das war natürlich ein willkommener Anlass für mich, ein paar Gedanken zu eben diesem Thema aufzuschreiben. Was die meisten meiner regelmäßigen Blogbesucher bereits wissen dürften:
- Kontinuierliches Ausdauertraining hat enorme Auswirkungen auf die körperliche Konstitution.
- Dadurch wird das Immunsystem stark, was die Gesundheit fördert beziehungsweise erhält.
- Laufen hilft ebenso gegen psychische Beeinträchtigungen und Krankheiten.
- Jogger verlieren dauerhaft Übergewicht, weil der Körper sich auf den erhöhten Energiebedarf umstellt und der sogenannte Ruheumsatz deutlich steigt. Dadurch wird man nicht spindeldürr, sondern man hält (Vernunft vorausgesetzt) sein gesundes Normalgewicht stabil.
Das »Ich hab's geschafft« Gefühl macht uns glücklich. Aber nicht nur der Stolz über die geschafften Runden lässt das Joggen zum Genuss werden. Der Körper wird schöner, straffer, man schläft viel besser und kann besser mit Stress umgehen.Aber Laufen kann viel mehr sein als nur ein Mittel zum Gesundbleiben oder -werden. Am Beispiel Achtsamkeit und innere Einkehr will ich meine geschätzten Leser auf ein paar wunderbare Nebenwirkungen für Geist und Seele aufmerksam machen, die beim Laufen eintreten können, falls man alleine ist. Wenn man zu zweit oder mit mehreren Gleichgesinnten unterwegs ist, gibt es andere Aspekte … hier geht es jetzt mal um dich und deinen Lauf.
Diese positiven Effekte treten ebenfalls erst nach 4-6 Wochen regelmäßigem Lauftraining richtig in Erscheinung. Außerdem steigt der Kalorienverbrauch im Ruhezustand, also auch dann wenn man nicht läuft, allmählich an.
-abnehmen.net
Ich habe dazu schon in früheren Artikeln manches angemerkt und beschrieben, auch in meinem Buch »Entschleunigung und Achtsamkeit« findet man Gedanken und Ideen dazu. Dennoch will ich es in diesem Zusammenhang gerne noch einmal für diejenigen erläutern, die am Laufen interessiert sind oder gerade damit anfangen.
Während ich draußen laufe, achte ich für eine Weile ausschließlich auf das, was ich gerade tue, anstatt die Gedanken an den Arbeitsplatz, in den kommenden Urlaub, zurück in die Vergangenheit, voraus in die Zukunft oder sonst irgendwohin schweifen zu lassen. Ich achte auf meinen Atem, darauf, wie meine Füße den Boden berühren und wieder abheben (was sich je nach Untergrund sehr verschieden anfühlt), auf die in jeder Jahreszeit auf ihre Weise wunderbaren Erscheinungsformen der Natur, auf die Geräusche (Vögel singen, meine Schritte knirschen auf dem Schnee, der Wind lässt die Blätter rauschen ...).
Wer Konzentration beziehungsweise bewusste Achtsamkeit nicht gewohnt ist, fängt am besten mit dem Atem an. Bringe deine Aufmerksamkeit immer wieder bewusst auf deinen Atem zurück, während du läufst. Es kommen dir natürlich abschweifende Gedanken in den Kopf - das nimmst du zur Kenntnis und wendest dich wieder deinem Atmen zu. Fällt es leicht? Bekommst du gut Luft? Solltest du dein Tempo etwas verlangsamen oder kannst du etwas schneller laufen?
Man braucht eine Weile Übung, aber es lohnt sich, die Kunst der Achtsamkeit zu lernen. Wie beim Laufen sollte man sich nicht zu viel vornehmen. Es reicht erst einmal, sich eine Minute ausschließlich auf den Atem (oder etwas anderes) konzentrieren zu können. Wenn das mühelos gelingt, kann man zwei Minuten anpeilen, dann drei ... wer sich fünf Minuten konzentrieren kann, hat dann die Meisterklasse erreicht. Der Effekt ist verblüffend: Es kehrt sehr viel innere Ruhe ein, unvermeidliche Stressmomente im Leben lassen sich viel leichter verkraften, Aufgaben können besser und schneller bewältigt werden.
Beim Laufen kann man das prima üben, aber noch besser ist es, sich jeden Tag ein paar Momente dafür zu nehmen. Am Schreibtisch im Büro, in der Küche, beim Spaziergang ...
Die Kontemplation, wie man die innere Einkehr auch nennt, ist viel einfacher als die Konzentration. Die Konzentrationsübungen sind sowieso nur etwas für maximal fünf Minuten. Oft nur eine oder zwei. Dann ist wieder Gelegenheit zur Kontemplation:
Ich kann beim Laufen wunderbar gedanklich neue Blogartikel schreiben, über das Leben und Sterben nachdenken, beten, Geschichten ersinnen, über komplizierte Sachverhalte oder Fragen nachsinnen oder etwas zuvor Gelesenes oder Gehörtes noch einmal gedanklich nachklingen lassen.
Dabei werden Ideen geboren, dabei reifen Erkenntnisse heran. Manches schreibe ich mir nach dem Joggen auf, manches darf auch getrost wieder entschwinden, bis es vielleicht erneut hervorkommt und weiter gedacht, bedacht, überdacht wird.
Natürlich geht auch das, genau wie die Konzentration, ohne Laufschuhe an den Füßen und Sportkleidung am Leib. Aber für mich (und dem Vernehmen nach viele andere Menschen) hat sich gezeigt, dass gerade das Laufen sehr förderlich ist. Ob es nun am Noradrenalin und Dopamin liegt, oder an der frischen Luft, die in die Lungen strömt und an der Durchblutung oder was auch immer: Laufen und Kontemplation passen hervorragend zusammen.
Zum Schluss sei eines nicht verschwiegen: Wer gerade mit dem Laufen anfängt (siehe mein [Blogbeitrag für Anfänger]), hat genug damit zu tun, den Trainingsplan und -ablauf zu beachten und zu befolgen. Wie in dem Zitat weiter oben zu lesen war, dauert es mindestens vier bis sechs Wochen, bis die vielen angenehmen Nebenwirkungen in Erscheinung treten, und es dauert etliche Monate, bis sie richtig ausgeprägt sind. Also sei nicht enttäuscht, wenn deine ersten Tage und Wochen mit deinem Lauftraining in erster Linie anstrengend sind, auf der Waage noch keine Resultate sichtbar werden und auch das seelische Wohlbefinden nicht deutlich gesteigert wurde. Hab Geduld mit dir, freue dich, dass du überhaupt angefangen hast und über die kleinen Fortschritte, die du feststellen kannst. Letzte Woche konntest du drei Minuten am Stück rennen, jetzt sind es schon vier. Vor vier Wochen hast du noch zehn Minuten Pause einlegen müssen, jetzt reichen schon acht. Das ist großartig und dazu kannst du dich beglückwünschen.
Bleib dran, lass dich durch Rückschläge nicht beirren und in ein paar Monaten wirst du feststellen, dass ich in diesem Artikel nicht geschwindelt habe.
.
Samstag, 23. Mai 2015
Wieder dankbar aufatmen …
Meine Facebook-Freunde haben es gestern schon gelesen – aber auch die vielen regelmäßigen Blogbesucher, die bei Facebook nicht registriert sind, dürfen es wissen:
Die Krebsnachsorgeuntersuchung am Donnerstag wurde abgebrochen, aber am Freitag fand sie dann statt und die Ergebnisse lassen uns ein weiteres mal dankbar aufatmen: Alles in Ordnung, nichts Auffälliges wurde gefunden.
Eventuell wird demnächst die Galle gesondert untersucht, weil sie sich bei der Sonografie nun schon seit über sechs Monaten beharrlich versteckt. Allerdings deutet nichts bei den Blutwerten auf irgend ein Problem mit der Galle hin und Beschwerden habe ich auch nicht.
Wir sind natürlich beide sehr froh, die Pfingstfeiertage nun unbeschwert genießen zu können und bedanken uns bei allen, die nicht müde werden, uns zu ermutigen und durch ihre Anteilnahme oder/und Gebete unsere Last ein wenig mittragen.
Gott sei Dank und den geschätzten Blogbesuchern ebenso: Danke!
.
Dienstag, 19. Mai 2015
Vom Schwarz und Weiß und von den Graustufen
Der nächste Krebsnachsogetermin steht am Donnerstag bevor – für die beste aller Ehefrauen und mich ist das von Vierteljahr zu Vierteljahr mit sorgenvollen Gedanken verbunden, die man auch nicht wegzaubern kann. Man kann sich in gewissem Maße ablenken … entkommen werden wir solchen Empfindungen aber wohl nicht.
Gestern fiel mir beim mittäglichen Spaziergang ein, dass der regelmäßige Termin ja auch sein Gutes hat. Als im Oktober 2013 die Lebermetastasen entdeckt wurden, war das natürlich ein Schock und eine schlechte Nachricht. Zweifellos gibt es nichts Gutes an der Tatsache, dass Tumore in der Leber wachsen.
Aber. Aber ist das wirklich die ganze Wahrheit? Ist es nicht gut, dass die beiden walnussgroßen Krebsgeschwüre entdeckt wurden? Dass sie durch die Operation, so schwierig sie auch war, entfernt werden konnten, anstatt weiter zu wachsen und innerhalb von acht Monaten zum Tod zu führen?
Eben. Das Schlechte ist nicht wegzuleugnen – aber es steht nicht alleine da. Und das, liebe Blogbesucher, ist doch recht häufig im Leben so, stimmt’s?
Wir bewerten den ganzen Tag lang: unsere Erlebnisse, andere Menschen, uns selbst. Dieses ist gut, jenes ist schlecht. Im Idealfall ist das meiste gut, aber häufig fällen wir ein negatives Urteil über Ereignisse und Menschen, uns selbst eingeschlossen, ohne es so richtig zu bemerken.
Bei unseren Internet-Aktivitäten werden wir geradezu gedrängt, dieses oder jenes mit »Gefällt mir« zu markieren und interessante, unterhaltsame oder besonders treffende Artikel und Internetseiten mit einem virtuellen erhobenen Daumen zu belohnen. Kaum habe ich etwas bei Amazon eingekauft, schon werde ich eingeladen, die Qualität der Ware mit bis zu fünf Sternchen zu bewerten.
Das alles ist ja zum Teil durchaus sinnvoll. Ich nehme selbst vom Kauf bestimmter Produkte Abstand, wenn die Bewertungen anderer Kunden gute Gründe dafür erkennen lassen. Es ist sehr sinnvoll zu wissen, welche Lebensmittel und Getränke Schaden im Körper anrichten können - das würde die Werbung uns nicht verraten. Das jüngste Beispiel ist die »grüne« Coca-Cola, die statt 18 Stück Würfelzucker pro halbem Liter nun elf Stück, aber die gleichen krebserregenden chemischen Farbstoffe enthält. Die elf Stück Zucker in dem halben Liter liegen übrigens immer noch über der als unbedenklich eingestuften Zuckermenge für einen Erwachsenen pro Tag.
Doch bei alle dem Bewerten und Beurteilen gerät man schnell in die Schwarz-Weiß-Falle. Die vielen Graustufen, die zahlreichen Schattierungen gehen uns verloren. Es gelingt uns kaum noch, einfach etwas zu erleben und zu empfinden, ohne schon ein (Vor)urteil mitzubringen.
Ein kleines Experiment:
- Schließe mal, bevor du dann weiterliest, die Augen, sagen wir für eine halbe Minute, und erlebe den Moment, ohne zu beurteilen, ob er gut oder schlecht ist. Achte auf deine Empfindungen - bewerte sie nicht, bemerke sie nur. Du fühlst zum Beispiel Stoff auf der Haut, es sei denn, du bist gerade nackt. Falls das so ist, empfindest du Kälte oder dennoch Wärme? Deine Füße berühren wahrscheinlich den Boden. Wie fühlt sich das an? Vielleicht gibt es ein Geräusch in der Nähe. Woher kommt es? Duftet es nach Kaffee oder Tee oder Parfüm? ... Denk nicht über die Empfindungen nach, sondern nimm sie nur zur Kenntnis.
Nach dem kleinen Experiment: Die meisten Phänomene, die du wahrgenommen hast, die Gerüche, Geräusche, Wärme oder Kälte ... sie geschehen ohne gute oder schlechte Intentionen. Sie passieren weder »ausgerechnet dir« noch »für dich«, sondern sie finden einfach statt, ohne irgend einen Bezug zu deinem Dasein zu haben.
Das kann die Perspektiven wieder ein wenig ins Lot bringen. Ich bin weder für den Wind, der weht, noch für die Sonne, die scheint, wichtig. Das heißt nicht, dass ich unwichtig wäre, aber ich bin eben nicht das Zentrum des Universums, um das sich alles dreht.
Es lohnt sich, manchmal innezuhalten und sich zu fragen: Dass ich jetzt Ärger empfinde, frustriert oder enttäuscht bin – das liegt daran, dass etwas geschieht, was mir nicht gefällt. Aber was wäre, wenn ich nicht das Zentrum des Universums wäre? Sondern der Mensch, über den ich mich gerade aufrege? Oder keiner von uns? Der Regen, der mir meinen Ausflug vermasselt, ist der ein gewaltiger Segen für den Landwirt zwei Kilometer weiter? Die Tropfen fallen ja nicht, um mich persönlich zu ärgern. Genauso wie die Sonne nicht scheint, um mir eine persönliche Freude zu machen. So werden uns vielleicht doch Graustufen sichtbar.
Natürlich passt es nicht überall und immer, nicht zu urteilen, nicht zu beurteilen. Es ist gut zu wissen, dass Coca-Cola gesundheitsschädliche Substanzen enthält oder dass der Kobold von Vorwerk wirklich selbständig Staub aufsammelt, statt ihn durch die Gegend zu pusten. Es gehört zu unserer Existenz, vieles einzuordnen, wobei manches sehr subjektiv ist (dem einen sein Mozart ist dem anderen sein AC DC), anderes objektiv (gesundheitliche Risiken haben nichts mit persönlichem Geschmack zu tun). Es ist sehr gut, dass wir Beurteilungen anderer Menschen zur Kenntnis nehmen und eigene weitergeben können. Es ist nichts gehen das »Gefällt mir« in sozialen Medien und Testberichte aller Art einzuwenden.
Aber könnte es uns ab und zu auch mal ganz gut tun, nach Graustufen Ausschau zu halten, anstatt gleich ein schwarzes oder weißes Urteil zu fällen?
.
Dienstag, 12. Mai 2015
Laufen–wie fängt man das eigentlich an?
»Es ist ganz leicht, mit dem Rauchen aufzuhören«, erklärt Fritz seinem Freund Franz, »ich habe das schon mindestens 50 mal geschafft.«
Genauso geht es manchen Menschen mit dem Entschluss, endlich etwas für die Gesundheit und das Wohlbefinden zu tun, endlich aus dem Sessel aufzustehen und mit Laufschuhen, Shorts und T-Shirt in den Park zu laufen. Mindestens 50 mal hat mancher sich das vorgenommen. Das ist ganz leicht. Aber es dann auch durchzuhalten, das fällt vielen Menschen schwer, obwohl es einfach wäre, wenn man ein paar Grundregeln wüsste. Die versuche ich, in diesem Beitrag mal zusammenzufassen.
Ich habe es selbst erlebt: Wenn man mit dem Laufen anfängt, hat man jede Menge Fragen, und die Antworten sind oft nicht so leicht zu finden. Falls man welche aufstöbert, fallen sie schon mal widersprüchlich aus. Ich werde mich bemühen, auf die wichtigsten Punkte für Anfänger einzugehen, und zwar aus meiner persönlichen Erfahrung heraus. Ich bin kein ausgebildeter Trainer, kein Arzt, kein Experte für Stoffwechselvorgänge ... aber immerhin inzwischen einige Jahre aktiver Läufer. Und ich werde demnächst 60 Jahre alt. Wenn also jemandem die Ausrede auf der Zunge liegt, zu alt zu sein ... denk noch mal darüber nach.
Das Wichtigste zuerst.
Viele Menschen greifen nach den Sternen, wenn sie mit dem Laufen anfangen. Da ging es mir nicht anders. Aber aus Schaden wird der Einsichtsreiche ja bekanntlich klug. Wer hören will, braucht nicht (wie ich) erst fühlen.
Es ist viel besser, sich von Anfang an bewusst zurückzuhalten, zu bremsen. Langsam anfangen, graduell steigern. Da ist Geduld gefragt, aber es lohnt sich. Das ist der grundlegende und wichtigste Rat, den ich Anfängern geben kann.
Wenn du ganz und gar untrainiert bist, das war damals bei mir der Fall, schau dir den Absatz »Ein Joggingplan« weiter unten an. Der hat mir nach dem grandiosen Scheitern beim ersten Laufversuch geholfen. Ich war übergewichtig, starker Raucher und rundum untrainiert.
Wer aber einigermaßen in Form ist (kein nennenswertes Übergewicht, in der Lage vier Stockwerke via Treppe zu erklimmen), kann gleich mit einem langsamen Joggen anfangen, ohne außer Atem zu geraten, aber höchstens für zehn Minuten. Dann gehst du langsam drei bis fünf Minuten und läufst dann wieder zehn Minuten. Mehr nicht. Du bist maximal etwa eine halbe Stunde unterwegs, in der du höchstens zwanzig Minuten gelaufen bist. Und das wiederholst du frühestens am übernächsten Tag - zwei oder drei Läufe pro Woche. Einmal pro Woche wäre zu wenig, mehr als drei mal zu viel. Dazu weiter unten mehr.
In der zweiten Woche verlängerst du das Laufen um zwei oder drei Minuten, die von der Gehpause abgezogen werden können, aber nicht müssen. In der dritten Woche sind es dann wieder zwei oder drei Minuten mehr ... nach rund zwei Monaten kannst du dann mit ziemlicher Sicherheit dreißig Minuten am Stück schaffen.
Sind die dreißig Minuten geschafft, geht es graduell weiter - fünfunddreißig ... vierzig ... eine kleine Steigerung alle zwei oder drei Wochen. Du brauchst Geduld mit dir selbst und deinem Körper - es wird sich lohnen, weil du dann langfristig und dauerhaft in Form kommst, anstatt zu scheitern, weil du zu viel zu schnell versucht hast.
Ein Joggingplan
Für völlig untrainierte, zu dicke und ungesund lebende Menschen wie mich vor einigen Jahren sind sogar zehn Minuten Laufen zu viel. Ich musste den ersten Versuch nach weniger als einem Kilometer japsend und entkräftet mit hochrotem Kopf und schweißgebadet abbrechen. Aber ich war entschlossen, etwas an meiner jämmerlichen Kondition zu ändern und habe mir Rat geholt. Unser Pastor war damals ein ganz passabler Jogger, mit seinem Plan hat es dann für mich funktioniert, überhaupt die Kurve zum Training zu kriegen.
Du brauchst zwei oder drei Termine pro Woche. Das Anfängertraining sieht dann pro Training so aus:
- Woche 1: 10 Minuten Gehen. Dann 1 Minute Joggen und 1 Minute Gehen. Dieses 1/1-Intervall wiederholst du bis zu 10 Mal - weniger, wenn du es nicht schaffst. Abschließend folgen 5 Minuten Gehen.
- Woche 2: 10 Minuten Gehen. Dann 2 Minuten Joggen und 2 Minuten Gehen. Dieses 2/2-Intervall wiederholst du bis zu 10 Mal - weniger, wenn du es nicht schaffst. Abschließend folgen 5 Minuten Gehen.
- Woche 3: Wie bisher 10 Minuten Gehen, aber dann 3 Minuten Joggen mit 2 Minuten Gehen abwechseln, das 3/2-Intervall wieder bis zu zehn Mal.
- Woche 4: 5 Minuten Gehen. Dann 5 Minuten Joggen und 2 Minuten Gehen. Dieses 5/2-Intervall wiederholst du bis zu 10 Mal - weniger, wenn du es nicht schaffst. Abschließend folgen 5 Minuten Gehen.
- Und so geht es weiter - von Woche zu Woche das Laufen etwas verlängern, die Gehpausen bleiben bei zwei Minuten – wenn du aber merkst, dass du sie nicht mehr brauchst, kannst du sie mal probeweise auslassen oder auf eine halbe Minute reduzieren.
Nach etwa drei bis vier Monaten solltest du bei 30 Minuten Joggen angelangt sein - herzlichen Glückwunsch! Du bist jetzt ein Läufer!
So wird es zur Gewohnheit
Regelmäßigkeit ist der Schlüssel, wenn man gute Gewohnheiten entwickeln möchte. Wiederum weiß ich aus eigener Erfahrung: Wenn man darauf wartet, dass das Wetter angenehm ist und die Waden nicht zwicken und der Einkauf erledigt ist und im Knie nichts piekt und kein wichtiger Anruf zu erwarten ist ... dann wird man der Aufschieberitis nicht entkommen. Wenn man dagegen die Entscheidung trifft, dass der Dienstag und der Donnerstag sowie ein Tag am Wochenende für die sportliche Stunde reserviert sind, dann wird aus guten Vorsätzen auch eine gute Gewohnheit. Falls es dann mal am Dienstag gar nicht klappt, ist das eine Ausnahme, die auch eine Ausnahme bleibt.
Wichtig ist nur eins: Am festgesetzten Tag schlüpfst du in die Sportkleidung, ziehst die Laufschuhe an und gehst los. Ob es nieselt, ob die Sonne scheint, ob noch drei Emails zu schreiben wären oder die Blumen gegossen werden müssen, ist egal. Du gehst los. Und wenn du fünf Minuten weniger schaffst als vorgestern – Schwamm drüber. Du nimmst nicht an einem Wettlauf teil, sondern du tust etwas für deine Gesundheit.
Du wirst staunen, wie gut es dir nachher geht und wie leicht die liegen gebliebenen Erledigungen fallen.
Warum die Pausen?
Mancher versucht, die Gesetze der Biologie zu ignorieren und nach dem Motto »viel hilft viel« im Galopp fit zu werden. Das geht nicht gut.
Unsere Muskeln wachsen, indem sie beansprucht werden und anschließend Zeit bekommen. Sie schrumpfen, wenn sie nicht gebraucht werden. Wer jeden Tag mit vollem Einsatz läuft, lässt den Muskeln nicht genügend Zeit für ihre Entwicklung - es wird eher zu Muskelschäden und Schmerzen kommen als zum Wachstum. Wer andererseits nur einmal alle zwei Wochen oder gar einmal monatlich trainiert, wird keine nennenswerten Erfolge verbuchen können, da solch seltene Beanspruchungen vom Körper nicht als Notwendigkeit empfunden werden, Muskelkraft zuzulegen.
Für die meisten Menschen, mich eingeschlossen, bewährt sich ein Trainingsrhythmus von zwei bis drei Einheiten pro Woche. Dabei muss der Lauf nicht immer gleich lang und gleich schnell sein. Es gibt Trainingstage, an denen ich nur 30 Minuten renne und andere, an denen ich (nach inzwischen mehreren Jahren Übung) schon mal knapp eineinhalb Stunden joggend unterwegs bin. Nach einem bewusst langsamen und kurzen Joggen kann ich auch am nächsten Tag einen richtig anstrengenden Lauf mit vollem Einsatz unternehmen, ohne dass es Schaden anrichtet.
Anfängern würde ich aus meiner Erfahrung raten, vor allem auf die Regelmäßigkeit zu achten und weniger auf Tempo und Zeitdauer. Die Pausen zwischen den Trainingstagen sind wichtig für den langfristigen Erfolg.
Die erste Herausforderung
Die Teilnahme an einer Laufveranstaltung kann eine riesige Motivationshilfe sein. Mutet man sich zu viel zu, kann daraus allerdings auch das Gegenteil werden, eine maßlose Enttäuschung. Daher gilt auch hier: Immer mit der Ruhe und viel Gelassenheit.
Im Frühjahr nach Abschluss meiner Chemotherapie (die im Herbst zu Ende gegangen war) meldete ich mich für eine einstündige Laufveranstaltung an - mit gemäßigten Erwartungen und Ansprüchen an meine Leistungsfähigkeit. Mein Ziel war es, überhaupt eine Stunde durchzuhalten - wie viele Runden ich dabei schaffte, war mir unwichtig. Es handelte sich zwar um einen Benefizlauf, bei dem je Runde (zu knapp einem Kilometer) der Erlös für den guten Zweck stieg, aber das stand für mich völlig im Hintergrund. Ich hatte im Winter auf dem Laufband so etwa vierzig Minuten (mit Gehpausen) geschafft und fing dann, als es etwas wärmer wurde, mit dem Training draußen an. Von unschätzbarem Wert war dabei die Begleitung meines Freundes Jens, der bei der Vorbereitung und bei der Veranstaltung selbst an meiner Seite lief - geduldig und motivierend, obwohl er wesentlich schneller hätte unterwegs sein können. Dank der moralischen Unterstützung durch Jens vor und beim Lauf wurden es dann (bei widrigstem Wetter mit Kälte und strömendem Regen auf durchweichtem Boden mit tausenden Pfützen) neun Runden.
Wenn du gerade angefangen hast, zu laufen, ist es zu früh für solche Wettbewerbe. Aber wenn du eine Weile, sagen wir sechs Monate, trainiert hast, könntest du dich mal in deiner Gegend umsehen, welche 5-Kilometer-Läufe es gibt. Du musst ja nicht als erster ins Ziel - motivierend ist solch eine Veranstaltung allemal. Und durchhalten wirst du - so gut wie garantiert. Natürlich werden andere Teilnehmer schneller sein als du oder eleganter laufen oder teurere Klamotten spazieren tragen. Na und? Selbst wenn du eine oder zwei Gehpausen einlegst und mit den letzten ins Ziel läufst: Du hast einen Sieg errungen. Du hast dich angemeldet und du hast es geschafft.
Welche Ausrüstung ist notwendig?
Du kannst erhebliche Summen im Sportartikelfachgeschäft ausgeben. Wenn Geld keine Rolle spielt – bitte sehr, viel Spaß dabei. Aber das muss nicht sein.
Was du wirklich brauchst, um überhaupt anzufangen, sind Shorts oder Trainingshose, T-Shirt und dünne Regenjacke und einigermaßen stabile Turnschuhe. Zuerst wirst du drei Minuten rennen, zwei gehen, drei rennen, zwei gehen ... dafür brauchst du noch keine speziellen Laufschuhe und keine »dry-fit«-Laufkleidung. Wenn du eine halbwegs weiche Strecke findest (Wanderwege / Gras / Waldboden) genügen wirklich normale, vor allem bequeme Turnschuhe. Falls du stark übergewichtig bist oder nur auf Asphalt laufen kannst, sind allerdings Gel-Einlegesohlen empfehlenswert. Das mit dem Übergewicht gibt sich mit der Zeit (garantiert!).
Sobald du eine halbe Stunde oder mehr am Stück rennst, wirst du allerdings feststellen, dass normale Baumwollkleidung schnell nassgeschwitzt ist. Dann ist es an der Zeit, sich nach speziellen Laufhosen und -hemden umzusehen. Die werden aus Mikrofasern hergestellt und bestehen aus zwei Schichten: am Körper anliegend weicher, durchlässiger Stoff, darüber (mehr oder weniger) lose das dichtere Obermaterial. Darunter trägt man keine Unterwäsche, die würde nämlich den gewünschten Effekt - Feuchtigkeit von der Haut weg zur Verdunstung nach außen leiten - ad absurdum führen. Für Damen gibt es BHs beziehungsweise Oberteile mit integriertem BH aus Mikrofasermaterial.
Solche Shorts bekommt man bereits für rund zehn Euro, die entsprechenden Hemden sind nicht teurer. Wer Wert auf ein Markenlogo legt ... na ja, der muss eben tiefer in die Tasche greifen. Ich dagegen lege Wert darauf, dass ich nur Kleidung kaufe, die zu fairen Bedingungen unter menschenwürdigen Umständen hergestellt wird - daher gebe ich für Shorts und Hemd rund je 30 Euro aus statt 10. Aber ein Vermögen kostet mich das trotzdem nicht.
Bei den Schuhen empfiehlt es sich für Läufer, die regelmäßig eine Stunde oder länger rennen, ein Fachgeschäft mit Fachpersonal aufzusuchen. Dort wird nämlich auf einem Laufband mit Kameraunterstützung analysiert, ob man seitlichen Halt in den Schuhen braucht, ob die Spitze eher breit sein sollte, ob zusätzliche Polsterung ratsam ist und einiges mehr. Solches Schuhwerk kann man im Sonderangebot mal für vierzig oder fünfzig Euro bekommen, in der Regel sind aber leider doch bis zu hundert Euro fällig. Bei gewissen Marken auch das Doppelte.
Doch wie gesagt: Die ersten sechs Monate oder zwölf Monate braucht man noch keine speziellen Laufschuhe. Vor allem ist entscheidend, dass die Turnschuhe nicht drücken - das führt zu Schmerzen und Durchblutungsstörungen - und nicht zu weit sind - das führt zu Blasen. Mit Gel-Einlegesohlen zur Dämpfung in simplen (preiswerten) Schuhen habe ich lange hervorragende Erfahrungen gemacht, solche Sohlen bekommt man für rund zehn und solche Schuhe für neunundzwanzig Euro.
Spaßmacher, die nicht sein müssen
Man kann sehr gut ohne Mobiltelefon oder MP3-Gerät rennen - Musik ist nicht Voraussetzung für das Laufen und in den ersten Monaten auch nicht unbedingt empfehlenswert, sie kann nämlich so ablenken, dass man nicht mehr ausreichend auf den Körper achtet. Aber später ist es dann schon auch nett, vor allem auf dem Laufband im Sportstudio, musikalische Untermalung bei sich zu haben.
Draußen weiß ich eine Anwendung zu schätzen, die Zeit, Geschwindigkeit und Strecke aufzeichnet. Ich habe mehrere ausprobiert und bin bei »Runtastic« geblieben. Es gibt auch spezielle GPS-Uhren und Armbandgeräte für Läufer, die ziemlich viel Geld kosten können. Muss man nicht haben, macht aber vielleicht auch Spaß. Mir genügt mein Mobiltelefon samt »Runtastic«.
Ein Getränkegürtel ist eine feine Sache, wenn man im Sommer längere Strecken läuft. Man trinkt beim Laufen keine großen Mengen, aber ab und zu ein Schluck klares Wasser, um die Mundschleimhäute und Kehle anzufeuchten, ist eine tolle Sache. Mir reicht meine 250-ml-Flasche für einen eineinhalbstündigen Lauf. Irgendwelche speziellen Sportsnacks oder Kraftriegel und wasnochalles braucht man nicht, wenn man keinen Hochleistungssport betreibt, sondern sich fit erhalten will. Und irgendwelche klebrigen süßen Säfte in der Sportflasche wären geradezu tödlich für jedes Lauferlebnis. Wenn du mal soweit sein solltest, einen Halbmarathon oder Marathon anzupeilen ... dann könnte ein spezieller Sporttrunk sinnvoll werden. Einstweilen ist klares kühles Wasser besser als alles andere.
Wann Vorsicht geboten ist
Leichte Schmerzen wie ein Ziehen in den Waden kann man und sollte man »weglaufen«, indem man sie ignoriert. Anders sieht es bei stechenden Schmerzen aus, oder wenn sich ein Gelenk verletzt anfühlt. Da heißt es anhalten und - falls keine Besserung eintritt - den Arzt aufsuchen.
Menschen mit starkem Übergewicht sollten von Anfang an begleitenden ärztlichen oder sportmedizinischen Rat einholen - ausgebildete Trainer in Sportstudios kennen sich mit Belastungsgrenzen und angepassten Trainingsplänen aus.
Alle anderen, auch wenn sie untrainiert sind, können sich ohne weitere ärztliche Beratung in Bewegung setzen. Dafür ist unser Körper nämlich geschaffen, so ist er konstruiert. Nicht für das Sitzen.
Und dann wird es anfangs irgendwo zwicken und zwacken - zumindest bei mir war das so. Die Fußgelenke, die Kniegelenke, die Waden, sogar der Rücken ... leichte Schmerzen, die ich zwar wahrgenommen und beobachtet habe, von denen ich mich aber nicht zum Aufgeben meines Entschlusses habe bewegen lassen. Nachdem ich anschließend an Operation und Chemotherapie die ersten Male wieder zwei mal 15 Minuten gelaufen bin, mit einer Gehpause von fünf Minuten dazwischen, haben die Knie weh getan. Sie waren es nicht mehr gewohnt, so ausdauernd bewegt zu werden. Am nächsten Tag war sowieso Trainingspause (siehe oben), und am übernächsten waren die Schmerzen weg - bis sie nach dem Lauf (zwei mal 15 Minuten mit Gehpause) wieder da waren. Für ein paar Stunden. Beim nächsten Lauf wieder, aber schon weniger intensiv. Nach zwei Wochen war der Spuk vorbei - bis heute endgültig. Die Kniegelenke tun inzwischen das, was ihre natürliche Aufgabe ist: Gelenkschmiere produzieren.
»Die Beschwerden und Schmerzen halten so lange an, bis durch die Bewegung genügend Gelenkschmiere in das Gelenk gelangt ist. Medizinisch wird dies als Anlauf- oder Startschmerz bezeichnet«, heißt es in einem Ratgeber auf gesundheit.de - wenn man also wegen solcher »Anlaufschmerzen« die Bewegung wieder aufgibt, besteht für die Gelenke keine Veranlassung, vermehrt und regelmäßig Schmiere zu produzieren - ergo wird es immer schlimmer statt besser (vor allem mit zunehmendem Alter). Ich bin übrigens, wie eingangs bemerkt, fast 60 Jahre alt. Bei krankhafter Arthrose sieht es anders aus - auch da hilft nur regelmäßige Bewegung. Joggen allerdings kommt wohl für solche Patienten eher nicht in Frage.
Mit Fieber, bei grippalen Infekten, Magen-Darm-Verstimmungen und ähnlichen Malaisen läuft man besser nicht. Ein Spaziergang tut vielleicht gut, aber rennen ist keine gute Idee. Übrigens: Je fitter der Körper wird, desto seltener wird man es mit den typischen Erkältungen und Infekten zu tun bekommen. Regelmäßiger Sport stärkt das Immunsystem nachhaltig, und ein starkes Immunsystem kann Viren und Bakterien oft einfach ausschalten, bevor eine Krankheit ausbricht.
Es gibt nur zwei Dinge, die man als Krebspatient aktiv dazu tun kann, die Überlebenschancen zu verbessern. Ausdauersport ist das eine, entsprechend angepasste Ernährung das andere. Wenn das Laufen nachweislich gegen Krebs helfen kann, lieber Blogbesucher, wie wird dann wohl die nachhaltige Wirksamkeit bezüglich der alltäglichen Erkrankungen aussehen?
Lauf los!
Also lauf los. Langsam, mit Pausen, mit Verstand und ohne übertriebenen Ehrgeiz. Aber lauf los.
---
P.S.: Du würdest gerne gesünder leben? Du suchst nach Wegen, in dein Leben mehr Ruhe und Frieden zu bringen? Vielleicht kann dir ja auch dieses Buch dabei helfen:
- Entschleunigung und Achtsamkeit als Taschenbuch für € 7,27
- Entschleunigung und Achtsamkeit für den Kindle für € 3,68
.
Freitag, 8. Mai 2015
Wie leicht und wie schwer …
Beim mittäglichen Spaziergang, Bedřich Smetanas wunderbares Orchesterstück Má vlast gegen den Verkehrslärm auf Neuköllns Straßen in den Ohren, fiel mir ein: Wie leicht fällt es uns doch, vieles für selbstverständlich zu halten.
Diesbezüglich geht es mir nicht anders als den vermutlich meisten Menschen. Ich stehe auf, trinke den ersten Kaffee, dusche, ziehe mich angemessen für das Büro an, fahre zur Arbeitsstelle ... und vergesse bei all der Routine, was für ein Geschenk der neue Tag ist:
Ich lebe! Vor mir liegt ein weiterer Tag voller Möglichkeiten. Eigentlich ist das doch atemberaubend.
Und was ist daran selbstverständlich, dass ich Kaffee habe, eine Maschine, um ihn zuzubereiten, ein Badezimmer mit warmem Duschwasser, ein Duschgel ohne chemische Schadstoffe, flauschige Handtücher, ordentliche Kleidung wie miteinander harmonierende Hemden und Krawatten, ein Automobil, das mich in die Lage versetzt, den Bahnstreik mit einem Schulterzucken als marginale Information abzulegen, eine Arbeitsstelle, durch die ich zu unserem Lebensunterhalt beitragen kann ... eine Menge Gründe, schon ganz früh am Morgen dankbar zu sein.
Ich bin ein menschliches Wesen, kann denken, empfinden, entscheiden. Allein das ist schon ein Geschenk! Ich besitze zwar weniger irdische Dinge als andere Menschen, aber ich habe mehr als genug und kann anderen helfen, denen es schlecht geht. Auch das ist ein Geschenk.
Und: Jeder neue Tag bringt viele neue Chancen mit sich – auch dafür kann man dankbar sein, wenn man es überhaupt bemerkt. Wenn jemand zu dir, lieber Blogbesucher, käme, um dir anzubieten: »Ich kann dir die Macht verleihen, Tag für Tag das Leben von einem oder gar zwei oder drei Menschen besser und glücklicher zu machen« - würdest du das mit einem Achselzucken abtun und ignorieren? Oder wäre es dir wichtig, solch eine Chance nicht zu verpassen?
Wie oft versäumen wir es tagein, tagaus, unsere Chancen überhaupt zu sehen? Dass wir Menschen und dass wir am Leben sind, bringt mit jedem Morgen so viele Möglichkeiten mit sich:
- die Möglichkeit, die Wunder der Welt wahrzunehmen und zu erleben
- die Möglichkeit, etwas zu entdecken, zu erforschen, zu lernen, zu erfinden, zu erschaffen, zu informieren, zu spielen, zu gestalten, zu träumen
- die Möglichkeit, zwischenmenschliche Beziehungen zu knüpfen, zu erleben und zu pflegen
- die Möglichkeit, das Leiden eines anderen Menschen zu lindern, ganz in der Nähe oder irgendwo da draußen
- die Möglichkeit, sich nicht durch den Kauf ihrer Produkte an der Tierquälerei der Fleischindustrie zu beteiligen
- die Möglichkeit, einen klitzekleinen Teil der Welt ein kleines bisschen besser zu machen
- die Möglichkeit, Achtsamkeit zu praktizieren und all das, was der Tag für uns bereithält, wertzuschätzen
- die Möglichkeit, eigene Möglichkeiten zu erschaffen oder zu entdecken, die ich hier gar nicht aufzählen kann …
Welche ganz persönlichen Chancen birgt dieser Augenblick, in dem du diese Zeilen liest, für dich? Und wofür hättest du heute schon dankbar sein können, wenn du daran gedacht hättest?
Wie schwer fällt es uns doch, Dinge nicht für selbstverständlich zu halten.
---
P.S.: Du würdest gerne etwas achtsamer leben? Du suchst nach Wegen, in dein Leben mehr Ruhe und Frieden zu bringen? Vielleicht kann dir ja auch dieses Buch dabei helfen:
- Entschleunigung und Achtsamkeit als Taschenbuch für € 7,27
- Entschleunigung und Achtsamkeit für den Kindle für € 3,68
Noch jemand?
Um Gutes zu tun, braucht's keiner Überlegung.
-Johann Wolfgang von Goethe
Am 18. Mai soll ich die Liste mit meinen »Sponsoren« beim Veranstalter abgeben. Auf meine herzliche Bitte an die Blogbesucher [Null Komma Null] haben sich immerhin zwei Menschen gemeldet – ich erlaufe daher (Stand heute) 3,11 Euro pro Runde.
Wenn das alles ist, ist es eben alles. Aber vielleicht will mir ja noch jemand Rückenwind geben und gleichzeitig als Sponsor für den guten Zweck der Veranstaltung etwas beitragen? Spendenquittungen für das Finanzamt werden selbstverständlich vom Veranstalter ausgestellt.
Also: Wer möchte noch auf meine Sponsorenliste? Name, Anschrift und Betrag pro Runde bitte per E-Mail (gjmatthia ät gmail punkt com) oder als persönliche Nachricht bei Facebook. Oder mit der guten alten Postkarte.
Noch einmal die informativen Links:
- Die Details zur Veranstaltung: [Joggathon 2015 in Berlin]
- Warum ich laufe: [Gutes tun …]
.
Mittwoch, 29. April 2015
Werdet wie die Kinder … und lauft los!
Auf einem Laufband im Sport-, Fitness- und Wohlfühlstudio muss man kaum auf den Weg achten, ob dort womöglich Wurzeln, spitze Steine oder sonstige Stolperfallen lauern. Daher kann der Blick frei umherschweifen und auch länger beobachtend irgendwo verweilen.
Gestern habe ich eine Weile zugeschaut, wie sich Kinder von A (Empfangstheke) nach B (Umkleideräume) und C (Sporträume für die Kleinen) bewegen. Sie rennen. Auch wenn es keine Eile gibt. Auch wenn die Zeit nicht drängt. Auch wenn das nicht zum Training gehört. Sie rennen, ohne darüber nachzudenken, weil ihr Körper das so will. Und weil es einfach Spaß macht!
Mir fiel wieder ein, dass ich als Junge auch kaum ein anderes Fortbewegungstempo kannte. Ich rannte durch die Wohnung, rannte auf dem Schulhof, rannte auf dem Spielplatz, rannte auf dem Schulweg ... und erntete oft genug ermahnende und tadelnde Worte. Leider. Zum Teil durchaus begründet, zum Beispiel was das Rennen in der Wohnung betraf. Wir wohnten im dritten Obergeschoss und dass die Nachbarn unter uns den Lärm, der beim Rennen zwangsläufig entstand, nicht zu schätzen wussten, kann ich als Erwachsener sehr gut verstehen.
Über viele Jahre hinweg gewöhnt man uns mühsam ab, was Kindern ganz natürlich ist. Unser Bewegungsdrang wird in der Schule (stillsitzen!) gebremst und durch die paar Sportstunden nicht unbedingt ausgeglichen. Unsere Lebendigkeit wird zu Hause gedämpft (still sei, die Nachbarn beschweren sich!). Sogar in der Freizeit bei Ausflügen müssen wir lernen, brav auf dem Weg dahinzutrotten anstatt Hänge hinauf und hinunter zu hetzen, über Bäche zu springen (die neuen Schuhe, die frisch gewaschene Hose!).
Und als Erwachsene, wenn aufgrund der antrainierten Bewegungsarmut dann von Haltungsschäden über Herz- und Kreislauferkrankungen bis zur Fettleibigkeit das Malheur angerichtet ist, müssen wir uns oft genug geradezu zwingen, wieder in Bewegung zu kommen. Würde uns das vielleicht weniger schwerfallen, wenn wir den Begriff »Sport« mit dem Begriff »Spaß« ersetzen? Wenn wir spielen, anstatt uns abzumühen?
Manche Zeitgenossen, die ich beim Laufen oder anderen sportlichen Aktivitäten sehe, wirken dermaßen verbissen, angestrengt und übellaunig, dass ich ihnen zurufen möchte: »Lass es sein, wenn es so furchtbar ist!«
Es bringt wenig, sich zu quälen. Sich anzustrengen dagegen bringt viel. Mein Tipp für heute: Lerne es, mehr auf deinen Körper zu hören als irgendwelchen Trainingsplänen gehorsam zu sein.
Fang an zu laufen, aber mit frohem Herzen, einem Lächeln auf den Lippen und ohne den verbissenen Gedanken, irgend ein Ziel (soundsoviel Kilometer / soundso lange) erreichen zu müssen. Du musst gar nichts schaffen. Du darfst dich wohlfühlen, während du deinem Körper etwas Gutes tust. Achte auf deine Atmung, genieße draußen die Luft, die Landschaft, passe dein Tempo so an, wie dein Körper es als angenehm signalisiert. Das wird beim Anfänger deutlich langsamer sein als beim Fortgeschrittenen. Und wenn dein Körper zwischendurch ein paar Minuten gehen statt laufen möchte, dann tu genau das. Du musst ja weder eine bestimmte Geschwindigkeit noch Strecke schaffen.
Anstrengend kann (und wird) das durchaus sein. Mein Hemd und meine Sporthose sind nach einem Lauf so klatschnass wie die Socken und das drollige Schweißstopperband um die Stirn. Da ist eine Dusche dann höchst willkommen und wer immer die Waschmaschine erfunden hat: Danke! Will ich den elektronischen Laufbegleitern (Mobiltelefon draußen, Laufbandcomputeranzeige drinnen) Glauben schenken, verbrenne ich zwischen 800 und 1000 Kilokalorien. Das geht nicht, ohne ins Schwitzen zu geraten. Und auch nicht ohne beschleunigte Herzfrequenz und ein anderes Atmen als beim Lesen auf dem Sofa. Aber dass ich mich anstrenge, verdirbt mir nicht den Spaß. Im Gegenteil.
Wenn dir jegliche körperliche Betätigung bisher ein Graus sein sollte, dann versuche es doch mal damit: »Werdet wie die Kinder«, rät Jesus der biblischen Erzählung zufolge. Seine Rede handelte in dem Zusammenhang zwar nicht vom Sport, aber anwendbar ist der Rat gleichwohl auch dafür.
Lauf los - mit einem ausgelassenen Lachen im Herzen und - warum nicht? - im Mund!
---
Du weißt nicht, wie es mit deinem BMI aussieht, lieber Blogbesucher? Das kannst du hier berechnen lassen:
(c) www.BMI-Rechner.net | Kalorien Sojabohnen
---
P.S.: Viel weitere Gedanken zum Thema gesünderes und glücklicheres Leben stehen in diesem Buch:
- Entschleunigung und Achtsamkeit als Taschenbuch für € 7,27
- Entschleunigung und Achtsamkeit für den Kindle für € 3,68
---
Foto: rgbstock (http://www.rgbstock.com/download/hisks/mhYgGh8.jpg)
Dienstag, 28. April 2015
Null Komma Null
Auf den jährlichen Benefizlauf »Joggathon« und meine Teilnahme hatte ich hier bereits mehrfach hingewiesen, einschließlich meiner Suche nach »Sponsoren«, die für den guten Zweck, und um meine Motivation anzuspornen, ein paar Euro locker machen.
Rund vier Wochen vor dem Ereignis stehen auf meiner Sponsorenliste Null Komma Null Euro pro von mir gelaufener Runde. Ich werde auch ohne »Sponsoren« laufen, falls uns die Krebsnachsorgeuntersuchung im Mai nicht einen Strich durch alle Rechnungen macht – aber schöner wäre es doch, wenn ich durch meinen Lauf zum finanziellen Erfolg der Veranstaltung beitragen könnte.
Wer also einen Betrag nach freier Wahl (ab 1 Euro aufwärts) pro von mir gelaufener Runde spenden möchte, darf sich gerne jetzt bei mir melden, ich gebe die Angaben dann rechtzeitig vor dem »Joggathon« beim Veranstalter ab. Die Sponsoren erhalten nach der Veranstaltung eine Rechnung mit der Bankverbindung, auf die das Geld überwiesen werden soll. Bargeld kommt nicht ins Spiel und ich als Teilnehmer habe auch nichts mit den Finanzen zu tun. Damit meine potentiellen Sponsoren die Summe abschätzen können: Ich werde voraussichtlich zehn oder elf Runden zu je 1 Kilometer in den 60 Minuten schaffen.
Liebe freiwillige Sponsoren: Bitte Name und Postanschrift sowie Betrag pro Runde per E-Mail (gjmatthia ät gmail punkt com) oder als Facebook-Nachricht an mich - ich freue mich darauf und jeder Sponsor gibt mir Auftrieb (beziehungsweise Antrieb)! Auch wer nicht persönlich beim Joggathon-Fest mitfeiert, kann mir als Sponsor Rückenwind schenken.
Danke!
Mehr Informationen? Bitteschön: [Alle Details zum Joggathon 2015] /// [Ich laufe mit] /// [Rückblick auf den Joggathon 2014]
P.S.: Ich selbst bin natürlich auch Sponsor, aber für andere Teilnehmer. Ich renne ja nicht alleine um den Lolopfuhl.
Foto Euromünze: Wikipedia, gemeinfrei
.
Donnerstag, 23. April 2015
Weltbuchtag 5–Sabrinas Geheimnis
Der Welttag des Buches und des Urheberrechts (kurz Weltbuchtag, englisch World Book and Copyright Day) am 23. April ist seit 1995 ein von der UNESCO weltweit eingerichteter Feiertag für das Lesen, für Bücher, für die Kultur des geschriebenen Wortes und auch für die Rechte ihrer Autoren.
-Wikipedia
Anlässlich des Weltbuchtages fiel mir ein, dass ich aus meinen Büchern vier Texte den geschätzten Bloglesern zur Lektüre anbieten könnte.
Und nun folgt abschießend – siehe da! – der fünfte Beitrag. Ich wollte doch Sabrina nicht in der Ecke stehen lassen, da wäre sie sicher traurig und verdient hat sie das schon gar nicht. Also hier zu guter Letzt anlässlich des Weltbuchtages aus dem Roman »Sabrinas Geheimnis« die ersten Seiten:
---
PROLOG
We are all just prisoners here,
of our own device.
-The Eagles (Hotel California)
Vor rund zwei Jahren, im April 2009, hat meine Frau einen respektablen Geschäftsmann erschossen. Gezielt, gewollt, mit voller Absicht. Und das ist auch gut so.
Wenn Sie mir durch die Zeilen dieses Buches folgen möchten, werden Sie am Ende womöglich ebenfalls der Meinung sein, dass Christine wegen der drei Schüsse nicht zu tadeln ist. Es kann auch sein, dass Sie anderer Meinung sein werden, womöglich gar Anzeige gegen uns erstatten möchten. Das, liebe Leser, bleibt Ihnen unbenommen.
Mein Name ist Jörgen Maurer, meine Frau heißt Christine Maurer, geborene Dietrichs. Unser Sohn Viktor war 15 Jahre alt und wie ich Augenzeuge, als der Geschäftsmann neben seinem Auto von den Schüssen getroffen zu Boden sank. Wir leben in Hamburg, in einer komfortablen Villa. Das alles können Sie getrost der Polizei erzählen. Fragen Sie nach Kommissar Meinhardt, der wird Ihre Aussagen protokollieren und dann, kaum sind Sie wieder aus dem Präsidium verschwunden, die Aufzeichnungen in seinem Reißwolf verschwinden lassen.
Sie selbst werden voraussichtlich unbehelligt weiterleben dürfen. Wenn Sie es dabei belassen, ausgesagt zu haben. Falls Sie jedoch weiter nachbohren, wäre ich mir da nicht so sicher.
Doch das bleibt ohnehin abzuwarten. Vielleicht haben Sie ja auch kein Mitleid mit dem toten Geschäftsmann. Erst sollen Sie die Geschichte meines – unseres Lebens kennenlernen. Sie dürfen dabei Sabrinas Geheimnis erfahren. So wie ich es erfahren habe. Stück für Stück.
Alles fing damit an, dass ich auf dem Weg vom Büro nach Hause im für den Berliner Stadtverkehr üblichen Stau stand.
KAPITEL 1
It ain’t why why why.
It just is!
-Van Morrison (Summertime in England)
Der Volkswagen hatte mehr als dreißig Jahre seinen Dienst getan. Er erfuhr ganz offensichtlich regelmäßige Pflege, sein Lack glänzte so tiefschwarz in der Nachmittagssonne, dass man hätte meinen können, das Fahrzeug sei gerade vom Band gerollt. Von Weitem betrachtet war der Käfer, der die Fahrbahn zur Hälfte blockierte, ein Schmuckstück.
Als ich an jenem 17. Juli, der alles änderte, um 16:48 Uhr die Unfallstelle erreichte, ging mir der Gedanke so schlimm kann es gar nicht sein durch den Kopf. In meiner Aufregung hatte ich das kurze Telefonat wohl missverstanden.
Ich war auf dem Heimweg vom Büro gewesen, als mir einfiel, dass wir vergessen hatten, ein paar Flaschen guten Wein für den Abend zu kaufen. Wir erwarteten Gäste und eigentlich war alles für einen gemütlichen Abend besorgt – bis auf das passende Getränk.
Der Verkehr war, etwas anderes konnte man um diese Zeit in Berlin auch kaum erwarten, zähflüssig, stand immer wieder still. Zwei Polizeifahrzeuge und ein Notarztwagen hatten sich vor einer viertel Stunde auf der engen Straße am Stau, in dem ich mich mit zahlreichen anderen Verkehrsteilnehmern befand, vorbei gequält. Es ging nur sehr mühsam voran und ich hoffte, dass die Behinderungen bald aus dem Weg geräumt sein würden, damit noch etwas Zeit blieb, um Sabrina zu Hause den Tisch decken zu helfen und das Essen vorzubereiten, bevor unser Besuch kam.
Im Autoradio lief Red Red Wine von UB 40. Ich summte mit, und dabei kam mir der Gedanke an den vergessenen Wein, also rief ich Sabrinas Mobiltelefon an. Es mochte ja immerhin sein, dass sie das Versäumte bereits erledigt hatte. Die praktischen Aspekte des Lebens hatte sie besser im Griff als ich.Anstelle meiner Frau antwortete eine mir unbekannte männliche Stimme: »Ja bitte?«
Verwählt haben konnte ich mich nicht, da ich die Speichertaste benutzt hatte.
»Wer ist da«, fragte ich, »und wie kommen Sie an das Telefon meiner Frau?«
Der Mann behauptete, Polizist zu sein. Er fragte, wo ich mich gerade befände. Ich erklärte etwas irritiert, dass ich auf dem Weg nach Hause gerade die Osdorfer Straße passiert habe und bestand darauf, zu erfahren, was der Polizist, wenn er wirklich einer war, mit dem Telefon meiner Frau zu schaffen hatte.
Ich ahnte in jenem Moment bereits, dass ich eine schlechte Nachricht bekommen würde. Wenn die Polizei den Anruf an einem privaten Mobiltelefon beantwortet, dann sicher nicht, um über das Wetter oder die Verkehrslage zu plaudern. Kennen Sie das Gefühl, wenn einem an einem warmen Sommertag plötzlich eiskalt wird? Wenn man nicht weiß, wohin der schneller werdende Herzschlag und der Schweißfilm auf der Stirn im nächsten Augenblick führen werden? Ob man in zwei Minuten noch Herr seiner Sinne oder seines Lebens sein wird? So fühlte ich mich, während ich zuhörte.
Ein Verkehrsunfall sei geschehen, erklärte der Polizist, er habe das Telefon aus der Handtasche meiner Frau genommen, als es läutete. Der Unfall sei an der Kreuzung Ostpreußendamm und Wismarer Straße geschehen. Mehr könne er mir am Telefon nicht sagen.
Ich war nicht mehr weit von der Stelle entfernt. Ohne den unfallbedingten Stau hätte ich zwei Minuten gebraucht, doch an jenem 17. Juli dauerte es unerträgliche elf Minuten, in denen Hoffnung und Angst um die Oberhand kämpften.
Eine Verwechslung.
Warum hat die Polizei dann Sabrinas Telefon?
Nur eine Schramme, meinetwegen ein gebrochenes Bein. Sie kann nicht schwer verletzt sein.
Warum nimmt sie dann den Anruf nicht selbst entgegen? Sie stirbt oder ist schon tot.
Unsinn, warum sollte sie tot sein. Außerdem kann das gleiche Schicksal nicht zwei Mal den gleichen Menschen treffen.
Ach nein? Wo steht das geschrieben?
Der Blitz schlägt nicht zwei Mal in den gleichen Baum. So schlimm ist es nicht. Gleich wird sich alles aufklären …
Ich hielt hinter einem Polizeifahrzeug an. Die Miene des Polizisten, der auf mein Fahrzeug zu kam, ließ meine Hoffnung bedingungslos vor der Befürchtung kapitulieren.
Doch, es ist schlimm. Noch viel schlimmer.
Zögernd öffnete ich die Türe und stieg aus.
»Herr März?« Der Mann hielt die Brieftasche meiner Frau in der Hand und verglich mein Gesicht mit dem Foto, das sie dort aufbewahrte.
»Ja«, sagte ich. Meine Stimme schien einem Fremden zu gehören. »Ich bin Roland März. Was – wo ist meine Frau?«
»Es tut mir Leid«, murmelte er, »es sieht nicht gut aus.«
Aus der Nähe sah ich jetzt, dass der Volkswagen an der rechten Front eingedrückt war. Auf der Motorhaube klebte etwas, was ich in vielen Träumen der nächsten Monate wieder und wieder sehen würde: Blut und ein paar Klumpen einer grauen Masse.
Das kann irgendetwas sein. Vielleicht Lehm von einem Feldweg.
Allerdings hatte ich noch nie Lehm gesehen, der mich so an Gehirnmasse denken ließ. Ansonsten war das Auto sauber wie ein Ausstellungsstück im Verkehrsmuseum.
Der Notarztwagen, der sich vorhin am Stau vorbei in Richtung Unfallstelle gequält hatte, stand auf der Fahrbahn, die hinteren Türen waren offen. Gestalten beugten sich über einen Körper. Ich erkannte Sabrinas neues Kleid, und noch etwas fiel mir auf, aber das drang nicht bis in mein Bewusstsein vor – es sollte noch Monate dauern, bis mir dieses Detail gewärtig wurde. Dort auf der Straße hatte ich nur einen Gedanken: Ich will zu Sabrina!
Man ließ mich nicht in den Krankenwagen. Mit sanfter Gewalt hielt mich ein Verkehrspolizist zurück, redete beruhigend auf mich ein, appellierte an meine Vernunft, versuchte, mich zu der Einsicht zu bewegen, dass ich mir den Anblick besser ersparte. Ich widerstrebte, wollte seine Hand von meinem Arm abschütteln. Schließlich sagte mir, da ich für rücksichtsvoll formulierte Argumente nicht zugänglich war, ein dem Polizisten zur Hilfe kommender Arzt unumwunden, dass der Kopf meiner Frau zwischen das Auto und den Glascontainer am Straßenrand geraten war.
»Wollen Sie sich das wirklich anschauen?«, fragte er. »Sie würden ihre Frau nicht erkennen.«
Das will ich nicht. Das kann ich nicht. Das ist überhaupt nicht wahr, das kann nicht Sabrina sein. Der Blitz schlägt doch nicht …
»Aber die …« fing ich an, ohne zu wissen, was ich eigentlich sagen wollte. Mein Unterbewusstsein hatte etwas aufgeschnappt, ein dringendes, ein wichtiges, ein entscheidendes Detail, behielt es aber für sich wie ein trotziges Kind den letzten Keks in der Blechdose.
Ich setzte neu an: »Die … aber die – ich meine – es stimmt nicht – ich …«
Der Arzt fragte mich, ob ich ein Beruhigungsmittel wollte, Ich lehnte ab. Ich wollte Sabrina zurückhaben, und wenn das unmöglich war, wollte ich gar nichts mehr.
Die Türen des Notarztwagens wurden geschlossen und das Fahrzeug entfernte sich. Ich blickte hinterher, war versucht, dem Wagen nachzurennen. Als er außer Sicht war, schaute ich mich um und wusste plötzlich nicht, warum ich hier auf der Straße stand. Der Polizist brachte mich zu einem Streifenwagen und nötigte mich, ein paar Minuten Platz zu nehmen.
Irgendwie kam ich zu Hause an, ich kann mich bis heute nicht recht erinnern, was geschah, nachdem die Türen des Notarztwagens geschlossen wurden und ich weinend in dem Polizeifahrzeug Platz genommen hatte. Ich erwartete, Sabrina in der Wohnung zu finden, doch da wartete nur der festlich gedeckte Tisch. Da war niemand, der das Essen vorbereitete oder auftrug. Niemand, der mir ein fröhliches »wie war dein Tag?« entgegen rief. Im Schlafzimmer lag eine Kollektion von Kleidungsstücken auf dem Bett, wie immer, wenn sie sich schönmachen wollte. Sie beklagte sich in solchen Momenten, dass sie nichts anzuziehen hätte, was ich ihr nicht glaubte, denn sie war noch nie nackt in die Philharmonie gegangen oder hatte unbekleidet Gästen die Tür geöffnet. Aber an diesem Abend war da keine Sabrina, die etwas überstreifte und mich fragte: »Sieht das gut aus?«
Meine Antworten waren in solchen Fällen unerheblich gewesen, da ich, wie Sabrina zu sagen pflegte, »sowieso nicht objektiv« sei. Möglicherweise hatte sie recht, denn wie könnte ein Mann je objektiv urteilen, wenn es um das Aussehen der geliebten Frau geht?
Ich setzte mich auf das Sofa im Wohnzimmer und starrte die Visitenkarte an, die mir ein Polizist gegeben hatte. Die Adresse und Telefonnummer eines Psychologen waren darauf verzeichnet.
Als bald darauf die ahnungslosen Abendgäste klingelten, reagierte ich nicht. Ich saß im Wohnzimmer und starrte auf die Karte. Es klingelte erneut.
Sabrina wird schon aufmachen. Ich bleibe hier sitzen.
Die Zeitungsnotiz im Lokalteil der Berliner Morgenpost am nächsten Tag war kurz und nüchtern: »Der flüchtige Fahrer eines VW-Käfer befuhr die Wismarer Straße in Richtung Ostpreußendamm. Die Ampel an der Kreuzung zeigte nach Angaben von Zeugen bereits mehrere Sekunden Rot für den Fahrzeugverkehr. Der Pkw erfasste eine 32-jährige Fußgängerin, die bei Grün die Straße überqueren wollte. Die Frau erlitt schwerste Kopfverletzungen und starb noch am Unfallort. Während sich die Augenzeugen um die Verletzte kümmerten, entfernte sich der Fahrer unbemerkt. Die Polizei bittet Zeugen des Unfalls, die den flüchtigen Fahrer beschreiben können, sich zu melden.«
Viel mehr erfuhr ich auch später nicht in meinen Gesprächen mit den ermittelnden Beamten. Der Fahrer des alten Käfers war mit ziemlich hoher Geschwindigkeit durch die Kurve vor der Kreuzung gefahren, den Spuren nach zu urteilen kam das Fahrzeug ins Schleudern und der Mann riss das Steuer nach rechts, zum Straßenrand. Sabrina habe das Fahrzeug kommen sehen, sagten einige Zeugen, und versucht, auszuweichen. Sie hatte es nicht geschafft. Sie prallte auf die Motorhaube, rutschte nach vorne ab. Ihr Kopf wurde zwischen dem Auto und dem massiven Sammelbehälter für Glasflaschen am Straßenrand zerquetscht.
Die Beschreibungen des Fahrers durch die Unfallzeugen waren so unzureichend, dass man nicht einmal ein Phantombild zustande brachte. Er sei »in jugendlichem Alter« gewesen, habe »längere Haare« gehabt – das war so ziemlich das Einzige, was die Befragten übereinstimmend aussagten. Einige meinten, ein Nasenpiercing gesehen zu haben. Andere hielten ihn für einen Türken oder Araber. Aber niemand konnte verwertbare Angaben manchen, die bei der Fahndung geholfen hätten.
Der VW war bereits am Vortag als gestohlen gemeldet worden. Die Untersuchungen des Fahrzeugs ergaben, dass die Reifen nicht mehr die vorgeschriebene Profiltiefe hatten, aber ob das Geschehen nun wegen der Reifen, wegen der überhöhten Geschwindigkeit oder aus sonstigen Gründen passiert war, interessierte mich nicht, denn es änderte nichts an den Folgen. Sabrinas Leben war ausgelöscht worden. Man erklärte mir, dass aufgrund der Verletzungen der Tod sofort eingetreten sei, dass meine Frau zumindest keine Schmerzen hatte erleiden müssen. Ein gewisser Trost lag in diesem Wissen, aber das machte den Verlust auch nicht leichter. Es war so unnötig und sinnlos, dass wegen eines Jugendlichen und seiner Raserei mit einem gestohlenen, nicht verkehrstüchtigen Auto ihr Leben enden musste.
Oder wegen der vergessenen Weinflaschen – denn deswegen war Sabrina noch einmal zum Supermarkt gegangen. Auf dem Küchentisch zu Hause hatte ihre Notiz gelegen, die letzten paar Buchstaben, die sie in ihrem Leben geschrieben hatte: Ich bin schnell Wein kaufen und gleich zurück. Ich liebe Dich! Sabrina.
Je länger ich grübelte, desto sicherer war ich, dass ich Schuld war. Ein paar Tage zuvor hatte ich eigentlich unsere Weinvorräte auffüllen sollen. Die Weinhandlung lag auf dem Weg vom Büro nach Hause, ich musste noch nicht einmal einen Umweg fahren. Doch der kleine Parkplatz war voll, ich war müde und so verschob ich den Einkauf.
Wäre ich nicht so bequem gewesen, hätte ich ein paar Straßen entfernt geparkt und den Einkauf erledigt, würde Sabrina noch leben.
Ich wünschte, es wäre ihr nicht eingefallen, dass der Wein fehlte. Ich wünschte, sie wäre eine Minute früher losgegangen, oder eine später. Ich wünschte, man könnte wie in dem Film Lola rennt noch mal von vorne anfangen, wenn die Ereignisse eine schreckliche Wendung nehmen. Doch dies war die Realität, kein Film, alles Wünschen und Grübeln war vergebens. Mein Verstand kümmerte sich allerdings herzlich wenig um die Vernunft. Immer wieder meinte ich, in der leeren Wohnung ihre Schritte zu hören. Morgens wachte ich auf und wunderte mich darüber, dass Sabrina schon vor mir aufgestanden war, denn ihre Betthälfte war leer. Beim Einkaufen legte ich ihr Lieblingsduschgel in den Korb…
Die Visitenkarte des Psychologen hatte ich weggeworfen. Ich wollte allein mit meinem Schmerz fertig werden. Mein Leben irgendwie weiterführen. Oder auch nicht. Manchmal zweifelte ich daran, dass sich die Mühe lohnen würde.
Ich konnte in den folgenden Wochen nicht an jener Kreuzung vorüber fahren, ohne Sabrinas leblosen Körper zwischen Glascontainer und Volkswagen vor mir zu sehen. Wenn man mich zu ihr gelassen hätte, wenn ich sie hätte betrachten, berühren dürfen, statt nur einen kurzen Blick auf die Gestalt im Notarztwagen zu erhaschen, der man ein grünes Tuch über den Kopf gelegt hatte – wäre meine Fantasie weniger eigenwillig gewesen? Hätte ich mehr Gewissheit gehabt, dass ich mich mitten im wahren Leben und nicht in einem bösen Traum befand? Aber ich hatte keine Gelegenheit bekommen, einen letzten, Abschied nehmenden Blick auf meine Frau zu werfen. Ich hatte nichts weiter als den Blick in den Notarztwagen aus etlichen Metern Entfernnung: Ihre schlanken Beine, das neue, hellblaue Seidenkleid mit dem dezenten Design aus cremefarbenen Blumen, ihre blutverschmierte Hand, die seltsam verdreht herabhing, das grüne Tuch über ihrem Kopf. Soweit noch ein Kopf vorhanden sein mochte.
Gelegentlich suchte mich bei meinen Grübeleien ein Gefühl heim, das ich schon am Unfallort gespürt hatte. Da ist noch etwas. Da ist ein Detail. Das könnte alles ändern.
Das Detail, wenn es denn eines geben sollte, blieb mir jedoch verborgen. Und zu ändern war ja nun nichts mehr.
Ich wehrte mich gegen diese Bilder, lange Zeit vergebens. Manchmal bedauerte ich es, den Psychologen nicht wenigstens einmal aufgesucht zu haben. Hätte er meine Fassungslosigkeit über die Sinnlosigkeit des Unglücks mindern können? Ein Unfalltod ergibt selbstverständlich niemals einen Sinn. Das Schicksal, blind wie es nun einmal ist, schlägt zu, und dann bleibt nichts als die Illusion, das Ganze sei ein Albtraum, aus dem man bald erwachen wird. Allerdings wacht man nie auf.
Der Blitz war doch ein zweites Mal in den gleichen Baum eingeschlagen. Wieder hatte ich meine Ehefrau durch einen – das Schicksal mochte blind sein, liebte aber offensichtlich die grausame Ironie – Verkehrsunfall verloren.
KAPITEL 2
And I know it aches and your heart it breaks,
you can only take so much.
-U2 (Walk On)
Ich weiß, liebe Leser, dass Sie neugierig auf Sabrinas Geheimnis sind, und bisher haben Sie so wenig Ahnung davon, wie ich nach diesem Unfall ahnte, was noch auf mich zukommen würde. Aber erlauben Sie mir, an dieser Stelle von Esther zu erzählen. Auch mit Sabrina hatte ich immer wieder über sie gesprochen, und einiges, was Sie später in diesem Buch lesen werden, ist leichter einzuordnen, wenn Sie jetzt Esther ein wenig kennen lernen.
Ach so, was ich eigentlich schon im Prolog sagen wollte, will ich hier nachholen: Wenn ich Sie mit Leser anrede, dann meine ich die Damen genauso wie die Herren. Ich finde dieses unsägliche »LeserInnen« so albern wie die ständige Doppelung »Leserinnen und Leser«. Ich hoffe, Sie können mir das nachsehen. Doch das sei nur am Rande angemerkt.
Esther, meine erste Frau, war am 23. Dezember vor elf Jahren auf dem Weg von der Bushaltestelle zu unserer Wohnung verunglückt und am ersten Weihnachtsfeiertag »ihren Verletzungen erlegen«, wie es in der Pressenotiz hieß. Eine harmlose Umschreibung für das, was ich im Krankenhaus gesehen hatte.
Ein Lastkraftwagen, mit Streugut für die Straßendienste in Berlin beladen, schleuderte wegen der Glätte, geriet auf den Gehweg und klemmte Esther zwischen Fahrzeug und Hauswand ein, verwandelte in einem Augenblick ihren schmächtigen Körper in eine Figur aus einem minderwertigen Horrorfilm. Die Beine waren unversehrt, der Kopf ebenfalls, dazwischen gab es eine Masse aus Knochensplittern, zerrissenen, gequetschten Organen sowie Rost und Schmutz von Fahrzeug und Hausmauer.
Als ich sie im Krankenhaus sah, erkannte ich ihr Gesicht kaum wieder. Schläuche und Drähte führten zu Geräten, deren Funktion ich nicht verstand. Ich begriff lediglich, dass dieser Körper nur von den Maschinen auf der Intensivstation am Leben gehalten wurde, und als der Stationsarzt mir am frühen Weihnachtsmorgen bestätigte, dass Chancen für eine Besserung nicht bestünden, dass darüber hinaus seit dem Unfall keine Hirntätigkeit mehr messbar gewesen war, gab ich mein Einverständnis, die Geräte abzuschalten. Ich hielt Esthers Hand, während die Monitore still und dunkel wurden.
Verwandte, Freunde und Bekannte hatten uns als Traumpaar bezeichnet, obwohl – oder gerade – weil wir harte Kämpfe hatten durchstehen müssen und lange Geduld mit der Familie meiner Frau vonnöten gewesen war. Esther war Jüdin, ihrer Verwandtschaft eine familiäre Verbindung mit einem Deutschen zunächst unvorstellbar. Angesichts der Geschichte meines Volkes, unserer historischen Schuld, konnte ich in gewisser Weise verstehen, dass den Eltern ein anderer Partner für ihre Tochter lieber gewesen wäre.
Wir hatten uns in Frankreich kennengelernt. Ich besuchte in Paris ein zweiwöchiges Seminar über die unterschiedlichen Erfahrungen mit teamorientierten Führungsstilen in Europa. Esther hatte keine weite Anreise, sie lebte nur drei Straßen vom Tagungshotel entfernt. Sie war als Vertreterin der Firma Renault zu dem Kolloquium gesandt worden.
Wir unterhielten uns in den Pausen und fanden bald Gefallen aneinander. Sie war von zarter Gestalt, ihre schwarzen, lockigen Haare trug sie offen. Sie kleidete sich ausgesucht elegant und bewies hervorragende Umgangsformen. Zwei Grübchen über den Mundwinkeln zeugten von ihrer heiteren Natur.
Mich beeindruckten ihre fundierten und selbstsicheren Beiträge bei den Diskussionen. Sie scheute nicht davor zurück, dem Dozenten aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen zu widersprechen, wenn sie anderer Meinung war, zu abweichenden Schlüssen kam als dieser Theoretiker. Esther konnte das, was sie zu den Podiumsrunden beitrug, durch Praxisbeispiele illustrieren. Ich beobachtete sie, war fasziniert und gab mir Mühe, sie nicht aufdringlich anzustarren.
Am vierten Abend besichtigten wir eine Ausstellung zeitgenössischer Malerei und saßen anschließend einige Stunden in einem Café, genossen ausgezeichneten Rotwein zu einem leichten Salat – und verliebten uns. Sie sprach recht gutes Deutsch, da sie von früher Jugend an eine Vorliebe für deutsche Literatur entwickelt hatte. Gelegentlich musste ich schmunzeln, wenn Ausdrucksweisen, die bei Thomas Mann noch ganz natürlich gewirkt hatten, im heutigen Sprachgebrauch aber weitgehend verschwunden waren, ihre Sätze schmückten.
Das Wochenende nach dem Seminar verbrachten wir gemeinsam. Meinen Rückflug hatte ich von Freitag auf Sonntag umgebucht und das Hotelzimmer stand mir zur Verfügung, da es noch nicht reserviert war. In Berlin wartete niemand auf mich.
Esther zeigte mir Paris, allerdings hatte ich eher Augen für sie als für Gebäude, Plätze und Parks. Ein paar Stunden vor meiner Abreise stellte mich Esther ihrer Familie vor. Bis zu diesem Moment war ich überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass es ein durch die Abstammung verursachtes Problem geben konnte; Esther allerdings auch nicht, denn sonst wäre der Besuch sicher besser vorbereitet oder auf später verschoben worden. Zwar hatte sie mir beiläufig erzählt, sie sei jüdischer Abstammung, doch war dies für mich nicht bedeutsamer als wenn ihre Vorfahren Schweden oder Tschechen gewesen wären.
Auf dem Weg zu ihren Eltern erzählte sie mir, was sie von ihren Großeltern wusste. Beide waren in Deutschland geboren und aufgewachsen. Trotz warnender Stimmen vor dem Unheil, das die Nazis bringen würden, waren sie geblieben, bis sie aus dem Land, das sie als Heimat verstanden und liebten, nach Warschau deportiert und dort in ein Getto gesperrt wurden. Esthers Großvater, ein begabter Musiker, spielte im Getto unbeirrt weiter Musik auch von deutschen Komponisten. Bis zu dem Tag, an dem er in einen Waggon getrieben wurde, glaubte er daran, dass der Nazispuk schnell vorübergehen, dass das Land, dem Schiller, Goethe und Thomas Mann entstammten, in dem Bach, Brahms und Beethoven unsterbliche Musik geschaffen hatten, zur Zivilisation zurückfinden musste.
Seine Frau sah ihn nie wieder. Als sie einige Tage nach dem Abtransport der Männer aus dem Getto fliehen konnte, wusste sie noch nicht, dass sie schwanger war. Esthers Mutter kam in einem Versteck zur Welt, das eine Bauernfamilie in ihrer Scheune für eine Handvoll Flüchtlinge eingerichtet hatte.
Esthers Großmutter hatte nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden gesetzt. Auch ihren Eltern war eine Reise nach Deutschland unvorstellbar. Alles, was »vor Hitler« gewesen war, Literatur und Musik vor allem, hatte an Wertschätzung nichts eingebüßt, an der deutschen Gegenwart bestand hingegen keinerlei Interesse.
Esthers Vater war Literaturkritiker, schrieb für die großen französischen Zeitungen, hatte auch mehrere Bücher veröffentlicht. Er ignorierte alle Werke, die von deutschen Schriftstellern der Gegenwart stammten. Er hatte eine einzige Ausnahme gemacht, als Marcel Reich-Ranickis »Mein Leben« erschienen war. Er lobte das Buch in einem Artikel, allerdings mit der Anmerkung, dass Reich-Ranicki kein Deutscher, sondern Jude sei, der eigentlich nicht in Deutschland leben sollte.
Seine Frau gab eine kleine aber feine Literaturgazette heraus, in der unbekannte Dichter ihre ersten literarischen Gehversuche der Öffentlichkeit vorstellen konnten. Es wurden Autoren aus vielen Ländern gedruckt, jedoch kein einziger Deutscher.
Esther hatte sich wie ihre Eltern zunächst mit der Literatur beschäftigt. Doch nach einigen Semestern Literaturwissenschaft wandte sie sich dann der Betriebswirtschaft, insbesondere dem Personalwesen, zu. Die Literatur schien ihr, wie sie mir schon bei unserem ersten Kennenlernen während des Seminars erzählt hatte, keine ausreichend sichere finanzielle Grundlage für das Leben zu bieten. Vater und Mutter verdienten allerdings gut damit – so mochte bei Esthers Entscheidung durchaus auch das Abnabeln vom Elternhaus eine Rolle gespielt haben, ein Ausbrechen aus dem Zwang der Familientradition sein. Mir fiel Katja Manns berühmter Satz »Es muss in dieser Familie einen Menschen geben, der nicht schreibt!« dazu ein. Esther wollte ihren eigenen Weg finden und gehen, in der Industrie. Die Liebe zur Literatur gab sie ja damit nicht auf.
Als ich an jenem Sonntag im Wohnzimmer von Esthers Familie in der Rue Raphael saß, spürte ich die Ablehnung fast körperlich in der Atmosphäre. Obgleich ich, 1955 geboren, die sogenannte Gnade der späten Geburt besaß, war ich als Angehöriger der Nation, die dem Volk meiner Gastgeber unaussprechliches Leid angetan hatte, nicht willkommen.
Esthers Großmutter wirkte körperlich gebrechlich, aber geistig hellwach. Die Unterhaltung verlief höflich und reserviert; ich hatte es schließlich mit gebildeten Menschen zu tun, deren Umgangsformen keinen Raum für Taktlosigkeit ließen – nicht einmal einem Deutschen gegenüber. Esther und ich waren noch kein Paar, sondern lediglich seit ein paar Tagen befreundet; doch bereits diese Freundschaft wurde, unausgesprochen aber deutlich spürbar, als ungehörig empfunden. Wie konntest du nur einen Deutschen ins Wohnzimmer unserer Familie bringen schienen die Blicke zu sagen, die Esthers Mutter ihrer Tochter zuwarf.
Dieser erste Besuch war kurz, was ich nicht bedauerte. Wir verließen die Wohnung nach zwei Tassen Kaffee und einem Stück Kuchen. Bis zu meinem Abflug blieben noch einige Stunden. Wir setzten uns wieder in das Café, in dem wir unseren ersten gemeinsamen Abend verbracht hatten.
»Meine Eltern und Großmutter waren nicht besonders liebenswert, nicht wahr?«, fragte sie und sah mich mit besorgtem Blick an.
»Stimmt. Sie haben uns beide behandelt wie ungebetene Fremde – nun ja, ich bin ja immerhin ein Fremder. Dass ich so unerwünscht war, hatte ich allerdings nicht vermutet.«
Sie runzelte die Stirn, suchte offenbar nach einer Möglichkeit, mir das Verhalten ihrer Familie plausibel zu machen.
»Es ist«, fing sie an, »doch ein größeres Problem, als ich gedacht hatte. Es gibt wohl zwei Dinge, die meiner Familie nicht recht sein werden, falls aus uns ein Paar wird. Ich hätte übrigens nichts dagegen.«
Ich nahm eine Zigarette aus der Schachtel, zündete sie an und reichte sie Esther. Dann nahm ich mir selbst eine. Wir rauchten einen Moment schweigend.
»Ich glaube, ich weiß, welches die beiden Probleme sind«, sagte ich schließlich.
»Dann erzähl. Die Kugel ist bei dir!«
Ich lachte, möglicherweise etwas zu laut für die gediegene Umgebung. Esther blickte mich irritiert an.
»Ich lache nicht über dich«, beeilte ich mich zu erklären, »sondern über diesen köstlichen Ausdruck. Ich weiß schon, was du meinst. Die Kugel ist bei mir. Herrlich.«
»Sagt man das nicht?«
»Nein, das sagt man nicht.«
»Aber man sagt das in Französisch.«
»Mag sein, so gut ist meine Sprachkenntnis nicht. Aber in Deutsch sagt man so was wie du bist dran oder du bist am Ball oder na dann schieß los.«
»Ich will nicht, dass du schießt. Ich bin für den Frieden!«
Wir amüsierten uns eine Weile über eigentümliche Metaphern in unseren Sprachen, bevor wir zum Thema zurückkamen.
Beim zweiten Glas Wein nahm ich den Faden wieder auf: »Also, ich gehe davon aus, dass ein Problem in der Tatsache liegt, dass ich Deutscher bin. Wäre ich Spanier, Amerikaner, von mir aus auch Eskimo, dann wäre die erste Hürde gar nicht vorhanden.«
»Das heißt Inuit, nicht Eskimo«, belehrte sie mich. »Eskimo ist nämlich ein abfälliger Ausdruck, der soviel bedeutet wie »jemand, der rohes Fleisch isst«. Inuit dagegen entstammt der Sprache des Volkes und heißt einfach »wahrer Mensch«. Aber deine Vermutung stimmt. Und was ist das zweite Problem?«
---
Soweit der Auszug aus dem Buch – wer weiterlesen möchte, darf bei Amazon einkaufen gehen: [Autorenseite Günter J. Matthia]
.

