Freitag, 9. Oktober 2009

Die Entblößung - Teil 2

Heute geht es mit der Entblößung weiter, wo es letzte Woche aufgehört hat. Wer den ersten Teil nicht gelesen hat, sollte dies vor der Lektüre dieser Fortsetzung nachholen, sonst hapert es womöglich mit dem Verständnis. In diesem Fall: Hier klicken.

Und noch die faire Warnung: Auch dieser Teil endet nicht mit einem Ende, sondern mitten drin. Am Schluss darf wieder mitbestimmt werden, wie es weitergehen soll.

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Eine neue E-Mail von alter.ego lag im Posteingang bereit. Er öffnete die Mail und las: »Man könnte das ja noch aufhalten. Irgendwie.«

Das vierte Foto in der Galerie zeigte wie erwartet die gleiche Szene und ein Kleidungsstück weniger. Stephan Haberling betrachtete es gründlich, um vielleicht doch endlich Sicherheit zu bekommen, ob er selbst oder ein verblüffend ähnlicher Mensch abgebildet war. Verschwunden war – eigentlich hatte er bereits erwartet, dass die »falsche« Reihenfolge sich fortsetzen würde – die Jeans, und nun stand die Person in T-Shirt und Slip unter dem Halogenstrahler. Die Auflösung der Aufnahme war groß genug, um in das Bild hinein zu zoomen, und als er das linke Knie genauer betrachtete, wusste er, dass – wie auch immer die nie aufgenommenen Bilder ins Internet gelangen mochten – er selbst abgebildet war.
Die Narbe war zwar kaum noch zu sehen, aber zweifellos da. Verblüffende Ähnlichkeit zwischen zwei Menschen mochte es geben, aber Narben sind so einzigartig wie Fingerabdrücke.
Er war als 13jähriger bei einem Wettlauf anlässlich der Bundesjugendspiele ins Straucheln geraten und gestürzt. Hautabschürfungen an beiden Armen waren die Folge, aber das war nur der geringste Schaden, über so etwas hätte er als richtiger Junge keine Bemerkung verloren. Ein Indianer, das war so klar wie Quellwasser im Glas, kannte keinen Schmerz. Zwar war er kein Indianer, aber wen interessierten schon solche Kleinigkeiten, wenn es darum ging, ein Junge zu sein? Mädchen durften weinen, Jungs waren hart im Nehmen. Basta.
Er hatte noch versucht, von der Rennbahn auf das Gras neben dem rauen Splitbelag zu fallen, hatte sich im Sturz zur Seite geworfen. Zwischen Rennbahn und Gras gab es jedoch eine Einfassung aus scharfkantigen Pflastersteinen, und sein linkes Knie prallte mit voller Wucht auf deren Rand. Nach dem Unfall wurde der Sportplatz gesperrt und die hochragenden Einfassungen mit den scharfen Kanten entfernt, aber davon profitierte Stephan Haberling nicht mehr.
Zunächst spürte er nichts. Er lag etwas benommen halb auf der Wiese, halb auf dem Split und sah reichlich Blut aus der klaffenden Wunde rinnen. Schüler und Sportlehrer standen um ihn herum und redeten, aber was sie sagten, drang nicht durch. Er war im mentalen Nebel gut aufgehoben, wie ein Beobachter, ein Unbeteiligter. Erst als man ihn auf eine Trage bettete und in den Notarztwagen schob, setzte der Schmerz ein. Der war schlimmer als alles, was er bis dahin gekannt hatte. Indianer hin oder her – die Tränen ließen sich nicht zurückhalten. Und es war ihm in diesem Moment noch nicht einmal peinlich.
Zwei Monate später war die Kniescheibe repariert, die Schmerzen Vergangenheit und das Knie wieder einigermaßen zu gebrauchen. Es dauerte noch einige Zeit, bis er die frühere Beweglichkeit und Belastbarkeit erreichte, und die Narbe war bis heute sichtbar. Das jüngste Foto in der Galerie zeigte sie mit ausreichender Deutlichkeit.

Der ominöse alter.ego hatte also ihn selbst aufs Korn genommen. Wenn es so weiter ging, dann würde er sich in zwei Tagen nackt betrachten können. Das war nicht weiter bedenklich, denn wie er ohne Textilien aussah, wusste er; er brauchte nur vor oder nach dem Duschen in den Spiegel schauen, falls er sich unsicher war, ob sein Bauch eine Wölbung zeigte, die er früher nicht gekannt hatte. Er war nicht dick, nein, das wäre bestimmt übertrieben ausgedrückt, aber kritisch betrachtet konnte nicht die Rede davon sein, dass er einen Waschbrettbauch besaß.
Seine Entblößung war auch insofern unproblematisch, dass er gerne in die Sauna ging oder nach wie vor, obwohl die Anschaffung von Badebekleidung keine finanzielle Hürde mehr darstellte, ohne Bedenken mal einen FKK-Strand aufsuchte. Wenn bei solchen Gelegenheiten ein fremder Blick auf sonst verhüllte Körperregionen fallen sollte, lag das in der Natur der Sache. In der Sauna und am Strand gab es zweifellos unansehnlichere Erscheinungsformen der menschlichen Gestalt als seine. Allerdings auch ansehnlichere, da machte er sich nichts vor.
Aber eine Entblößung im Internet, in einer öffentlich zugänglichen Galerie, das war dann doch etwas anderes, als nackt unter Nackten zu entspannen. Zumal er nicht wusste, was alter.ego eigentlich plante. Am männlichen Körper ist ein Bestandteil in Größe und Winkel sehr veränderlich, und aus einem mehr oder weniger geschmackvollen Aktfoto kann allein dadurch etwas Anstößiges werden, dass die Veränderung ersichtlich ist. »The Excitement« hatte Frank McCourt den Zustand in einem Roman genannt, und ein männlicher Körper einschließlich sichtbarem »Excitement« gehörte eindeutig nicht mehr in die Rubrik Aktfoto.

»Man könnte das ja noch aufhalten. Irgendwie.«, hatte der ominöse Urheber des ganzen Schlamassels geschrieben. Allerdings wusste Stephan Haberling beim besten Willen nicht, wie. Er konnte natürlich zur Polizei gehen und den Fall schildern, die E-Mails vorlegen, auf die Galerie verweisen und dann hoffen, dass dem Spuk ein Ende zu bereiten wäre. Er konnte auch Picasaweb kontaktieren und darum ersuchen, die Galerie zu entfernen. Vielleicht wäre das die einfachere Variante? Wie schnell waren wohl die Reaktionszeiten der Verantwortlichen?
Zunächst einmal antwortete er auf die E-Mail: »Wie könnte man das denn aufhalten?« Er schickte die Antwort ab und ging duschen.

Warum, darüber dachte er nicht nach, aber Stephan Haberling wählte entgegen seiner Gewohnheit die »verkehrte« Reihenfolge. Zuerst schlüpfte er aus der Pyjamahose, dann aus dem Oberteil.
Nach der Dusche zog er sich so an, wie seinerzeit die kleine Natalie. Zuerst das T-Shirt, dann das Oberhemd und darüber, da die Oktobertage schon recht kühl waren, einen leichten Pullover. Er schaute sich beim Anziehen im Spiegel zu und musste grinsen, als sich »The Excitement« einstellte. Das kommt davon, wenn man sich verkehrt herum anzieht, dachte er und schlüpfte belustigt über das Eigenleben unter der Gürtellinie in die übrigen Kleidungsstücke.
Schließlich ging er in die Küche, zapfte einen Kaffee Latte aus der Maschine und setzte sich wieder an den Computer, um das Bild des vierten Tages noch einmal genauer zu untersuchen.
jobr Dass er selbst abgebildet war, wusste er nun, denn die Narbe war unverwechselbar. Demnach gehörten auch die inzwischen verschwundenen und die noch verbliebenen Kleidungsstücke zu seiner Garderobe. Das T-Shirt war Massenware, und auch der Slip keineswegs ein Einzelstück. Allerdings war die Wahrscheinlichkeit, ihn in einer Wäscheschublade zu finden, hierzulande eher gering. Stephan Haberling hatte sich im Vorjahr bei einer Amerika-Rundreise Wäsche gekauft, weil er zu wenig mitgebracht hatte. Wozu auch den Koffer auf dem Hinflug unnötig füllen, wenn der Dollarkurs so günstig und Bekleidung in Amerika sowieso erschwinglich war. So war er in den Besitz von mehreren Jockey-Briefs gekommen, das vierte Foto aus der mysteriösen Sammlung von alter.ego zeigte ein solches Exemplar mit dem in Europa eher seltenen Schnitt.
Er hatte sich im Wal-Mart bei der Größenangabe auf der Packung vertan und eine Nummer zu groß gekauft, aber er trug die Wäsche trotzdem, sie war zwar weiter als gewohnt und gewünscht, aber nicht so weit, dass sie ihm von den Hüften gerutscht wäre.
Seine Gedanken kreisten wieder um die mögliche Anstößigkeit dessen, was alter.ego da am nächsten oder übernächsten Tag zu enthüllen gedachte. Offenbarte dieses Foto bereits, wie es um den Zustand »da unten« bestellt war? Womöglich spielte das auch keine Rolle, denn so undenkbar die Herkunft der Bilder war, so unabwägbar war natürlich die Frage, inwieweit der abgebildete Körper statisch sein mochte. Aber na ja, nachsehen konnte er ruhig mal. Er zoomte wieder in das Bild hinein.

Die nächsten Stunden widmete sich Stephan Haberling seiner Arbeit, die konnte er schließlich nicht einfach liegen lassen. Er war freier Journalist und Autor, zwei Redaktionen erwarteten bis zum Nachmittag Artikel von ihm. Zunächst wollte er sich der schwierigeren Aufgabe widmen: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte eine Analyse dessen angefordert, was Sarrazin wirklich gesagt hatte und in welchem Zusammenhang die gerade heiß diskutierten Zitate standen. Die Ausgabe der »Lettre International« lag neben dem Computer und Stephan Haberling las in Ruhe mit der gebotenen Sorgfalt durch, was es mit den vielen kleinen Kopftuchmädchen auf sich hatte. Mit Textmarker und Bleistift bereitete er seine Analyse vor.
Dabei schaute er gelegentlich in den Posteingang seines Googlemail-Kontos und um 11:45 sah er, dass alter.ego eine Antwort – womöglich immerhin – geschickt hatte. Wahrscheinlich war es auch nur eine weitere Botschaft, die ihm nicht weiterhalf. Vielleicht jedoch verriet die E-Mail, wie aufzuhalten war, was Stephan Haberling hier widerfuhr?

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So, und nun wieder eine Frage zum weiteren Verlauf an die geschätzten Leserinnen und Leser. Alle bis Montag, 12. Oktober, 5:55 Uhr abgegebenen Stimmen entscheiden darüber mit, wie die Geschichte weiter geht. Die Fortsetzung ist noch nicht geschrieben.

Bittesehr, einfach auf die gewünschte Antwort klicken:



Wer mag, kann noch Textvorschläge für die E-Mail als Kommentar hinterlassen, ich habe nämlich keine Ahnung, was alter.ego geschrieben hat.

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Nachtrag 13.10.: Inzwischen schreibe ich weiter, die Entscheidung der Leserinnen und Leser zu berücksichtigen wird dieses mal etwas schwierig: Ein klassisches Patt.

Wer mag, kann weiter fröhlich abstimmen, aber nun natürlich hat das keinen Einfluss auf die Erzählung mehr, da ich an der Fortsetzung arbeite.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Morgen ist Weihnachten!

Zumindest im Herzen ist morgen Weihnachten, wen interessiert schon der Kalender. Amazon hat nämlich heute was losgeschicht, was morgen im Briefkasten landen müsste.

In und um Remscheid...

bereiten sich Hund, Katze, Maus und Mensch auf ein besonderes Ereignis vor:


Ich werde nicht dabei sein können, da der seit langem angedachte Remscheid-Besuch noch nicht dran ist (wir haben gerade amerikanischen Besuch im Haus), aber vielleicht sind ja einige Blogleser in der Nähe des Ereignisses? Das wird bestimmt ein Erlebnis der besonderen Art. Ich wünsche aus der Ferne viel Spaß bei der Eröffnung und Segen für die Zukunft im neuen Domizil der Jesus-Freaks.

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Wiener mit Kartoffelsalat

In Berlin, nein, bei Berlin wird - die meisten wissen es - ein neuer Flughafen gebaut. Dort trug sich kürzlich folgende Tragödie zu:

Drei Arbeiter auf der Baustelle am neuen Flughafentower saßen ganz oben auf dem Gerüst. Ihre Füße baumelten über der Tiefe, während sie ihre von zu Hause mitgebrachten Mittagsmahlzeiten auspackten.

Der erste, ein Türke, klappte die Dose auf und stöhnte: »Köfte! Wenn ich noch ein einziges Mal zum Mittagessen Köfte finde, dann springe ich vom Gerüst in die Tiefe!«
Der zweite, ein Mann aus Russland, jammerte beim Öffnen seines Lunchpaketes: »Blini! Jeden Tag Blini! Noch ein mal Blini, und ich springe hinterher!«
Der dritte Arbeiter war ein blonder Deutscher. Er packte aus und schimpfte: »Wiener Würstchen mit Kartoffelsalat! Wenn ich noch ein einziges Mal Wiener mit Kartoffelsalat in meinem Lunchpaket finde, springe ich auch.«

Am nächsten Tag klappte der Türke seine Tupperdose auf, sah Köfte und sprang ohne weitere Worte vom Gerüst.
Der Russe packte seine Mahlzeit aus, fand Blini und stürzte sich ebenfalls in die Tiefe.
Nun schaute der Blonde nach, was er zu Essen hatte, sah die Wiener mit Kartoffelsalat und ließ sich sofort vom Gerüst fallen.

Nach der Beerdigung saßen die drei Witwen beieinander. »Wenn ich gewusst hätte, wie sehr er Köfte hasst, hätte ich ihm doch Izgara oder Sis kebab mitgegeben«, weinte die Türkin.
Die Russin schniefte in ihr Taschentuch: »Hätte ich nur gewusst, dass er Blini so satt hat! Ich hätte ihm bestimmt gerne Pigore gebacken oder Globutsi gewickelt!«
Dann blickten beide die Deutsche an, die seltsam ungerührt schien. Sie schüttelte den Kopf und sagte: »Schaut mich nicht so an! Der Idiot hat sich sein Mittagessen immer selbst eingepackt!«

Dienstag, 6. Oktober 2009

Zum Weinen schön: Leonard Cohen live in London

Angesichts der Eintrittspreise (280 Euro pro Nase) hatten wir 2008 auf den Besuch des Konzertes in Berlin verzichtet. Irgendwo muss man eine Grenze ziehen, was noch zumutbar ist und was nicht, wenn es um die Freizeitgestaltung geht.

Nachdem ich nun diese zum kürzlichen Geburtstag auf dem Gabentisch vorgefundene DVD Leonard Cohen live in London genossen habe, gerät mein Grenzzaun ins Wanken. 120 Minuten in London - zum Weinen schön. Wie muss sich da ein »echter« Konzertbesuch anfühlen, der nie unter drei Stunden, oft genug vier Stunden dauert und dennoch viel zu kurz ist? Und wie lange wird dieser Künstler sein wiederentdecktes Musikerleben durchhalten? Bis er 80 ist wie B.B. King? Dann hätte ich ja vielleicht doch noch eine Chance auf einen Konzertbesuch...

Als 1968 Leonard Cohens erste LP erschien, war ich 13 Jahre alt. Mein Bruder spielte sie mir vor und damit war es um mich geschehen. The Stranger Song, Teachers und So Long Marianne spielte ich schon am gleichen Abend auf meiner Gitarre, ohne noch einen Blick auf den Text oder die darüber gekritzelten Griffe zu benötigen, die anderen Songs des Albums folgten in den nächsten Tagen. Und One Of Us Cannot Be Wrong gehört zu den Liedern, die ich noch heute spiele, wenn die Stimmung danach ist. So Long Marianne habe ich sogar dieses Jahr bei einer Hochzeit zu Gehör gebracht.
Mir war 1968 (und ist noch heute), als wäre meine Seele der des jüdischen Kanadiers oder kanadischen Juden Leonard Cohen irgendwie verwandt. Viele seiner Lieder und Gedichte drücken aus, was ich in bestimmten Stimmungen ausdrücken möchte. Allerdings gelingt ihm das wesentlich besser als mir.

Weil seine Managerin mit den Millionen durchgebrannt ist, die Leonard Cohens Altersversorgung darstellten, ist er im Jahr 2008 nach 15 Jahren Ruhestand auf die Bühnen der Welt zurückgekehrt. Darf man sagen, dass diese Unterschlagung eine ganz famose Sache war? Sonst hätten wir nie und nimmer zu hören bekommen, was diese DVD ausschnittweise widerspiegelt. Ein Mann, dessen Stimme nun ein dreiviertel Jahrhundert alt ist und nie ausdrucksvoller, intensiver geklungen hat. Ein Mann, der Geist, Leib und Seele einsetzt, wenn er seine Lieder singt. Ein Musiker, wie man ihn kaum noch zu finden hofft, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Ein Mann, der sein Publikum liebt, ehrt und ernst nimmt.

lclilDiese zwei Stunden DVD zeigen neben Cohen hervorragende Musiker und Sängerinnen, alles eingefangen in makelloser Ton- und Bildqualität, dank der Kameras so hautnah, wie der Konzertbesucher nie den Akteuren auf der Bühne kommen kann. Aber es ist nicht die Technik, die verzaubert. Es sind nicht die begnadeten Musiker, obwohl sie ganz erheblich dazu beitragen. Es ist Leonard Cohen, der Prophet, der Poet, der seine in Musik verpackten Schätze ausbreitet, Blicke ins Innerste gestattet, sowohl seine Seele als auch das Innerste des Zuhörers. Leonard Cohen, das ist nicht Unterhaltung, das ist erheblich mehr und geht wesentlich tiefer. Viele Zeitungen schrieben über die Auftritte 2008, dass sie eher Messen / Gottesdiensten / Andachten ähnelten als Konzerten. Selbst Männern standen die Tränen in den Augen und liefen an den Wangen herunter, den Berichten zufolge. Inzwischen, nach dem Genuss der DVD, glaube ich das, denn meine Wangen blieben vor dem TV-Gerät nicht ganz trocken.
Die DVD lässt ahnen, wie sich das live anfühlt, wenn Leonard Cohen auf der Bühne niederkniet beim Singen eines Psalms, wenn er den Hut vor den Musikern und dem Publikum zieht.
Die Stimmung ist durchgehend heiter, Leonard Cohen lacht häufig wie befreit und erleichtert, wenn ein Lied gesungen ist und der Beifall einsetzt, er erzählt kleine Anekdoten und Geschichten zum Schmunzeln. Dennoch - oder deshalb? - entsteht das Empfingen der Andacht, das Gefühl, Gott selbst durch diesen Menschen zu begegnen.
Eigentlich hat ein Leonard Cohen Konzert in diesen Tagen so ziemlich alles, was mancher charismatische Gottesdienst gerne hätte und doch nicht erreicht...

Wer weiß, wie sehr mein Kostenbegrenzungszaun ins Wanken gerät, falls 2010 oder 2011 Leonard Cohen nach Berlin kommt. Manchmal muss man die Vernunft ausschalten, um der Seele etwas Gutes zu tun. Einstweilen wird diese DVD des öfteren den Weg in unseren DVD-Player finden. Ich werde die Kopfhörer aufsetzen und zwei Stunden auf die Reise gehen in eine Welt der Musik, die zum Weinen schön ist.

Mein Fazit: Wer sich das entgehen lässt, der beraubt sich selbst.

Mein Tipp: Nicht »nebenbei« anschauen, sondern sich (möglichst mit Kopfhörer und ungestört oder zu zweit mit einem Glas Rotwein, soweit vorhanden aber unbedingt mit HiFi-Ausstattung) auf das Erlebnis einlassen.

Die DVD (und CD) gibt es zum Beispiel hier bei Amazon: Leonard Cohen - Live in London

Montag, 5. Oktober 2009

Jubilations!

Wie regelmäßige und aufmerksame Blogleser wissen, produzieren wir (MatMil) unter anderem für einen namhaften Verlag Lehrwerke und CDs zu den Lehrwerken, die der namhafte Verlag herausgibt. Die komplette Programmierung der CD-Oberfläche und -Funktionen obliegt dabei meiner Wenigkeit.

nhl Die CDs gehen vor der Produktion beim Auftraggeber durch eine penible Qualitätskontrolle, QS genannt, bei der auch der kleinste Fehler, und sei es ein fehlender Punkt am Ende eines der enthaltenen Dokumente, einen Bug bedeutet, der dann gefixt werden muss. (Sorry für die Anglizismen, aber dieser Fachsprache bedienen sich die Verantwortlichen nun einmal.)

Heute ging das jüngste Projekt in die QS und – for the first time in history – gab es keinen einzigen Bug. Der Verantwortliche im Verlag meinte zu seinen Mitarbeitern: »Wo ein Wille ist, ist auch ein Bug.« Jedoch: Der Tag kam und ging – aber kein Bug tauchte auf.

Daher: Jubilations! Die erste schon im ersten Durchlauf Bug-Free-CD der MatMil-Geschichte!

Ganz herzlichen Dank auf diesem Wege an einen freien Mitarbeiter von MatMil, der zu meinen Bloglesern gehört und sämtliche zur CD gehörigen Dokumente produziert hat. Hut ab – 1000 Dank für diese Meisterleistung. Besser geht es ja nun wirklich nicht mehr. Demnächst wird Dir ein Bier spendiert, oder zwei, je nach Durst! Man muss ja schließlich solche Premieren entsprechend würdigen.

Na gut, dann also die Hose

auswertung Die Wahlbeteiligung war erschreckend niedrig, was womöglich das Meinungsbild der Gesamtbevölkerung erheblich verfälscht, aber so ist das nun mal mit freien und freiwilligen Wahlen. Immerhin gibt es am frühen Montag einen eindeutigen demokratischen Sieg bei der Abstimmung, denn 75% sind ja nun wirklich ein klares Ergebnis.

Ich werde also, wenn ich die Entblößung fortsetze, als nächstes den mir sehr sympathischen Stephan seines Beinkleides berauben, wie von den abstimmenden Leserinnen (und Lesern?) gewünscht. Mal sehen, wie schnell ich dazu kommen werde und was dabei so alles zum Vorschein kommt.

(Die Abstimmung unter dem ersten Teil lasse ich weiterlaufen, einfach nur so aus Spaß. Aber alle zukünftigen Stimmen können natürlich nicht mehr den Fortgang der Geschichte beeinflussen, denn wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.)

Sonntag, 4. Oktober 2009

Endzeit: Ein untrügliches Zeichen?

bobcantsing Wie in den letzten Jahren üblich, wird bereits vor dem Erscheinen viel über das jeweils nächste Bob Dylan Album diskutiert. Skeptiker gibt es dabei immer und – erstaunlich – immer wieder Stimmen, die zu erkennen geben, dass sie jetzt erst verstanden haben, dass Bob Dylan nicht singt, sondern je nach Song krächzt, gurgelt, nuschelt, bellt, grummelt… – obwohl er das mit Ausnahme von Nashville Skyline (1969) bei jedem Album seines Riesenkataloges (mit alle paar Jahre neu erfundenen Stimmen) so gemacht hat. Nashville Skyline ist bei den Fans seinerzeit ziemlich durchgefallen. Niemand will einen Bob Dylan hören, der eine ganze Platte lang »richtig« singt.

image Allerdings ist dieses Mal, da es beim kommenden Album Christmas In The Heart um ganz und gar konservativ-normale Weihnachtslieder geht und der komplette Erlös jetzt und in alle Zukunft in Zusammenarbeit mit einer Großbank an drei Wohltätigkeitsorganisationen geht, das Getöse um die CD schon recht erheblich. Die LA Times zitiert gar jemanden, der die Tatsache, dass es überhaupt erscheint, als Zeichen der Endzeit ausgemacht hat: Another sign that the end times are near.

Amüsant, sehr amüsant, all die »Fachleute«, Dylanologen, Weltverbesserer und Dösbaddel, die zum Beispiel bei Expecting Rain (in meiner Linkliste zu finden) und andernorts ihre Meinung hinausposaunen, bevor die CD überhaupt erschienen ist. Ich muss leider noch warten, bis ich das Endzeitzeichen zu hören bekomme. Und ich weigere mich, die Soundschnipsel, die verfügbar sind, vorher anzuhören.
offen

Samstag, 3. Oktober 2009

Experimente mit der Schärfentiefe






...ohne weitere Worte.
Oder na ja, so viel doch: Die Kamera und ich, wir lernen einander gerade besser kennen.

Freitag, 2. Oktober 2009

Die Entblößung - Teil 1

Eine faire Warnung vorab: Diese Geschichte endet mitten drin. Einstweilen. Wie es weiter geht, darüber dürfen am Ende dieses ersten Teiles die geschätzten Blogbesucher abstimmen.

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Der E-Mail-Posteingang war so unübersichtlich wie meist nach einem Wochenende ohne Aufruf der iGoogle-Seite. Beim Löschen der unerwünschten Nachrichten hätte Stephan Haberling beinahe die E-Mail ungelesen gelöscht, die in den nächsten Tagen für eine ganz und gar unerwartete Wendung in seinem Leben sorgen sollte. Natürlich konnte er das nicht wissen, der Betreff ließ auch nicht auf persönlichen oder wichtigen Inhalt schließen, deutete eher auf Spam hin. »Ist das dein Bild auf dieser Seite?« stand da. Eigentlich ein typischer Lockvogel-Betreff. Der Absender namens alter.ego@... ließ ebenfalls kein persönliches Schreiben, sondern irgendwelchen Müll erwarten.
Was wäre geschehen, wenn er diese E-Mail nicht geöffnet hätte? Diese Frage stellte sich Stephan Haberling in den nächsten Tagen wohl häufiger als irgendeine andere. Wäre nichts geschehen? Hätte die Entblößung nicht stattgefunden? Oder hätte er nur nichts davon gewusst?
Solche Fragen sind bekanntlich müßig, denn sie ändern nichts daran, dass etwas getan wurde, dass ein Umstand eingetreten ist. So auch in diesem Fall – er hatte die E-Mail geöffnet und gelesen. Eine Möglichkeit des Entlesens existiert nun einmal nicht. Und das Vergessen, das ahnte er bald, würde so leicht nicht fallen.

»Lieber Stephan, mir scheint, dass dieses Foto dich zeigt«, las er, »aber ich bin mir nicht ganz sicher. Und wie kommt es ins Internet? Wer hat es aufgenommen, wo und wann? Wirf doch mal einen Blick darauf, vielleicht ist es für dich ja interessant? Es grüßt herzlich: Alter Ego.«
Es folgte ein Link, und den einfach zu klicken, hütete sich Stephan Haberling. Auf solche simplen Tricks der Virenschleudern fiel er nicht herein. Zunächst schaute er sich den Seitenquelltext an, ob hinter der angezeigten Adresse womöglich eine Umleitung versteckt sei. Dies war jedoch nicht der Fall. Die Verknüpfung führte direkt zu einem öffentlichen Fotoalbum auf Picasaweb, in dem es nur ein einziges Bild zu sehen gab.
Es zeigte, ein Zweifel schien kaum angebracht, tatsächlich ihn selbst. Allerdings war er ratlos, von wem, wann und wo es aufgenommen sein mochte. Auch der Titel der Galerie machte ihn stutzig: »Die Entblößung« stand da. Die Galerie gehörte einem gewissen alter.ego – also mit großer Wahrscheinlichkeit dem Absender der E-Mail.
Die abgebildete Person – Stephan Haberling selbst, soweit er es zu beurteilen vermochte – stand in einem ihm unbekannten Raum und reckte sich in die Höhe, um einen Halogenstrahler zu erreichen. Bekleidet war er mit Sandalen, Jeans und Freizeithemd, die durchaus zu seiner Garderobe gehören mochten. Bei den Jeans war er unsicher, denn die sahen ja alle ähnlich aus, aber das Hemd erkannte er mit ziemlicher Sicherheit. Natürlich war es keine Sonderanfertigung vom persönlichen Schneider nur für ihn, sondern Kaufhausware, aber immerhin hatte er ein solches Kleidungsstück im Schrank und trug es auch recht gerne.
Sein Gesicht war auf dem Bild nach oben gerichtet, das Foto war im Halbprofil aufgenommen, aber es schien keine Verwechslung möglich: Da war er selbst zu sehen, wo und wann und warum auch immer.
Stephan Haberling grübelte, während er das Bild betrachtete. Er suchte in seinen Erinnerungen, aber er wurde nicht fündig. Weder erkannte er den Raum, noch hätte er sagen können, wann er sich jemals nach einem Halogenstrahler ausgestreckt hätte und dabei fotografiert worden wäre. Vielleicht war es doch nur ein Fall von verblüffender Ähnlichkeit?
Und wer war eigentlich dieser Mailabsender? Das musste sich ja wohl klären lassen. Ein Klick zurück zum E-Mail-Posteingang und dann ein Klick auf »antworten« öffnete das Formular. »Wer sind Sie oder wer bist du?«, tippte er. »Kennen wir uns?« Dann klickte er auf »senden« und widmete sich anderen Nachrichten.

Am nächsten Tag war eine Antwort eingetroffen, die jedoch keine Antwort auf seine Frage beinhaltete. Statt dessen las er: »Das zweite Foto ist da.«
Die Galerie zeigte tatsächlich ein weiteres Bild. Eigentlich war es das gleiche Foto, auf den ersten Blick jedenfalls. Jedoch fehlten die Sandalen, er – oder der ihm verblüffend ähnliche Unbekannte – stand nun barfuss an der gleichen Stelle, in der gleichen Haltung. Bis auf die nun bloßen Füße war auch bei genauer Betrachtung kein Unterschied erkennbar. Erneut durchforstete Stephan Haberling seine Erinnerung, aber weder der Raum noch eine auch nur annähernd ähnliche Situation kam ihm in den Sinn.
Er antwortete nicht auf die Mail.

Das dritte Foto, das sich am Morgen des nächsten Tages zu den anderen beiden gesellt hatte, ließ ihn bereits ahnen, dass der Titel der Galerie von jenem mysteriösen »alter ego« mit Bedacht gewählt worden war. Nun war auch das Hemd verschwunden. Jeans und T-Shirt trug er – oder der Unbekannte mit der verblüffenden Ähnlichkeit – noch, keine Sandalen, kein Hemd. Das T-Shirt war, genau wie Jeans und verschwundenes Hemd, kein Einzelstück, er vermochte nicht zu sagen, ob es ihm gehörte oder nicht. Weiße T-Shirts gab es so häufig wie triefende Nasen im November, und selbstverständlich besaß Stephan Haberling mehrere. Er trug sie auch gerne unter Oberhemden oder Pullovern, wie so viele andere Männer verabscheute er die Feinripp-Unterhemden, die zu seiner großen Verwunderung nach wie vor verkauft wurden. An wen auch immer, jedenfalls nicht an ihn.
Keine E-Mail diesmal, vermutlich ging »alter ego« mittlerweile davon aus, dass er schon aus Neugier Picasaweb einen täglichen Besuch abstatten würde. Zu recht.
Wie würde die Entblößung weitergehen, was als nächstes offenbaren? Stephan Haberling vermutete, dass am nächsten Tag das T-Shirt verschwinden würde, aber natürlich konnte er nicht sicher sein. Erst die Sandalen, dann das Oberhemd. Wenn er selbst sich auszöge, und nicht ein Unbekannter ihn – falls man das überhaupt so sagen konnte in diesem Fall – hätte er zunächst das Oberhemd, dann das T-Shirt abgelegt, anschließend dann die Sandalen, falls er auch aus der Hose zu schlüpfen gedachte.
zille Ihm fiel Natalie ein, seit der Kindheit hatte er nicht mehr an sie gedacht. Sie war in seinem Alter, Tochter der Nachbarn und häufige Spielkameradin, seit die beiden eingeschult worden waren. Im Sommer kam sie oft mit zum Baden, da ihre alleinerziehende Mutter kaum die Zeit fand, mit Natalie an einen See oder ins Freibad zu gehen. Schon beim ersten Ausflug an den nahegelegenen See war Stephan aufgefallen, dass Natalie sich »verkehrt herum« auszog. Sie entledigte sich zuerst der Schuhe, dann der Hose und des Schlüpfers, bevor sie sich daran machte, den Oberkörper von den Textilien zu befreien. Badebekleidung war damals aus finanziellen Gründen weder in Stephans Familie noch bei Natalie vorhanden, also ging man, wenn der Ausflug zum Schwimmen diente, an eine der FKK-Badestellen. Stephan zog sich von oben nach unten aus, wie alle anderen, die er kannte. Wenn es einige Stunden später wieder nach Hause gehen sollte, schlüpfte er zuerst in die Unterhose und Jeans, während Natalie die umgekehrte Reihenfolge ihres Entkleidens wählte. Zuerst griff sie zu Hemd und Bluse, dann erst wurde ihre untere Körperhälfte mit Textilien bedeckt.
Warum ihm nun diese Erinnerung an Kindheitstage einfiel, konnte Stephan nicht sagen, abgesehen von dem Umstand, dass die ersten drei Bilder in der Galerie nicht seiner gewohnten Reihenfolge entsprachen, Kleidungsstücke abzulegen.

Am Morgen des vierten Tages, noch im Bett, überlegte Stephan Haberling, was »alter ego« eigentlich bezwecken wollte. Es gab keinen Hinweis darauf, ob die Galerie irgend einen Sinn hatte außer dem, eine Entblößung – seine Entblößung womöglich – vorzuführen. Sicher war er sich immer noch nicht, ob die Bilder wirklich ihn zeigten. Er war nie in dem Raum gewesen, der auf den Bildern zu sehen war, und schon gar nicht mit jemandem, der ihn unter einem Halogenstrahler fotografiert hätte. Noch dazu mehrmals, nach dem Ablegen eines Kleidungsstückes nach dem anderen...
Da die Bilder keine wesentlich jüngere Person zeigten, hätte eine Erinnerung da sein müssen, wenn die Aufnahmen tatsächlich stattgefunden hätten.
Wenn nicht – was dann? Spielte ihm hier jemand einen Streich? Wozu? Einfach nur so? Oder doch mit einem Hintergedanken, einem Ziel? Mit Photoshop, oder wie konnte das technisch vonstatten gehen? Diesbezüglich war er wenig bewandert.
Stephan Haberling stand ohne Ergebnis seiner Grübeleien auf und schaltete den Computer ein. Eine neue E-Mail von alter.ego lag im Posteingang bereit.

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So, liebe Leser, wie soll es weiter gehen mit der Entblößung? Die Fortsetzung ist noch nicht geschrieben...


Welches Kleidungsstück fehlt am vierten Tag?
Die Jeans.
Das T-Shirt.
Auswertung


P.S.: Ich werde bis Sonntag Abend warten, wer oder was hier die Wahl gewinnt.

Update 5. Oktober: Wer mag, kann weiter abstimmen, aber die Geschichte wird nun so fortgesetzt, wie es die Mehrheit bis zum Montag. dem 5. Oktober, gewünscht hat: Die Hose muss weg.

Update 12. Oktober: Hier geht es zur Fortsetzung: Die Entblößung - Teil 2