Dienstag, 5. Februar 2008

Ideen hätte ich schon...

...ein paar, jedoch gebricht es mir an Zeit, sie für den Blog / das Blog aufzuschreiben. Oder, um es mit den Worten eines hochgeschätzten amerikanischen Schriftstellers zu sagen:

I'm busier than a one-legged man in an ass-kicking contest.

Also, liebe Leserinnen und Leser, werde ich mal wieder die Häufigkeit der Eintragungen etwas reduzieren und auch meine Reaktionszeit auf Mails und Kommentare mag eine längere sein als sonst...

Montag, 4. Februar 2008

So oder so...



Bilder von ohmygoodness.com

Samstag, 2. Februar 2008

Alexanders Löwe

Alexander zuckte zusammen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ihn hinter der Biegung des Weges bernsteinschimmernde Augen anblicken würden. Die ganze Zeit war er allein gewandert, vielleicht hatten ein paar Vögel irgendwo gezwitschert, aber denen schenkte er keine Aufmerksamkeit. Sie gehörten zu den Büschen, den wenigen Bäumen hier und dort, zum wolkenlosen Himmel. Als das Augenpaar in seinen Blickwinkel geriet, blieb er stehen. Ein gewaltiges Tier lag auf dem Weg und rührte sich nicht. Wartete wohl ab, wie Alexander reagieren würde.
Im Zoo hatte er schon Löwen gesehen, in sicherer Entfernung, durch Wassergräben oder Gitterstäbe auf Distanz gehalten. Hier gab es solche Vorkehrungen nicht. Das Raubtier lag zehn Schritte vor ihm, gewaltige Fänge schimmerten in dem halb geöffneten Maul.
Alexander wunderte sich über seine eigene Reaktion. Flucht war zwar der erste Gedanke, doch etwas zog ihn an, als locke der Löwe seine Seele auf unerklärliche Weise. Am liebsten wäre Alexander hingerannt, um sein Gesicht in der gewaltigen Mähne zu bergen.
Ein Rest Vernunft schien ihm immerhin geblieben, denn er rannte nicht. Stattdessen ging er mit leisen, tastenden Schritten vorwärts, die Bernsteinaugen fest im Blick. Zehn Schritte, die zur Ewigkeit zu wachsen schienen. Gedanken halb gedacht: Fliehen – zwecklos – das Tier ist schneller als ich. Fliehen – wozu? Ich will zu ihm. Ich muss zu ihm. Er ist…
Was? Was ist er, der Löwe? Ein Raubtier! Ein Geschöpf, das Hunger haben kann, das Beute für die Löwin und die Jungen braucht.

Doch kein Gedanke konnte etwas daran ändern, dass seine Füße weiter schritten. Er kniete schließlich nieder, seine Hand berührte vorsichtig das Fell und dann drückte er sein Gesicht tatsächlich in die Mähne. Atmete tief den Duft ein, der so ganz anders war, als das, was einem vor zoologischen Raubtiergehegen in die Nase stieg. Würzig. Wild. Anziehend. Stark.
Alexander wurde zum Kind, dem die Gefahren noch nicht die Gefühle verschüttet haben. Er legte sich zum Löwen, kuschelte, umarmte, herzte, streichelte. Hätte es Zuschauer gegeben, sie würden wohl an seinem Geisteszustand gezweifelt haben. Ein ausgewachsenes Mannsbild spielt mit seinem überdimensionierten Kuscheltier – nur ist es kein Löwe aus Stoff und Füllmaterial. Es atmet, leises Knurren dringt ans Ohr – oder ist es die ins Gewaltige gesteigerte Version des Schnurrens einer Sofakatze?
Die Lefzen hoben sich, man konnte meinen, dass der Löwe lächelte. Er legte sich auf die Seite, Alexander spielerisch gefangen zwischen muskulösen Läufen. Die Tatzen hatten Krallen, gewaltige Krallen. Aber sie holten nicht aus, um die Beute zu erlegen, sie schmiegten sich an den Menschenkörper, hielten ihn fest.
Fest.
Sehr fest.
Zu lange.
Zu fest.
Alexander war jetzt sicher, dass er träumte. Anders konnte es gar nicht sein. Nie und nimmer würde er mit einem wilden Tier spielen und kuscheln, das ihm an Kräften so weit überlegen war. Es konnte folglich nur ein Traumgespinst sein, in dem er sich verfangen hatte. Gleich würde er aus dem Klammergriff entlassen in seinem Bett aufwachen und den Kopf schütteln.
Er keuchte, rangt um Atem. Die Tatze lastete noch immer schwer auf seiner Brust. Zu schwer für einen Menschen. Was einem Raubtierkörper angemessen sein mochte, schien nicht für Menschenkörper ausgelegt zu sein. Doch woher sollte ein Löwe wissen, wie schnell die Rippen eines Menschen zu zerbrechen drohen?
Mit letzter Kraft, weil es wohl doch kein Traum war, aus dem es gnädiges Erwachen gegeben hätte, schob Alexander die schwere Pranke von seiner Brust.
Der Löwe ließ ihn los, Alexander konnte wieder atmen. Er schnaufte, er keuchte, er hustete und die Punkte, die vor seinen Augen tanzten, verwehrten noch ein paar Momente lang den Blick auf das Unglaubliche: Der Löwe schrumpfte.
Alexander schloss die Augen, kniff sie zu und riss sie wieder auf. Es blieb dabei. Kleiner und kleiner, bis schließlich ein Plüschtier vor ihm lag. Nicht in der Landschaft, in der er eben noch um Atem ringend unter einer schweren Tatze um sein Leben bangte, sondern auf dem Küchentisch.
Wenn das kein Traum ist, muss ich zum Psychiater. Ich will den Löwen zurückhaben. Was soll ich mit dem Stoffgebilde?
Alexander beschloss, aufzuwachen. Er empfand Enttäuschung, Trauer, Verlust.

Er schlug die Augen auf und starrte an die Zimmerdecke. Zögerlich begann der Tag, nur ein grauer Schimmer drang durch das Fenster. Der erste Vogel draußen ließ ein zaghaftes Zwitschern hören.
Alexander setzte sich auf. Die Brust schmerzte, als hätte er aus dem Traum eine Verletzung mit in die Wirklichkeit getragen. Er holte tief Luft. Die Lungen füllten sich, doch das Atmen verursachte Pein. Als hätte etwas ihm die Rippen eingedrückt.
Er schloss die Augen und legte sich zurück ins weiche Kissen. So einen Unfug habe ich noch nie erlebt. Seit wann bleibt aus Träumen etwas hier im Leben?
Nicht nur der Schmerz war real, auch das Gefühl, etwas Wertvolles verloren zu haben, wollte nicht weichen.
Wenn ich nur noch einmal zurück könnte, ich würde mich nicht wehren, vielleicht würde der Löwe…

…die Pranke selber heben, bevor ich wirklich keine Luft mehr habe? Tatsächlich wich der Druck, bevor aus den tanzenden Punkten vor Alexanders Augen Schwärze werden konnte. Die Pranke hob sich, schwebte zögernd über ihm. Er blickte in die Bernsteinaugen, erleichtert, befreit, und überzeugt, dass dieses Tier ihn hatte lieben wollen.
Ein Hauch aus dem gewaltigen Maul strich über Alexanders Körper, und augenblicklich waren Schmerz samt Atemnot verschwunden.
»Danke, das tut gut«, murmelte Alexander. Jetzt rede ich auch noch mit einem Tier. Gut, dass mich niemand sehen kann.
»Und wenn dich meine Liebe nun erdrücken würde?«
»Das wäre mir -« Es dauerte, bis ihm die Ungeheuerlichkeit ins Traumbewusstsein drang. Er redete nicht nur mit einem Löwen, der Löwe gab ihm auch noch Antwort. Wenn ich das nach dem Aufwachen meiner Simone erzähle, lacht sie sich bunt und scheckig.
»Es kann das Leben kosten, mein Freund zu sein.«
»Ich glaube fast, das wäre mir egal.«
Alexander setzte sich zwischen den Pranken auf. Der Löwenblick war unbeirrt auf seine Augen gerichtet, und nichts daran wirkte feindselig.
»Fast ist nicht gut genug«, entgegnete der König.
König? Wie jetzt, Raubtier, oder? Doch Alexander konnte nicht umhin, von seinem Gesprächspartner so zu denken. König statt Löwe. Oder König und Löwe. Oder König als Löwe?
»Ich will dein Freund sein, koste es, was es wolle.«
»Du wirst nicht mehr der gleiche sein. Mein Freund muss sein wie ich.«
»Muss ich denn sterben, um zu leben?«
»Ich oder ein billiges Abbild aus Plüsch. Meine Kraft oder weicher Stoff zum Kuscheln. Wie ich werden oder mich durch ein Spielzeug ersetzen. Was willst du?«
»Muss ich mich gleich entscheiden?«
Er hörte keine Antwort. Nur ein fernes Geräusch, das er nicht benennen konnte, drang an sein Ohr. Ein hässliches Geräusch, ein Klang aus einer fernen Welt.

Der Wecker bekam einen unsanften Schlag, als Alexander sich schließlich aufsetzte. Simones Augen waren offen, er gab ihr einen Kuss.
»Ich hatte einen Traum…«
»Das glaube ich gerne«, meinte sie, »so wie du dich herumgewälzt und vor dich hin gemurmelt hast.«
»Was habe ich denn gesagt?«
»Ich habe nicht viel verstanden, aber irgendwas von einem Löwen, den du nicht zum Plüschtier machen willst. Weil er sonst alle Kraft verliert. Du hast gesagt, du würdest lieber bei ihm – oder mit ihm – oder für ihn sterben, als ohne ihn leben. Das letzte habe ich nicht recht verstanden.«
Alexander nahm seine Simone fest in die Arme und drückte sie an sich. Fest. Ganz fest.


P.S.: Inspiriert wurde ich zu dieser kleinen Erzählung durch einen Traum und seine Auslegung von Don Ralfo. Danke, Ralf!

Freitag, 1. Februar 2008

Der Frankfurter D1ck und die Pharma-Rechnung

Bei Haso darf heute gemeckert werden. Habe ich prompt getan, wegen des blöden BVG-Streiks. Schon mal am meckern, meckere ich nicht nur bei Haso über die doofen BVG-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und meinen doppelt so langen Weg zur Arbeit, sondern auch gleich hier über die doofen Spammer und ihre Roboter.


In den 15 Minuten zwischen 10:45 und 11:00 Uhr gingen an die Gebet für Berlin E-Mail-Adresse 25 Spam-Mails. Gebet für Berlin braucht, den Spammern zufolge, »confidence« (via »new huge d1ck« natürlich), Gebet für Berlin soll »sein bestes Stück verlängern« (falls Gebet für Berlin das mit dem d1ck nicht verstanden hat), sich um den »Newcomer an der Frankfurter Börse« kümmern und auch noch »lokalisierte Versionen für PC und Mac« kaufen. Gebet für Berlin bekommt Rechnungen von Pharmaunternehmen und 300 Euro spendiert, um sie im Casino in ungeahnte Reichtümer zu verwandeln.
Nun gut, damit könnte man sicher zumindest die Pharma-Rechnung bezahlen.

Pro Tag sind das (Mathematiker mögen es gerne nachrechnen) durchschnittlich - allein für Gebet für Berlin - 2.400 Spam Mails. An meine anderen E-Mail-Adressen geht ebenfalls aller möglicher und unmöglicher Fug und Unfug. Gestern waren es sage und schreibe 21.344 Spam Mails im Google-Filter - die »Frankfurter Börse« mit ihrem »Newcomer« häuft sich ganz enorm in diesen Tagen.

Es ist schlicht unmöglich, diese Menge nach eventuellen fälschlich als Spam gefilterten Mails zu durchforsten. Ich hoffe, dass nicht zu viele ernst gemeinte Zuschriften deshalb verloren gehen.

Mein Vorschlag: Bei allen Spam-Robotern den Stecker raus und bei allen Spam-Verursachern Rübe ab. Oder D1ck ab. Frauen spammen ja nicht, oder?

Drei Ausrufezeichen!!! Für Lazarus!!! Dig!!!

Ich habe keine Ahnung, ob und wie mir die CD gefallen wird, aber der Titelsong ist zu 100 Prozent mein Geschmack.

Der Künstler erklärt dazu:

Ever since I can remember hearing the Lazarus story, when I was a kid, you know, back in church, I was disturbed and worried by it. Traumatized, actually. We are all, of course, in awe of the greatest of Christ's miracles - raising a man from the dead - but I couldn't help but wonder how Lazarus felt about it. As a child it gave me the creeps, to be honest.
I've taken Lazarus and stuck him in New York City, in order to give the song, a hip, contemporary feel. I was also thinking about Harry Houdini who spent a lot of his life trying to debunk the spiritualists who were cashing in on the bereaved. He believed there was nothing going on beyond the grave. He was the second greatest escapologist, Harry was, Lazarus, of course, being the greatest.
I wanted to create a kind of vehicle, a medium, for Houdini to speak to us if he so desires, you know, from beyond the grave.

Houdini und Lazarus in New York gemeinsam gegen Spiritisten, der eine, weil er nicht ans Jenseits glaubt, der andere, weil er dort war - eine hoch interessante Idee. Gefällt mir, gefällt mir außerordentlich sogar. Und solche Überlegungen, wie sich Lazarus (und manch andere Nebenfigur in der Bibel) gefühlt haben mag, die habe ich gelegentlich auch schon angestellt.

Das Video zeigt einen Nick Cave, der - ohmygoodness!!! - einen Schnauzer trägt, den er hoffentlich bald wieder abrasiert. Oder auch nicht. Meinetwegen kann er aussehen, wie er will, so lange er solche Musik schreibt und aufnimmt.

Bis zum Erscheinen der CD kann man schon mal das Video sehen und hören. Das Album kommt Ende Februar, ich hoffe, es hält, was der Titelsong verspricht. Hier geht's zum Lazarus in New York:

DIG, LAZARUS, DIG!!!

Nach wie vor eines meiner Lieblingslieder aus der Zeit vor dem Schnauzer ist übrigens - hauptsächlich wohl wegen des »Praise Him 'til you've forgotten what you're praising Him for, then praise Him a little bit more...« - Get Ready For Love

Donnerstag, 31. Januar 2008

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Kreativste im ganzen Land?

Wie jetzt? Nur 80 Prozent? Das ist ja erschütternd...

80%
P.S.: Ich hoffe, dass andere wenigstens noch schlechter abschneiden.

P.P.S.: Wer hat meine 20 fehlenden Prozente Kreativitätsverkabelung geklaut?

Mittwoch, 30. Januar 2008

Wird - wurde - ward geworden

Die Sprachkünstler bei ZDF-Online haben mal wieder ein Meisterwerk abgeliefert. In diesem Sinne: Vor einem viertel Jahr wird bald Advent sein. Oder so...

P.S.: Zu spät- ich habe es dem Bastian Sick schon zugeschickt. Also sucht euch selbst ein Zwiebelfischchen...
P.P.S.: Richtig wäre die Schlagzeile gewesen: »Vor 75 Jahren: Hitler wird Reichskanzler«

Es muss nicht immer Starbucks sein

Wer Gottes Liebe erfahren hat, kann sich mit Gebet, Zeugnis und praktischem Einsatz in seine Umgebung investieren. So trägt er dazu bei, dass Menschen, Umstände und auch gesellschaftliche Bereiche einer Stadt verändert werden. Das schließt solch »ungeistliche« Bereiche wie Cafés ein.
Cafés gelten in Deutschland als Orte des Austausches und der Gemütlichkeit. In Berlin entsteht derzeit auch eine von Christen gestaltete Café-Szene, die stetig wächst und unterschiedliche Gesellschaftsgruppen anspricht. Dort können Menschen mit Mitarbeitern über den Glauben sprechen, wenn sie möchten.

Einige Beispiele: In Pankow gibt es das Kiezcafé »Impuls« des Marburger Kreises, in Mitte das CVJM-Restaurant »mittendrin« und das Stadtteilcafé »Miteinander« der Berliner Stadtmission. Unweit des Kurfürstendammes die missionarisch-diakonische »City-Station«. In den multikulturell geprägten Bezirken Neukölln und Kreuzberg »Luthers Café« als Kirchencafé sowie das »Breakout« als Anlaufpunkt für arabische und türkische Kinder und Jugendliche. Erst letztes Jahr starteten ein Bibliothekscafé und das »Johannes 3,16« in Schöneberg. Ein ähnliches Projekt wie das schon erwähnte Café von Teen Challenge ist vom Verein Neustart am Drogenstrich in der Kurfürstenstraße geplant. Ende Januar eröffnete das »Café Contact« in Zusammenhang mit einem Kinder- und Familienzentrum in Moabit.
(Zitat aus der aktuellen Ausgabe Gebet für Berlin)
Dass und warum und wie das nicht nur in Berlin geht, darüber gibt es beim Transforum demnächst mehr zu hören, zu diskutieren und zu lernen. Noch kann man sich anmelden.

Dienstag, 29. Januar 2008

Leuchtturm 1

Ein Psalm kann ein Leuchtturm sein. Es gibt Zeiten, in denen nichts ist, wie es sein sollte. Im Gegenteil. Die Probleme türmen sich auf, von Tag zu Tag mehr. Enttäuschungen kommen dazu, selbst liebe Menschen tragen zum Schwinden jeglicher Hoffnung bei. Die Orientierung geht verloren, das Leben verliert an Sinn... - da kann ein Leuchtturm helfen, Standort und Kurs wieder zu finden.
Glücklich der Mann, der nicht folgt dem Rat der Gottlosen, den Weg der Sünder nicht betritt und nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern seine Lust hat am Gesetz des Herrn und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht!
Glück gehabt - das klingt sehr nach Zufall, nach Lotterie. Glücklich sein, kann man das irgendwie hinbekommen? Oder hängt das zu sehr von Unwägbarkeiten ab, anderen Menschen womöglich, der wirtschaftlichen Lage, dem Umfeld, in das man geboren wurde?
Vor ein paar Wochen unterhielten wir uns im Hauskreis über das Thema Glück. Einer aus unserer Runde hat längere Zeit in Spanien gearbeitet, dort bot er einem verdienten und fleißigen Angestellten eine Ausweitung der Arbeitszeit an, die auch eine entsprechend höhere Entlohnung mit sich gebracht hätte. Der Spanier lehnte ab: »Dann hätte ich ja keine Zeit mehr, an den Strand zu gehen und mit meiner Familie die Freizeit zu genießen.« Mehr Geld hätte ihn eher unglücklich gemacht. Er arbeitet, um zu leben und lebt nicht, um zu arbeiten.

Der erste Psalm lädt uns ein, glücklich zu sein, indem wir gewisse Entscheidungen treffen. Das heißt nicht, dass uns Reichtum erwarten muss, dass wir keine Probleme mehr haben werden, dass unsere Ehe ohne jeglichen Zwist verlaufen wird...
Hier ist von jenem anderen Glück die Rede. Glücklich sind der Mann und die Frau, die nicht jedem Ratgeber ihr Gehör schenken, nicht jeden Weg ausprobieren und sich Gedanken darüber machen, mit wem sie im Café sitzen möchten. Sie sind glücklich, weil sie etwas besitzen, dem mancher Mensch sein Leben lang vergeblich nachjagt.
Es geht hier gar nicht um Verbote: »Wehe, du setzt dich mit irgendwelchen Zeitgenossen, die ständig was zu maulen oder zu lästern haben, in die Kneipe!« Es geht auch nicht um Vorschriften: »Du musst täglich mindestens eine Stunde das Gesetz Gottes studieren, sonst geht es dir ganz schlecht.«
Psalm 1 ist vielmehr eine Einladung, etwas auszuprobieren: Versuche einmal, darauf zu achten, von wem du dich beeinflussen lässt und wo du dich nach gutem Rat umsiehst. Das Ergebnis wird sein, dass du glücklich bist.
Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und dessen Laub nicht verwelkt; alles was er tut, gelingt ihm.
Beim Jogging auf unserer Lieblingsstrecke, dem ehemaligen Todesstreifen um Berlin, kann ich beide Varianten betrachten: Die Bäume, die an einem Wasserlauf stehen und die Bäume, die davon abhängig sind, dass und ob es regnet. Im Sommer, nach einer längeren Hitzewelle, ist der Unterschied sehr deutlich, aber auch zu anderen Jahreszeiten sind die einen deutlich kräftiger und gesünder als die anderen. Es macht sich bezahlt, die Wurzeln dort in die Erde zu senken, wo Wasser zu finden ist.
Nicht so die Gottlosen; sondern sie sind wie Spreu, die der Wind verweht. Darum bestehen Gottlose nicht im Gericht, noch Sünder in der Gemeinde der Gerechten.
Wenn in der Bibel »darum« steht, ist es nie verkehrt, sich die Sätze und Worte davor anzuschauen. Auch hier lohnt sich der Blick: Es hat einen Grund, dass der eine im Gericht - in schwierigen Zeiten, bei außerordentlichen Herausforderungen - aufrecht bleibt und der andere stürzt. Wenn die Wurzeln einen Baum mit Nahrung versorgen können weil genügend Wasser zur Verfügung steht, wird das Gewächs widerstandsfähig. Es mag ein Ast abbrechen, womöglich werden auch gesunde Blätter vom Sturm abgerissen, aber der Baum steht und erholt sich nach dem Unwetter zügig. Eine ausgetrocknete Pflanze dagegen geht schon ohne Wind an Entkräftung zugrunde, wieviel mehr wird sie einem Sturm zum Opfer fallen.
Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten; aber der Gottlosen Weg vergeht.
Auch bei einem »denn« in der Bibel ist Aufmerksamkeit nicht schädlich. Es weist immer auf einen Zusammenhang hin.
Den »Weg der Gerechten« kennt der Herr deshalb, weil er ihn selbst empfohlen hat. Da hat jemand eben nicht dem »Rat der Gottlosen« vertraut und sich vom »Weg der Sünder« ferngehalten, sich durch das Gelächter aus dem »Kreis der Spötter« nicht beirren lassen. Statt dessen hat er sich angeschaut, was Gott für gut und richtig hält und danach seine Schritte ausgerichtet.
Das Resultat: Er ist da, wo sein Herr ist. Er befindet sich auf einem Weg, der zum Ziel führt. Durch Stürme zwar, über Höhen und durch Tiefen, mitunter in der Dunkelheit und gelegentlich in der Sonnenglut, aber nie von Gott verlassen.
Jener andere Pfad, der auf der Wegweisung derer beruht, die selbst keine Wurzeln am Wasser haben, vergeht. Er endet einfach irgendwo im Nichts. Er mag leichter ausgesehen haben, womöglich auch leichter beschritten worden sein, aber wenn es darauf ankommt, an ein Ziel zu gelangen, dann taugt er nichts.

Das allerdings stellt man erst fest, wenn man ihn beschritten hat. Wie gut, wenn man das dann als Chance begreift, durch Buße und Umkehr den Reset-Knopf zu drücken. Gottes Gnade macht das möglich, solange wir leben.

Montag, 28. Januar 2008

Robert Löhr: Das Erlkönig-Manöver

»Schlag mir ein paar Eier in die Pfanne und Speck dazu. Ich bin hungriger als Schwager Kronos. - Wo ist mein Sohn?«
»August ist im Garten und baut einen Mann aus Schnee.«
»Schick ihn zu Schillern. Er soll augenblicklich kommen, und wenn ihn darob die Inspiration verlässt!«
»Die Inspiration für einen Schneemann?«
»Nicht doch August, du Schaf! Ich rede von Schillern.«
»Das Erlkönig-Manöver« mit dem Untertitel »Historischer Roman« ist ein verschmitztes Stück erstklassiger Literatur. Die Handlung ist so hanebüchen, dass schon die Idee an und für sich Vergnügen verheißt: Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Achim von Arnim, Bettine Brentano, Heinrich von Kleist und Alexander von Humboldt brechen im Februar 1805 auf, um einen prominenten Gefangenen aus dem Kerker im französisch besetzten Mainz zu befreien. Nun kann man eine solche famose Idee natürlich so oder so umsetzen...
Robert Löhr, der Autor dieser haarsträubenden Geschichte, erweist sich glücklicherweise als Meister der Sprache, dem es souverän gelingt, sprachliche Wendungen und Eigenheiten aus der Zeit um 1800 mit Zitaten aus den Werken der Helden seiner Erzählung zu einem so vergnüglichen, fesselnden und immer wieder mit unerwarteten Wendungen in der Handlung überraschenden Buch zu verweben, wie ich selten eins gelesen habe. Es wäre fatal für potentielle Leser, hier nun die Handlung zu umreißen - ich möchte niemanden um die Spannung bringen, die ihn erwartet, wenn er sich der Reisegruppe anschließt und mit ihr durch dick und dünn, Gefechte und Gelage, Erotisches und Idiotisches geht. Nur so viel: Meist geschieht keineswegs das, was der Leser erwarten (oder befürchten) würde...
Vor allem die Dialoge (mit Stückzitaten versetzt und von aberwitzigem Pathos durchzogen) sind es, die mir ob meines Kicherns während der Lektüre einige amüsiert-irritierte Blicke von der besten aller Ehefrauen (die in Ruhe ein wohl weniger mit Humor gewürztes Buch lesen wollte) eingebracht haben.
Die beiden liefen hinunter bis zum Fluss, aber Schiller setzte keinen Fuß aufs Eis.
»Tod und Verdammnis!«, schimpfte er. »Die Ilm.«
»Wohlan, überqueren wir sie.«
»Von Herzen Dank, aber ich übergebe mich lieber dem Lumpenpack als den Fischen.«
»Es ist Februar. Gehen Sie nur, das Eis wird uns tragen.«
»Ihr Wort darauf?«
»Gehen Sie nur, ich gebe Ihnen mein Wort«, erwiderte Goethe.
»Der Himmel bewahre mich vor Ihrer Narrheit. - Alter vor Schönheit.«
Ohne zu zögern, setzte Goethe seinen Stiefel aufs Eis, und wiewohl es hohl unter seiner Sohle knackte, hielt die verschneite Eisfläche seinem Gewicht stand. Schiller säumte bis zuletzt, aber als die Jäger auf keine zehn Schritte herangekommen waren, folgte er Goethe.
...
Er zeterte wie ein Besenbinder, bis ihn Goethe vom Eise befreit hatte.
»Sie gaben mir Ihr Ehrenwort, dass ich nicht einbreche!«
»Ich habe mich offensichtlich geirrt. Aber wir sind in Sicherheit.«
Nach 360 Seiten herrlichen Lesevergnügens habe ich das Buch zufrieden schmunzelnd aus der Hand gelegt. Robert Löhr hat mich auf keiner einzigen Seite gelangweilt, und ich freue mich auf hoffentlich viele weitere Bücher von diesem Autor.
Nebenbei habe ich gelernt, wie ich als Autor angemessen mit Kritikern umzugehen habe. Goethe erklärt Kleist, dass er dessen Lustspiel »Der zerbrochene Krug« nicht zu inszenieren gedenkt. Und daraufhin:
»Sie wollen ihn am Weimarer Theater nicht geben?«
»Eher nicht. Es tut mir leid, aber der erste Undank ist besser als der letzte, nicht wahr?«
»Nur wird dieser erste auch ihr letzter sein«, sagte Kleist und spannte den Hahn.
»Du willst ihn doch nicht ermorden?«, fragte Schiller.
»In der Tat, das bin ich sehr gesonnen.«
Goethe schüttelte verständnislos den Kopf. »Heinrich, mir graut's vor dir.«
»Die Welt hat nicht Raum genug für mich und Sie«, sagte Kleist, und warf die zweite Waffe Goethe in den Schoß. Der Griff war rot vom Blut des Kaninchens. »Da, nehmen Sie diese Pistole.«
»Weshalb?«
»Wir klären im Duell, wer von uns beiden nicht länger verdient, auf dieser Erde Rund zu wandeln.«
»Sie sind gefühlsverwirrt.«
»Nehmen Sie diese Pistole, sag ich!«
»Herrje, nun seien Sie doch nicht so tassohaft-sensibel, wenn man Ihre Argumente nicht gelten lässt.«
»Soll ich's Ihnen zehnmal und wieder zehnmal wiederkauen? Nehmen Sie die Pistole, Sie Brandstifter!«
»Wenn ich ein Leid habe, mache ich ein Gedicht daraus. Sackerlot, wenn ich auf jeden schösse, der mich kritisiert, Weimar hätte bald keine Bürger mehr.«
Ein weiteres Mal hob Kleist die Pistole an, so dass Goethe direkt in den Lauf sehen konnte.
Nun stellt sich mir die Frage: Woher bekomme ich eine Pistole? Nein, zwei Pistolen, denn wie Kleist möchte ich ja potentiellen Kritikern meiner Werke durchaus Gelegenheit geben, sich im fairen Duell zu verteidigen...

Mein Fazit: Unbedingt lesen! Ein intelligentes, spannendes und dabei noch so amüsantes Buch darf sich kein Freund der Literatur entgehen lassen.