Dienstag, 28. April 2009

Ungewohnter Ansturm

Einige treue Besucher haben am Montag langsame Ladezeiten auf meinem Blog beobachtet und berichtet; manche mussten sogar einen zweiten Versuch unternehmen, um hier anzukommen. Das lag an einem internationalen Ansturm, ausgelöst dadurch, dass Expecting Rain meine Zeilen über das neue Album von Herrn Robert Zimmermann, a.k.a. Jack Frost, a.k.a. Bob Dylan auf der Startseite verlinkt hatte - von dort fand der Link ziemlich schnell den Weg in die mir nicht geläufige Twitter-Welt, irgend etwas von wegen Tiny URL und so weiter habe ich zur Kenntnis genommen. Wie auch immer - damit brachen die Scharen herein.


Das Ergebnis waren in Spitzenmomenten bis zu 20 Zugriffe pro Minute auf meinen Blog, zusätzlich zu den »normalen« Besucherzahlen.


Ich bedauere die somit wohl unvermeidliche Verlangsamung beim Zugriff für einige Besucher, kann aber nicht guten Gewissens sagen, dass mich das Interesse an meinem Beitrag nicht freuen würde.

Montag, 27. April 2009

Bob Dylan: Together Through Life

1. »Beyond Here Lies Nothin’«
»Oh well I love you pretty baby, you’re the only love I’ve ever known. Just as long as you stay with me the whole world is my throne. Beyond here lies nothing, nothing we can call our own.« Der erste Song signalisiert, was den Hörer erwartet: Rumba-Blues Rhythmus, Akkordeon, Akustikgitarre, Trompeten und Tony Garniers unvergleichliches Bass-Fundament, als wäre man Gast in einer Bar, draußen sinkt die Sonne gen Horizont, drinnen sitzt man mit Freunden am Tisch, ein Glas Rotwein in der Hand, und hört einer Band zu, die auf einer zusammengezimmerten Bühne voller Hingabe und Begeisterung ihre Lieder spielt. Handgemachte Musik. Mit Freude gespielte Musik. Funken, die auf das Publikum überspringen. Gute Laune, die sich ausbreitet und die Musiker noch weiter anspornt. Entspannung. Ungehobelte Spielfreude, die Band spielt für das Trinkgeld und gelegentlich eine Runde Getränke, weil sie eben mit Herz und Seele Musiker sind. Damit ist auch klar, was das Album nicht ist: Wir hören keine Fortsetzung von »Love & Theft« und »Modern Times«, sondern das, was Bob Dylan in einem Interview kürzlich angekündigt hat, stimmt tatsächlich. »I think we milked it all we could on that last record and then some. We squeezed the cow dry. All the Modern Times songs were written and performed in the widest range possible so they had a little bit of everything. These new songs have more of a romantic edge.« Stimmt genau. »Beyond Here Lies Nothin’« ist ein beschwingter Auftakt zu einem faszinierenden und ganz und gar anderen Album. Der Text: Hier!

2. »Life Is Hard«
Es folgt eine Ballade in Moll: Man erschrickt beinahe, weil Dylan, der in den letzten Jahren meist eher bellen und knurren mochte, eine richtige ausgefeilte Melodie anstimmt: »The Sun is sinking low, I guess it’s time to go. I feel a chilly breeze in place of memories. My dreams are locked and barred, admitting life is hard without you near me.« Mancher mag bei einem Titel namens »Life Is Hard« eine sozialkritische Abrechnung mit den Ungerechtigkeiten des Lebens erwartet haben, eine Art »Workingman Blues #3«, statt dessen geht es um die verlorene Liebe. Ein vertrackter Rhythmus zwingt zum genauen Hinhören. Das Jazz-Schlagzeug scheint ein anderes Lied zu begleiten als der Sänger singt. Betörend. Bezaubernd. Der Text: Hier!

3. »My Wife’s Home Town«
Ironie war schon immer eine der Stärken Bob Dylans. Dieser rollende Blues zeigt, dass er nach wie vor ein Meister der spitzen Worte ist. »She can make you steal, make you rob, give you the hives, make you lose your tongue. Can make things bad, she can make things worse. She got stuff more potent than a gypsie curse«. Das könnte – könnte! – eine Abrechnung mit einer ganz ganz bösen Frau sein. Ist es aber nicht: »There ain’t no way to put me down, I just wanna say that Hell’s my wife’s home town«. Die Frau ist offenbar eine ganz ganz liebe Person, nur die Nachbarn, Verwandten und Bekannten zu Hause… Am Ende des Liedes geschieht Unerhörtes: Bob Dylan lacht schadenfroh. Einen lachenden Bob Dylan hat es meines Wissens noch auf keinem Album gegeben…Der Text: Hier!

4. »If You Ever Go to Houston«
Die Band auf der Bühne in unserer gemütlichen Bar hat eine frische Runde Bier oder Wein bekommen. Die Stimmung wird geradezu heiter. Der Sänger ist ganz offensichtlich bester Laune. »If you ever go to Hooooooouston…« Doch Vorsicht: Der fröhliche Schein trügt. »You better watch out for the man with the shining star, better know where you are going or stay where you are. I know these streets, I’ve been here before. I nearly got killed here during the Mexican War«. Vermutlich kann es in Houston ganz schön ungemütlich werden. Daher wohl auch der Rat an Nancy, »the other sister«: »Pray the sinner's prayer!« In einem Interview wurde Bob Dylan gefragt: »What's the Sinner's Prayer?« Merkwürdige Frage. Auch in Amerika scheinen die grundlegenden Kenntnisse der Bibel zu schrumpfen. Bob Dylan erklärte: »That's the one that begins with Father forgive me for I have sinned.« Doch das nur am Rande. Erneut staunt man: Bob Dylan kann richtig singen. Töne halten, Melodien variieren, Klangfarben modulieren. Der Text: Hier!

5. »Forgetful Heart«
Dieses Lied hat mich spontan an »Heart of Mine« erinnert - allerdings ist es lange nicht so gut. Wenn »Together Through Life« einen schwachen Beitrag enthält, dann ist es für mich diese etwas lustlos wirkende Ballade. Eine Art Lückenfüller, weil einige Gäste in unserer Bar gerade aufs Klo verschwunden oder zum Rauchen vor die Tür gegangen sind. »Forgetful Heart« ist nett, aber mehr auch nicht. Ich gehe auch mal eben raus, eine rauchen. Man hört die Klänge ja trotzdem durch die offene Schwingtür zur Bar. Der Text: Hier!

6. »Jolene«
Nun ist die Band auf der hölzernen Bühne wieder hellwach und begeistert bei der Sache. Also schnell zurück zum Tisch, das will ich nicht verpassen! Unwillkürlich singt man das Gitarrenmotiv nach jedem fröhlich gesungenen »Jolene« mit: »Da da da da dee doo doo.« Es fällt schwer, nicht zu lächeln, und warum sollte man auch bärbeißig dreinschauen? Ein vergnügtes Liebeslied im Blues-Schema. »Baby I am the king and you're the queen, Jolene«. Der Text: Hier!

7. »This Dream of You«
»Romance In Durango« von 1976 war so ein melancholisch-verträumtes Lied. Auch »Nettie Moore« schlug diese Richtung ein. Geige, Akkordeon und der akustische Bass bilden das Gerüst für »This Dream of You«, an dem der Traum sich emporranken darf. »There is a moment where all things become new again, but that moment might have come and gone. All I have and all I know is this dream of you that keeps me moving on«. Mancher in unserer Bar hat feuchte Augen, denn wer hätte solche Momente nicht im eigenen Leben zu spüren bekommen? Der Text: Hier!

8. »Shake Shake Mama«
Bevor jedoch die Stimmung zu sentimental werden könnte, folgt nun ein Lied von der Art, die Bob Dylan für seine Theme Time Radio Hour so gerne aus dem Archiv gefischt hat: Eine alte 45er Single, meinetwegen aus den 50er Jahren, von einem Blues-Musiker, der heute längst vergessen ist. Aber seine Musik wirkt noch immer. »Shake shake Mama, shake like a ship going out to sea. I get the blues for you baby, when I look up at the sun. Come back here, we can have some real fun. Shake shake Mama, shake until the break of day. I’m right here baby. I’m not that far away«. Kein tiefgründig-philosophischer Text, keine Mystizismen, einfach nur gute-Laune-Rock’n’Roll. Gut, dass der Kellner gerade Wein nachschenkt. Zum Wohl, jawohl! Der Text: Hier!

9. »I Feel a Change Comin’ On«
»What’s the use in dreaming, you got better things to do. Dreams never did work for me anyway, even when they are getting true«. Es ist ja wirklich so eine Sache mit den erfüllten Träumen. Man freut sich natürlich, aber die Sehnsucht, das Warten, das Hoffen, die Vorfreude fehlen plötzlich. Ein neuer Traum wird gesucht. Und womöglich findet man keinen mehr? Wenn es auf diesem Album einen Song gibt, der an die vorigen CDs anknüpft, dann wohl dieser. »I feel a change comin’ on, and the fourth part of the day is already gone«. Das erinnert an »If it keeps on raining, the levee’s gonna break, some people say this is the day only the Lord can make.« Oder an »Thunder on the mountain, for the love of God, you ought to have pity on yourselves!« Aber – und das ist erfreulich: Es bleibt bei der eher heiter-melancholischen Stimmung in unserer Bar. Das Lied ist alles andere als drohend oder depressiv. Es stimmt gar hoffnungsvoll und zuversichtlich, denn letztendlich ist dies ein Album mit Liebesliedern – »die Liebe höret nimmer auf«, meinte Paulus, der Apostel einst. Und so gilt auch bei dieser Ballade, was Bob Dylan schon seinerzeit in »I and I« sang: »The world could come to an end tonight, but that’s alright. She should still be there sleeping, when I get back.« Der Text: Hier!

10. »It’s All Good«
Der letzte Song ist dann Ironie oder gar Sarkasmus in Vollendung. Wie in »Everything Is Broken« von 1989 zählt Bob Dylan auf, was alles schief läuft, im Argen liegt, nicht in Ordnung ist. Aber, anders als 1989, kommentiert er jeweils mit einem trockenen »It’s all good«. Schön bitterböse, so richtig bitterböse, dieses Lied. »Wives leaving their husbands, big politicians telling lies, the restaurant kitchen is full of flies, brick by brick they tear you down, a teacup of water is enough to drown, you ought to know: if they could they would…«, jawohl so geht es zu heute in unserer Welt, aber: »Whatever goes down, it’s all good«. Da heben wir in der Bar zu den letzten Klängen die Gläser und prosten den verschmitzt grinsenden Musikanten zu. Der Abend geht zu Ende, wir müssen wieder hinaus in die ruppige Welt, aber wir haben eine wunderschöne Zeit zusammen genossen. »It’s All Good.« Der Text: Hier!

Dieses Album hat einen ganz besonderen Zauber. Es klingt alles wie ein spontaner Mitschnitt, einschließlich gelegentlicher kleiner Fehler an den Instrumenten, unverfälscht, nicht nachbearbeitet, sondern authentisch und direkt. Das Ganze allerdings auf dem klangtechnischen Niveau von heute. Eben wirklich so, als wäre man Gast in einer Bar, draußen sinkt die Sonne gen Horizont, drinnen sitzt man mit Freunden am Tisch, ein Glas Rotwein in der Hand, und hört einer Band zu, die auf einer zusammengezimmerten Bühne voller Hingabe und Begeisterung ihre Lieder spielt.

Zu finden ist die CD zum Beispiel hier bei Amazon: Together Through Life


P.S.: Das Interview, aus dem ich zitiert habe, endet mit der Frage: »A lot of performers give God credit for their music. How do you suppose God feels about that?«
Bob Dylan: »I’m not the one to ask. It sounds like people just giving credit where credit is due.«
Hier gibt es eine von Croz zusammengestellte PDF-Version des kompletten Gesprächs (16 Seiten): Flanagan talks with Dylan

Sonntag, 26. April 2009

US-Car-Mechaniker in Berlin?

Fragen kostet ja nichts. Also frage ich: Kennt zufällig jemand unter meinen Blogbesuchern eine zuverlässige und ehrliche Werkstatt oder einen nicht weniger zuverlässigen und ehrlichen (Hobby-)Mechaniker, der sich mit US-Cars auskennt? Nicht irgendwo, sondern in Berlin!

Dieses Automobil müsste mal durchgesehen werden:

Es handelt sich um einen Chevrolet Cavalier Baujahr 1987, und er hat gewisse wiederkehrende Bauchschmerzen...

Für Hinweise und Kontakte, die zum Erfolg - Heilbehandlung - führen, wird eine Belohnung ausgesetzt: Eins von meinen Büchern nach freier Auswahl.

Samstag, 25. April 2009

Berliner Farbenspiele

Dass Berlin ziemlich bunt ist, hat sich ja herumgesprochen. In den letzten Wochen erblühte vielerorts eine ungewohnte politische Farbenpracht. Rot neben oder gegen Tiefrot, Grün mischt sich mit Schwarz, Gelb-blau hat rosa Tupfen, Berlinrot streitet versus Bundesrot. Und was noch alles.

Die Rede ist von der Aufregung um einen Volksentscheid. Die Wahlberechtigten dürfen am Sonntag darüber abstimmen, ob die Schüler künftig zwischen Ethik- und Religionsunterricht wählen oder ob es beim Pflichtfach Ethik und Religion als freiwilligem Untertrichtsangebot bleibt. Berlin ist neben Bremen und Brandenburg das einzige Bundesland, in dem Religion bisher ein freiwilliges Fach ist. 2006 setzte der Senat durch, dass das neue Fach Ethik als Pflichtfach eingeführt wurde. Damit begann der Streit.

Aufgefallen ist mir im Straßenbild, dass die meisten Plakate der Pro Reli-Aktion beschmiert, zerstört, beschädigt wurden. Die Plakate derjenigen, die sich gegen die Gleichberechtigung der Fächer aussprechen, blieben unbeschädigt. Kann man daraus eigentlich Schlüsse auf Fairness und Toleranz der jeweiligen Seiten in der Auseinandersetzung ziehen?

Diejenigen, um die es eigentlich geht, sind ganz verschiedener Meinung. Ein Schüler der 12. Klasse meinte laut Berliner Morgenpost:
»Wenn Schüler jedes Jahr die Gelegenheit bekommen, neu zwischen Ethik und Religion zu wählen und so unverbindlich verschiedene Religionen und humanistische Wertevorstellungen kennenzulernen, hilft das auf der Suche nach dem eigenen Weg. Außerdem ist es in unserer bunten, multikulturellen Stadt wichtig, den anderen zu verstehen und auch seine Wertegrundlagen kennenzulernen. Mit einem Zwangsfach Ethik ist das kaum möglich.« (Quelle)
Der Schüler mag recht haben, wenngleich ich mir kaum vorstellen kann, dass jemand wegen des Religionsunterrichtes Moslem, Christ oder Humanist wird - den »eigenen Weg« wird wohl jeder anderweitig finden oder gefunden haben.

Gegen Religion als Pflichtfacht äußert sich eine 15jährige laut Bericht im Tagesspiegel:
Schülerin Dilek Sahan findet, dass Religion Privatsache sei. Die Muslimin besucht die 9. Klasse: Die meisten Schüler sind muslimisch. „Hätten wir Religion, gäbe es so viele Diskussionen. Einer ist sunnitisch, einer schiitisch.“ Deshalb sollten die, die wollen, in der Freizeit Religion lernen, wünscht sich Dilek. (Quelle)
Dem könnte man entgegnen: Immerhin schadet es ja nichts, ergänzend zum Elternhaus zu lernen, was »die anderen« glauben oder nicht glauben. Ob nun Sunniten und Schiiten oder Juden und Christen oder Katholiken und Protestanten.

So sehen das wohl auch die meisten Unterstützer von Pro Reli, darunter die Jüdische Gemeinde und der Zentralrat der Muslime, die großen und viele kleine christliche Kirchen, andere Religionsgemeinschaften sowie CDU und FDP; aber auch SPD-Spitzenpolitiker auf Bundesebene wie Kanzlerkandidat und Außenminister Frank-Walter Steinmeier oder Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse. Auch etliche Prominente haben sich auf den Plakaten ablichten lassen, darunter Ehefrauen von Hertha-Fußballprofis und Herr Jauch. Genau. Der aus dem Fernsehen. Er sagt laut Plakat: »In Berlin geht es um die Freiheit - Sagen Sie nicht, Sie hätten nicht die Wahl gehabt.«

Andere äußern Angst vor Fundamentalismus durch Religionsunterricht, befürchten Freiheitsverluste durch eine freie Wahl der Schüler oder rufen einfach zum »Nein« auf, weil sie zum Senat gehören oder mit ihm sympathisieren. Auch einige atheistische, türkische und kleinere religiöse Gruppen haben sich mit unterschiedlichen Argumentationen den Gegnern von Pro Reli angeschlossen, darunter die Deutsche Buddhistische Union und das Kulturzentrum Anatolischer Aleviten. Das Motto von Pro Ethik ist so absurd und jenseits jedes Demokratiegedankens, dass es sicher Sprachgeschichte machen wird: »Nein zum Wahlzwang!« Es wäre ja schlimm, wenn freie Bügerin einem freien Land gezwungen würden, eine Wahl zu treffen...

Ich bin gespannt, ob am Sonntag das Volk die Abstimmung ignorieren, der amtierenden Berliner Regierung einen Freipass ausstellen oder eine rote Karte zeigen wird. Immerhin, und das ist unabhängig vom Ausgang eine gute Sache, ist eine Diskussion über den Zusammenhang von Wertevermittlung und gesellschaftlicher Entwicklung in Gang gekommen. Und das kann ja nie schaden, solange es ein Gespräch bleibt und nicht zur gegenseitigen Verunglimpfung ausartet, was allerdings zur Zeit in Berlin ebenfalls zu beobachten ist.

Hier einige interessante Beiträge zur Diskussion:
P.S.: Falls es für meine Leser von Interesse sein sollte: Ich werde, nicht ohne Bedenken allerdings, mit »Ja« abstimmen.

Freitag, 24. April 2009

YESSSSS! Got It!


15:30 Uhr. Freitag. Jawohlja!

Ehre, wem Ehre gebürt...

...aber hier muss ich doch widersprechen: Wenn man bei Weltbild.de nach Günter J. Matthia sucht, erscheint zwar folgerichtig »Unsere Besten« als Kategorie, aber diese DVDs, die dann angeboten werden, habe ich weder produziert, noch stammen die literarischen Vorlagen von mir.


Etwas wunderlich, diese Software vom Weltbild Verlag. Oder liegt es daran, dass EDV für Ende der Vernunft steht?

Die wirklich guten Bücher aus der Kategorie »Unsere Besten« findet man nach wie vor schön übersichtlich hier: Bücher aus meiner Feder

Zitat der Woche

Man soll Gott für alles danken,
besonders für die Franken!

Kerstin Hack kürzlich in einer E-Mail an meine Wenigkeit.

P.S.: Frankenflagge von Wikipedia
P.P.S.: Ich bin kein Franke.
P.P.P.S.: Wo steht das Zitat eigentlich? In den Psalmen?

Donnerstag, 23. April 2009

Gestern im Hauskreis...

...diskutierten wir lange unter anderem über die Frage, ob alle Gläubigen die gleiche Berufung (Missionsbefehl) haben oder ob der eine diese und die andere jene Begabung (und damit auch Berufung) hat.

Ich neige der Meinung zu, dass beide hier abgebildete Christen ihrer Berufung völlig gerecht geworden sein können, und dass es für beide keinen Grund gibt, sich besser / vollkommener / schlechter / heiliger / wertvoller / geliebter / unwichtiger zu fühlen.

Bild von johnbirch. (Links: »Ich habe in der Dritten Welt und Kriegsgebieten gearbeitet, den Verwundeten und Armen gedient.« Rechts: »Ich war das ganze Leben lang Kassiererin im Supermarkt.«)

Mittwoch, 22. April 2009

Warum Fehmarn eine Brücke zum Festland hat

Ich ging vor etlichen Jahren, als man nur mit dem Schiff vom Festland hinüber konnte, am Strand der Insel Fehmarn spazieren und stieß mit meinem Fuß an eine altertümliche Öllampe, die im Sand fast völlig verborgen war. Neugierig buddelte ich sie aus und wischte die Sandkörner von der Oberfläche. Plötzlich gab es ein kaum zu beschreibendes Geräusch, so etwas wie den Klang, den man hört, wenn man eine Mineralwasserflasche öffnet, nur irgendwie umgekehrt. Im selben Augenblick stand ein Flaschengeist vor mir. Ich erkannte ihn als solchen, da er einer Abbildung in einem Märchenbuch aus Kindheitstagen glich.
»Wahnsinn!«, rief ich, »ein Flaschengeist! Du musst mir drei Wünsche erfüllen, richtig?«
Er antwortete: »Nee, tut mir leid, wir haben Sparmaßnahmen eingeleitet. Nur zwei Wünsche kann ich erfüllen, also überlege gut, was du möchtest.«
»Nun gut. Also nur zwei Wünsche. Ich wünsche mir eine Million Mark.«
Der Flaschengeist sah auf seine Armbanduhr und sagte: »Es ist 19:40 Uhr, in ein paar Minuten werden die Lottozahlen gezogen. Wenn du im Hotel bist, schalte den Fernseher ein und vergleiche die Auslosung mit dem Lottoschein, der in deiner Tasche steckt.«
»Kann ich mich darauf verlassen?«
»Ich bin ein Flaschengeist. Wir lügen nie.«
Nun war ich also ein gemachter Mann, finanziell gesehen zumindest. Eine Frau zu finden, mit der ich mich wirklich verstand und rundum glücklich werden konnte, würde nun nicht schwer fallen, obwohl mir das seit Jahren nicht gelungen war. Ich glaubte dem sympatischen Kerl jedenfalls den Lottogewinn und bedankte mich sehr herzlich und überschwänglich.
Er unterbrach meinen Redefluss: »Ich will nicht drängeln, aber was wäre dein zweiter Wunsch?«
Ich überlegte nicht lange. Ich liebte Fehmarn, wohnte aber in Kiel. Mir wurde bei der Überfahrt auf die Insel immer schlecht, so windstill es auch sein mochte. Daher erklärte ich: »Ich komme unheimlich gerne nach Fehmarn, aber ich vertrage es nicht, auf einer Fähre oder einem Boot zu sein. Also wünsche ich mir eine riesige Brücke, die das Festland mit der Insel verbindet.«
Nun wurde der Flaschengeist, der eben noch so freundlich schien, richtig zornig. »Bist du verrückt geworden? Hast du eine Ahnung, wie lange das dauert und wie viel das kostet? Wie viele Umweltschützergruppen und Interessenverbände dafür bestochen werden müssen? Und die Arbeiter, die unter Lebensgefahr über dem Wasser die Teile montieren müssen?«
Verblüfft gab ich zurück: »Wie bitte? Du bist ein Flaschengeist! Du musst nur mit den Armen wedeln und die Brücke erscheint!«
Er seufzte und erklärte mir die Lage so, wie man einem trotzigen kleinen Kind klarmacht, dass es kein weiteres Eis mehr bekommen kann. »Schau, mein menschlicher Freund, lass mich etwas erklären. Es gibt uns Flaschengeister seit Ewigkeiten, nicht wahr? Und ihr Menschen seid bis heute nicht sicher, ob wir wirklich existieren. Warum? Weil wir die Wünsche heimlich erfüllen. Du wirst bemerkt haben, dass ich nicht einfach einen Koffer mit einer Million D-Mark neben dich hingestellt habe, sondern dass ich dafür sorge, dass die richtigen Lottobällchen aus der Glaskugel purzeln. Verstehst du das?«
»Ja, na ja...« murmelte ich etwas dämlich.
»So arbeiten wir eben. Weil es andernfalls - und ich könnte diese riesige Brücke natürlich mit einem Armwedeln erscheinen lassen - überall auf der Welt Fragen auslösen würde. Und so kämen die Menschen dahinter, dass es uns doch wirklich gibt. Sie würden die Strände, Wälder, Keller und was noch alles nach den Öllampen durchbuddeln, in denen wir uns aufhalten. Wir hätten nie wieder friedliche Ruhezeiten.«
»Na gut. Ich verstehe deine Bedenken. Und ich will ja auch kein Ungemach anrichten«, antwortete ich. »Ich ändere meinen zweiten Wunsch.«
»Danke. Vielen Dank. Was hättest du also gerne statt der Brücke?«
»Ich wünsche mir, dass ich endlich... - die Frauen verstehe.«
Der Flaschengeist sah mich mit seinen Bernsteinaugen nachdenklich an, strich sich über den langen Bart und wandte sich dem Wasser zu. Er fing an, mit den Armen zu wedeln und fragte: »Soll die Brücke zweispurig oder vierspurig sein?«

Dienstag, 21. April 2009

Was tun gegen schrumpfende Gemeinden?

Craig Groeschel Craig Groeschel, Seniorpastor der LifeChurch.tv, hat sich kürzlich Gedanken bezüglich der jungen Generation gemacht. Damit meint er die 20-30-jährigen. Er schreibt:

Hier sind einige meiner Beobachtungen beim Betrachten der jungen Generation:

  • Ihre Welt ist kleiner, während ihre Perspektive weiter ist. Durch die Technologie sind die meisten dieser Menschen mit einer globalen Mentalität aufgewachsen. Mein bester Freund wohnte in der Nachbarschaft. Ihr bester Freund kann genausogut jenseits des Ozeans wohnen.
  • Sie haben eine weiter gefasste Definition von »Freundschaft«. Für mich war ein Freund jemand, mit dem ich Zeit verbrachte, dem ich mich anvertraute. Heute kann ein Freund jemand sein, den du noch nie getroffen hast, bevor er auf deinen Facebook-Eintrag geklickt und dich als Freund eingeladen hat.
  • Sie sind experimentierfreudiger. Die meisten Menschen meiner Generation waren darauf aus, Besitz anzuhäufen. Viele junge Menschen sind eher darauf aus, Erfahrungen zu sammeln. Ich lernte fremde Länder durch Schullektüre kennen. Die Mehrzahl der jungen Generation hat die Länder besucht, von denen ich nur gelesen habe.
  • Die meisten jungen Menschen sind unterfordert. Ihnen wurde viel gegeben, ohne dass viel von ihnen verlangt worden wäre. Sie haben wesentlich mehr Potential, als man ihnen meist zutraut.
  • Ihre Welt ist grau. Ich wurde so erzogen, dass es absolute Wahrheit gibt. Viele junge Menschen glauben, dass die Wahrheit relativ sei. »Was für mich Wahrheit ist, muss für dich nicht zutreffen.«
  • Sie suchen nach einem Grund. Sie suchen nach etwas, wofür es sich zu leben lohnt. Wenn sie eine entsprechende Angelegenheit gefunden haben, gehen sie durch dick und dünn, um etwas in dieser Welt zu verändern.

Wenn ich diese Unterschiede zwischen meiner Generation und den jungen Menschen betrachte, sehe ich eine Generation, die bereit ist, Christus und die Kraft seiner Auferstehung kennen zu lernen.

(Quelle: Lifechurch.tv, Übersetzung von mir)

So weit, so gut, könnte man meinen. Wir müssen nur noch das Evangelium predigen. Doch machen gerade viele freikirchliche Gemeinden (allerdings nicht nur diese) die Erfahrung, dass ihre Versammlungen schrumpfen. In den Jugendgruppen und Teeniegottesdiensten tummelt sich fast ausschließlich der »gemeindeinterne« Nachwuchs: Kinder und Teenager aus frommem Elternhaus. Gelegentliche missionarische Ausflüge in Fußgängerzonen oder an Badestrände bringen keine neuen Menschen in die Gemeinden. Womöglich kommt mal jemand aus Neugier, aber er geht auch schnell wieder.
Neulich erzählte jemand aus einer Berliner Gemeinde, wie stark die Jugendgruppe beziehungsweise deren monatliche Abendveranstaltung gewachsen sei. Auf Nachfrage bei einem Mitarbeiter stellte sich heraus, dass das Wachstum beim Event, der den Begriff »Export« im Namen trägt, jedoch durch Zustrom aus frommen Kreisen, nämlich Gemeinden und Kirchen ohne entsprechende Angebote für Jugendliche, zustande kommt. Also eher Import als Export?

Je nach Gemeindementalität versuchen nun manche Pastoren, durch Rezepte von früher oder neue Ideen ihre Gemeinden attraktiver zu machen, damit sich die Reihen zumindest nicht weiter lichten.
Aber wenige scheinen zu verstehen, dass das Problem ganz woanders liegt. Gemeinde in ihrer traditionellen Ausprägung ist für unsere Gesellschaft, jedenfalls für die jüngere Generation, weitgehend uninteressant. Unsere Mitmenschen sehen keinerlei Veranlassung, sich zwei Stunden oder gar noch länger in einem Gottesdienst berieseln zu lassen, bei dem auf der Bühne / Kanzel ein Frontalprogramm abläuft und der eigene Beitrag höchstens im Mitsingen oder Einwerfen von Geld in den Opferbeutel besteht.
Einer Predigt von 60 Minuten Länge zuzuhören ist für junge Erwachsene schlicht und ergreifend nicht mehr möglich. Im Gespräch mit einem Freund, der Lehrer am Gymnasium ist, erfuhr ich kürzlich, dass eine Schulstunde von 45 Minuten etwa so aussieht: Die ersten fünf bis zehn Minuten mindestens dauert es, bis die Mobiltelefone in den Taschen verstaut sind. Dann stellt er das jeweilige Thema vor und beantwortet rund zehn Minuten lang die Frage, warum man sich denn ausgerechnet damit beschäftigen müsse. Anschließend kann er, wenn er etwas referieren muss, mit Aufmerksamkeit rechnen - maximal zehn Minuten. Nach dieser Zeitspanne muss er unterbrechen, abwechseln, irgend etwas Interaktives mit den Schülern tun. Sie etwas tun lassen. Dann kann er vielleicht noch einmal mit zehn Minuten Aufmerksamkeit rechnen, bevor die Schulstunde endet. Nicht, dass die Gymnasiasten nicht interessiert wären, nichts lernen wollten. Sie wollen und möchten, aber 15 Minuten konzentriertes Zuhören überfordert bereits viele.

Das kann man bedauern, darüber lamentieren so viel man will. Es ändert nichts an der Tatsache. Die jungen Erwachsenen sind geprägt von Videocliplänge und Short Message Service, von Film- und Showschnipseln zwischen Werbeblöcken. Ihnen wurde als Kind nicht vorgelesen, sie haben kaum selbst Bücher gelesen, und Spielfilme im Kino sind nur dann interessant, wenn dauernd etwas passiert. Dies ist natürlich verkürzt und sehr pauschaliert ausgedrückt, aber ich meine, dass die Tendenz genau so aussieht.

Heißt das nun, dass wir unsere gemeindlichen Veranstaltungen entsprechend umgestalten müssen? Ich würde empfehlen: Nein. Denn damit würden die eher traditionell geprägten Gläubigen heimatlos. Es wäre vielmehr sinnvoll, zusätzlich zum Althergebrachten neue und ungewohnte Arten von Gemeinde oder Kirche oder Zusammenkünften von Gläubigen zu akzeptieren. Und nicht mehr so sehr auf die eigene kleine Herde zu schielen, die es zu vermehren gilt, sondern zu akzeptieren, dass sie nur ein kleiner Teil des gesamten Spektrums an Glaube und Frömmigkeitsstilen ist. Und dass sie nach und nach womöglich überflüssig wird, weil die Menschen, die sich in solchen Strukturen wohl fühlen, aussterben.

Unsere Gesellschaft hat sich verändert, daher wird und muss es veränderte Formen von Gemeinde und Glaubensleben geben.

Mehr von Craig Groeschel und meine Gedanken dazu in den nächsten Tagen.