Freitag, 25. Dezember 2009

Gastbeitrag Dietrich Bonhoeffer: Weihnachtsbrief aus dem Gefängnis an die Eltern

Es bleibt mir wohl nichts übrig, als Euch für alle Fälle schon einen Weihnachtsbrief zu schreiben. Ich brauche Euch nicht zu sagen, wie groß meine Sehnsucht nach Freiheit und nach Euch allen ist. Aber Ihr habt uns durch Jahrzehnte hindurch so unvergleichlich schöne Weihnachten bereitet, dass die dankbare Erinnerung daran stark genug ist, um auch ein dunkleres Weihnachten zu überstrahlen.

In solcher Zeit erweist es sich eigentlich erst, was es bedeutet, eine Vergangenheit und ein inneres Erbe zu besitzen, das von dem Wandel der Zeiten und Zufälle unabhängig ist. Das Bewusstsein von einer geistigen Überlieferung, die durch die Jahrhunderte reicht, getragen zu sein, gibt einem das sichere Gefühl der Geborgenheit.
Vom Christlichen her gesehen kann ein Weihnachten in der Gefängniszelle ja kein besonderes Problem sein. Wahrscheinlich wird in diesem Hause hier von vielen ein sinnvolleres und echteres Weihnachten gefeiert werden als dort, wo man nur noch den Namen dieses Festes hat.

Dass Elend, Leid, Armut, Einsamkeit, Hilflosigkeit und Schuld vor den Augen Gottes etwas ganz anderes bedeuten als im Urteil der Menschen, dass Christus im Stall geboren wurde, weil er sonst keinen Raum in der Herberge fand, - das begreift ein Gefangener besser als ein anderer, und das ist für ihn eine wirklich frohe Botschaft.

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Vom Niveau und von Badewannen

PC220533 Die Fortsetzung der gestrigen /vorgestrigen Geschehnisse gestaltete sich wie folgt. Als wir etwa eine Stunde vor der vereinbarten Zeit bei der kleinen Werkstatt ankamen, strahlte uns der Mechaniker oder Meister an: »Es hat alles gepasst, ich will nur noch schnell eine Probefahrt machen.« Allerdings war der gute Mann etwas ratlos, warum das Auto über Nacht erheblich an Bodenfreiheit verloren haben könnte. Ich wusste Rat und legte den Schalter im Kofferraum um, der konstantes Niveau ein- und ausschaltet, den hatte ich nämlich (ich lese Gebrauchsanweisungen, auch von Automobilen) vor dem Anheben des Fahrzeuges entsprechend betätigt.

Brav wie er ist, unser Windstar, hob er sich sogleich wieder in die Höhe und die Probefahrt des Meisters oder Mechanikers  konnte erfolgen. Der gute Mann war anschließend restlos begeistert von unserem Fahrzeug, er meinte: »So etwas hätte ich auch gerne mal…« Uns blieb dann noch zu tanken, in die Waschanlage hinein und sauber wieder herauszufahren und schließlich zu bezahlen.

Wir waren dann um 12 Uhr wieder auf dem Weg nach Berlin, und siehe da: Die Autobahnen waren trocken, meist nicht allzu voll und so konnten wir noch vor 17 Uhr zu Hause erleichtert sagen: »Geschafft.« Zu Hause haben wir zwar keine so große Badewanne wie das Hotel in der NRW-Provinz (siehe Foto), aber wie sagt doch der Volksmund so richtig: Home sweet Home. Und nun kann Weihnachten kommen.

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Metall auf Metall

Aus gegebenem Anlass sind wir gestern trotz Wind und Wetter quer durch mehrere Bundesländer gefahren und sogar, abgesehen von Brandenburg und Sachsen-Anhalt, auf gut befahrbaren, weil von Schnee und Eis gereinigten Autobahnen. Niedersachsen hat übrigens fast durchgehend irgend einen magischen Fußbodenbelag auf der Autobahn, der trotz Regen und Schnee so gut wie trocken ist. Somit wirbeln die Reifen kein Wasser in die Luft und das Fahren wird zur reinen Freude für klein und groß Danke, Niedersachsen!

Allerdings trübte die Freude auch vor und nach Niedersachsen ein unangenehmes, grummelndes, irgendwie Unheil verheißendes Geräusch beim Bremsen. Das war in den letzten Wochen gelegentlich zu hören, aber es verschwand wieder. Nun jedoch war es so laut und so penetrant, dass ich den Verdacht hatte, links vorne sei kein Bremsbelag vorhanden, sondern Metall schleife beim Bremsen auf Metall.

Das Hotel, das wir gebucht hatten, hatte eine Überbuchung erfahren. Man hatte uns per E-Mail darüber informiert, dass wir in einem anderen Hotel untergebracht würden, aber wer liest schon E-Mails gründlich? Wir landeten aösp zunächst an der falschen Rezeption, von dort wurden wir zum Ausweichhotel geschickt. Auf dem Weg kamen wir an einer Tankstelle mit kleiner Werkstatt und dem Schild KFZ-Service vorbei. Der Gedanke, zumindest zu fragen, ob jemand mal nach der Bremse vorne links schauen könne, war sofort da, und nachdem wir das Gepäck abgeladen hatten spazierten wir zur Tankstelle und fragten das Nämliche.

Die Freundlichkeit der Menschen in einer Kleinstadt bewies sich sogleich. Der Mechaniker oder Meister oder was er auch sein mag schickte mich das Auto holen, obwohl er nicht sicher war, dass seine Hebebühne es mit einem Ford Windstar würde aufnehmen können. Man sei eher auf Klein- und Mittelklassewagen eingestellt, vielleicht auch mal einen Mercedes, aber er wolle es zumindest versuchen. Und siehe da - die Hebebühne ächzte zwar und die Schwenkarme waren an irgend einem Maximum angelangt, aber das Auto passte irgendwie dann doch und wurde emporgehoben.

Um es kurz zu machen: Ich bremste mit Metall auf Metall, die Bremsscheibe hatte ein hübsches Rillenmuster. Und heute, am 23. Dezember, wollen wir zurück nach Berlin, wegen Weihnachten und so. Es war mittlerweile fast 17 Uhr, eine Zeit, bei der so manche Menschen an den Feierabend anstatt an Kundendienst denken. Und in der nordrhein-westfälischen Provinz Bremsscheibe und Bremsbeläge für ein grundsätzlich hierzulande recht seltenes Auto zu finden, auf die Schnelle und sofort, das schien sehr unwahrscheinlich. Die Freundlichkeit der Menschen in einer Kleinstadt bewies sich erneut. Der Meister oder Mechaniker telefonierte mit Hinz und auch mit Kunz und versicherte uns dann fröhlich, dass die Ersatzteile am 23. um 10:30 Uhr bei ihm eintreffen würden, dass er dann noch eine gute Stunde brauchen würde und wir gegen Mittag zurück in die Hauptstadt fahren könnten.

Nun bin ich gespannt, ob alles klappt, wie vorgesehen. In Berlin, da bin ich sicher, hätte sich keine Werkstatt finden lassen, die so schnell Abhilfe schafft. Man hätte vermutlich einen Termin im Januar angeboten...

Ich werde meine Blogleser wissen lassen, ob und wann wir wieder zu Hause sind...

Montag, 21. Dezember 2009

Von relativer Kälte und Bilderbuchwetter

Wer nun irrt, Wikipedia oder die aufgestellten Schilder am Uferweg, sei dahingestellt. Der Weg um den Schlachtensee ist laut Wikipedia 5,5 Kilometer lang, laut Beschilderung 5,6 Kilometer. Gestern haben wir uns aufgemacht, der sibirischen Kälte trotzend, den Schlachtensee zu Fuß zu umrunden. Das ist eine uns nicht ungewohnte Übung bei normalen Temperaturen, die gestrige Umwanderung war jedoch die kälteste, an die ich mich erinnern kann.

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Wir hatten bei der Fahrt zum See noch gemutmaßt, die einzigen Berliner zu sein, die so tapfer sind, aber weit gefehlt. Zu Hunderten marschierten die Menschen – so gut wie alle schnellen Fußes wie wir – um den See. Einige Jogger waren auch zu sehen. Und etliche fröhliche Hunde. Vor allem aber belohnte die Natur diejenigen, die sich ihr aussetzten, mit herrlich klarer Luft und freundlichen Sonnenstrahlen. Weil Bilderbuchwetter zum Bilder anfertigen einlädt, hatte ich die Kamera dabei.

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Nach knapp über einer Stunde hatten wir die 5,5 oder 5,6 Kilometer geschafft und waren wieder an der Fischerhütte angelangt, wo sich zur Zeit auch das einzige Entenrefugium des Sees befindet. Für die Wasservögel gab es dort einen Schwimmplatz, für uns im Biergarten Kakao bzw. Glühwein. Zum Aufwärmen? Nein. Aus reinstem Genussstreben. Uns war kein bisschen kalt, so sehr auch die ersten ein oder zwei Kilometer von der Kälte erschwert worden waren – nach einer Weile wird man durch die Bewegung warm und kann nur noch die Menschen bemitleiden, die auf Kälte und Winter schimpfend auf ihrem Sofa sitzen, anstatt sich hinauszuwagen und zu bewegen, obwohl sie gesund sind.

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Logisch: Die Kälte ist nicht relativ, sondern messbar. Aber wie der Körper sie empfindet, hat durchaus mit dem Verhalten zu tun. Und wenn man dann hinterher zu Hause auf dem Sofa sitzt, ist die Entspannung eine ganz andere als ohne vorangegangene Schnee- und Eiswanderung.

Freitag, 18. Dezember 2009

Ein Aufsatz mit Auslegung und Vision: Die Hasowolke

image Don't follow leaders, watch the parkin’ meters. -Bob Dylan

1. Der Aufsatz
Den einen Menschen erwischt es früher, eine andere Person nur, wenn sie will, aber dann gleich, nämlich jetzt. Heute habe ich mich aufgerafft, diesen Text zu schreiben, man soll sich ja NICHT drücken vor solchen Aufgaben. Auch dass man nach der Nacht nicht weiterschläft, sondern die Arbeit früh beginnt, ist noch wichtig.

2. Die Auslegung
Die fettgedruckten Worte stammen aus der, nein, sie sind die Haso-Twitter-Wolke. Meine selbst gestellte Fleißaufgabe, aus den Wolkenworten einen sinnvollen Kurzaufsatz mit philosophischer Tiefe zu erstellen, ist hiermit erfolgreich bewältigt. Es sind sogar theologische Bezüge darin enthalten. Die Auslegung im Einzelnen möge der Leser selbst vornehmen, nur so viel: Es hat mit Zeit zu tun.

3. Die Zukunft
Ich werde der Aufforderung des Haso nicht folgen, sein Follower zu werden. Twittern scheint zwar vielen Menschen Spaß zu machen, das Wort hat es gar in die Liste der Worte des Jahres geschafft (wo es sich in unrühmlicher Gesellschaft befindet), aber ich bleibe renitent und füge mich nicht. Das hat nichts mit Haso zu tun, der ist mein Freund. Ich reihe mich auch bei keinem anderen an. Das obige Zitat von Herrn Dylan bleibt auch künftig Teil meines individuellen Lebensregelwerkes.

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Der Sturm

Schön, Sie zu treffen. Ja, setzen Sie sich ruhig, ein Becher Wein wird wohl noch für Sie da sein. Setzen Sie sich, dann erzähle ich Ihnen gerne, was damals passiert ist. Aber eines sage ich Ihnen gleich. Ich kann Ihnen nur erzählen, was passiert ist. Erklären kann ich es Ihnen nicht. Nachdem jetzt eine Weile vergangen ist, sehen wir alle die Geschichte mit größerem Abstand, etwas weniger aufgeregt, nüchterner. Völlig ungerührt allerdings kann ich sie immer noch nicht betrachten.

Eigentlich war es ein ganz normaler, langweiliger Tag wie so viele. Ja, genau, so wie heute. Nicht viel los hier in unserem Dorf, da haben Sie Recht. Ich will Sie auch gar nicht damit aufhalten, wie wir den Vormittag verbracht hatten, das tut nichts zur Sache. Aber ich sollte Ihnen wohl erst einmal verraten, wer wir eigentlich sind, wenn Sie schon hier bei uns in der Schenke Platz nehmen und die Episode hören wollen.

Wir sind, was unsere Väter schon waren. Fischer. Wir kennen unseren See, seine Tiefen und Untiefen, wir kennen das tückische Wetter, und doch sind auch wir immer wieder überrascht, wenn ein Unwetter sozusagen aus heiterem Himmel hereinbricht. Das kommt ab und zu vor. So war es auch an jenem Tag.

Der Himmel war kaum bewölkt, warm war es, keineswegs zu heiß, nichts Ungewöhnliches zu erwarten. Man kann sich jedoch, wie ich schon sagte, mit dem Wetter hier nie sicher sein.

Das Getümmel am Ufer haben wir uns aus der Entfernung angesehen, wir halten uns aus solchen Volksaufläufen heraus. Das ganze Geschiebe und die nervöse Aufregung, das ist nichts für uns, die wir hart arbeiten und mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Wanderprediger kommen und gehen, jeder hat so seine Spezialität, da muss man ja nicht mittendrin sein, nur weil wieder ein neuer Rabbi auftaucht. Ich wette, Sie haben auch schon solche Leute getroffen, die irgendeine neue Erkenntnis oder Vision verkünden, ob man nun zuhören will, oder nicht.

Wir saßen also auf dem sonnigen Platz vor unseren Häusern und sahen zu, wie die Volksmenge wuchs und wuchs, den Mann, um den es ging, konnte man in dem ganzen Tumult kaum noch ausmachen. Dass er irgendwann wohl genug von dem Trubel hatte und mit einem Boot verschwand, konnten wir gut verstehen. Er kletterte mit seinen Freunden in das kleine Fischerboot, das der Familie von Andreas gehört. Andreas selbst ist ja kein Fischer mehr. Der hat sich dem Rabbi verschrieben. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Das Unwetter zog sich unglaublich schnell zusammen, nachdem sie abgelegt hatten. Sagen wir, fünfzehn Minuten hat es gedauert. Vielleicht zwanzig, aber mehr bestimmt nicht. Das Boot mit dem Prediger und seinen Gefolgsleuten war von unserem Platz aus noch zu sehen.

Wir beobachteten, was sich am Himmel zusammenbraute und erwarteten, dass die Männer auf dem See umkehren und Schutz suchen würden, schließlich waren einige dabei, die sich auskennen mussten. Simon und Andreas zum Beispiel. Sie waren Fischer wie wir, bevor sie sich dem Rabbi angeschlossen haben. Andreas habe ich ja schon erwähnt. Sie saßen in seinem kleinen Schiff. Ich kenne Andreas und seinen Bruder Simon, seit wir zusammen als Kinder mit unseren Rindenkähnen am Bach gespielt haben.

Aber das Boot zielte weiter geradeaus auf das weit entfernte Ufer gegenüber zu, als hätte niemand an Bord auch nur einen Blick auf die drohenden Wolkenmassen verschwendet. Dass solche Wolken einen gewaltigen Sturm mit sich bringen würden, stand für uns außer Frage. Dass die kleine Barke von Andreas dem nicht standhalten würde, war genauso klar. Und wie gesagt, Andreas und Simon zumindest mussten das wissen. Aber das Boot kehrte nicht um. Wir machten nicht viele Worte sondern brachen auf. Selbst wenn es nur Fremde gewesen wären, hätten wir selbstverständlich alles getan, um ihnen zu helfen. Andreas und Simon, in diesem Fall unter den Gefährdeten, hätten nicht anders gehandelt.

Haben Sie noch Wein im Becher? Gut so. Es ist noch mehr da, und unser Wirt ist heute in Spendierlaune. Das muss man ausnutzen, kommt nicht allzu oft vor. Also zieren Sie sich nicht.

Wir vier, die wir hier mit Ihnen Wein trinken, machten also mein Schiff los, das stabilste und größte in unserer Gegend, um den Rabbi und seine arglosen Gefährten möglichst rechtzeitig vor dem Ertrinken aus dem Wasser ziehen zu können. Ob wir beizeiten bei ihnen anlangen würden, war fraglich, aber wir wollten es zumindest versuchen.

Mein Schiff ist schnell, es hat schon manchem Sturm getrotzt und ich weiß, dass ich mich darauf verlassen kann, schließlich habe ich beim Bau selbst mit Hand angelegt. Wenn Sie mögen, zeige ich es Ihnen nachher. Ein Prachtstück von Fischkutter. Als das Gewitter losbrach, bekam ich aber doch Angst. Die Wellen schlugen so hoch, dass wir alle Hände beziehungsweise Eimer voll zu tun hatten, den Wasserstand im Boot halbwegs niedrig zu halten.

Wir waren auf etwa fünfhundert Meter an den Kahn mit dem Rabbi herangekommen, dessen Insassen einen aussichtslosen Kampf gegen die Fluten kämpften. Meine drei Freunde hier schöpften, ich steuerte, so gut das bei dem Ungestüm der Naturgewalten noch möglich war. Das andere Boot wurde überhaupt nicht mehr gesteuert, die Leute waren kopflos und manche von ihnen erwarteten wohl bereits ihr sicheres Ende. Wir kamen näher. Als wir Einzelheiten erkennen konnten, glaubte ich, der Wanderprediger sei tot oder verletzt. Er lag hinten im Boot auf einer Matte, rührte sich nicht, während seine Begleiter, je nach Temperament, schufteten, schrieen oder heulten. Verstehen konnten wir ihre Worte nicht, dazu war das Getöse des Gewittersturmes zu laut.

Was wir dann beobachteten, verstanden wir noch weniger: Zwei von den Männern traten an den Liegenden heran, rüttelten ihn, als schlafe er und sie wollten ihn wecken, und der Rabbi richtete sich halb auf, als würde er tatsächlich aus einem Schlummer aufwachen. Das ist, obwohl die Leute später erzählten, er habe tatsächlich ein Schläfchen gemacht, unvorstellbar. Bei diesem Sturm, völlig durchnässt, mit solch einem Krawall ringsherum, wer könnte da schlafen? Hin und her geworfen von den Wellen, die mit dem Boot spielten wie mit einer Nussschale. Wer dabei schläft, der muss entweder so müde sein, dass ihn nichts mehr wecken kann, oder irgendetwas stimmt nicht mit ihm. Berauscht bis zur Bewusstlosigkeit? Oder vom Sturm umgeworfen und beim Fall mit dem Kopf aufgeschlagen? Irgend so etwas kann ich mir vorstellen, aber nicht, dass er tatsächlich geschlafen hätte.

Doch ich will bei dem bleiben, was wir selbst gesehen und erlebt haben, Spekulationen sind nichts für uns hier. Wir glauben, was wir sehen, nicht was andere gesehen haben oder gesehen haben wollen. Dieser Wanderprediger also lehnte sich auf seinen Ellenbogen, wobei er sich an den Aufbauten festhalten musste, um nicht über Bord gefegt zu werden, und er sprach mit seinen Leuten. Die schauten ihn an, als erwarteten sie, dass er irgendetwas an ihrer Lage ändern konnte. Dann sah er sich um, blickte auch in unsere Richtung. Ich frage mich bis heute, ob die Männer uns bis dahin überhaupt bemerkt hatten, es kann gut sein, dass sie so mit ihrem drohenden Untergang beschäftigt waren, dass sie gar keine Augen mehr für ihre Umgebung und unseren Rettungsversuch hatten. Wir kamen kaum näher, weil das Boot des Predigers ohne Kurs dahintrieb, von Wind und Wellen hierhin und dorthin geworfen, während ich nach wie vor das Steuer in der Hand hielt. Ich dachte gar nicht daran, mein Schiff womöglich mit der Breitseite dem Sturm auszuliefern. Das wäre unser sicheres Ende gewesen. Unser Abstand vom Boot des Andreas schwankte ständig.

Als der Mann in dem anderen Boot schließlich aufstand, waren wir wieder weiter entfernt. Er schien etwas zu rufen und dann geschah das Unfassbare. Sie werden es nicht glauben, ich weiß, ich glaube ja auch nur, was ich selbst gesehen habe. Aber erzählen darf ich es trotzdem, ja? Deshalb sind Sie doch da, um diese Geschichte zu hören. Hier, bitteschön, ein frischer Becher Wein. Nicht dass Sie verdursten, während Sie mir zuhören. Zum Wohl. Auf Ihre Gesundheit.

Also, weiter. Ein Sturm kann sich legen, wenn er ausgetobt hat, der Seegang kann sich beruhigen, nachdem der Wind nachlässt, aber es ist reinweg ausgeschlossen, dass so etwas von einer Minute zur nächsten passiert. Werfen Sie mal einen Stein ins stille Wasser, es dauert eine Weile, bis die Wellenringe wieder völlig verschwunden sind. Und das waren die höchsten Brecher gewesen, die ich jemals auf diesem See erlebt habe. Bis solch ein tobendes Wasser wieder zur Ruhe kommt, dauert es Stunden. Nicht Minuten. Das geht überhaupt nicht. Trotzdem ist genau das geschehen.

Es dauerte länger, zu begreifen, was vor sich ging, als der Vorgang selbst an Zeit in Anspruch nahm. Als der Mann aufgestanden und etwas auf den See hinausgerufen hatte, war der Sturm augenblicklich still, kein Lüftchen regte sich mehr, und der Seegang, der eben noch selbst unsere hohen Bordwände mühelos überspült hatte, verwandelte sich in eine unbewegte Wasseroberfläche. Wie gesagt, das geht überhaupt nicht, aber es ist nun mal so gewesen.

Wir vier haben uns angeschaut und keiner von uns war sich sicher, ob er träumte oder wachte. Aber wir waren nach wie vor nass bis auf die Haut, in unserem Schiff stand kniehoch Wasser und meine drei Freunde hielten Eimer in den Händen, mit denen sie noch einen Atemzug vorher geschöpft hatten. Ich sah auf meine Hände, die um das Steuer verkrampft waren, das sich eben noch wild gegen meinen Griff gewehrt hatte. Dann sah ich hinüber zu dem anderen Boot und bemerkte, wie der Rabbi uns zuwinkte, bevor er sich zu seinen Leuten umdrehte, die ihn anstarrten, wie man ein Gespenst anstarrt.

Das war alles, was ich Ihnen erzählen kann. Den Rest lassen Sie sich von anderen Leuten berichten, wenn Sie deren Sicht hören wollen. Wie gesagt, erklären kann ich Ihnen die Geschichte nicht. Erlebt habe ich sie so sicher, wie ich hier neben Ihnen sitze und diesen Becher Wein in der Hand halte.

Was ich darüber denke wollen Sie wissen? Das kann ich Ihnen sagen. Ich glaube, dass dieser Jesus, so hieß der Prediger, das Wunder verursacht hat. Wie er das gemacht hat, weiß ich aber beim besten Willen nicht. Ich weiß nur, dass sich kein Lüftchen mehr regte, so dass wir zurück zum Ufer rudern mussten. Das hat gedauert, kann ich Ihnen sagen. Einen leichten Wind zur Unterstützung hätte ich nicht verachtet. Aber es herrschte absolute Flaute.

Wollen Sie jetzt mal mein Schiff anschauen? Gut, kommen Sie mit, es ist nicht weit.

P.S.: Diese Erzählung ist schon recht betagt. Zuerst wurde sie in den 90ger Jahren in der Zeitschrift »Entscheidung« abgedruckt, dann in leicht überarbeiteter Form in einem inzwischen eingestellten literarischen Magazin, schließlich fand sie wiederum überarbeitet den Weg in das Buch Liebe und Alltag. Diese Version hier und heute ist nun erneut überarbeitet worden, also die bisher letzte Station auf dem langen Lebensweg dieser Erzählung.

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Honi soit qui mal y pense.

lady1 Das Motto des britischen Hosenbandordens, Honi soit qui mal y pense, heißt verdolmetscht: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Was ein Hosenbandorden sein soll, erfährt man nicht hier, sondern bei Wikipedia, falls man es noch nicht wissen sollte. Der aktuelle Prince of Wales, auch als Charly bekannt, müsste beispielsweise ein Hosenband haben, falls die Traditionen da drüben auf der Insel noch funktionstüchtig sind.

Doch mich deucht, ich schweife ab. Zurück zum Thema: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

lady2

Das Motto kann ein Nichtschelm bezüglich dieses Bildes aus einer Fußbodenbelagwerbung in zweifacher Weise anwenden.

Erstens: Was soll denn daran böse sein? Die Dame tut doch nichts ungehöriges.

Zweitens: Ich sehe nur ein umgedrehtes Bild und dann einen Ausschnitt desselben. Der Sinn des Bildumdrehens bleibt mir verborgen.

lady3Der Schelm jedoch, er wird… – ach nein, das können ja gegebenenfalls Schelme, die dieses Beitrages angesichtig werden, als Kommentar darunterschreiben.

Alles schön bunt bei Nina Hagen

Vieles erinnert mich an unsere Jesus-People Zeit. Anstecknadeln und Aufkleber, Jesus mit E-Gitarre, überall Bibelzitate, und alles schön bunt. Wenn sie was macht, dann mit ganzem Herzen und spürbarer Begeisterung, die Nina Hagen.
Heute ist sie in Berlin, sie feiert eine Jesus is the Rock Party.
Es wird das einzige Konzert 2009 in Deutschland mit der Nina Hagen Band sein, und nicht nur die Band ist dabei, sondern auch etliche mehr oder weniger bekannte Freunde.
So der Pastor, der im Sommer Nina Hagen in seiner Kirche getauft hat, und auch Martin Dreyer, Autor der Volxbibel, um aus selbiger vorzulesen. Nina Hagen meint auf ihrem Blog: Die Volxbibel muss unter's Volk! Sicher kann der Abend dazu beitragen.
Ich werde leider diese Party versäumen, da die Eintrittskarten schon ausverkauft waren, als ich von der Veranstaltung erfuhr.
Man kann ja nicht überall sein.

Ich wünsche denen, die das Glück haben, teilzunehmen, einen ganz tollen Abend und freue mich, dass Berlin diese Party geschenkt bekommt. Nina Hagen wohnt nicht mehr hier, aber sie mag unsere Stadt immer noch. Und das ist auch gut so.

Dienstag, 15. Dezember 2009

Vom Tanzen, von metaphorischen Händen und von der Zeit, die ist

sponcom[1] Ich mag Musik. Gerne. Sehr gerne. Ich singe auch mehr oder weniger gekonnt mit, wenn mir ein Lied gefällt (und ich den Text kann). Ich habe jedoch häufig ein Problem mit »Anbetungszeiten«.

Es geht schon mit ganz irdischen Dingen los: »...denn du schenkst die Freiheit, die mich wieder tanzen lässt ... vor deinem Thron tanze ich nun...« - Ich tanze überhaupt nicht gerne. Ergo wäre mir eine Freiheit, die mich womöglich gegen meine Neigung tanzen lässt, höchst unwillkommen. Und deshalb will ich auch nicht singend behaupten, dass ich nun »vor seinem Thron«, den man meinetwegen metaphorisch deuten kann, tanzen würde.
Also lasse ich solche Textzeilen – in der Regel gleich das ganze Lied – aus und höre nur zu. Leider findet sich im Repertoire vieler freikirchlicher Gemeinden selten mal ein Lied, bei dem ich tatsächlich lückenlos mitsingen kann, weil ich das, was gesungen wird, auch meine.
Es scheint auch metaphorische Hände zu geben. »Wir heben die Hände, auf zu dir Herr...« - und wenn es hoch kommt, sieht man hier und dort einen zaghaft halberhobenen Arm, die Hand ungefähr auf Schulterhöhe. Aber nur hier und dort, die Mehrzahl der Anwesenden hebt normalerweise nur die Stimme, während sie von erhobenen Händen singt…
Mir scheint, dass die überwiegende Anzahl der gängigen Lieder nur noch ein sehr einseitiges Wohlfühlpotenzial für die seelische Erhebung haben, es ist sehr viel von ich, mir, mich, mein, uns die Rede. Sicher ist es nicht falsch, auch im Gesang Dankbarkeit auszudrücken, Gott zu loben - das ist ja der Sinn der Anbetung. Aber wenn gesungen wird »komm in uns're Mitte o Herr«, ist das nicht ein klares Bekenntnis, dass man den Worten Jesu nicht glaubt? Soweit ich die Sache verstehe, ist er bereits bei uns, in unserer Mitte.
Manches ist mir auch zu sehr sprachverhunzend. »Komm, jetzt ist die Zeit...« - im Englischen mag es angehen, dass die Zeit ist, hierzulande ist das eine (inzwischen weit verbreitete) Vergewaltigung der Grammatik. Eine bestimmte Zeitspanne mag kommen und gehen, und während sie da ist, kann jetzt die Gelegenheit bestehen, oder der richtige Moment sein. Aber die Zeit ist nicht.

Alles Äußerlichkeiten, es käme auf das Herz an, meinen manche. Nur frage ich mich, was in den Herzen vor sich geht, während von den Lippen allerlei Sonderliches tönt. Vielleicht hat Jon Birch mit dem obigen Bild (Quelle: ASBO Jesus) recht? Da steht: »Der Sonntag, an dem die Lobpreisband plötzlich verbrannte... - das war der Tag, an dem ich begriff, dass es einen Gott gibt.«

Montag, 14. Dezember 2009

Temporäres Bleiberecht

Seit Samstag hat in unserem Wohnzimmer, wie jedes Jahr üblich, ein Baum temporäres Bleiberecht. Da Bäume in Wohnzimmern nichts zu suchen haben, musste er sich allerdings wie seine Artgenossen in den Jahren zuvor verkleiden lassen, damit er wenigstens nicht auf Anhieb als Baum erkennbar ist. Er gibt nun vor, eine Lampe zu sein (indem er zu leuchten vermag) oder auch ein Kunstobjekt (wegen des an seinen Zweigen befindlichen und farblich zur Einrichtung passenden Schmuckes).

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Der Baum genießt allerdings nur temporäres Bleiberecht, weil er eine Aufgabe als Orientierungspunkt zu erfüllen hat. Unter ihm sammeln sich bis zum Heiligabend erfahrungsgemäß nach und nach allerlei Päckchen an, die für uns Familienmitglieder bestimmt sind. Eines, der Aufschrift zufolge für die beste aller Ehefrauen, lehnte schon am Samstag Abend unter dem Baum, als ich dieses Foto machte. Wenn der Baum nicht da stünde, dann müsste man womöglich in der ganzen Wohnung nachschauen, ob irgendwo ein Geschenk liegt – nicht auszudenken! So ist und bleibt alles schön übersichtlich.