Donnerstag, 19. März 2009

Kondomale Aufregung

Wieder mal wird der Papst von allerlei Seiten ungefragt darüber belehrt, wie er theologisch denken und lehren soll. Was hat er eigentlich wirklich gesagt?
„Die geistliche und menschliche Erneuerung“ in Afrika hat Papst Benedikt XVI. als Leitziel seiner Reise nach Afrika bezeichnet. Das gelte auch für die Sexualität, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche am Dienstag im Flugzeug auf dem Weg von Rom nach Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns. Der Gebrauch von Präservativen würde das Problem der Aids-Epidemie nicht lösen, sagte der Papst. Kondome zu verteilen würde die Gefährdungen vielmehr erhöhen. Man könne diese „wahre Tragödie“ nicht mit Geld aus der Welt schaffen. (Quelle: F.A.Z.)
Richtig scheint mir, dass der Gebrauch von Kondomen das Problem der Aids-Epidemie nicht lösen kann. Allerdings ist auch die »geistliche und menschliche Erneuerung« kein sofort wirkendes Wundermittel gegen HIV-Infektionen. Es ist zwar anzunehmen, dass geistlich erneuerte Menschen zu einem Sexualverhalten finden werden, das die Ausbreitung von Aids nicht weiter fördert, aber das akute Problem ist dadurch natürlich nicht gelöst.

Diesbezüglich wies der Papst darauf hin...
...dass die Kirche mit ihren Gesundheitseinrichtungen und Sozialstationen viel gegen die Aids-Seuche unternehme. „Menschliches Verhalten, sittlich und korrekt, aufmerksam und mitfühlend, gegenüber den Kranken“ sei geboten, forderte Benedikt. (Quelle: F.A.Z.)
Dass die katholische Kirche in Afrika und weltweit der größte nichtstaatliche Anbieter von Gesundheitsfürsorge (Krankenhäuser, Diakonie und vieles mehr) ist, nehmen die meisten lautstarken Kritiker natürlich nicht zur Kenntnis, wollen sie doch möglichst kein gutes Haar an Kirche und Religion lassen. Die gegenwärtige Aufregung ist nur ein willkommener Anlass, mal wieder kräftig loszutreten.

Nun bin ich kein Katholik und teile nicht die Auffassung, dass Familienplanung und Vorsorge vor Ansteckung mittels Kondomen zu verurteilen sei. Ich meine auch, dass man von Menschen, die bei der »geistlichen und menschlichen Erneuerung« noch nicht angekommen oder darin noch nicht weit gediehen sind, kein Sexualverhalten erwarten kann, das kirchlichen Ansprüchen gerecht würde - zumal diese Ansprüche in einigen Bereichen auch innerhalb der Kirche umstritten sind und einem stetigen Wandel unterliegen.
Nicht nur bei den Katholiken, übrigens: War es beispielsweise in pfingstlichen Kreisen vor 30 Jahren denkbar, dass geschiedene Menschen geistliche Ämter anstreben oder bekleiden? Aus meiner Erinnerung nicht. Heute dagegen bereitet ein frisch geschiedener und (mit neuer Frau) wieder verheirateter Evangelist sein Comeback im charismatischen Segment vor, mit Rückendeckung und Unterstützung namhafter Leitungspersonen. Ich habe nichts dagegen, denn ich meine, dass jeder Mensch Gnade empfangen kann, darf und sollte - von Gott und Menschen.

Zurück zum Kondom. »Sicher« ist es nicht, es kann unsachgemäß gebraucht werden, schadhaft produziert, beschädigt werden... Es dürfte aber in der gegenwärtigen Situation die womöglich einzige Möglichkeit sein, der weiteren Ausbreitung von Aids zügig entgegen zu wirken. Die Verfügbarkeit von Präservativen könnte darüber hinaus erheblich dazu beitragen, Schwangerschaften zu vermeiden, was angesichts des Hungers und der Überbevölkerung kein schlechter Dienst an der Gesellschaft in weiten Teilen Afrikas wäre. Die Annahme, dass Millionen Menschen künftig auf Sex verzichten, halte ich für ziemlich illusorisch.

Und dennoch hat der Papst recht, dass langfristig eine »geistliche und menschliche Erneuerung« der einzige Weg ist, nicht nur die Aids-Seuche, sondern auch viele andere Probleme in den Griff zu bekommen. Nicht nur in Afrika.

P.S.: Foto von WikiCommons

Mittwoch, 18. März 2009

Aufklärungsbedarf?


Mich deucht, Österreich hat gesteigerten Aufklärungsbedarf. Morgen auf diesem Blog gibt es was über Kondome zu lesen. Allerdings ohne »Vidio«...

Wieso...


...steht bei den Google-News solcher Blödsinn wie »Bayern München« oder »Energie Cottbus«, wenn doch unsere Hertha, über die sogar solch prominente Blogger wie Haso, Beweis hier, berichten, die Bundesliga gewinnen wird? Kannmannichtverstehen...

Dienstag, 17. März 2009

Gastbeitrag: Larry Norman

Lang lang ist's her, dass ich mit Larry Norman beim Frühstück saß und vor lauter Kichern und Lachen kaum essen konnte. Er erzählte eine Geschichte nach der anderen über seine (echten und angeblichen) Erlebnisse mit allerlei skurrilen Leuten. Diese hier ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben:

There is this dude, a missionary, preaching at some street corner. People just walk by, but he's preaching on and on. Finally a Hippy stops to listen.
The missionary asks him: »Hey man, can I tell you the Good News?«
The Hippy says: »Yeah, why not! Go ahead.«
»You're going to hell!«
The Hippy looks a little puzzled for a moment. Then he answers: »Alright. So what's the bad news?«

Montag, 16. März 2009

Der vermeintliche Segen Abrahams

Ende der letzten Woche nahm ich eine Einladung zu einem kleinen »Männerabend« an. Klein, weil wir zu viert waren: Ein Unternehmer aus der Immobilienbranche, ein (medizinischer) Wissenschaftler, ein kaufmännischer Angestellter (unser Gastgeber) und meine Wenigkeit. Von 19:30 Uhr bis Mitternacht sprachen wir über eine breite Palette von Themen: Mr. Bean, Erweckung, Loriot, Krankenheilung, gute Autos - schlechte Autos, Finanzkrise, Gemeindebau, Armut in der Welt und Reichtum der Christen.

Bei Loriot und Mr. Bean waren wir uns einig: Alle verfügbaren Daumen nach oben. Bei anderen Themen wichen unsere Meinungen zum Teil erheblich von einander ab, was aber unserer Freundschaft keinen Abbruch tat und tun wird.

Zum Beispiel die Sache mit der Finanz- beziehungsweise Wirtschaftskrise: Wird es besser? Wird es schlimmer? Entwickelt sich gerade eine globale Gesellschafts- und Kulturkrise, oder ist eher damit zu rechnen, dass es zwar Erschütterungen, aber keinen totalen Zusammenbruch geben wird?
Einer aus unserer Runde, der Unternehmer, folgt gerade dem Rat von David Wilkerson, sich mit Lebensmitteln und Wasser zu bevorraten. Sogar einen Generator wird er sich zulegen, um im Fall der Fälle Strom erzeugen zu können. Ein anderer, der Wissenschaftler, meint dagegen, dass Gott jetzt sein Versorger sei, warum dann nicht auch im Fall des Zusammenbruchs unserer »sicheren« Systeme?
Ich habe David Wilkerson vor mehr als 30 Jahren kennen gelernt, Leser meines Buches »Es gibt kein Unmöglich!« wissen, wie das vor sich ging. Ich halte ihn nach wie vor für einen aufrechten, treuen Mann Gottes, wenngleich ich mit seiner aktuellen und einigen vorangegangenen »Prophetien« durchaus Schwierigkeiten habe. Oder besser gesagt mit den Interpretationen, die er mit den geistlichen Inspirationen zu verflechten pflegt. Nach meinem ganz persönlichen und sicher nicht allgemein maßgeblichem Empfinden ist er so eine Art moderner Jona, dem Gott aufträgt, Gericht zu predigen, was ihm nicht gerade leicht fällt. Dann ist Gott gnädig, das Gericht fällt aus, und der Prophet ist ziemlich irritiert.
Doch zurück zur Krise: Kommt es nun also zum Zusammenbruch? Unser Gastgeber war völlig überzeugt, dass den Christen der »Segen Abrahams« zustehen würde, und zwar unter anderem materieller Wohlstand. Wir müssten das nur bei Gott »abholen«. Es sei uns schließlich der Reichtum der Nationen (zur persönlichen Verwendung) verheißen, und der Heilige Geist werde uns in absehbarer Zeit in die Lage versetzen, diese Abholung durchzuführen, indem er uns den notwendigen Glauben schenkt. Die einfache Gleichung: Genug Glaube = Reichtum.
Hier musste ich energisch widersprechen. In meiner Bibel lese ich nämlich nicht nur von wohlhabenden Gläubigen, sondern auch davon, dass Paulus für die Jerusalemer Christen landauf, landab Geld sammelt, weil dort eine Hungersnot herrscht. Ich lese von Paulus, dass er von sich sagt, sehr wohl Mangel zu kennen und genötigt zu sein, Zelte herzustellen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich lese, dass Jesus seiner Gemeinde, seinen Nachfolgern aufträgt, sich um die Armen zu kümmern. Ich lese, wie Paulus dem Timotheus schreibt: »Die Gottseligkeit mit Genügsamkeit aber ist ein großer Gewinn; denn wir haben nichts in die Welt hereingebracht, so dass wir auch nichts hinausbringen können. Wenn wir aber Nahrung und Kleidung haben, so wollen wir uns daran genügen lassen.«
Nahrung und Kleidung. »Kleidung« heißt sicher nicht, einen sechstürigen Kleiderschrank so zu füllen, dass die Türen kaum noch zu schließen sind. »Nahrung« dürfte sicher unterhalb des 3-Gänge-Menüs im 5-Sterne-Lokal anzusiedeln sein.

Natürlich gibt es in den biblischen Berichten die Wohlhabenden, Menschen wie Abraham oder Salomo, bei denen »Segen« mit Wohlstand einherging. Aber daraus macht die Bibel kein Gesetz oder Rezept. Sondern, so Paulus weiter: »Die aber reich werden wollen, fallen in Versuchung und Fallstrick und in viele unvernünftige und schädliche Begierden, welche die Menschen in Verderben und Untergang versenken. Denn eine Wurzel alles Bösen ist die Geldliebe, nach der einige getrachtet haben und von dem Glauben abgeirrt sind und sich selbst mit vielen Schmerzen durchbohrt haben. Du aber, Mensch Gottes, fliehe diese Dinge; strebe aber nach Gerechtigkeit, Gottseligkeit, Glauben, Liebe, Ausharren, Sanftmut!«
Das heißt ja nicht, dass Gott dieses Streben nicht auch noch mit finanzieller Ausstattung ergänzen kann. Paulus predigt keineswegs ein Gebot der Armut oder Askese. Er hat auch die Wohlhabenden unter den Gläubigen im Blick: »Den Reichen in dem gegenwärtigen Zeitlauf gebiete, nicht hochmütig zu sein, noch auf die Ungewissheit des Reichtums Hoffnung zu setzen - sondern auf Gott, der uns alles reichlich darreicht zum Genuss - Gutes zu tun, reich zu sein in guten Werken, freigebig zu sein, mitteilsam, indem sie sich selbst eine gute Grundlage auf die Zukunft sammeln, um das wirkliche Leben zu ergreifen.« Wenn es einen »Anspruch« auf Wohlstand gibt, warum redet Paulus dann hier von der »Ungewissheit«? Vielleicht hat er ja zu wenig Glauben gehabt...

Gibt es einen »Anspruch auf Wohlstand«, einen Anspruch auf den materiellen »Segen Abrahams«? Braucht man zur Verwirklichung nur genug Glauben?

Ich verneine es.

Wer es bejaht, der möge freundlicherweise beispielsweise den Christen in Afrika erklären, dass sie halt leider nicht genug Glauben haben, andernfalls würden sie als Eltern nicht mit ansehen müssen, wie ihre Kinder an Hunger, Malaria oder Cholera sterben, bevor sie selbst zugrunde gehen.
Und den Hartz-4-Empfänger hierzulande kann er dann gleich mit zu der Gemeinde nehmen, in der solch ein Segen Abrahams verfügbar gemacht wird. Ich bin gespannt auf die Erfolgsberichte...

Sonntag, 15. März 2009

Ausgelastet


Zur Zeit bin ich unter anderem mit dem Programmieren (Bild 1) einer CD-Produktion (Bild 2) so ausgelastet, dass ich nicht zum Schreiben komme.

Daher ist zur Zeit auf diesem Blog wenig bis gar nichts los.

Dieser heutige Post hat auch keine sonderlich erwähnenswerte Bewandnis, sondern dient lediglich den treuen Lesern, die so gut wie täglich hier (mitunter sogar mehrmals täglich) neue Blogeinträge finden, als kurzes »Den Günter J. gibt es noch«.

Blogleser mit gutem Gedächtnis erinnern sich sowieso daran, dass dies gelegentlich so über mich kommt: Von wegen Faulheit, hieß es beispielsweise im Dezember 2008.

So, nun genug des Geschwafels. Die Arbeit ruft....

Freitag, 13. März 2009

Die dümmste Spam des Tages: I-Net-News

Den ersten Platz unter den dämlichsten Spams des Tages hat I-Net-News verdient: Wenn am Ende eines (Un-)Wortes ein s steht, macht man vorsichtshalber ein Apostroph davor. Wird schon richtig sein...

Der zweite Rang gebührt »Gegen-Finanzkrise«, denn da gibt es alle paar Minuten eine Stunde Zeit, mit unterschiedlichen Teilnehmernummern 1.500 Euro einzusacken. Die müssen wohl die Beute aus dem KaDeWe-Einbruch im Keller haben...
Was den dritten Platz betrifft, bin ich unsicher. Vermutlich Sabine, denn wie kommt sie darauf, dass ich abnehmen wollen würde? Meint sie, ich sei zu dick? So eine Frechheit!

Donnerstag, 12. März 2009

Wohltuend: Natürlich wachsen

Kerstin Hack, meine Freundin und Autoren-Kollegin, hat ihrer stetig wachsenden und erfolgreichen Serie von Impulsheften ein wohltuendes weiteres Werk hinzugefügt. Es geht darin um Reife und Unreife, vor allem darum, wie man natürlich - also unverkrampft und ohne Zwangsvorstellungen - wachsen kann. Ein interessantes Thema, denn wer aufhört, zu wachsen, zu reifen, der hört auf zu leben.

Das Heft hebt sich wohltuend von anderer Lektüre, die ich zum Thema »Reife« schon gelesen habe, ab. Häufig begegnete ich in anderen Ratgebern irgendwelchen Anleitungen, wie durch sogenannte Reife Probleme, Leid, Schwierigkeiten umgangen werden können (was natürlich in der Regel Unfug ist). »Natürlich wachsen« zeigt dagegen unter anderem, wie man mit schweren Erfahrungen umgeht, anstatt eine heile Welt vorzugaukeln:
Auch reife Menschen erleben Leidvolles. Im Kontrast zu unreifen Menschen bewerten sie Krisen jedoch nicht als »Ungerechtigkeit des Schicksals«, sondern als unvermeidlich im Leben und als wichtig für die eigene Entwicklung. Sie leugnen Schweres nicht, sondern nehmen es an und gestalten das Leben damit weiter.
Man wird angeregt darüber nachzudenken, was die größten Krisen im eigenen Leben waren, und welche Stärke in oder durch diese Krisen entwickelt werden konnte.

Wachsen kann und sollte der Mensch auf ganz verschiedenen Gebieten. Wie wäre es mit einem Wandel von der (kleinkindgemäßen) Ich-Bezogenheit hin zu einem Blick für die Bedürfnisse anderer Menschen?
Ein reifer Mensch erlebt sich selbst als derjenige, der am meisten beschenkt wird, wenn er mit dem, was er hat und kann, das Leben anderer bereichert. Er ist auf angenehme Art und Weise selbstlos und gleichzeitig ganz bei sich selbst. Er erlebt tiefe Erfüllung dabei, das auszudrücken und zu geben, was er hat. Er erwartet keinen Dank, sondern ist durch das Geben selbst am meisten beschenkt.
Dieses Impulsheft regt an zum Überdenken des Lebens, aber auf eine wohltuende, entspannende Weise. Statt 10-Schritte-zur-Reife-Anleitungen, die im wirklichen Leben des Lesers vermutlich versagen würden, gibt es Impulse (nomen est omen), stellt Alternativen vor und lädt so den Leser ein, ganz natürlich, im eigenen Tempo, in der eigenen Situation, zu wachsen und zu reifen.

Mein Fazit: Empfehlenswert, und angesichts des Preises von nur 2 Euro geradezu ein »must-have« (man verzeihe mir ausnahmsweise den Anglizismus).

Hier geht es zum Shop: »Impulsheft Nummer 30 - Natürlich wachsen«

Mittwoch, 11. März 2009

Damaskus oder Emmaus?

Der F.A.Z. liegt regelmäßig das Magazin »chrismon« bei, das auch online zu lesen ist. In der aktuellen Ausgabe ist ein interessantes Gespräch mit Joachim Kosack, Serienchef bei Sat.1 und Kai Sutrisno Scheunemann, Theologe, abgedruckt. Beide sind Missionarssöhne, also in einem »geistlichen Elternhaus« aufgewachsen.
In charismatisch geprägten Kreisen bestehen viele Gläubige (und auch Pastoren) darauf, dass ein »Bekehrungserlebnis«, ein bestimmter, möglichst dramatischer Moment der »Lebensübergabe« notwendig sei, um Christ zu werden. Diese Annahme war und ist mir schon lange suspekt. Ich meine, dass sowohl Damaskus als auch Emmaus ausreichen. Kosack und Scheunemann antworten so:
Braucht man denn ein Erweckungserlebnis?
Scheunemann:
Nicht im klassischen Sinne, wie Sie sich das vielleicht vorstellen, so mit einem Lichtstrahl, der von oben kommt.
Kosack: Aber nennen wir es mal das klare Ja.
Scheunemann: Es gibt zwei Bekehrungsformen: vom Saulus zum Paulus ist eine. Es gibt Menschen, die sagen: »Ich bin vom Pferd gefallen, und seitdem bin ich Christ.« Und es gibt den »Emmausweg«: Man geht lange mit jemandem mit, und die Lebensrichtung verändert sich mit der Zeit. Das Erleuchtungserlebnis fehlt? Das kann gut sein. Aber letztendlich ist die Frage: Ist mein Leben auf Gott ausgerichtet? Oder sage ich: Gott ist ganz nett, aber ich habe in meinem Leben allein das Sagen. Da sehe ich den Unterschied.
Bei mir persönlich war es Damaskus. Bei dir, lieber Leser, war es vielleicht Emmaus. Ich halte dich deswegen keineswegs für weniger gläubig oder weniger errettet. Im Gegenteil. Du hast womöglich mehr über Gott und die Welt nachgedacht, bevor du »das klare Ja« gefunden hast als jemand, der bei einer erwecklichen Veranstaltung im Rausch der Gefühle zum »Übergabegebet« antritt.
Und mancher Leser ist womöglich noch unterwegs? Auch nicht schlecht.

Das Interview gibt es hier: Alles nur Show?

Dienstag, 10. März 2009

Wassermelonen

Kürzlich wurden nach dem Mahl bei Freunden Wassermelonen gereicht. Ich lehnte wie immer, wenn mir ein solches Angebot begegnet, dankend ab, denn ich esse keine Wassermelonen. Auch nicht rund 40 Jahre danach ...

Wir waren zum ersten Mal anlässlich der Ferien ins Ausland verreist. Ich war wohl zehn Jahre alt, womöglich auch etwas jünger oder älter, aber nehmen wir einmal an, dass mich die Erinnerung nicht allzu sehr trügt. Im Grunde spielt es auch nicht unbedingt eine entscheidende Rolle. Wir waren zur Mittagszeit in Italien angekommen, mein Bruder und ich teilten uns das eine, meine Mutter und Großmutter das andere Zimmer einer Ferienwohnung in einem kleinen Ort am Lago di Caldaro. Vor uns lagen, meinte ich, fünf abenteuerliche Tage. Nachdem die Koffer ausgepackt waren, unternahmen wir einen nachmittäglichen Spaziergang, um die nähere Umgebung zu erkunden.
Unweit des Ufers war Aufregendes zu sehen. Ein Lastwagen lag umgekippt im Straßengraben, an und für sich schon Grund genug für einen abenteuerlustigen Jungen wie mich, sich mit Begeisterung dem Ort des Geschehens zu nähern. Vom Fahrzeug hatte sich auf einen Teil der Straße und den Rand des daneben liegenden Weinberges eine Flut von Wassermelonen ergossen, meist unversehrt, nur zum Teil aufgeplatzt oder zerquetscht.
Einige Einheimische betrachteten im Schatten eines Baumes stehend das Spektakel, das die Kinder aus dem Dorf veranstalteten. Diese sammelten Melonen in gewaltige Körbe, wobei sie jedoch auch den herzhaften Biss in die eine oder andere Frucht nicht verschmähten. Ein paar Polizisten sahen, an ihr Fahrzeug gelehnt, zu und kommentierten aufmunternd das Geschehen. Zumindest meinte mein Bruder, dass dies der Inhalt ihrer Zurufe und Bemerkungen sei, und mein Bruder, drei Jahre älter als ich, wusste meist das meiste viel besser als ich. Er hatte sich auf diese Reise schon zu Hause vorbereitet, indem er ein Taschenbuch mit den gebräuchlichsten italienischen Redewendungen aus der Bücherei ausgeliehen und dieses ausgiebig studiert hatte. Außerdem war er der Klassenbeste in Latein - er meinte, das reiche zusammen mit dem Reiseführer, um in Italien zumindest alles zu verstehen und das meiste ausdrücken zu können. Er konnte tatsächlich schon bei der Anreise für die ganze Familie Wegbeschreibungen, Hinweistafeln und diese oder jene Bemerkung Mitreisender übersetzen.
Ein Traktor kam über einen Feldweg, auf dem Anhänger lagen weitere leere Körbe. Der Fahrer rief uns etwas zu, was mein Bruder erwartungsgemäß verstand.
»Wir sollen beim Aufsammeln helfen«, erklärte er.
Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen. Ich schnappte mir einen Korb und begann mit dem Auflesen. Als der Behälter voll war, brachte ich ihn, wie es die anderen Kinder taten, zurück zum Anhänger. Dort wurde er von einem fröhlichen Mann auf die Ladefläche entleert und zurückgereicht.
Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, mir während der Arbeit fleißig den Bauch mit beschädigten Melonen zu füllen. Ohne Unterlass. Mein Bruder meinte nach einer Weile: »Hör auf zu essen, sonst wird dir schlecht.« Natürlich wusste ich es besser, es war ja mein Magen, nicht seiner.

Eine halbe Stunde später war der Anhänger gefüllt. Der Bauer, der den Traktor steuerte, sagte etwas, was ich nicht verstand. »Wir dürfen«, dolmetschte mein Bruder, »vom Rest mitnehmen, so viel wir tragen können.«
Mir war bereits etwas merkwürdig zumute, vom Bauch her breitete sich ein Gefühl aus, das ich nicht sonderlich schätzte. Aber andererseits gab es bei uns zu Hause kaum einmal frisches Obst so viel man wollte, da unsere Haushaltskasse durch die Teilzeittätigkeit meiner Mutter nur unzureichend gefüllt wurde. Also aß ich noch ein paar Stücke und schichtete mir dann so viele Melonen aufeinander, wie ich mit den Armen halten konnte. Meine Beute brachte ich im Zimmer der Pension erst einmal in Sicherheit.
Ich warf die Früchte auf mein Bett und rannte zur Toilette. Ich wusste nicht, was ich zuerst tun sollte: Die Hosen herunter oder den Mund über die Kloschüssel, denn beides war äußerst dringlich. Ich entschied mich, dass die volle Hose die unappetitlichere Alternative wäre und saß kaum, als auch schon die Bescherung aus beiden fraglichen Körperöffnungen entwich.
Ich will den geschätzten Lesern die Details der nächsten halben Stunde ersparen. Jedenfalls lag ich danach ziemlich bleich und kraftlos im Bett. Dort blieb ich auch die nächsten Tage, wenn ich nicht gerade im Badezimmer war.
Ein Arzt hatte nach mir geschaut, einer mit Deutschkenntnissen. Fiebermessen, Bauch abhören, Kopfschütteln. Und womöglich, ganz sicher war ich nicht, ein mühsam unterdrücktes Grinsen, jedenfalls presste er die Lippen etwas auffällig zusammen, als ich berichtete, dass ich wohl insgesamt so etwa 10 oder mehr Melonen verspeist hatte. Auf relativ nüchternen Magen. Und dann, als es mir ein wenig besser ging nach drei Stunden im Bett, noch mal zwei aus meiner Beute.
Er murmelte etwas, was wie »stolto bambino« klang, und erklärte, was »riposo a letto« für meine Ferienwoche bedeutete. Er behielt leider recht. Erst am Abend vor der Abreise wichen Dauerdurchfall und Dauerübelkeit. Selbst Zwieback und Tee vertrugen sich in jenen Tagen des italienischen Abenteuers nicht sonderlich gut mit meinen Innereien.

Kürzlich, etwa 40 Jahre später, wurden nach dem Mahl bei Freunden wieder Wassermelonen gereicht. Ich lehnte wie immer dankend ab, denn ich esse keine Wassermelonen.