Mittwoch, 10. Februar 2010
Neu gegen alt? Oder alt gegen neu?
So weit, so gut. Es war auch eine Anleitung dabei:
Nach der Lektüre der Anleitung beschlichen mich Zweifel. Das vergessene Komma nach dem Wort Sie mag ja noch durchgehen, aber: Ich kann den gelieferten neuen Text hinter dem weißen Registerblatt gegen den alten Text gar nicht austauschen. In der Tarifmappe befindet sich nämlich zur Zeit der alte Text. Und überhaupt, warum sollte ich einen neuen Text entfernen und den alten behalten? Beraubt das die ganze Lieferung nicht ihres Sinnes?
Ich würde ja auch nicht mein neues Auto gegen das alte austauschen, abgesehen davon, dass es auf dem Schrottplatz gelandet sein dürfte.
Vielleicht sollte ich es wagen, einfach der Gebrauchsanweisung ungehorsam zu sein und den alten Text gegen den neuen austauschen?
Dienstag, 9. Februar 2010
Literatur oder Literatortur
Beiseite gelegte oder nicht aufgenommene Bücher solcher Art sind nicht unbedingt schlechte Bücher. Es kann ja sein - nein, es muss ja sein, dass unterschiedliche Menschen unterschiedlich empfinden. Was mir nicht gefällt, mag anderen Lesern viel Freude bereiten – ein Blick auf die Bestsellerlisten beweist dies immer wieder.
In diesen Tagen hat sich herausgestellt, dass das neue Wunderkind der Berliner Literaturszene Helene Hegemann sich zumindest teilweise eher im copy&paste geübt hat, als ihr Buch selbst zu schreiben. Der Spiegel fragt gar: Droht ein Literaturskandal?
Neugierig geworden habe ich mir ein paar Textausschnitte des Buches von Airen und des Buches von Hegemann angeschaut und festgestellt: Für mich sind beide Werke eher Literatortur als Literatur.
Hegemann:
Ja, das tut mir jetzt natürlich auch total leid dass wir euch stören hier, aber das ist echt scheiße ohne Playstation an so einem Scheißtag. … Als Lars, unser Nachbar, Graphikdesign in London studiert hat, fotographierte er im Rahmen des Projekts Intimacy Muscheln von innen und begründete diese zugegebenermaßen beschissene Idee damit, dass der Innenraum einer Muschel viel mit der Anatomie und dem Muskelaufbau des Menschen zu tun habe und so. … Ich weiß auch nicht so genau, die Struktur vom Inneren einer Muschel hat was total Intimes. … Das ist wirklich ziemlich große Scheiße! … Der Typ hat auch gedacht, ich hätte ihn verarscht, krass oder?
Quelle: http://www.berlinerliteraturkritik.de/detailseite/artikel/knallhartes-debuet.html
Airen:Nun ja. Man mag argumentieren, dass dies die authentische Sprache der jungen Generation abbildet, was wohl zumindest auf einen Teil der Jugendlichen zutrifft. Man kann auch sagen, dass es nicht verkehrt sein kann, wenn die Literatur »dem Volk aufs Maul« schaut. Und es ist zweifellos richtig, dass Kunst oft provoziert, provozieren muss. Ich habe selbst so manche Texte verfasst, bei denen der eine oder die andere unter den Lesern deutlich die Auswirkungen geglückter Provokation erkennen ließen. Ich würde auch keineswegs die unsinnige Forderung aufstellen, dass einem Schriftsteller das Wort Scheiße ein Tabu sein muss. Nein, bestimmt nicht.
... Wir danceten dann wieder etwas abseits und dann und wann nahm sie mich und schrie mir Sachen ins Ohr. ... Zu Hause will ich mir dann wirklich einen wichsen. ... Natuerlich kommt dann der Stromausfall genau in dem Moment, in dem Dillan Lauren ihre Muschi von innen gegen den Flatscreen drueckt. Drei Minuten spaeter betrachte ich teilnahmslos die Samenstrahlen, die sich auf meinen Bauch ergiessen. ...
Schnauze, Maul und Klappe zu. Alle koennen aufstehen, sich auf drei nen Fressenschalg abholen und in Reih und Glied wieder hinsetzen. ...
Quelle: http://airen.wordpress.com
Jedoch: Muss es wirklich sein, dass die Sprache dermaßen jegliches Niveau verliert? Wenn der Autor »einen wichsen« will, dann habe ich daran nichts auszusetzen, und dass er »teilnahmslos die Samenstrahlen auf dem Bauch betrachtet«, ist sogar ein ganz hervorragender literarischer Kunstgriff. Die empfundene Ernüchterung und Langeweile nach der Ejakulation hat er so mit knappen Worten treffend ausgedrückt.
Allerdings meine ich, dass ich weder lesen will, dass jemand »dancete«, noch muss ich erfahren, dass ein »Fressenschlag« abzuholen ist oder miterleben, dass spätestens in jedem zweiten Satz »Scheiße«, »verarscht«, oder »ficken« vorkommt.
Den Leseproben nach zeichnet sich das vielgepriesene Buch von Helene Hegemann durch eine ähnliche oder gleiche Wortwahl aus wie das Werk von Airen, aus dem sie (unter anderem) abgeschrieben hat. Gelesen habe ich beide Bücher nicht und werde es auch nicht tun. Ich habe auch »Feuchtgebiete« von Charlotte Roche nicht gelesen, die verfügbare Leseprobe des Buches war ebenfalls abschreckend genug. Da heißt es beispielsweise:
Außerdem habe ich schon viele Jahre, von fünfzehn bis heute, mit achtzehn, trotz eines wuchernden Blumenkohls sehr erfolgreich Analverkehr. Sehr erfolgreich heißt für mich: kommen, obwohl der Schwanz nur in meinem Arsch steckt und sonst nix berührt wird. Ja, da bin ich stolz drauf.Nun möge man das nicht falsch verstehen, als sei ich prüde. Erotische Szenen oder Geschichten schätze ich durchaus; kürzlich las ich Invisible von Paul Auster, das diesbezüglich reichhaltig ausgestattet ist, demnächst schreibe ich vielleicht noch eine Rezension dazu. Auch Siegfried Lenz gelingen Szenen, die Bewegung unter der Gürtellinie anregen, und vielen anderen Autorinnen und Autoren der Weltliteratur. Oder der sogenannten Populärliteratur, wie Brenda Jackson mit ihrem Bestseller Irresistible Force.
Quelle: http://www.brigitte.de/liebe-sex/sex-flirten/feuchtgebiete-leseprobe-566936/
Auch Helene Hegemann hat einen Bestseller geschrieben, und die Aufregung um die kopierten Passagen mag sogar die nächste Auflage noch steigern helfen. Eine richtige Handlung scheint das Buch nicht zu haben, nicht zu brauchen, es reicht wohl, Sex und Drogenexzesse in allen Variationen mit ausgesucht vulgären Ausdrücken zu schildern, um die Bestsellerlisten zu stürmen. Charlotte Roche hat es vorgemacht, andere ziehen nach.
Nun gut. Auch die BILD findet ja Leser, massenhaft. Ich halte mich aber auch zukünftig lieber an Literatur, die mir in einer Sprache begegnet, bei der mir nicht ständig die Haare zu Berge stehen. Es gibt ja bereits genügend Käufer für Arsch-Scheiße-danceten-Kacke-Bücher.
Montag, 8. Februar 2010
Eine mustergültige Bewerbung...
Guude,
isch hab Ihnne Ihr Adress vonerem Kumpel gekrischt un vielleischt habbe se ja ebbes für misch, z.B. als Hausmaista.
Isch heiß Karl-Heinz Gebbard, die Kumpels nenne mich allerdings "Schobbe".
Geborn bin isch am 25.10.51 in Hanau. Isch seh zwar älter aus, aber isch war auch lang krank. Mei Schulaubildung is 12 Jahr Grundschul Groß-Krotzebosch mit anschließender Lehre als Feinmeschaniker, Einzelhandelskaufmann un dann Gas-Wasser Installateur.
Die erste zwei warn nix, die dritt hab isch dann 1989 abgeschlosse.
Dadenach war isch korz für 5 Jahr net verfügbar (isch will net drübber redde, dumm Sach - vergesse beim Aldi zu bezahle...).
Isch bin handwecklisch äußest geschickt un deschnisch wersiehrt und hätt auch grad Zeit, da mein letzter Chef net mit mir zurechtgekomme is. Dazu muß isch sagge, daß isch hin und widder gerne mal ein zwitscher, aber net uff de Abbeit, höschsten in de Frühstüchspaus und Mittagspaus, unn aach e klaa Kaffepaus werd ja wohl drin sein. Mer werd ja aach viel ruhischer ach so em klaane Hütsche, Sie wisse schon, gell.
Aber zurück zu dämm Grund vo meim Schreibe. Isch such Abbeit. Jetzt aach net grad so rischtich was Schweres (mer werd ja net jinger, gell), eher sowas mit beuffsischtische von Wohnunge unn Schigganiern von Leut, die wo da drin wohne - des kann isch.
Des letzte mal war isch aach Hausmeister innerem Hochhaus, unn glaab isch hab mer da so e paar Fertischkeide angeeischnet, die wo mir bei Ihne helfe könnt.
Isch kann sehr gut:
- Über de Hof brülle
- Kinner vom Rase verscheusche
- Autos uffschreibe die am falsche Packplatz stehe
- Fußbäll platt schtesche
- Türn uffschtemme odda eitrede
- Im Keller rummgeistern
- Putzplän kontrolliern
- Schmierfinke bei de Polizei abliffern
- Auslänner trietze
- un sowas alls
Außeren hab isch aach wie gesacht Heizungbauer gelernt. Bei de GWS Koth in Heddernheim. Leider sinn die Zeuschnisse irschendwie verschlampt worn, net von mir, da bin isch sehr gewissenhaft, des muß en annern gewese sein. Aber Hand uffs Herz - nur Aanser.
Isch dät misch freue, wenn Sie mir Geleschenheid gäbe däte misch emal persehnlisch vorzustelle. (Isch dät auch e klaa Likörsche mitbringe - da babbelt sisch leichter, gell).
Ansonsten verbleib isch
Ihnne Ihrn Karl-Heinz Gebbard
PS. Vor 11:00 gehts net, da hab isch Frühschobbe!
Samstag, 6. Februar 2010
Die Schweinegrippepleite
In Berlin sind Impfdosen des Schweinegrippe-Mittels Pandemrix im Wert von 90.000 Euro abgelaufen. ... Ursprünglich sollte Berlin zwei Millionen Impfdosen bekommen. Das Land verhandelte erneut mit dem Hersteller und soll nun nur die Hälfte der gelieferten Dosen abnehmen. Dennoch bleibt Berlin auf einem Großteil des bestellten Vorrats sitzen. Wird das Serum nicht gespritzt, entstehen dem Land Kosten in Höhe von etwa 13 Millionen Euro. Quelle: Berliner Morgenpost13 Millionen Euro mal eben so zum Fenster hinaus geworfen - weil die ganze Panik-Kampagne mit der sogenannten Schweinegrippe an der Zielgruppe (die dämlichen Bürger wollen sich einfach nicht impfen lassen) vorbei in die Hose gegangen ist. Vielleicht sollten die Verantwortlichen mal verantwortlich gemacht werden und zumindest einen Teil der Kosten aus eigenen Taschen bezahlen? Dann heuern sie vielleicht bei der nächsten Gelegenheit eine professionelle Werbeagentur an, wenn wieder mal die Pharmaindustrie ein schnelles Milliardengeschäft braucht.
Ein paar Ideen:
- be stupid - be geimpft - be Berlin!
- Kuno sprach zu Kunigunde: Impfen ist in aller Munde!
- Willkommen in der neuen Impfwelt! Impfen im neuen Look - jetzt bist Du dran!
- Komm in die Impfcommunity! Jetzt kostenlos registrieren!
- Pandemrix - ich bin doch nicht blöd!
- Der heißeste Impfkracher des Jahres!
- 2 x impfen - 1 x zahlen! Nur bei Ihrem Hausarzt!
- Jetzt für begrenzte Zeit 20% mehr in der Spritze! Schnell zum Hausarzt, nur solange Vorrat reicht!
- Jetzt gratis Heftpflaster sichern - bei jeder Impfung ein Pflaster auf den Einstich - ohne Aufschlag!
- Deutschland sucht den Superimpfling
- Do it yourself - 10er-Pack Pandemrix für die ganze Familie jetzt 30 Prozent billiger. Selbst spritzen - Geld sparen!
Freitag, 5. Februar 2010
Von den Gefahren des Lesens
Zur Zeit bin ich damit beschäftigt, ein Buch exklusiv für den Amazon Kindle vorzubereiten. Behuflich dieses Vorhabens stöbere ich auch durch die Texte und Fragmente und Entwürfe, die sich im Lauf der Jahre auf den Festplatten angesammelt haben.
Dabei fand ich unter anderem diesen »Waschzettel«, den ich im Juli 1995 (dem Dateidatum nach) für einen Roman entworfen habe.
Produktinformation
Vor Gebrauch des Buches aufmerksam lesen.
Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Bibliothekar oder Seelsorger
„Daß übrigens die Romane trotz aller Vorzüge auch ihre Mängel haben, hätte Roberto wissen müssen. Wie die Medizin auch die Lehre der Gifte umfaßt, wie die Metaphysik mit unangebrachten Subtilitäten die Dogmen der Religion verwirrt, wie die Ethik die Großartigkeit befördert (die nicht jedem guttut), die Astrologie den Aberglauben begünstigt, die Optik täuscht, die Musik das Liebesbegehren anstachelt, die Geometrie das ungerechte Herrschen ermuntert und die Mathematik den Geiz - so öffnet die Kunst des Romans, obwohl sie uns warnt, daß sie uns Fiktion vorsetzt, eine Tür im Palast der Absurdität, die sich, hat man sie einmal leichtsinnigerweise durchschritten, hinter uns schließt.“
Umberto Eco in „Die Insel des vorigen Tages“, Fettdruck und Unterstreichung von mir.
Don’t say, I didn’t warn you!
G. Matthia
Ich fand aber auch einiges, was für das Projekt verwendbar ist. Unter anderem eine Erzählung über die berüchtigte Jessika (aus meinem Buch Gänsehaut und Übelkeit) – einige Jahre später in ihrem Leben. Sie ist keineswegs weniger gefährlich, die Jessika. Böse, böse Jessika!
Mich deucht im Übrigen, dass Umberto Eco wirklich mit dem obigen Zitat den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Oder etwa nicht?
Mittwoch, 3. Februar 2010
Wollt ihr einen Blondinenwitz hören?

Nach dem ersten durstigen Schluck ruft er: »Hey, wollt ihr einen Blondinenwitz hören?«
Es wird totenstill in der Bar. Die Frau, die neben ihm am Tresen sitzt, sagt mit rauchig-tiefer Stimme: »Bevor du den Witz erzählst, solltest du vielleicht ein paar Kleinigkeiten zur Kenntnis nehmen. Da du blind bist, halte ich es für fair, dich zu informieren. Fünf Tatsachen musst du wissen:
1. Hinter der Bar bedient dich ein blondes Mädchen mit einer Baseball-Mütze.
2. Die Rausschmeißerin ist blond.
3. Ich selbst bin 1,82 Meter groß, wiege 82 Kilogramm, habe einen schwarzen Gürtel in Karate und bin blond.
4. Neben mir sitzt eine blonde Landessiegerin im Gewichtsheben.
5. Rechts von dir sitzt eine Blondine, die ihr Geld mit Wrestling verdient.
Also, mein lieber Blinder, willst du den Blondinenwitz immer noch erzählen?«
Der Mann denkt einen Moment nach und murmelt dann: »Nein... - nicht, wenn ich ihn fünf mal erklären muss.«
Dienstag, 2. Februar 2010
Transforum 2010
Alle zwei Jahre gibt es in Berlin eine »Transforum«-Tagung. Die beiden letzten habe ich in guter Erinnerung, ich verdanke ihnen etliche wertvolle und bleibende Impulse.
Am 26. und 27. Februar werde ich auch dieses Jahr dabei sein, ich freue mich schon auf interessante Arbeitsgruppen (neudeutsch leider »Workshops« genannt), Seminare und Vorträge sowie Zusammenkünfte im Plenum.
Ich habe unter anderem einen Moschee-Besuch vorgemerkt - wann hat man schon mal die Gelegenheit, die Besonderheiten des Sufi-Islam aus der Türkei kennen zu lernen und durch eine Moschee geführt zu werden? Ich hoffe, dass die Gruppe noch nicht voll war, als ich mich angemeldet habe...
Doch auch sonst bietet das Programm vielfältige Themen, die sicher auch für den einen oder die andere unter den Blogbesuchern interessant sein könnten.
Ach ja, und für Theologen gibt es am 25. Februar wieder einen Theologentag - vermutlich ist das auch gut so.
Alle Informationen und Anmeldemöglichkeit gibt es hier: Transforum 2010 - Von der Freude, der Stadt zu dienen - Gesellschaftliche Umbrüche als Chance für christliches Engagement
Montag, 1. Februar 2010
Neues E-Book: Zurück nach Korinth?

Verfügbar in den Formaten EPUB, Mobipocket, Kindle und PDF.
Kurzbeschreibung: Die beiden uns erhaltenen Briefe des Apostel Paulus an die Gläubigen in Korinth sind, wie seine anderen Schriften, alles andere als nüchtern, abgeklärt oder langweilig. Sie sind vielmehr provokativ, spannend, leidenschaftlich und manchmal ganz schön kontrovers, wie wir am Beispiel des ersten Korintherbriefes sehen werden – vorausgesetzt der geschätzte Leser folgt mir durch diese Seiten.
Die Frage lautet: Sind wir womöglich genau in dem Zustand, den Paulus bezüglich der Gemeinde in Korinth beschrieb?
Ob irgendwann eine gedruckte Version folgt, ist noch offen.
Eine Leseprobe gibt es hier: Zurück nach Korinth - die Vorrede
Hier geht es zum Download: Günter J. Matthia: Zurück nach Korinth?
Sonntag, 31. Januar 2010
Gastbeitrag Franz Kafka: Der Mord
Es ist erwiesen, daß der Mord auf folgende Weise erfolgte:
Schmar, der Mörder, stellte sich gegen neun Uhr abends in der mondklaren Nacht an jener Straßenecke auf, wo Wese, das Opfer, aus der Gasse, in welcher sein Bureau lag, in jene Gasse einbiegen mußte, in der er wohnte. Kalte, jeden durchschauernde Nachtluft. Aber Schmar hatte nur ein dünnes blaues Kleid angezogen, das Röckchen war überdies aufgeknöpft. Er fühlte keine Kälte, auch war er immerfort in Bewegung. Seine Mordwaffe, halb Bajonett, halb Küchenmesser, hielt er ganz bloßgelegt immer fest im Griff. Betrachtete es gegen das Mondlicht; die Schneide blitzte auf; vielleicht nicht genug für Schmar; er hieb mit ihr gegen die Backsteine des Pflasters, daß es einen Funken gab; bereute es vielleicht; und um den Schaden gutzumachen, strich er mit der Schneide violinbogenartig über seine Stiefelsohle, während er, auf einem Bein stehend, vorgebeugt, gleichzeitig dem Klang des Messers an seinem Stiefel, gleichzeitig in die schicksalsvolle Seitengasse lauschte. Warum duldete das alles der Private Pallas, der in der Nähe aus seinem Fenster im zweiten Stockwerk das alles beobachtete? Ergründe die Menschennatur! Mit hochgeschlagenem Kragen, den Schlafrock um den weiten Leib gegürtet, kopfschüttelnd blickte er hinab. Und fünf Häuser weiter, ihm schräg gegenüber, sah Frau Wese, den Fuchspelz über ihrem Nachthemd, nach ihrem Manne aus, der heute ungewöhnlich lange zögerte. Endlich ertönt die Türglocke vor Weses Bureau, zu laut für eine Türglocke, über die Stadt hin zum Himmel auf, und Wese, der fleißige Nachtarbeiter, tritt, in dieser Gasse noch unsichtbar, nur durch das Glockenzeichen angekündigt, aus dem Haus; gleich zählt das Pflaster seine ruhigen Schritte. Pallas beugt sich weit hervor, er darf nichts versäumen; Frau Wese schließt, beruhigt durch die Glocke, klirrend das Fenster. Schmar aber kniet nieder; da er augenblicklich keine anderen Blößen hat, drückt er nur Gesicht und Hände gegen die Steine: wo alles friert, glüht Schmar. Gerade an der Grenze, welche die Gassen scheidet, bleibt Wese stehn, nur mit dem Stock stützt er sich in die jenseitige Gasse. Eine Laune. Der Nachthimmel hat ihn angelockt, das Dunkelblaue und das Goldene. Unwissend blickt er es an, unwissend streicht er das Haar unter dem gelüpften Hut; nichts rückt dort oben zu Buchstaben zusammen, um ihm die allernächste Zukunft anzuzeigen; alles bleibt an seinem unsinnigen, unerforschlichen Platz. An und für sich sehr vernünftig, daß Wese weitergeht, aber er geht ins Messer des Schmar. »Wese!« schreit Schmar, auf den Fußspitzen stehend, den Arm aufgereckt, das Messer mit der Spitze scharf gesenkt: »Wese! Vergebens wartet Julia!« Und rechts in den Hals und links in den Hals und drittens tief in den Bauch sticht Schmar. Wasserratten, aufgeschlitzt, geben einen ähnlichen Laut von sich wie Wese. »Getan,« sagt Schmar und wirft das Messer, den überflüssigen, blutigen Ballast, gegen die nächste Hausfront. »Seligkeit des Mordes; Erleichterung, Beflügelung durch das Fließen des fremden Blutes! Wese, alter Nachtschatten, Freund, Bierbankgenosse, versickerst im dunklen Straßengrund. Warum bist du nicht einfach eine mit Blut gefüllte Blase, daß ich mich auf dich setzte und du verschwändest ganz und gar? Nicht alles wird erfüllt, nicht alle Blütenträume reiften, dein schwerer Rest liegt hier, schon unzugänglich jedem Tritt. Was soll die stumme Frage, die du damit stellst?« Pallas, alles Gift durcheinanderwürgend in seinem Leib, steht in seiner zweiflügelig aufspringenden Haustür. »Schmar! Schmar! Alles bemerkt, nichts übersehn.« Pallas und Schmar prüfen einander. Pallas befriedigt's, Schmar kommt zu keinem Ende. Frau Wese, Volk zu ihren beiden Seiten, eilt mit vor Schrecken ganz gealtertem Gesicht herbei. Der Pelz öffnet sich, sie stürzt über Wese, der nachthemdbekleidete Körper gehört ihm, der über dem Ehepaar sich wie der Rasen eines Grabes schließende Pelz gehört der Menge. Schmar, mit Mühe die letzte Übelkeit verbeißend, den Mund an die Schulter des Schutzmanns gedrückt, der leichtfüßig ihn davonführt.
Quelle: Projekt Gutenberg
Freitag, 29. Januar 2010
The Catcher in the Rye
Jerome David Salinger litt unter dem Ruhm, den ihm sein Roman einbrachte. Seit 1965 hat er nichts mehr veröffentlicht, lebte zurückgezogen.
The Catcher in the Rye wurde in einigen angelsächsischen Ländern zunächst verboten – das Buch enthält 255 mal den Ausdruck »goddam« sowie 44 »fuck«. Das jedoch macht noch keine gute Erzählung aus, ist kein Qualitätsmerkmal. Es ist aber einem guten Buch auch nicht hinderlich, wie dieser große Roman bewiesen hat.
Darüber zu schreiben, halte ich für müßig. Man muss The Catcher in the Rye nur lesen, um den Zauber zu entdecken, dem sich wohl niemand entziehen kann.
Wie zufrieden Salinger mit seinem zurückgezogenen Leben war, weiß ich nicht. Gestern wurde bekannt, dass er im Alter von 91 Jahren in seinem Haus verstorben ist. Er hat die Welt und mich mit einem wunderbaren Roman beschenkt (seine Kurzgeschichten muss ich demnächst noch lesen) - dafür sei ihm posthum gedankt.
Rest in peace, Mr. Salinger.
