Freitag, 19. August 2011

Jessika–die Konfrontation /// Teil 11

Nun gut, das Warten hat lange genug gedauert, zumindest für die ungeduldigen unter den geschätzten regelmäßigen Blogbesuchern. Hier ist sie nun, die Fortsetzung.

Allerdings nicht so, wie eigentlich geplant. Das liegt daran, dass diese Geschichte mitunter eigenwillig ist, sich meinen Plänen widersetzt und unvorhergesehene Wendungen nimmt.

Im Verlauf der Woche sah ich bei meinem mittäglichen Spaziergang, wie aus einem Tanklastzug mit Flüssiggas die außerhalb des Gebäudes der Hofpfisterei in Berlin Neukölln liegenden Tanks befüllt wurden. Wozu dieser Anblick geführt hat, ist hier zum Teil nachzulesen, zum Teil der Entscheidund der Leser überlassen – das wird sich anhand der Abstimmung entscheiden.

Zuvor für diejenigen, die ihre Erinnerung angesichts der langen Erzählpause auffrischen möchten, noch diese Hinweise: [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3] [Teil 4] [Teil 5] [Teil 6] [Teil 7] [Teil 8] [Teil 9] [Teil 10]

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Am Abend verließen wir Budweis und machten uns auf den Weg nach Berlin. Ich wollte nach Hause, mein Aufenthalt in Tschechien hatte unfreiwillig bereits vier Tage länger gedauert als ursprünglich geplant. Bei meinem Broterwerb spielte das keine Rolle, da ich Aufträge für Artikel in Zeitschriften je nach verfügbarer Zeit und oft genug nach Lust und Laune annahm, gab es keinen Arbeitsplatz, an dem ich hätte erscheinen müssen. Meinen E-Mail Posteingang hatte ich durchgesehen, es gab drei Anfragen, die nicht sonderlich eilig waren. Reizvoll schien mir nur eines der drei Projekte: ein deutsches Nachrichtenmagazin plante eine Serie über Religionsgemeinschaften in Deutschland und hatte mich gefragt, ob ich in Berlin in den nächsten drei Monaten ein paar ausgewählte Gruppen kennenlernen und dann darüber schreiben wollte. Ich hatte mein Interesse bekundet und sollte nun in den nächsten Tagen Details erfahren.

Jessika saß auf dem Beifahrersitz und blickte sich vergnügt um, als wir die Stadt verließen. »Irgendwie ist Budweis doch eine sehr liebenswerte kleine Stadt«, erklärte sie, »und es gibt kaum einen Ort, an den ich so gerne so oft zurückkehre.«

»Wo hast du denn noch überall Wohnungen?«

»In Berlin, das ist mein Hauptwohnsitz, in Amsterdam, und natürlich auch in der Heimat unserer Art, in einem kleinen Dorf dort besitze ich ein unscheinbares Haus, dem niemand ansieht, welche ausgedehnten unterirdischen Räume sich darunter erstrecken. Die gehören mehreren meiner Nachbarn und mir zusammen, wir sind da eine kleine Kolonie. Ach ja, und in Amerika habe ich auch noch eine Wohnung, die ist aber vermietet. Wenn ich in den USA bin, suche ich mir lieber schöne Hotels aus.«

»Und wie viele Reisepässe oder Ausweise besitzt du?«

»Zur Zeit …« - sie schaute in ihre Handtasche - »… vier Stück. Ich bin im Augenblick wahlweise Tschechin, Deutsche, Italienerin oder noch mal Deutsche. Ich heiße Bedja, Barbara, Angela oder Elke.«

»Alles, bloß nicht Jessika.«

Sie kicherte und fragte: »Wer würde denn unter seinem echten Namen reisen wollen, wenn es unendlich viele Alternativen gibt?«

»Ich zum Beispiel. Ich bin am liebsten ich selbst. Allerdings habe ich auch nur einen einzigen Ausweis beziehungsweise Pass.«

»Das kann man ja ändern.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich brauche keine falsche Identität.«

»Noch nicht«, gab sie zurück.

Worauf ich mich da eingelassen hatte, wusste ich selbst nicht genau. Es war klar, dass die Nephilim, Jessika eingeschlossen, mir weit überlegen waren. Sie lebten augenscheinlich als normale Menschen unter uns, verfügten neben ungeheuren Körperkräften über Geld ohne Ende, Zugang zu beliebigen Identitäten und, soweit ich das bisher abschätzen konnte, hatten sie Einfluss bis in höchste Regierungskreise. Befand ich mich in Gefahr? Konnte ich sicher sein, dass dieses mörderische Wesen in meinem Auto mir freundlich gesinnt war und blieb? Wir sind nicht einschätzbar, nicht von euch Menschen und auch nicht von unseresgleichen – das hatte Jessika kürzlich gesagt, als sie von dem Anschlag der Greisin auf mein Leben berichtete. Ich musste also mit allem rechnen.

Eigentlich hatte ich mich, wenn ich die Angelegenheit nüchtern betrachtete, bereits in Jessika verliebt, als sie noch mein virtuelles Geschöpf war, nur eine ersonnene Figur in meinen Erzählungen. Da man sich als Autor mit einigermaßen klarem Kopf aber nicht in eine Protagonistin verliebte, hatte ich sie am Ende der Italien-Erzählung beseitigen wollen, aus der literarischen Welt schaffen, eliminieren. Und dann war sie mir im Verlauf der letzten Absätze entwischt, um unvermittelt in meinem Urlaub als leibhaftiges Wesen aus Fleisch und Blut wieder aufzutauchen. Ich hatte die Kontrolle verloren, jetzt war ich derjenige, mit dem etwas geschah, anstatt selbst die Handlung zu bestimmen.

Der Duschkabine hatte ich am Morgen bereits mitgeteilt, wie sich das anfühlte, jetzt formulierte ich es etwas weniger drastisch: »Es gefällt mir nicht, wenn ich Ereignissen hilflos ausgeliefert bin. Das gefällt vermutlich keinem Menschen, zugegeben, aber seit du in meinem Leben aufgetaucht bist, als – wie soll ich sagen – als echtes Wesen, seitdem habe ich den Eindruck, dass ich nur noch eine Marionette bin.«

»Nein nein«, widersprach Jessika leise, »das stimmt nicht. Du kannst mich jederzeit wegschicken, loswerden, wenn du das willst.«

»Das will ich nicht.«

»Dann bin ich froh. Aber wo liegt dann das Problem?«

Ich überlegte, wie ich mich verständlich ausdrücken konnte. Ein Empfinden in Worte zu fassen ist ja nicht immer die leichteste aller Übungen.

Schließlich fragte ich: »Wenn ich dich behalten will, dann kommt unweigerlich irgend ein Ritual oder so etwas auf mich zu, was mich mit dir, oder mit den Nephilim an und für sich, verbinden soll. Ich soll oder muss, so hast du gesagt, den Bund annehmen. Ist das richtig?«

»Es bedarf einer Willenserklärung, ja. So ähnlich wie eine Eheschließung bei euch Menschen, mit Zeugen und so weiter. Aber es passiert dabei nichts, was dir schaden könnte.«

»Und einfach so mit dir leben, ohne diesen Akt, das geht nicht?«

»Das würde ich nicht überleben dürfen.«

»Warum nicht?«

Jessika zündete uns zwei Zigaretten an und blieb ein paar Minuten stumm. Dann holte sie tief Luft, als müsse sie Mut schöpfen.

»Van Morrison hat in seinem Song Summertime in England, den kennst du sicher, sehr eindrücklich und ausdauernd erklärt: It ain’t why why why why why … it just is. In dem Lied geht es um etwas ähnliches.«

Ich kannte den Song, auswendig sogar. Am besten gefiel mir nach all den Jahren immer noch eine Version, die Van Morrison seinerzeit live in der Grugahalle in Essen vorgetragen hatte.

Jessikas Stimme klang bedrückt, als sie sagte: »Es gibt Gesetze, denen alle Geschöpfe unterworfen sind. Wir müssen zum Beispiel genauso sterben wie ihr Menschen, obwohl unsere Lebensspanne erheblich länger ist. In jenen Tagen waren die Riesen auf der Erde, und auch danach, als die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren – so drückt es die Bibel aus, wir sind Nachkommen jener Verbindungen, haben es in Jahrtausenden nach unserer beinahe vollständigen Vernichtung gelernt, unauffällig unter euch Menschen zu leben, wobei uns die Tatsache hilft, dass unsere Körpergröße längst der menschlichen entspricht, aber wir sind bedroht, ständig bedroht. Die Gesetze, von denen ich spreche, schützen uns. Was meinst du, was mit uns geschehen würde, wenn die Wissenschaftler irgendwann herausfänden, wer wir wirklich sind? Wir sind mächtig, wir haben Geld und andere Ressourcen, aber bei einer Treibjagd auf die Nephilim würden wir unterliegen.«

»Aber«, warf ich ein, »es dürfte doch klar sein, dass ich nun wirklich keine Gefahr darstelle, auch wenn ich diesen Bund mit dir oder euch nicht eingehe.«

»Gesetze. Ewige und unverbrüchliche Gesetze.«

»Und ich würde mich den Gesetzen der Nephilim, die ich noch nicht einmal kenne, mit diesem Bund unterwerfen. Gibt es eigentlich ein Buch oder so etwas, in dem die Regeln stehen?«

»Ja. Nein.«

Ich entsorgte die Kippe aus dem Seitenfenster und brummte: »So.«

Jessika legte ihre Hand auf meinen Arm und streichelte liebevoll meine Haut. »Es gibt viele Bücher, in denen Teile der Wahrheit stehen, gut vermischt mit jeder Menge Blödsinn.«

»So.«

»Und wenn du rechts die nächste Tankstelle siehst, könntest du mal anhalten. Es gibt dort etwas zu erledigen. Außerdem ist es die letzte vor der Grenze, falls du noch preiswerte Zigaretten kaufen möchtest.«

»So.«

»Wenn du jetzt noch einmal so sagst, dann … äh … dann …«

»Siehst du«, erklärte ich, »vor ein paar Tagen warst du es, die dauernd so gesagt hat. Was du darfst, darf ich schon lange.«

Jessika grinste. »Warum?«

»Weil … weil das eben so ist.«

»Das werden wir an der Tankstelle gleich sehen.«

Ein paar Kilometer weiter sah ich rechts die Leuchtreklame und bog in die Zufahrt ein. Der Tank war noch so gut wie voll, daher hielt ich neben dem Gebäude beim Zugang zum WC. Ich ging davon aus, dass Jessikas Erledigung dort stattfinden sollte. Wir stiegen aus, aber sie ging zum Kofferraum statt zur Toilette. Aus ihrer Reisetasche holte sie eine Pistole und reichte sie mir. Ich griff nicht zu.

»Nun nimm sie schon«, drängelte sie, »wenn du schon lange darfst, was ich darf.«

»Was soll ich mit der Waffe?«

»Ich habe hier einen Auftrag zu erledigen. Den übertrage ich jetzt eben dir.«

»Wieso … was für ein Auftrag? Nein, das geht nicht.«

Jessika sah sich um, aber es war nach wie vor kein Mensch in Sicht. Ob hier irgendwo im Dunkeln Kameras montiert waren, wusste ich nicht, aber ich ging davon aus, dass zumindest die Zapfsäulen überwacht wurden. Wir standen rund 10 Meter von ihnen entfernt.

»Also bleibt es beim Nein?«

Ich fragte: »Worum geht es denn überhaupt? Warum – wer – was soll das?«

»Das muss man nicht wissen, wenn es um die Erledigung dessen geht, was laut Nitzrek zu tun ist.«

»Ich will es aber wissen. Oder weißt du es auch nicht?«

Jessika schaute sich wieder um und erklärte dann: »Hinter diesem Gebäude parkt ein Tanklastzug, gefüllt mit Flüssiggas. Der Fahrer wird im Tunnel an der Grenze einen Unfall verursachen, der Tank wird aufplatzen und es werden zahlreiche Menschen in dem Flammeninferno ums Leben kommen, deren Zeit noch nicht gekommen ist. Daher endet das Leben des Chauffeurs der tödlichen Ladung hier und jetzt.«

»Nein«, widersprach ich, »wenn dieser Blick in die Zukunft stimmen sollte, dann genügt es, das Fahrzeug an der Weiterfahrt zu hindern. Die Reifen zerschießen von mir aus, aber nicht den Fahrer.«

Jessika schüttelte den Kopf. »Nein. Seine Zeit ist gekommen. Er würde« - sie blickte auf die Uhr - »in zwanzig Minuten am Steuer einen Herzinfarkt erleiden, aber noch miterleben, welches Grauen sein Tanklastzug anrichtet. Und dann eingeklemmt verbrennen, bei noch lebendigem Leib. Das ersparen wir ihm.«

Mir fielen allerlei Gegenargumente ein, man konnte den Mann schließlich ansprechen und von der Weiterfahrt abbringen, sein Fahrzeug lahmlegen, notfalls vor der Tunneleinfahrt mit dem quergestellten Auto die Straße blockieren … doch Jessika ließ mir keine Zeit mehr. Sie hielt mir noch einmal die Waffe hin und sagte: »Jetzt. Du oder ich?«

In diesem Moment glaubte ich, die beste Idee der letzten Tage zu haben. Ich nahm die Pistole entgegen. Es blieb ja mir überlassen, ob und wohin ich damit schießen würde, wenn ich sie erst einmal in der Hand hatte.

»Okay«, sagte ich. »Wo ist der Mann?«

»Er kommt gleich durch diese Tür.«

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So, nun liegt es in der Hand der Blogbesucher, wie es weiter geht:

Es kommt zum ...
... flammenden Inferno im Tunnel.
... Tod des Fernfahrers.
... ach du liebe Güte! Noch viel schlimmeren Unglück!
Auswertung

 

Fortsetzung folgt, wie auch immer …

Dienstag, 16. August 2011

Von Männern, von Frauen und vom Glück

Es dauert noch mit der Fortsetzung der Jessika-Erzählung. Zur Überbrückung hier mal ein was etwas älteres, gleichwohl nicht veralteter Blogbeitrag vom November 2007.

 

Teil 1: Es ist nicht schwer, eine Frau glücklich zu machen.

Ein Mann muss lediglich...

1. ein Freund,

2. ein Kamerad,

3. ein Liebhaber,

4. ein Bruder,

5. ein Vater,

6. ein Könner,

7. ein Koch,

8. ein Elektriker,

9. ein Zimmermann,

10. ein Klempner,

11. ein Mechaniker,

12. ein Inneneinrichter,

13. ein Stilberater,

14. ein Sexologe,

15. ein Gynäkologe,

16. ein Psychiater,

17. ein Kammerjäger,

18. ein Arzt,

19. ein Heiler,

20. ein guter Zuhörer,

21. ein Organisator,

22. ein guter Vater,

23. sehr sauber,

24. mitfühlend,

25. athletisch,

26. warm,

27. aufmerksam,

28. galant,

29. intelligent,

30. witzig,

31. kreativ,

32. sanft,

33. stark,

34. verständnisvoll,

35. tolerant,

36. weise,

37. strebsam,

38. fähig,

39. mutig,

40. zielstrebig,

41. echt,

42. verlässlich,

43. leidenschaftlich,

44. und anteilnehmend

...sein, ohne jemals zu vergessen,

45. regelmäßig Komplimente zu machen,

46. Einkaufsbummel zu lieben,

47. aufrichtig zu sein,

48. sehr reich zu sein,

49. sie nicht unter Druck zu setzen,

50. keine anderen Frauen anzuschauen.

Gleichzeitig muss er noch:

51. ihr viel Aufmerksamkeit schenken, aber selbst wenig erwarten,

52. ihr viel Zeit schenken, besonders Zeit für sich selbst und

53. ihr viel Freiraum gewähren, ohne sich Gedanken zu machen, wo sie wohl sein mag.

Es ist sehr wichtig...

54. niemals Geburtstage, Jahrestage und Verabredungen zu vergessen.

 

Teil 2: Wie eine Frau einen Mann glücklich macht

1. Nackt ins Zimmer kommen und ein Bier mitbringen.

 

P.S.: Text in Englisch gefunden in der English Lounge auf Xing und selbst übersetzt. Foto gefunden irgendwo im weiten Internet, weißnichtmehrwo.
P.P.S.: Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen oder realen Zuständen wäre unbeabsichtigt und rein zufällig.
P.P.P.S.: Der Übersetzer übernimmt keine Haftung für die Wirksamkeit der aufgelisteten Maßnahmen.

Samstag, 13. August 2011

Freitag, 12. August 2011

Montag, 8. August 2011

Ich schaue mir zur Zeit lieber ...

... solche Landschaften an, statt auf den Computerbildschirm zu blicken.

P8073455

Daher bleibt dieser Blog einstweilen urlaubsbedingt still und ruhig.

Dienstag, 2. August 2011

Urlaub ...

... ist was Schönes. Auch- oder gerade ohne ständig verfügbares Internet.


Montag, 1. August 2011

Jessika–die Konfrontation /// Teil 10

Wir erinnern uns noch, liebe Leser? Immerhin war die Pause zwischen der letzten Folge und dieser länger als sonst. Hier kann man noch mal nachschauen: [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3] [Teil 4] [Teil 5] [Teil 6] [Teil 7] [Teil 8] [Teil 9]

Und nun ohne weitere Vorrede gleich in medias res.

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»Was wird aus dir, wenn ich ablehne?«, fragte ich.

»Wenn du mich nicht lieben kannst oder willst, Johannes, dann kann es dir auch egal sein, was aus mir wird. Wenn du dir weiter einreden willst, ich sei nur ein Produkt deiner Fantasie, du hättest mich erdacht, erschaffen, dann spielt es doch für dich überhaupt keine Rolle, ob ich lebe oder sterbe, existiere oder ausgelöscht werde.«

Damit hatte sie so Unrecht nicht, aber mein Zwiespalt ließ sich natürlich nicht auf derart simple Art lösen. Ich brauchte Zeit, um irgendwie zu einem Schluss zu kommen, ob ich in dieser abstrusen Geschichte, die ich mir so noch nicht einmal hätte ausdenken, weiter mitspielen wollte.

Jessika schenkte mir noch einmal von dem Nektar ein, der mir auf so wundersame Weise zu neuen Kräften verhalf und wiederholte, was sie schon vorhin geflüstert hatte: »Wir haben Zeit, viel Zeit. Ich liebe dich, Johannes, aber ich will nichts erzwingen, was du nicht möchtest.«

 

Wäre dies eine erdachte Erzählung, dann würde ich als Autor an dieser Stelle einen Traum in der Nacht einfügen, der irgendwie dem Protagonisten den Weg weist oder – was angesichts des bereits angerichteten Tohuwabohu fast unmöglich wäre – alles auflöst. Oder ich würde mich, da dies ja eine Erzählung in der ersten Person wäre, am Morgen in der normalen Welt aufwachen lassen, um dann irgendwie den Lesern zu vermitteln, dass dies alles nur verwirrtes Träumen, meinetwegen unter Drogeneinfluss, oder eine kurzfristige mentale Störung gewesen sei.

Jedoch: Als ich am Morgen aufwachte, in Jessikas Schlafzimmer, lag sie neben mir und blickte mich liebevoll an. Sie, die es nicht geben konnte. Sie, in die ich inzwischen zutiefst verliebt war, ohne es zugeben zu wollen.

»Ausgeschlafen?«, fragte sie.

»Ich glaube schon. Und du?«

»Sowieso. Wir brauchen weniger Schlaf als ihr, auch so ein Vorteil unter vielen. Es sei denn, jemand ist eine passionierte Schlafmütze.«

Die Sonne schien durch die Ritzen der Jalousie, ich fühlte mich ausgeruht und wieder völlig hergestellt. Zu gerne hätte ich jetzt Jessika in die Arme genommen … aber ich wollte mir erst klar darüber werden, in welcher Situation ich eigentlich steckte, wo und wann ich den Verstand verloren hatte, bevor ich dem Drängen und Sehnen in mir nachgab.

Sie strich mir sanft über die Stirn und sagte: »Im Bad habe ich ein Duschgel und einen Rasierer für dich bereit gestellt, falls du die Stoppeln loswerden willst.«

»Danke.«

Ich wusste nicht, ob sie die Stoppeln im Gesicht meinte, oder die weiter unten am Körper. Da sie mich nur mit meinem regelmäßig auf 2 Millimeter gestutzten Bartwuchs kannte, vermutete ich letzteres.

»Und dein Elektrorasierer zum Drei-Tage-Bart-Wiederherstellen liegt unter dem Spiegel bereit«, ergänzte sie.

Nun wusste ich, welche Stoppeln sie gemeint hatte und stand auf, um ins Bad zu gehen. Ich wartete einen Augenblick, ob mir wieder schwindelig werden würde, aber das war nicht der Fall. Ich war wohl tatsächlich völlig wieder hergestellt. Der Bademantel war nirgends zu sehen, aber da Jessika mich zehn Tage lang gepflegt und gestern zum Klo getragen hatte, abgesehen von unserem nächtlichen Bad im See zuvor, gab es sowieso nichts an mir, was sie nicht schon gesehen hatte. Sie hatte mir am Vorabend auf meine Frage, wie sie mich denn so lange sauber gehalten hatte, unbekümmert erklärt, dass sie einen Katheder gelegt habe (»ich war auch mal ein paar Jahre, dreißig oder so, Krankenschwester«), ansonsten habe sie mich täglich gewaschen, abgetrocknet und die Haut eingekremt, außerdem regelmäßig umgelagert, um einem Dekubitus vorzubeugen, das sei ja wohl selbstverständlich.

Als ich unter der Dusche stand und das Prasseln des heißen Wassers auf der Haut genoss, kam mir plötzlich ein Gedanke, aus heiterem Himmel, ein Gedanke, der bereits ein kleines Stück Erkenntnis in sich barg: Jetzt bist du Jessika so hilflos ausgeliefert wie sie dir ausgeliefert war, als sie deine literarische Figur war. Und wie fühlt sich das an?

Es fühlte sich nicht gut an. Natürlich nicht. Den Personen in meinen Erzählungen konnte ich ihren Weg vorschreiben, selbst wenn sie mich manchmal überraschten – letztendlich war ich der Autor und hatte das letzte Wort. Und nun wurde auf einmal mit mir nach Gutdünken verfahren, seit sich Jessika vor dem Hotel Klika an meinen Tisch gesetzt hatte. Selbst mein Experiment mit dem Schwarzen Turm war nicht so ausgegangen, wie ich es mir vorgestellt hatte, sondern hatte zum Tod eines kleinen Mädchens geführt.

Mir fiel der Schluss der Erzählung über Jessika in Italien ein, während ich mit dem handlichen Rasierer die Stoppeln entfernte. Damals hatte ich geschrieben:

Jessika nahm ihre Zigaretten aus der Handtasche. Sie zündete sich eine Pall Mall an und spielte gedankenverloren mit dem Feuerzeug in der rechten Hand.

»Du sagst mir nicht, was ich zu tun und zu lassen habe«, sprach sie in die kühle Morgenluft. »Du nicht, Johannes – oder wie immer du auch heißen magst. Ich bin nicht dein Geschöpf, mit dem du nach Belieben umspringen kannst.«

Sie nahm einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette und schritt dann zielstrebig auf die Tankstelle zu.

»Aber das war eine Erzählung. Und jetzt stehe ich hier in ihrer Wohnung in der Dusche«, belehrte ich die Kachelwand vor meiner Nase.

Bob Dylan fiel mir ein. How does it feel? How does it feel? To be without a home, with no direction home, like a complete unknown?

»Das fühlt sich Scheiße an«, erklärte ich der Wand. »Entschuldige den vulgären Ausdruck, liebe Duschkabine, aber so ist es.«

Ich drehte das Wasser ab und schob die gläserne Trennwand auf. Neben dem Waschbecken stand eine kleine Kommode, auf der ein Stapel flauschiger Handtücher bereit lag. Ich trocknete mich ab und überlegte erst dann, wo eigentlich meine Kleidung sein mochte. Mir jetzt züchtig ein Handtuch um die Hüften zu schlingen wäre albern gewesen, also ging ich im Adamskostüm zurück ins Schlafzimmer. Das Bett war gemacht, auf der Tagesdecke lagen Jeans, T-Shirt und Unterwäsche bereit. Ich zog mich an und folgte dann dem Duft von frischem Kaffee in die Küche.

Auf dem Tisch standen eine Thermoskanne, eine Tasse, eine Karaffe mit Milch und es lag ein Zettel für mich bereit.

Solltest du wider Erwarten Hunger haben, bedien dich aus dem Kühlschrank. Normalerweise frühstückst du ja nicht, aber nach der langen unfreiwilligen Fastenzeit …
Ich bin gegen Mittag zurück.
Falls du nicht auf mich warten willst: Dein Gepäck steht im Wohnzimmer neben dem Kamin bereit, der Autoschlüssel ist im Reißverschlussfach. Dein possierliches Nitromonstrum steht in der Tiefgarage, das Tor öffnet sich beim Ausfahren automatisch.
Wenn du auf mich wartest: Danke!
Liebe Grüße, J.

Ich schenkte mir Kaffee ein und schaute aus dem Küchenfenster. Die Umgebung war mir fremd, aber ich kannte von Budweis ja auch nicht viel mehr als die Altstadt. Ich befand mich offenbar in einem ruhigen Neubaugebiet, auf der Straße unten war kaum Verkehr, die drei- bis vierstöckigen Häuser in meinem Blickfeld waren zum Teil noch nicht fertig.

Mit der Tasse in der Hand spazierte ich ins Wohnzimmer. Wie versprochen stand mein Koffer dort, mein Telefon lag darauf. Ich schaltete es ein, der Akku war frisch geladen. In der Außentasche des Koffers befanden sich meine Brieftasche und der Autoschlüssel. Ich öffnete das Gepäckstück, es schien alles drin zu sein, was mit gehörte. Allerdings waren die Kleidungsstücke ordentlicher zusammengelegt als ich es zu bewerkstelligen vermochte, und meine gebrauchte Wäsche war frisch gewaschen. Mein Notebook samt Ladegerät war ordentlich im Extrafach verstaut.

Sollte ich abreisen? Wollte ich abreisen? War dies der Weg zurück in ein normales Leben, in dem keine erdachten Figuren leibhaftig ihr Unwesen mit mir treiben konnten?

Vielleicht. Womöglich. Unter Umständen.

Ich ging zurück in die Küche und schenkte mir Kaffee nach. Dann las ich noch einmal Jessikas Zeilen und beschloss, auf sie zu warten. Sie hatte mir immerhin, wenn alles so geschehen war wie sie es mir erzählt hatte, das Leben gerettet. So ohne Abschied einfach verschwinden – nein, das wollte ich nicht.

Du willst gar nicht fort von ihr.

Stimmte dieser Gedanke? Ja. Wenn ich ehrlich zu mir selber war, dann wollte ich nichts weiter als das Leben künftig mit Jessika zu teilen. Doch gleichzeitig hatte ich Angst, eine unbestimmte Furcht nagte an mir, vor etwas Unbekanntem, Unbestimmbaren. Ich hatte mir das Überleben der Nephilim bis heute und ihre Fähigkeiten ausgedacht, Nitzrek war meine Erfindung, aber wenn meine ebenso erfundene Jessika auf einmal Realität war, wie konnte ich dann sicher sein, dass der Rest Fantasie bleiben würde? Zumal ich mit eigenen Augen gesehen hatte, wie Jessika ein kleines Mädchen tötete. Nicht in einer Erzählung, nicht in einem Traum, sondern ein paar Schritte von mir entfernt auf dem Turm über den Dächern von Budweis.

Trotzdem willst du nicht fort von ihr.

 

Als Jessika gegen 12:30 in ihre Wohnung zurückkehrte, saß ich auf dem Sofa und las in einem spannenden Buch. Die umfangreiche Bibliothek hatte ich entdeckt, als ich neugierig die Räume inspizierte, die ich noch nicht gesehen hatte. Neben der Eingangstür lag links ein Gäste-WC, daneben eine Art Büro oder Arbeitszimmer mit zwei Schreibtischen und einer ganzen Regalwand mit Aktenordnern. Die Beschriftungen verrieten mir nichts über den Inhalt, es waren nur Zahlen-Buchstabenkombinationen. So weit, einen Ordner zu öffnen, reichte meine Neugierde nicht. Auch den PC rührte ich nicht an. Die nächste Tür führte in die Küche, und geradeaus mündete der Flur ins Wohnzimmer. Rechts gab es das Schlafzimmer, das Badezimmer und einen Raum, dessen Wände mit Bücherregalen bis zur Decke ausgestatten waren, auch links und rechts des Fensters, das der Tür gegenüber lag. Über dem Fenster hing ein Gemälde, darunter stand ein Tisch, auf dem weitere Bücher lagen. Ich versuchte, zu schätzen, es mussten weit über 2000 Bücher in diesem Raum untergebracht sein. Tschechische, deutsche, englische, italienische Titel, eine ganze Menge ältere Lederausgaben in Latein und mehrere Regalmeter in einer Schrift, die hebräisch oder arabisch sein mochte. In einem Regal lagen Schriftrollen, die ich vorsichtshalber nicht anrührte, so zerbrechlich wirkte das Pergament. Manche Werke waren uralt, einiges auf dem Tisch hatte ich kürzlich bei den Neuerscheinungen auf Amazon gesehen.

Ich stand lange vor den Regalen, schmökerte in zahlreichen Büchern, schließlich nahm ich »Das Kind« von Sebastian Fitzek mit ins Wohnzimmer und machte es mir gemütlich. Als Jessika zurück kam, hatte ich das halbe Buch gelesen. So manche Formulierung, wie immer bei Fitzek, verursachte ein Stirnrunzeln, aber spannend erzählt war die Geschichte allemal. Die Idee, die der Handlung zu Grunde lag, war ähnlich der, die mein Freund Günter J. Matthia für seinen Roman »Sabrinas Geheimnis« verwendet hatte, aber die Geschichte war doch eine ganz andere.

Jessika warf einen Blick auf das Buch. »Spannend, nicht wahr?«

»Ja. Durchaus spannend.«

»Du bist also noch hier. Hast auf mich gewartet.«

»Offensichtlich.«

Ich legte das Buch weg, stand auf und nahm sie fest in die Arme. »Ich gebe es zu«, sagte ich. »Ich liebe dich.«

Sie drückte mich an sich. Die Welt ringsherum wurde unwichtig. Hätte einer der biblischen Autoren unsere Geschichte erzählt, wäre seine Wahl der Formulierung an dieser Stelle vermutlich auf »und er erkannte sie und sie wurden ein Fleisch« gefallen.

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Eine Frage an die geschätzten Leser gibt es ausnahmsweise nicht, denn es ist ja in der Fortsetzung noch die Entscheidung der Abstimmung aus Teil 9 umzusetzen, nachdem hier endlich das Abstimmungsergebnis von Teil 8 mit den letzten paar Worten verwirklicht wurde. Die Angelegenheit mit dem Bund soll dann in Teil 11 passieren – wie, weiß ich selbst noch nicht.

Fortsetzung folgt, irgendwann.